Interview mit Eva-Maria Zurhorst: „Liebe dich selbst – und es ist egal, wen Du heiratest“

by Hofelich
Interview mit Eva-Maria Zurhorst, Liebe dich selbst – und es ist egal, wen Du heiratest 1

„Die meisten Scheidungen sind überflüssig“, sagt Bestsellerautorin Eva-Maria Zurhorst. Ihr 2004 erschienenes Buch „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“, stand vier Jahre lang auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde bis heute über eine Million Mal verkauft. Die Beziehungsberaterin zeigt auf, warum sich das Anfangsglück einer Partnerschaft oft in Enttäuschung wandelt und warum beim nächsten Partner nicht alles besser wird. Doch tiefe Liebe kann auch dort noch entstehen, wo die Hoffnung bereits aufgegeben wurde. Der Schlüssel zum Erfolg liegt Ihrer Meinung nach in der Liebe zu uns selbst. Im Interview spricht Eva-Maria Zurhorst über den Weg zu wahrer Erfüllung und Glück, die Bedeutung der Selbstliebe, warum in jeder Krise eine echte Chance liegt und über Ihr neuestes Werk „Der große Praxiskurs – Das Liebesgeheimnis“.

Frau Zurhorst, heute wird jede dritte Ehe geschieden. Woran liegt das?

Zurhorst: Häufig werden Beziehungen in der Anfangsphase als Glück erlebt, als ein intensives Gefühl der Verliebtheit, bis die ersten Verpflichtungen kommen, sich die Routine einschleicht und der Alltag zunehmend mehr fordert, Verantwortung zu übernehmen. Nach ein paar Jahren bleibt vom Anfangsglück einer Partnerschaft häufig nicht mehr viel übrig außer Enttäuschung und einem „Nebeneinanderherleben“. Ehemann und Ehefrau entpuppen sich im Alltagsleben plötzlich nicht mehr als die idealen Traumpartner, die sie anfangs in sich gesehen haben.

Wir alle haben sehr romantische, von Hollywood-Filmen geprägte Vorstellungen darüber, wie eine Beziehung zu sein hat, die jedoch selten sinnvoll und hilfreich sind. Die Ehe ist keine Geschenkverpackung für eine Romanze. Jede Beziehung ist dynamisch, nicht statisch. Das Problem: Wir wissen nicht, wie man dieses Spiel der Beziehung und Liebe spielt. Jeder Mensch muss das erst einmal lernen.

Wieso ist Ihrer Meinung nach eine tiefe Liebe gerade dort noch möglich, wo die Partner die Hoffnung schon längst aufgegeben haben?

Zurhorst: Aus über 20-jähriger Erfahrung als Paartherapeutin weiß ich, dass jede Partnerschaft einmal vor die Wand fahren muss und sollte. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt in jeder Beziehung. Wer die erste große Krise erlebt, sollte nicht verzweifeln. Sie bedeutet nicht, dass man mit dem falschen Partner zusammen ist oder man selbst etwas falsch gemacht hat.

Das wahre Problem liegt in uns selbst. Unsere eigenen Defizite tauchen nirgends deutlicher auf, als in einer verpflichtenden, dauerhaften Partnerschaft. Beziehungskrisen zeigen uns auf, wo die eigenen Ängste und Fehler liegen. In ihnen liegen alle Geheimnisse verborgen, die uns dazu befähigen, jemand zu werden, der wirklich eine tiefe Beziehung leben kann. Wir müssen die Spannungen als Wegweiser betrachten, uns selbst und uns gegenseitig besser verstehen zu lernen.

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Die Lösung liegt erst mal nicht in der Trennung von dem Partner, sondern in der Arbeit an uns selbst. Beziehungskrisen sind häufig Aufforderungen, sich selbst zu heilen, sich selbst zu lieben und sich selbst mit allen Fehlern zu akzeptieren. Dazu bedarf es schonungsloser Offenheit, den Mut zur Wahrheit, Willenskraft, Verstehen, Zeit und Geduld. Wer die Liebenswürdigkeit und Lebendigkeit in sich selbst und in seinem Partner entdeckt, der kann die Liebe und Leidenschaft sehr oft auch wieder zurück in seine Beziehung bringen.

Sie sagen, die meisten Scheidungen sind überflüssig, es ist egal wen Sieheiraten. Was steckt hinter dieser auf den ersten Blick sehr provokanten These?

Zurhorst: Viele meinen, dass es einen Menschen da draußen geben muss, der mich glücklich machen kann. Das ist ein Irrglaube wie die Annahme, dass die Erde eine Scheibe ist. Deswegen stimmt auch die weit verbreitete Erwartung nicht, dass beim nächsten Partner alles anders wird.

Denn früher oder später trifft man wieder auf die gleichen Schwierigkeiten: man trifft immer wieder nur auf sich selbst! Der Partner ist lediglich ein Spiegel unserer eigenen unerfüllten Bedürfnisse, unserer eigenen Fähigkeit zu lieben und der eigenen Blockaden und Verletzungen. Wir müssen erst lernen, uns selbst anzunehmen, wie wir sind und lernen, uns selbst zu lieben.

Foto von Eva Maria und Wolfram Zurhorst

Warum sind Selbsterkenntnis und die Fähigkeit zur Selbstliebe eine wichtige Voraussetzung für eine tiefe, erfüllende Liebesbeziehung?

Zurhorst: Es gibt zunächst nur eine wichtige Beziehung im Leben eines jeden Menschen, und zwar die zu sich selbst. Deswegen rate ich: hört auf nach dem idealen Partner zu suchen und lernt Euch erst einmal selbst kennen. Lernt im ersten Schritt, eine leidenschaftliche Beziehung zu Euch selbst aufzubauen und Frieden zu schließen mit dem, was Ihr seid und mit dem, was Ihr nicht seid. Nur ein Mensch, der durch einen Prozess echter Selbsterkenntnis und Überwindung gegangen ist, kann eine erfüllende Beziehung führen.

Im zweiten Schritt geht es darum, auch den Partner als den zu erkennen und zu akzeptieren, der er wirklich ist. Wahrscheinlich ein ebenso durchschnittlicher Mensch wie wir selbst, mit all seinen Stärken und Schwächen. Der wahre Sinn einer Beziehung liegt darin, die inneren Konflikte der beiden Partner ins Gleichgewicht zu bringen und die Illusion der Getrenntheit gemeinsam zu überwinden.

Welche Rolle spielt dabei der Umgang mit unseren Gefühlen? Warum fällt uns das so schwer?

Zurhorst: Die Beziehung zu anderen Menschen, zum Partner und zu uns selbst wird in erster Linie von Gefühlen bestimmt. Durch Gefühle in ihrer ganzen Bandbreite, von positiv bis negativ. Doch viele kennen ihre Gefühle gar nicht. Wer Gefühle leben will, der muss auch in der Lage sein, negative Gefühle zuzulassen und auszuhalten. Die meisten von uns verurteilen ihre seelischen, geistigen und körperlichen Makel, sodass sie zu Wut auf uns selbst und zu Schamgefühlen führen. Wir wollen diese Gefühle nicht wahrhaben und verabscheuen es, dass wir schwach, gehemmt oder unsicher sind.

Deswegen haben wir früh angefangen, diese schmerzlichen Gefühle zu verdrängen und uns emotionale „Bodyguards“ aufzubauen, hinter denen wir uns verstecken und uns sicher fühlen, damit uns niemand verletzen kann. Diese Schutzmauern wirken oft sehr schick und signalisieren nach Außen: ich bin erfolgreich, ich sehe gut aus, ich bin lässig, unabhängig. Doch in Wirklichkeit verlieren wir so nur den inneren Kontakt zu uns selbst.

Alles, was wir verdrängen, hindert uns auch daran, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen und wirkliche Nähe aufzubauen. Wenn ich mich insgeheim wertlos fühle und mich immer anstrenge, nur über meine Taten gesehen zu werden, dann kommen andere Menschen nicht an mich heran. Weil mein Glaube über mich nicht mit dem Glauben des anderen über mich übereinstimmt.

Wir müssen also den Mut haben, unsere eigenen Fehler, unsere verdrängten Makel zu erforschen und offenen Herzens anzuerkennen. Sonst vertreiben wir alle Menschen, die uns nahe sein wollen und damit auch das berühren, was wir nicht in uns sehen wollen.

Viele Menschen verdrängen ihre negativen Gefühle und betäuben sich mit Süchten wie Alkohol, Essen, Drogen, Sex, Fernsehen oder Computer. Was steckt dahinter?

Zurhorst: Der Alkohol hilft uns, lockerer im Umgang mit anderen Menschen zu werden, wenn wir uns im nüchternen Zustand eigentlich eher unsicher fühlen. Manche koksen und kiffen, um auf Knopfdruck loslassen zu können und gut drauf zu sein oder um ihre Angst zu betäuben. Es gibt Frauen, die im Laufe einer Beziehung immer mehr Essen, um eine innere Leere zu füllen.

Die Gefahr, dass Süchte sich in unser Leben einschleichen, ist groß, weil wir nicht wissen, wie wir sonst mit all den weniger angenehmen Gefühlen umgehen sollen. Suchtmittel dienen stets dazu, unsere inneren, schlechten Gefühle zu verdrängen, zu übertünchen und uns vermeintlich besser zu fühlen.

Doch in Wahrheit lenken sie nur von unseren Problemen ab, so lange, bis die betäubende Wirkung und befreiende Ablenkung nachlässt und das Leben sich ungeschminkt zeigt. Auch in vielen Beziehungen wird der Partner als eine Art Droge gegen die innere Leere konsumiert. Aber statt uns von unserem inneren Schmerz abzulenken, sollten wir lernen, uns damit konfrontieren.

Wie kann es gelingen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen?

Zurhorst: Wir müssen lernen, mit einer ehrlichen, inneren Bereitschaft zur Wahrheit unseren Schmerz, unsere unliebsamen Eigenschaften, Ängste und Gefühle anzunehmen. Dann können wir Frieden mit uns und dem Leben schließen. Jeder Mensch hat Angst. Ein mutiger Mensch ist nicht angstfrei, sondern kann mit der Angst umgehen. Das ist ein Prozess, bei dem wir so kostbare Eigenschaften lernen, wie Demut, Geduld und Offenheit. Wenn wir langsam lernen, uns anzunehmen, dann wird alles wieder lebendiger und Leidenschaft, Lebensfreude und kreative Schöpferkraft kommen zurück.

 

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Worum geht es in Ihrem aktuellen Werk mit dem Titel: „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest – Der große Praxiskurs Teil I – Das Liebegeheimnis – mit Übungs-CD“? Was ist neu?

Zurhorst: Zahlreiche Menschen haben das Buch „Liebe Dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ gelesen und wollten wissen, wie sie all die Erkenntnisse konkret und praktisch im eigenen Leben umsetzen können. „Der große Praxiskurs“ zeigt endlich, wie das Ganze im Alltag funktioniert. Ein praktischer Leitfaden, der den Menschen konkret helfen soll, aus sich heraus zu lernen, wie sie eine für sich wünschenswerte Beziehung führen, eine Krise klären und Frieden finden können.

Auf der beiliegenden Übungs-CD befinden sich dazu geführte Übungen und Meditationen. Mir ist es wichtig, dass die Menschen nicht irgendwelchen Gurus hinterherlaufen, sondern lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und vor allem, dass sie selbst an sich arbeiten und nicht nur Bücher lesen.

Durch Onlinedating-Plattformen wie Parship oder Tinder wird es heute immer leichter, einen neuen Partner zu finden. Fördert dies die Einstellung, beim ersten kleinen Problem in einer neuen Beziehung schnell nach dem nächsten zu schauen?

Zurhorst: Heute findet ein Großteil der Beziehungswelt auf Internetportalen statt. Doch viele sind frustriert vom Online Dating, weil die virtuelle Begegnung oft wenig mit der echten zu tun hat. Da kann ich hinter einer Maske bleiben und mir eine Art Idealbild basteln. Ich erlebe immer wieder Frauen beim Coaching, die sagen: es klappt nicht, mich sprechen nur Männer an, die gar nicht zu mir passen.

Viele Frauen bieten sich als „Chili Chips“ an, sind aber in Wirklichkeit „Vollmilchschokolade“. Deswegen kommen Männer, die „Chili Chips“ wollen, gar nicht mit ihnen zurecht. Mein Rat: Verzögern Sie die Enttäuschung nicht. Zeigen Sie sich lieber, wie Sie wirklich sind und haben Sie den Mut, sich als „Vollmilchschokolade“ zu zeigen, dann haben Sie auch die Chance, einen Mann zu finden, der mit „Vollmilchschokolade“ umgehen kann.

Wieso fällt es uns so schwer, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind?

Zurhorst: Weil wir meist schon früh gelernt haben, unser eigentliches Wesen mit all seinen Schwächen bestmöglich zu verbergen. Doch wenn ich mich nicht zeige, wie ich bin, dann bekomme ich keine echte Nähe zu anderen Menschen oder ziehe unbewusst immer wieder die Falschen an. Die Gesetze der zwischenmenschlichen Beziehungen wirken wie die Gesetze der Mathematik.

Jede menschliche Kommunikation funktioniert in erster Linie auf einer unsichtbaren Ebene, über unsere Wirkung auf andere, über unsere Ausstrahlung und weniger über unsere Worte. Das wirkt unbewusst. Egal wo ich hingehe, strahle ich ein bestimmtes Programm aus, das dafür sorgt, dass ich mit bestimmten Menschen in Kontakt komme und mit anderen nicht. Ich selbst bin in meinem Leben oft umgezogen und musste erkennen: egal ob ich in Afrika oder auf Mallorca lebe, ich nehme mich überall hin mit und ziehe immer wieder die gleiche Art von Begegnungen mit Menschen an.

Wir können uns hoch und runter tindern – wenn wir uns selbst nicht ändern, bleiben wir immer in der gleichen Sackgasse stecken. Wir spielen immer das gleiche Stück, nur mit wechselnden Schauspielern. Beziehung ist einfach vor allem ein Spiel zwischen mir und mir. Wenn ich mit mir gelassen und entspannt sein kann; wenn ich mir erlaube, ein bisschen verrückt zu sein, dann kann ich das auch mit anderen. Wenn ich mit mir im Einklang bin, dann bin ich attraktiv und anziehend. Wenn ich Alleinsein mit mir nicht aushalten kann, dann wirke ich auf andere bedürftig und stoße sie unbewusst von mir weg.

Wenn ich mir mein Glück durch jemand anderen ersehne, dann finde ich jemanden, der auch sein Glück von jemand anderem erhofft. Und schon geht das Gerangel um die Liebe los. Da hilft auch kein Online Portal und kein Partyhopping. Aber wenn ich mit mir richtig im „Saft“ bin, dann wird der passende Partner zur Not auch durch den Schornstein zu mir finden, weil alles in Sachen Beziehung nach dem Gesetz der Resonanz funktioniert. Wenn ich wirklich bereit bin für eine Beziehung, dann wird es eine Beziehung geben.

Wo liegen die häufigsten Rollenmuster bei Männern und Frauen, die die Beziehung belasten?

Zurhorst: Männer sehen den Schwerpunkt ihres Lebens immer noch meist im Job und haben zu wenig Zeit für Frau und Familie. Doch Beziehungen sind keine einsamen Inseln im Ozean, die mit dem Rest des Lebens nichts zu tun haben. Sie sind eines von vielen Zahnrädern des Lebens, die ineinander greifen. Zuviel Zeit im Job zu verbringen, belastet die Ehe. Eine belastende Beziehung belastet irgendwann den Job und umgekehrt. Alles spielt zusammen.

Frauen begeben sich zu häufig in eine Opferrolle und tun alles für die Familie. Wer sich als Frau für den Mann aufopfert, ist auf bestem Wege, ihn zu verlieren. Weil, wer nicht gut für sich sorgt, nicht anziehend ist. Wir müssen lernen, zuerst für uns selbst zu sorgen, sonst gehen wir über unsere Belastungsgrenzen. Das ist kein Egoismus, das ist lebenswichtig für uns und für andere.

Nicht umsonst sagt die Stewardess bei den Sicherheitshinweisen im Flieger: Setzen Sie die Sauerstoffmaske zuerst sich selbst auf, und helfen Sie erst dann Ihrem Nachbarn. Sich selbst für andere aufzuopfern, bis man am Boden liegt, hat nichts mit Liebe zu tun, weder für sich selbst, noch für andere.

Warum stellen viele Menschen gerade in der Midlife-Crisis ihre Beziehung auf den Prüfstand und fragen sich: Soll das wirklich alles gewesen sein?

Zurhorst: Gerade in dieser Lebensphase im Alter zwischen 40 und 50 Jahren könnte das Abenteuer der Liebe von neuem beginnen. Man hat die größten Lebensaufgaben bewältigt. Man hat sich im Job etabliert, das passende Zuhause gefunden, die Kinder großgezogen und jetzt könnten wir anfangen, das unglaubliche Geheimnis der Liebe miteinander zu entdecken.

Doch häufig gehen Beziehungen in dieser Zeit in die Brüche, meist nachdem das Paar schon jahrelang unglücklich nebeneinander her gelebt hat. Die meisten arbeiten tagsüber und sitzen abends vor dem Fernseher oder haben jede Menge Hobbys und Verpflichtungen. Da vertrocknet die Beziehung langsam, wie eine Blume ohne Wasser und ist nur noch eine Art Funktionsgemeinschaft. Nur irgendwo ganz leise bleibt die Sehnsucht nach Erfüllung, Wohlgefühl, Nähe und Abenteuer.

Viele Paare resignieren, verdrängen die Krise oder kompensieren die emotionale Leere mit einem neuen Sportwagen oder Botox in der Stirn. Doch die Freude darüber hält nicht lange an, nach einem kurzen Kick stellt sich bald wieder die innere Leere ein. Wer diesem Teufelskreis entrinnen will, muss dem wahren Geheimnis der Liebe auf die Spur gehen und sich Zeit nehmen, um mehr nach innen zu gehen – das ist der Ort, wo Beziehung ihre Lebendigkeit bekommt – und wo sie auch sterben kann.

Foto von Eva-Maria Zurhorst

Wie kann man langjährigen, eingefahrenen Beziehungen wieder neuen Schwung verleihen?

Zurhorst: Ich brauche Zeit für mich und als Paar brauchen wir wieder mehr Zeit für uns. Und dann sollten wir den Mut haben, emotional auszumisten. Jede Beziehung trägt meist eine ganze Reihe von Altlasten mit sich rum – Verletzungen, Missverständnisse, unausgesprochene Wünsche. Das muss geklärt und verabschiedet werden, damit die Gegenwart wieder unbelasteter und lebendig werden kann. Oft braucht es auch eine Neugestaltung des Lebenskonzeptes.

Wir sollten eine Beziehungskrise als Chance sehen und den Mut haben, Umstände zu schaffen, unter denen wir als Paar erblühen können. Das Abenteuer einzugehen, mit sich selbst und als Paar nochmal herauszufinden, was uns wirklich gut tut im Herzen, was wir wirklich im Inneren brauchen.

Dazu gehört, Neues auszuprobieren, Risiken einzugehen, und daran zu wachsen. Wenn es nicht klappt, probieren wir eben das Nächste. Das Gehirn kann nur wachsen, wenn man die ausgetrampelten Denkpfade verlässt und neues ausprobiert. Mit dem Leben und in Beziehungen ist es genauso. Gerade auch als Paar muss man etwas wagen.

Die Midlife Crisis betrifft nicht nur die Liebe. Welche Rolle spielt das Berufsleben?

Zurhorst: Eine große Rolle. Die meisten Menschen in meiner Beratung sind in diesem Alter zwischen 40 und Ende 50 und stellen sich die Frage: sorgt der Job wirklich für Erfüllung? Die Frage geht sehr ans Eingemachte und bringt das Konstrukt, für das viele lange so hart gearbeitet haben, ins Wanken. Doch wer nur mit Scheuklappen durchs Leben geht und hofft, dass alles immer so weitergeht und der Erfolg alleine satt macht, dem kommt oft das Leben dazwischen.

Dann passiert plötzlich etwas Unvorhergesehenes, das man nicht kontrollieren kann: man wird krank, der Partner verliebt sich in jemand anderen, die Firma wird insolvent. Ich kenne viele Menschen, die jahrelang in einem Job gearbeitet haben, in dem sie sich nicht wohlfühlten. Sie haben Dienst nach Vorschrift gemacht, sich nicht getraut, selbst die Konsequenzen zu ziehen und auf einmal wurden sie vor die Tür gesetzt.

Wir dürfen uns nicht passiv treiben lassen, sondern müssen den Mut haben, uns selbst aktiv zu verändern und dabei auch Risiken einzugehen. Erledige Deine Hausaufgaben, sonst erledigen Deine Hausaufgaben Dich! Echter Erfolg kann in unser Leben fließen, wenn wir uns zeigen, wie wir sind. Wenn wir uns klar und ehrlich zu dem bekennen, was uns ausmacht, wonach wir uns sehnen. Und vor allem: wenn wir unsere wahre Lebensaufgabe leben.

Sie sagen, dass jeder Mensch Potenzial in sich trägt, um seine wahren beruflichen und persönlichen Ziele zu erreichen. Was hindert uns daran? Und: Wie kann man sein Potenzial erkennen und verwirklichen?

Zurhorst: Unsere Aufgabe im Leben besteht darin, das Potenzial, das jeder Mensch in sich trägt, zu verwirklichen. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir ein Samen mit bestimmten Anlagen. Wir müssen diesen Samen und seine individuellen Eigenschaften entdecken und zur Entfaltung bringen.

Doch häufig wachsen wir in einem Umfeld auf, in dem niemand wirklich darauf schaut, wer wir wirklich sind. Und dann lernen wir nicht, einen gesunden Platz im Leben einzunehmen. Oft versuchen wir sogar, uns unser halbes Leben lang gegen unseren innersten Kern zu stemmen. Tatsächlich werden unsere wichtigsten Prägungen in der frühesten Phase unseres Lebens – im Alter bis zu drei Jahren – auf unsere Festplatte gespielt. In dieser Zeit werden wir nachhaltig von unserem Umfeld geprägt.

Unser Gehirn funktioniert in dieser Phase so wie das eines Erwachsenen im Schlaf oder unter Hypnose. Wir sind wie ein Schwamm und nehmen alles blind auf, was um uns herum gelebt, gedacht und gefühlt wird. Wir bekommen eine Software über das Leben, über zwischenmenschliches Verhalten und über uns selbst durch andere. Vor allem durch unsere Eltern und unsere Herkunftsfamilien, ohne dass wir in dieser Zeit Reflektionsmöglichkeiten haben, um zu prüfen, ob das, was die anderen denken und fühlen, für uns passt.

Kommen wir als „Sonnenblumensamen“ in einem Elternhaus zur Welt, in dem beschlossen wurde, dass wir alle „Tannen“ sein sollen, dann können wir nicht wirklich aufblühen. Dann ist es später unsere Lebensaufgabe, selbst den richtigen Platz für uns zu finden. Wer als „Sonnenblume“ versucht, seine Erfüllung aus einem „Tannendasein“ zu ziehen – weil er es früh eingeprägt bekam oder weil es gerade angesagt ist oder von der Familie oder dem Arbeitgeber gefordert wird – der wird früher oder später daran scheitern. Wir können uns auf Dauer selbst nicht betrügen.

Es ist ein mutiger Schritt, loszulassen. Das falsche Selbstbild der „Tanne“ aufzugeben und sich selbst als „Sonnenblume“ zu erkennen. Ich bin ich. Wer sich selbst erkennt und dann seinen Platz im richtigen Umfeld findet, der blüht auf und kann sein Potenzial voll entfalten. Der erfährt ein Wahnsinns-Gefühl, das durch nichts auf der Welt zu ersetzen ist. Das gilt für jeden Bereich im Leben, für die Beziehung genauso wie für den Beruf.

Sie schreiben auch offen über die Höhen und Tiefen in Ihrem eigenen Leben. Dabei haben sich aus den Krisen für Sie letztendlich immer wieder neue Chancen ergeben, sich weiterzuentwickeln. Was waren wichtige Wendepunkte in Ihrem Leben?

Zurhorst: Ich bin immer wieder in Situationen geraten, in denen ich zunächst nicht wusste, wie es weitergehen soll. Doch ich habe auch immer wieder neue Wege eingeschlagen, die mich weitergebracht haben. Letztendlich hat in meinem Leben stets mein Herz gesiegt.

Von Kind an wollte ich Journalistin werden und habe mit 17 Jahren als freie Mitarbeiterin in einer Lokalzeitung begonnen, dann ein Volontariat gemacht und in Köln Politik und Geschichte studiert – aber zu 90 % meiner Zeit weiter mit Leidenschaft als freie Journalistin gearbeitet: für den WDR, die dpa, ich habe sogar ein Journalistenstipendium vom Land Nordrhein Westfahlen gewonnen, mit dem ich nach Afrika ging. Journalismus war mein Leben.

Als ich in Südafrika zu Zeiten der Apartheid als freie Journalistin für die ARD arbeitete, hat sich jedoch alles geändert. Die Redaktionen in Deutschland wollten damals ein klares schwarzweiß Bild des Landes, und ich habe immer öfter das Wort „Grauzone“ verwendet. Diese aus meiner Sicht eher klischeehafte Art der Berichterstattung konnte ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren – so konnte ich keine Journalistin mehr sein. Dann habe ich meine Koffer gepackt, bin nach Hause geflogen und fühlte mich wie ein Häufchen Elend, dessen großer Traum geplatzt war.

Schließlich wurde ich eine erfolgreiche PR Managerin in einem Kraftwerksbauunternehmen, bis ich nach einigen Jahren zusammenbrach und einen Burn-out hatte. Wieder saß ich da und ein Traum war nicht in Erfüllung gegangen. Diesmal tauchten große Existenzängste auf und die Frage: was soll ich jetzt bloß machen? Heute weiß ich, dass die Stelle im Kraftwerksbau nicht das richtige für mich war und ich schon lange vor dem Zusammenbruch am Ende meiner Kräfte gewesen bin. Nach außen war ich sehr erfolgreich, aber innerlich am Ende.

Heute schreibe ich wieder und folge meinem Kindheitstraum, aber diesmal sind es Bücher, und ich schreibe über die Themen meines Herzens, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Liebe. Schließlich sind mein Herz und meine Arbeit zusammengekommen. Außerdem kann ich meine Leidenschaft, zwischen Menschen zu vermitteln, mit einbringen.

Sie haben in ihrem Leben oft erfahren, dass häufig alles ganz anders kommt, als geplant. Wie sollte man am besten mit Rückschlägen umgehen?

Zurhorst: Das Leben hat mir früh gezeigt, dass ich es nicht kontrollieren kann, dass es immer im Wandel und in Bewegung ist, dass immer etwas Neues kommt und es sich selbst entfaltet. Oft kam alles ganz anders in meinem Leben, als ich dachte, auch wenn ich meine Ziele, Pläne und Wünsche mit ganzer Kraft verfolgt habe – ich habe die härtesten Einschnitte und Rückschritte erlebt.

Doch ohne diese Krisen wüsste ich heute nicht so viel über mich und über die Menschen, ich würde nicht stehen, wo ich heute stehe. Das Leben hat mir Barrieren vor die Füße geschmissen, und dann habe ich geschaut, wie ich damit zurechtkomme. Wir wachsen nicht ohne Krisen.

Menschen, die große Herausforderungen in ihrem Leben zu meistern hatten, entwickeln eine ganz andere authentische Lebenskraft als Leute, bei denen alles scheinbar glatt gelaufen ist. Ich habe meine Kraft kennengelernt in den Krisen und gelernt, ein Gespür für den Sinn meines Lebens zu entwickeln.

Die Krisen zeigten mir deutlich, dass ich nicht auf dem richtigen Weg war. Doch an den Tiefpunkten öffneten sich auch immer wieder neue Türen und neue Wege, die Hindernisse entpuppten sich als Wegweiser. Deswegen achte ich das Leben sehr. Wenn mir das Leben wieder einmal etwas vor die Füße wirft, dann tuts auch heute noch weh, aber ich schaue genau hin und versuche herauszufinden, was mir das Leben damit sagen will. Und dann zeigt sich, worum es eigentlich geht.

Wenn man genau auf sein bisheriges Leben zurückschaut, erkennt man seinen Blueprint, das Konglomerat der eigenen Talente, entdeckt seinen Lebensweg und seine Berufung. Man muss nur genau hinsehen. Letztendlich müssen wir unsere Anlagen mit unserem Leben in Einklang bringen. Darin finden wir unser wahres Glück.

Interview mit Eva-Maria Zurhorst, Liebe dich selbst – und es ist egal, wen Du heiratest 2

Was ist ihr persönlicher Sinn des Lebens?

Zurhorst: Meinen persönlichen Lebenssinn sehe ich darin, meinem Herzen immer treuer zu werden und immer mehr von innen nach außen, statt von außen nach innen zu leben. Das ist das Einzige, das wirklich glücklich macht. Und das Geheimnis dieses Glücks möchte ich teilen – mit meinem Mann, unserer Tochter und den Menschen, die zu uns kommen. Ich möchte ihnen zeigen: Wenn Du Dich liebst, hast Du die Chance, zu einem wirklich liebenden Paar zu werden.

Und ein Paar, das wirklich liebt, verändert nicht nur sich, sondern alles um sich herum: Den Job, seinen Umgang mit dem Leben, und vor allem ist dieses Paar ein lebendiges Beispiel für seine Kinder. Denen helfen wir nicht, wenn wir tote Harmonie vorspielen oder als Zweckgemeinschaft zusammenbleiben, nur um des Zusammenbleiben willens. Unsere Kinder brauchen uns als Vorbilder. Sie schauen sich die Liebe ab und nehmen sie auf – genauso wie Pflanzen die Sonne. Mehr Liebe in die Welt zu bringen, ist das wichtigste überhaupt. Vor allem in unserer Zeit. Wir brauchen mehr liebesfähige Menschen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Eva-Maria Zurhorst

Die Bestsellerautorin und Vortragsrednerin Eva-Maria Zurhorst zählt zu den bekanntesten Beziehungsberatern im deutschsprachigen Raum. Ihre Bücher wurden weltweit über eine Million Mal verkauft. Ihr 2004 erschienene Selbsthilfebuch „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“ stand vier Jahre ununterbrochen auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde zu einem der bedeutendsten deutschen Beziehungsratgeber, der in 18 Sprachen übersetzt wurde. Zu den weiteren Werken zählen u.a. das 2014 erschienene Buch „Soulsex: Die körperliche Liebe neu entdecken“, „ida – Die Lösung liegt in dir“ (2011) oder der jüngste Ratgeber „Der große Praxiskurs Teil I – Das Liebegeheimnis“ (2016).

Schon während ihres Studiums in Geschichte, Politik und Spanisch arbeitete sie als Journalistin und Reporterin für den WDR und die Deutsche Presse-Agentur dpa. Später ging sie als Journalistin nach Ägypten und Südafrika, bevor sie als Public Relations Managerin in die Wirtschaft wechselte. Es folgten psychotherapeutische Ausbildungen und die Eröffnung einer Coaching- und Beratungspraxis. Heute arbeitet sie zusammen mit ihrem Mann Wolfram Zurhorst als Beziehungscoach und Vortragsrednerin und lebt in der Nähe von Bonn und in Berlin. Beide bieten ein umfangreiches Coaching- und Seminarprogramm an. Weitere Informationen unter: www.zurhorstundzurhorst.com

Bilder: Eva-Maria Zurhorst, Boris Breuer / Cover: Random House

 

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