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Interview mit Isabell Prophet: „Die Entdeckung des Glücks – Dein Leben fängt nicht erst nach der Arbeit an“

1. Juni 2018 0 comments
Interview mit Isabell Prophet: „Die Entdeckung des Glücks – Dein Leben fängt nicht erst nach der Arbeit an“

Im Job suchen wir heute mehr denn je nach Selbstverwirklichung und einer tollen Work-Life-Balance bei vollem Gehalt – einfach nach dem perfekten Arbeitsplatz, der uns glücklich macht. Doch viele Menschen fühlen sich unglücklich und klagen über ein zu niedriges Gehalt, den ungerechten Chef oder fehlende Freiheit. Die Journalistin Isabell Prophet zeigt in ihrem Buch „Die Entdeckung des Glücks“ anhand neuester Forschungsergebnisse, warum wir uns bei unserem Streben nach Glück am Arbeitsplatz oft selbst im Weg stehen. Im Interview erklärt sie, welche Weichen wir stellen müssen, um langfristig glücklich im Job zu sein.

Frau Prophet, wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über Glück und Arbeit zu schreiben?

Prophet: Wir vernachlässigen das Glück in unserem Berufsleben. Dabei lohnt es sich, darauf zu achten. Wissenschaftler vieler Disziplinen befassen sich mit unserem Glück, das fand ich spannend. Aber wenn wir nach dem Glück fragen, dann sprechen wir meistens vom Glück nach Feierabend. Freunde, Garten, Familie, Sportverein. Zweifellos: Das ist alles sehr wichtig. Aber die meisten Menschen verbringen jeden Tag acht, neun Stunden im Büro – plus Fahrtzeit. Es wird Zeit, dass wir das Glück auch in unseren Arbeitstagen entdecken.

Stehen wir häufig unserem Glück selbst im Weg?

Prophet: Wir wissen nicht genug über das Glück. Es bringt uns ja auch niemand bei. Es gibt zwei Grundströmungen: Die einen suchen krampfhaft nach dem Glück, fordern es regelrecht ein. Die anderen betrachten das Glück als Ideal, aufgezwungen und äußerst unwillkommen.

Dabei ist Glück etwas, das direkt aus unserem Verhalten resultiert, aus unseren Entscheidungen. Wir lernen in den Jahren der Ausbildung alles darüber, gute Arbeitnehmer zu sein. Wie wir an unserem Arbeitsleben Freude finden, das sagt uns niemand. Und dieses fehlende Wissen, das steht uns im Weg.

Cover des Buches Die Entdeckung des Gluecks von Isabell Prophet

 

Warum sind viele Menschen unglücklich im Job? Sind es wirklich die Umstände, oder liegt es häufig einfach auch nur an der eigenen Einstellung?

Prophet: Stelle ich bei Lesungen oder Seminaren diese Frage den Menschen, dann sagen sie meist: Die Umstände machen nur einen kleinen Teil unseres Unglücks aus. Was man draus macht, darauf kommt es an! Das bestätigt die empirische Forschung auch.

Trotzdem machen wir im Alltag die Umstände verantwortlich. Wäre nur der Chef, und hätte nur das Büro, und wäre nur das Geld… Der Arbeitsweg, der Vertrag, die Regeln, und so weiter. Das sind alles Umstände. Wie wir damit umgehen ist entscheidend.

Wie stark wird unser Glück von unseren Genen, unseren Lebensumständen und unserem Verhalten bestimmt? Wie viel haben wir selbst in der Hand?

Prophet: Das ist das Interessante an unseren Klagen: Die Umstände sind es nicht. Sie können wir zwar verändern, es kostet uns aber sehr viel Energie, Zeit und Geld. Dabei machen sie nur etwa 10 Prozent unseres Glücksempfindens aus. 50 Prozent sind genetisch bestimmt und 40 Prozent beeinflussen wir durch unser Verhalten.

 

Unglücklich im Job

 

Was sind die häufigsten selbstgemachten Glücks-Hemmer im Job?

Prophet: Leser fragen mich immer wieder, wie sie mit schwierigen Kollegen oder Chefs umgehen können, oder mit Kollegen, die oft fehlen, was die Arbeitsbelastung für alle erhöht. Es sind Sorgen mit anderen Menschen, die uns am härteten treffen. Das liegt daran, dass wir für alle anderen Sorgen theoretisch sehr schnell eine Lösung finden können. Der Arbeitsplatz lässt sich umgestalten, der Weg entstressen, auch gegen den Bewegungsmangel können wir aktiv werden.

Anderen Menschen gegenüber fühlen wir uns oft wehrlos. Egal, ob sie uns zu dominant oder zu lasch sind, zu faul oder übertrieben strebsam, böse oder nett. Wir können andere Menschen nicht ändern, deshalb reiben wir uns an ihnen auf.

Menschen sind hervorragend darin, sich in Konflikte reinzusteigern und Schlachten zu schlagen, von denen der Gegner noch nicht einmal weiß.

Viele denken „im nächsten Job wird alles besser“. Doch nicht selten stoßen manche auf die gleichen Probleme wie zuvor. Woran liegt das?

Prophet: Der nächste Job muss nicht besser werden, denn wir nehmen uns selbst ja mit. Der Job ist eigentlich nur ein Lebensumstand, der, wir erinnern uns, 10 Prozent unseres Glücks beeinflusst. Rechnet man die Gene heraus, sind es 20 Prozent unseres beeinflussbaren Glücks.

Trotzdem kann ein Neuanfang uns viel bringen. Wenn wir neue Arbeitswege fahren, in einem neuen Umfeld arbeiten, wird unser Gehirn sehr aktiv. Alles gerät in Bewegung, alte neuronale Strukturen werden irrelevant, neue bilden sich. Und wir erleben uns selbst in einem anderen Kollegen-Gefüge. Nichts hilft uns so gut bei der Selbstfindung, wie neue Menschen um uns herum.

Wir müssen die Veränderung aber zulassen. Erwarten wir im neuen Job die gleichen Probleme, wie im alten – oder schlimmere! – dann werden wir sie auch finden.

Zu kündigen und mitten im Leben etwas Neues anzufangen ist keine Lösung für jeden. Ist es möglich, das Glück zu finden, in den ungeliebten Jobs, die wir schon haben?

Prophet: Wir können jederzeit ein wenig Glück finden. Es geht schon damit los, dass wir den nächsten Tag etwas besser machen können. Wer einmal kräftig ausmistet, der entledigt sich von alten Aufgaben oder Notizen der Kategorie „könnte irgendwann mal wichtig werden“. Schon fühlen wir uns freier. Wir können Kollegen grüßen, einfach so, mit einem Lächeln, und ihnen eine schöne Woche wünschen. Schon begegnen sich alle einander freundlicher.

Wer den Fernsehabend durch einen Sommerspaziergang mit Freunden ersetzt, der wird am nächsten Tag mehr Energie in sich finden. Und wer sich in seinem Büro eingemauert fühlt, der sollte in der Mittagspause mal einen entspannten Spaziergang machen. Es sind die ganz kleinen Dinge, die uns den Tag versüßen. Und es sind die Dinge, die wir in harten Zeiten als erstes schleifen lassen. Schade, denn sie würden uns retten.

 

Vor allem die neue Generation strebt in der Arbeit nach Sinn und Selbstverwirklichung

 

Vor allem die neue Generation strebt in der Arbeit nach Sinn und Selbstverwirklichung. Wie kann es gelingen, im Job seine Berufung zu finden?

Prophet: Junge Menschen werden nur dann glücklich in ihrem Job werden, wenn sie sich von den großen Idealen lösen. Jeder muss für sich selbst rausfinden, was er will, was er mag, was er braucht. Wer nach maximaler Flexibilität strebt, stellt vielleicht irgendwann fest, dass er viel entspannter wäre, wenn der Job berechenbarer wäre.

Und wer gern in ein hippes Startup möchte, muss eines Morgens vielleicht erkennen, dass die Mühlen und Möglichkeiten eines Großkonzerns ihn viel besser herausfordern. Oder eben: umgekehrt. Wir lernen uns in unseren ersten Jobs ganz neu kennen. Alles, was wir uns vorher ausmalen, ist nur Theorie. Je ehrlicher wir mit uns selbst sind, desto schneller finden wir einen dieser Traumjobs. Was auch immer das für den Einzelnen bedeutet.

Die meisten Jobs sind weder glamourös noch romantisch, sondern anstrengend und dienen dem Geldverdienen. Ist die Vorstellung von einem Traumjob nur eine Illusion? Müssen wir realistischer sein?

Prophet: Wir müssen lernen, unseren Jobs die richtige Bedeutung im Leben zu verleihen. Der Job muss ja nicht qua Definition glamourös sein oder romantisch. Für manche ist er Geldquelle. Für manche ist er Erfüllung. Viele suchen ein gutes Mittelding. Und eines haben wohl fast alle Traumjobs gemein: Sie nehmen Zeit und Energie, die andere Menschen in die Freizeit stecken.

Es gibt kein richtig oder falsch. Wichtiger ist, dass wir uns von seltsamen Konventionen oder Trends lösen und für uns selbst eine Antwort auf die Frage finden: Wie will ich arbeiten? 

 

Wie kann es gelingen, im Job seine Berufung zu finden

 

In Ihrem Buch zeigen Sie die wichtigsten Botschaften der Glücksforschung. Kann man Glück lernen? Mit welchen Methoden können wir wirklich glücklicher werden?

Prophet: Es gibt drei große Bereiche: Mich selbst, als Individuum. Wie ich mit mir umgehe beeinflusst mein Glück sehr stark. Es geht um Bewegung, Konzentration, aber auch Mitgefühl mit mir selbst. Wir müssen uns selbst ehrliche Aufmerksamkeit widmen. Uns selbst zu hören.

Dann gibt es die Anderen. Wie wir mit ihnen umgehen, ist ebenfalls entscheidend, denn es bestimmt, was wir von ihnen erwarten.

Und dann gibt es unsere Umwelt. Dinge. Wie ordentlich ist es, wie viel Mühe gebe ich mir mit meinem Arbeitsumfeld und meiner Wohnung? Dabei geht es ums Wohlfühlen.

Der dritte Teil Ihres Buches mit der Überschrift „Was wir für unser Glück tun können“ ist sehr praxisorientiert und enthält kleine Übungen. Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Prophet: Ich habe zwei Lieblingsübungen. Die eine fragt nach dem Guten im Leben: Was war heute schön? Das können wir mit anderen Menschen besprechen oder nur mit uns selbst. Jeden Tag. Drei Dinge. Keine Ausflüchte. Wer seinen Tag nach guten Dingen filtert, der nimmt sie sehr bald viel intensiver wahr, schon in den Momenten, in denen sie passieren. Viele Menschen suchen nach den negativen Dingen und bereiten sich innerlich schon darauf vor, anderen von ihrem Leid zu erzählen. Das festigt die Wahrnehmung des Unglücks. Machen wir doch einfach mal das Gegenteil!

Die andere Übung bezieht sich auf die Atmung. Wenn wir ruhig und sehr bewusst atmen, lernen wir, unsere Körper wieder intensiver zu spüren. Das klingt so wahnsinnig banal, ändert aber unsere Wahrnehmung massiv. Und es macht uns stärker, wir halten Stress besser aus und können in schwierigen Situationen klüger reagieren. Dadurch geht es uns besser. 

 

Portrait Isabell Prophet

 

Wie haben Sie Ihren eigenen Berufsweg gefunden? Wie glücklich sind Sie in Ihrem Job?

Prophet: Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich mache. Aber auch ich musste mich ausprobieren. Das war eine sehr gute Zeit. Ich bin noch mit der Erwartung groß geworden, nur wenige Jobs zu haben, sie nicht oft zu wechseln. Als ich dann ins Berufsleben einstieg, war plötzlich alles anders. Und das war gut. Ich hatte interessante Jobs, gute und schlechte Kollegen, wahnsinnig stressige Arbeitswege und total schöne, die mich entspannt haben und mir neue Energie gaben.

Ich habe bei der Arbeit am Buch gelernt, diese Dinge wahrzunehmen und zu sortieren, das half. Und heute weiß ich sehr zu schätzen, was ich habe: einen aufgeräumten Arbeitstisch und viel Struktur in meinen Tagen. 

Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens?

Prophet: Wenn ich Gemeinsamkeit mit anderen Menschen erlebe und regelmäßig Zeit für mich allein habe, dann bin ich glücklich.

Das Interview führte Markus Hofelich.

 

Über Isabell Prophet:

Isabell Prophet arbeitet als Journalistin in Berlin. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften absolvierte sie bei der Celleschen Zeitung ein Volontariat und besuchte die Henri-Nannen-Schule. Als freie Journalistin ist sie unter anderem für Spiegel Online, Spiegel Wissen, t3n.de und FAZnet tätig. Für Zeit Online baute Isabell Prophet das Online-Magazin ze.tt mit auf. Für die Multimedia-Reportage „Einsame Spitze“ beim Zeit-Magazin Online wurde sie für den Deutschen Reporter-Preis nominiert.

 

 

Bilder: Isabell Prophet, Unsplah / Cover & Video: Verlagsgruppe Random House

 

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