Lilly Gebert ist eine junge Autorin, die den Nerv ihrer Generation trifft. In ihrem Buch „Sein statt Haben: Eine Enzyklopädie für die neue Zeit“ stellt sie die Frage, was uns wirklich lebendig macht und warum so viele im Modus des Besitzens und Funktionierens gefangen bleiben. Anknüpfend an Erich Fromm und dessen Werk „Haben oder Sein“ denkt sie das Spannungsfeld von Haben und Sein aus der Perspektive ihrer eigenen Generation weiter, jenseits von Selbstoptimierung und oberflächlicher Achtsamkeit. Mit poetischer Kraft verbindet sie Verstand und Gefühl und lädt dazu ein, Vorstellungskraft und Sehnsucht neu zu entdecken. Im Interview spricht Lilly Gebert über ein Gefühl von Entfremdung und innerer Leere und erklärt, warum so viele Menschen im „Haben“ gefangen sind, was die neue Zeit wirklich auszeichnet und wie echte Verbindung wieder möglich wird.
Frau Gebert, wie kamen Sie auf die Idee für dieses Buch und wen sprechen Sie vor allem an? Worum geht es im Kern? Was ist die zentrale Botschaft von „Sein statt Haben“?
Gebert: Für niemanden ist es zu spät, sein Leben wirklich zu leben – indem er selbst wieder lebendig wird. Deshalb habe ich auch die Idee, mit diesem Buch vor allem die jüngere Generation anzusprechen, schnell verworfen. „Sein statt Haben“ richtet sich nicht an Menschen in einer bestimmten Lebensphase, sondern an alle, die spüren, dass diese Welt mehr dazu einlädt, sich zu verlieren, anstatt sich zu finden.
Im Kern geht es mir daher auch nicht um einzelne Entscheidungen wie Studien- oder Berufswahl, Partnerwahl, Selbstfindungsreisen oder Konsumfragen, auch wenn einzelne Kapitel diese zum Thema nehmen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um das innere Gefühl, das uns durch alle Stationen des Lebens trägt – und darum, wie wir dieses Gefühl wieder bewusster gestalten können. Anhand von 82 Begriffen zeige ich, dass wir fast alles – Freiheit, Glauben, Beziehungen, Wahrheit – auf zwei Arten leben können: aus dem Haben oder aus dem Sein. Dabei geht es mir nicht darum, eine Lebensweise zu verurteilen. Ich möchte vielmehr einen Raum öffnen, in dem der Einzelne – jung wie alt – sich selbst wieder besser greifen und verstehen kann.
Der Schlüssel dafür ist Bewusstsein. Nur wenn ich mir dessen bewusst werde, was ich tue, denke und auch insgeheim fühle, kann ich frei werden. Zu dieser Freiheit als klarem Einblick in das eigene Innenleben möchte ich den Leserinnen und Lesern von „Sein statt Haben“ verhelfen: nicht als Anleitung für ein besseres Leben, sondern als Impuls, sich selbst erstmals wieder ernsthaft zu fragen, worin dieses gute Leben für sie bestehen könnte.

© Lilly Gebert
„Sein statt Haben“ knüpft bewusst an das Buch „Haben oder Sein“ von Erich Fromm an, geht aber zugleich deutlich darüber hinaus. Was war der innere Impuls, dieses Thema aus Ihrer eigenen Zeit und Generation heraus neu zu formulieren?
Gebert: Als Konfuzius einst von seinem Schüler Zi-lu gefragt wurde, was er denn zuerst täte, wenn der Staat ihm die Regierung anvertraute, antwortete der Meister, er würde „unbedingt die Worte richtigstellen“. Stimmten die Worte und Begriffe nicht, so sei die Sprache konfus. Und sei die Sprache konfus, entstehe Unordnung und Misserfolg. Gäbe es Unordnung und Misserfolg, so gerieten Anstand und gute Sitten in Verfall. Seien Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gäbe es keine gerechten Strafen mehr. Gäbe es keine gerechten Strafen mehr, wüsste das Volk nicht, was es tun und was es lassen soll. Darum müsse der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er gehe mit seinen Worten niemals leichtfertig um.
Und ich auch nicht. Und würde es auch niemandem raten. Denn wie Roland Baader es bereits so treffend formuliert hat: „Weil die Sprache der ‹Stoff› ist, mit dem wir denken, führt die Verarmung der Sprache auch zur Verarmung des Denkens – und umgekehrt.“ Oder anders gesagt: Wer der Sprache mächtig ist, hat Macht. Wem es an Worten jedoch mangelt, und der auch nicht weiß, wie er die der anderen zu entwirren und zu deuten hat, steht schnell hilflos da – ohne zu wissen, warum. Das zumindest beobachte ich seit geraumer Zeit. Für mein Empfinden werden viele Worte nicht mehr im Inneren des Einzelnen, sondern im Außen geformt. Sie sind zusehends besetzt von Politik, Medien oder dem aktuellen Sprachjargon. Was dadurch passiert, ist im Umkehrschluss eine gewisse Fremdbesetzung in unserem Denken, böse ausgedrückt, eine Korruption in unserer Selbstkonstitution. Indem sich der Kern, die innere Bedeutung der Worte verändert, die wir benutzen, fangen diese ab einem gewissen Punkt an, uns zu benutzen. Wir fangen an, Dinge zu denken, die wir selbst nicht glauben und Dinge zu wollen, die uns selbst nicht entsprechen.
Das ist für mich keine Freiheit. Weshalb ich mit meiner „Enzyklopädie“ auch keine neue „Definition“ der in ihr enthaltenen Begriffe vorgeben wollte. Mir ging es darum, dass jeder und jede Einzelne wieder anfängt, in sich selbst die Antworten darauf zu finden, was für ihn oder sie Liebe, Gemeinschaft, Vertrauen, Wahrheit oder Zuhause-sein im Kern bedeutet. Sprache ist Kultur. Ohne sie würden wir nicht nur innerlich verarmen – indem Sprache Wirklichkeit formt, würde mit ihr auch das, was Leben ist, vor unseren Augen zusehends verblassen.
Wofür stehen die Begriffe „Sein“ und „Haben“?
Gebert: Die Begriffe sind eine Anlehnung an den deutschen Psychoanalytiker Erich Fromm, der in seinem Millionenbestseller „Haben oder Sein“ bereits 1976 genau diese Dualität eröffnet hat: Will ich mein Leben durch Termine, Konsum und Glaubensbekenntnisse füllen, oder möchte ich mich selbst erfüllen – lebendig, bewusst und innerlich verbunden sein?
Deshalb geht es mir ausdrücklich nicht um eine neue Form von „Bewusstseinswashing“. Es geht nicht darum, Luxusreisen gegen Heilretreats auszutauschen oder das Haben einfach spirituell zu verkleiden. Es geht um eine grundlegende Veränderung unserer Werte – zurück zum Sein. Wer wollen wir sein – und für wen? Für uns selbst oder für die Erwartungen der anderen? Genau an diesem Punkt beginnt schließlich für viele bereits die eigentliche Schwierigkeit: Wie soll ich etwas für mich selbst tun, wenn ich nicht einmal weiß, was dieses „Selbst“ ist? Statt sich diesen Fragen zu stellen, verdrängen viele Menschen sie. Und sie kompensieren das fehlende Sein durch noch mehr Haben – bis sie sich selbst so sehr in diesem verloren haben, dass sie durch nichts mehr an sie selbst oder das, was wahres Sein bedeuteten könnte, noch erinnert werden.
Mir war wichtig, daraus im Buch keinen Widerspruch in sich zu erzeugen und ebenfalls in die Kerbe des Habens zu schlagen, indem ich Ratschläge verteile und mich dadurch in eine übergeordnete Position begebe. Wir alle sind gleichauf in dieser Welt, unterliegen alle ihren Dynamiken und Mustern. Weshalb es für jeden von uns auch nur einen Weg gibt, als wir selbst in ihr zu überleben: unseren eigenen. Diesen kann ich niemanden vorzeichnen – kenne ich doch nicht einmal meinen eigenen. Worum es mir lediglich ging, war daran zu erinnern, dass es diesen Weg – fernab von Konsumrausch, Massenkultur, Algorithmen und Selbstentfremdung – noch gibt. Ihn zu finden und zu gehen, bleibt am Ende jedoch die Aufgabe jedes Einzelnen.
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Sie beschreiben Ihr Buch als eine „Enzyklopädie für die neue Zeit“. Was zeichnet diese neue Zeit aus?
Gebert: Die Entscheidung der Menschen, oder vielmehr des Einzelnen, lieber im Sein statt im Haben leben zu wollen. Denn wie bereits geschrieben; anders als bei Fromm ist es für mich kein „entweder oder“ mehr, sondern eine Unausweichlichkeit, wenn der Mensch als solcher – als Mensch – weiter existieren will. Sie ist das, was der „gesunde Menschenverstand“ eigentlich zur Folge haben müsste. Schließlich ist das, wohin uns der Weg des Habens führt, längst keine schwache Silhouette am Horizont mehr. Es ist das Realität gewordene Dystopienszenario jener Sci-Fi-Klassiker, deren Inszenierung auf der Leinwand wir scheinbar unfähig sind, angewandt auf unsere Welt wiederzuerkennen, geschweige denn, ihre jeweiligen Ausgänge auf unser Dasein zu abstrahieren und entsprechend abzuwenden.
Die „neue Zeit“, von der ich schreibe, ist folglich nicht bloß ein Gegenentwurf zu dem Roboterzeitalter, auf das wir so gnadenlos hinzusteuern scheinen – sie ist das, was sich öffnet, wenn der Mensch das Leben wählt, und nicht den Tod. Diese Unterscheidung hat Fromm einst mit den Worten „Biophilie“, also die Liebe zum Leben, und „Nekrophilie“, die Liebe zum Toten beschrieben. Nekrophil ist, was Leben zerstört, und biophil, was es fördert. Ein Mensch der „neuen Zeit“ hat erkannt, dass vieles von dem, was ihm als „Fortschritt“ verkauft wurde, seiner eigenen Entwicklung, aber auch dem Fortleben von Natur und Mitwelt nicht zuträglich ist. Anstatt ihren Schwund jedoch durch immer mehr technische, nekrophile Methoden aufhalten zu wollen, entscheidet er sich für den längeren, aber einzig zielführenden Weg: Er will nicht länger die Natur als Umwelt betrachten, außer von ihr stehen und meinen, sich anmaßen zu können, was ihr besser täte. Er will wieder Teil von ihr sein. Er will Mit-Welt sein.
Das macht den Menschen jener „neuen Zeit“ zu einem, der abseits aller Trends noch für sich selber stehen kann. Seinen Halt findet er im Inneren, nicht im Außen. Aufklärung versteht er nicht als Gefolgschaft der Wissenschaft anstelle der Kirche, sondern in ihrem ursprünglichsten Sinne – als Ermächtigung des Einzelnen, selbst zu denken, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, seine Entscheidungen aus sich selbst zu treffen. Wobei dieses „Selbst“ beim Menschen der „neuen Zeit“ nicht mehr bloß seinen Verstand beinhaltet, sondern immer auch sein Herz. Vielleicht sogar zu aller erst sein Herz.

Lilly Gebert © Lilly Gebert
Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe, warum die meisten Menschen im „Haben“ gefangen sind? Was fehlt den Menschen aus Ihrer Sicht im Kern, wenn sie sich entfremdet oder innerlich leer fühlen?
Gebert: Ich denke, die meisten Menschen haben Angst. Angst davor, sie selbst zu sein, Angst davor, alleine zu sein, Angst davor, lebendig zu sein. Wenn es darum geht, was ihnen fehlt, dann ist es der Mut, genau diese Dinge einfach mal zu sein – sie selbst, alleine, lebendig.
Ihr Buch bewegt sich bewusst jenseits von Selbstoptimierung und klassischer Achtsamkeit. Warum ist das so? Was unterscheidet für Sie ein echtes „Sein“ von den gängigen spirituellen oder psychologischen Ansätzen unserer Zeit?
Gebert: Der Unterschied zwischen Haben und Sein versinnbildlicht sich hierbei für mich am besten im Kontrast zwischen unserer westlich geprägten Definition eines „Gurus“ und dem klassischen Bild des „Meisters“: Während der Guru dich mit seiner „Aura“, seinen Kursen und induzierten Glaubenssätzen in Abhängigkeit zu ihm hält, wird der Meister dir nie mehr Hilfe geben, als du brauchst, um dir selbst zu helfen. Der Meister ist im sokratischen Sinne ein Geburtshelfer. Er hilft dir, deinen eigenen Weg zu finden, ohne ihn dir vorzugeben. Der Guru hingegen ist nicht daran interessiert, dass du dich von ihm abwendest. Er lebt von deiner Aufmerksamkeit.
Mit anderen Worten: Wir alle können uns von bestehenden „Angeboten“ und klassischen Ansätzen inspirieren lassen. Worum es schlussendlich jedoch geht – zumindest für mich –, ist, sich darüber bewusst zu werden, was die energetische Ausrichtung ist: Gebe ich mehr Energie von mir ab, als ich bekomme? Befinde ich mich in einem stagnierenden Fließgleichgewicht – oder in einem Austausch, durch den sich auf allen Seiten die Energie aus dem Unendlichen ins Unendliche zu potenzieren scheint? So oder so: Die Antwort lässt sich auch hier nur finden, wenn wir anfangen, in uns hineinzuhorchen, anstatt das, was drauf steht, unhinterfragt als Inhalt zu übernehmen.
Beim Lesen entsteht der Eindruck, dass Ihr Buch weniger Antworten geben will als einen inneren Raum öffnet. Was soll sich im Leser verändern, nachdem er es gelesen hat?
Gebert: Das schließt vielleicht gut an die letzte Frage an. Denn auch wenn ich weder ein Meister bin noch einer sein will: Auch ich wollte – wie gesagt – keine Antworten geben. Mir geht es um eben jenen inneren Raum, den Sie ansprechen. Einen Raum, aus dem heraus sich eine Leichtigkeit gebiert. Gerade weil er nicht dem begrenzenden Materialismus des Habens unterliegt, der nur Energie nimmt, aber nicht gibt, sondern dem Sein, dessen Fülle unendlich ist. Diese Leichtigkeit wünsche ich einem jeden Menschen. Egal wie „schwer“ sich diese Welt manchmal anfühlen mag.
Warum glauben Sie, dass Worte und Geschichten unsere Sehnsucht und Vorstellungskraft tiefer berühren können als reine Argumente oder Konzepte?
Gebert: Weil sie als Archetypen und Mythen aus dem gleichen Stoff gemacht sind wie unsere Träume: Sie entspringen unserem tiefsten Inneren, unserer Seele. Das macht sie organisch und frei. Bedienen wir uns ihrer, sind wir im Herzen, sind wir bei uns. Bei Argumenten und Konzepten kehrt sich das oft um: Nicht wir bedienen uns ihrer, sondern sie bedienen sich unserer, indem sie uns von uns wegbewegen – raus aus unserer Mitte, hinein ins zerstreute Außen. Weg aus dem Vertrauen in unsere Selbstbestimmtheit, hinein in Fremdbestimmung, Angst und Kontrolle.
Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?
Der Sinn meines Lebens besteht darin, mir selbst – und damit dem Leben in mir – immer näher zu kommen. Ich möchte mich verbunden fühlen. Fühlen, das alles fühlt.
Fotos: Lilly Gebert © Lilly Gebert ; Buchcover © Scorpio Verlag
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