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Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

20. November 2017 0 comments
Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“ ist der Titel des neuesten Buches von Janice Jakait, die als erste Deutsche allein und ohne Begleitboot in einem Ruderboot den Atlantik überquerte. Über ihre Erfahrungen auf dem Meer schrieb sie 2014 den Bestseller „Tosende Stille“. In ihrem aktuellen Werk zeigt Janice Jakait anhand ihrer persönlichen Erfahrungen den Weg zur Liebe auf. Ehrlich und leidenschaftlich beschreibt sie das ewige Suchen und Daten, toxische Beziehungen und tiefste Einsamkeit, hochfliegende Verliebtheit und völlige Verzweiflung. Und den Ausweg aus diesem Teufelskreis hin zu echter Liebe. Sie will Menschen Mut machen, mehr zu wagen, um erfüllter leben und lieben zu können. Im Interview spricht sie darüber, wie wir falsche Vorstellungen von Liebe hinter uns lassen, Krisen überstehen und wie wir wieder echte Liebesfähigkeit entwickeln können.

Frau Jakait, nach Ihren Bestsellern „Tosende Stille“ über Ihre Atlantiküberquerung im Ruderboot und „Freut Euch nicht zu spät“ über die spirituelle Suche danach haben Sie sich entschieden, ein Buch zum Thema Liebe zu schreiben. Was kam es dazu?

Jakait: In meinem ersten Buch „Tosende Stille“ geht es um meine Flucht auf den Ozean, im zweiten „Freut euch nicht zu spät“ um die spirituelle Selbstsuche und im dritten um die Liebe, um die Beziehungen zu anderen Menschen. Liebe ist das größte Ziel des Lebens. Wer nicht bei anderen Menschen ankommt, der ist auch nicht bei sich selbst angekommen.

Denn was ist das Leben schließlich wert, wenn wir unsere Erfahrungen und Gefühle nicht mit anderen teilen können? Für mich schließt sich mit dem dritten Buch ein Kreis, es ist ein logischer Abschluss dieses Zyklus. Denn was ich mein Leben lang wirklich gesucht habe, war nicht das Abenteuer auf dem Ozean, war nicht die große spirituelle Erleuchtung, sondern es war letztlich die Liebe.

 

Janice Jakait, Tosende Stille

 

Was bedeutet für Sie Liebe? Warum werden unsere Erwartungen häufig enttäuscht?

Jakait: Liebe und den richtigen Partner zu finden hat viel damit zu tun, sich überraschen zu lassen und nicht mit vorgefertigten Erwartungen durch die Welt zu gehen und zu warten, bis der eine Mensch kommt, der unseren Erwartungen entspricht und diese erfüllt. Denn viele lieben eigentlich nur die Vorstellung von jemanden und nicht den Menschen so, wie er eigentlich ist.

Viele Menschen leben heute in Zweckbeziehungen. Sie lassen sich von falschen Erwartungen und Vorstellungen leiten und durchlaufen einen Teufelskreis von tiefster Einsamkeit, hochfliegender Verliebtheit und völliger Verzweiflung.

Zu echter Liebe gehört auch der Mut, sich völlig auf einen anderen Menschen einzulassen, ohne ihn wirklich zu kennen, ohne Erwartungen an ihn zu stellen. Das ist eine hohe Kunst. Liebe soll uns frei, nicht abhängig machen, wir sollen an ihr wachsen und uns nicht darin verlieren. All diese Themen haben mich auch privat sehr beschäftigt.Buch Cover Liebe oder der Mut, mich hinzugeben statt mich herzugeben - Janice Jakait

Was steckt genau hinter der Kern-Aussage Ihres Buchtitels: „Liebe – oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“?

Jakait: Liebe heißt nicht, sich zu verschwenden oder auszuliefern, sondern sich hinzugeben. Liebe ist mehr als die Schmetterlinge im Bauch. Liebe ist tiefstes Vertrauen. Liebe heißt, zu erkennen, dass der andere nicht so ist, wie ich ihn gerne hätte. Sondern dass der andere er selbst ist und nicht meine Vorstellung von ihm.

Ihn so zu lassen, erlaubt mir auch, ich selbst zu bleiben, mich nicht zu verbiegen oder verdrehen, um anderen zu reichen. Sich bewusst für jemanden zu entscheiden und bewusst bei sich selbst zu stehen. Darin entsteht ein „Wir“ aus zwei freien Menschen die sich auch gegenseitig wirklich sehen können, und nicht nur spiegeln. Letztlich ist diese Liebe eine Begegnung in Verbundenheit und erst einmal unabhängig von Konzepten wie Partnerschaft, Beziehung, Freundschaft usw.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Ihre Botschaft ist: Hört auf, dieses Leben zu verschwenden, denn wir haben nur das eine. Und gebt Euch dem hin, was das Leben Euch liefert. Was bedeutet das genau?

Jakait: Ich glaube, dass in jeder Begegnung mit einem anderen Menschen eine Lektion auf uns wartet. Wir ziehen Menschen an, zu denen wir eine Affinität haben. Man kann im Leben nur die wirkliche Liebe finden und daran wachsen, wenn man sich der Liebe völlig hingibt und auch wirklich darauf einlässt. In dem vollen Bewusstsein, dass man immer ein Risiko eingeht: Es kann sehr schön, aber auch sehr schlimm werden.

Ich möchte Mut machen, sich trotzdem voll darauf einzulassen, ohne zu wissen, wie es ausgeht: Habt keine Angst vor den Krisen und dem Scheitern, denn das ist der Raum, in dem wir wirklich wachsen! Letztlich aber gilt es, sich nicht zu verschwenden oder das Leben auszusitzen, denn es wird früher enden, als uns lieb ist.

 

      

 

Was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten falschen Erwartungen und Vorstellungen von Liebe? Was zeichnet toxische Partnerschaften oder Zweckbeziehungen aus?

Jakait: Toxische Partnerschaften sind meist Abhängigkeitsbeziehungen mit einem Nähe-Distanz-Problem. Auf der einen Seite sehnt man sich nach Nähe, kann diese aber nicht richtig zulassen, sonst kriegt man Panik und fühlt sich eingeengt. Und dann schafft man wieder künstlich Distanz. Das drückt sich häufig in Streit und Gewalt aus. Man bindet sich aneinander durch Abhängigkeit und hält die unglückliche Beziehung aufrecht. Dabei spielt auch Verlustangst eine Rolle, viele haben Zweifel, alleine klar zu kommen. Es sind destruktive Beziehungen, die weh tun.

Es gibt viele Arten destruktiver Beziehungen. Die Partnerschaften müssen nicht toxisch sein, sie können auch völlig unerfüllt sein, wenn man in einer Art Zweckgemeinschaft ganz pragmatisch nebeneinander her lebt. Das Problem ist: Solche Beziehungen bringen uns nicht weiter, ja sie degenerieren uns. Es ist vielleicht schön, jemanden an meiner Seite zu haben, der mir Sicherheit gibt, aber ohne Liebe verkümmern die eigenen Gefühle.

In vielen Fällen wäre es sicher die beste Lösung, sich zu trennen. Aber man kann das nicht pauschalisieren. Die Frage ist, bin ich stark genug, meine Gefühle wirklich zuzulassen und ehrlich zu mir selbst zu sein? Das ist das Hauptproblem. Stark genug zu sein, seine Gefühle wirklich zuzulassen und nicht in irgendwelchen Denkmustern festzuhängen.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Viele Menschen beginnen aus Selbstschutz, ihr Herz zu verschließen, nachdem sie einige Enttäuschungen in der Liebe hinnehmen mussten – aus Angst vor neuen Verletzungen. Warum sollten wir trotzdem die Hoffnung nicht aufgeben und offen für die Liebe bleiben?

Jakait: Viele Menschen haben bereits Enttäuschungen in ihren Beziehungen erlebt und im Laufe der Zeit ihr Herz und ihre Gefühle immer mehr verschlossen – aus Selbstschutz und aus der Angst heraus, erneut verletzt zu werden. Doch seine Gefühle zu verschließen, ist der falsche Weg.

Wir sehnen uns danach, in der Liebe anzukommen, und das kann nur geschehen, wenn das Gefühl mit im Boot ist. Entweder wir fühlen alles, oder wir fühlen nichts. Ich kann nicht nur die guten Sachen fühlen wollen und die anderen ausblenden, das geht nicht. Wenn ich mein Herz und meine Gefühle verschließe, dann wird mir das auch die positiven Eindrücke im Leben nehmen, dann werde ich auch das Schöne nicht mehr fühlen können.

Deswegen möchte ich den Menschen Mut machen, sich allem zu öffnen, egal was kommt. Dann erkennt man erst, dass man auch eine negative Beziehungserfahrung überstehen und eine Menge positiver Dinge daraus ziehen und daran wachsen kann. Aber die Angst hält einen klein.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Sie sagen, um eine glückliche Beziehung zu führen, müssen wir zunächst mit uns selbst beschäftigen. Was heißt das?

Jakait: Der Königsweg zu einer glücklichen Beziehung ist zuallererst die Selbstreflexion und die Erkenntnis, dass der andere zunächst einmal gar nichts mit dem Grundproblem der unglücklichen Partnerschaft zu tun hat – sondern ich selbst. Ich muss mich fragen: Warum stecke ich in so einer unbefriedigenden Beziehung und wofür steht der andere für mich?

Die wichtigste Eigenschaft, die man zum Wachstum braucht, ist Selbstreflexion. Zu Hinterfragen, ob der andere wirklich Schuld daran hat oder ob das Problem eigentlich bei mir selbst liegt. Gibt es überhaut „Schuld“? Die wichtigste Erkenntnis ist: Der Partner tut uns nur das an, was wir uns selbst antun und antun lassen. Das hat sehr viel mit unbewusster Spiegelung und Projektion zu tun: Dass ich mich eigentlich selbst hasse, verletzte, dass ich voll von Selbstzweifeln bin. Und das projiziere ich dann unbewusst auf den anderen und gebe ihm die Schuld dafür.

Man ist ständig gefangen in kognitiven Schleifen: Liebst du mich, liebst du mich nicht? Warum bist du so zu mir? Das Gedanken-Karussell dreht sich permanent weiter und letztendlich übernimmt der andere die Funktion der Schuld: Du bist schuld an allem! Wenn man sich ständig im Kopf um die Beziehung dreht, kann einem das auch wie Sehnsucht vorkommen.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Warum ist es so wichtig, sich seinen eigenen Gefühlen zu stellen, auch wenn das zunächst oft mit Schmerz und Enttäuschung verbunden ist?

Jakait: Der wichtigste Schritt für Selbsterkenntnis und Veränderung ist nicht darüber nachzudenken, sondern in mich hinein zu fühlen. Und dazu muss ich mich meinen Gefühlen stellen. Man muss auch „umfühlen“, nicht nur umdenken! Nur der Verstand allein bringt keinen weiter. Je klüger wir werden, umso komplexer werden dann oft einfach nur die Probleme.

Wenn ich meine Gefühle zulasse und wirklich ehrlich in mich hinein spüre, dann kommt erst mal sehr viel Negatives in mir hoch, wie Gefühle der Enttäuschung, Einsamkeit und Selbstzweifel. Dieser Prozess ist zwar schmerzhaft, aber äußerst wichtig. Ich muss mich meinen Gefühlen stellen, sonst erkenne ich gar nicht mehr, was meine wahren Bedürfnisse sind, was für eine Lüge ich in meinem Leben eigentlich lebe und wie sehr ich verletzt werde bzw. verletzt bin. Letztlich glaube ich, wenn wir nicht bereit sind, alles zu fühlen, fühlen wir am Ende gar nichts mehr.

Häufig suchen wir nach Tausend Erklärungen, warum es uns schlecht geht, aber fühlen das eigentliche Problem nicht. Weil wir den Kontakt zu unseren Gefühlen und wahren Bedürfnissen verloren haben. Deswegen möchte ich durch das Aufzeigen meines Weges, auch meines Outings, anderen Menschen Mut machen.

Ich wusste vor einigen Jahren gar nicht, wie tief man lieben kann und was an wunderbaren Begegnungen im Leben möglich ist. Wie das Leben einen beschenken kann. Es ist das Resultat eines sehr langen und steinigen Weges und den Weg muss jeder für sich selbst gehen. Meine Botschaft ist: Es lohnt sich. Mit meiner Lebensgeschichte möchte ich die Sehnsucht wieder in anderen Menschen wecken und zeigen, dass es funktioniert.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Durch Online-Dating-Börsen ist es heute so leicht wie nie, andere Menschen kennenzulernen. Wozu führt diese Fülle an Möglichkeiten und Partner-Optionen? Macht sie uns wirklich glücklicher?

Jakait: Wir leben heute in einer Zeit unendlicher Möglichkeiten. Wir sind ständig unterwegs, weil wir denken, uns entgeht etwas, wenn wir die Möglichkeiten nicht nutzen. Doch es kommt darauf an, eine Entscheidung zu treffen, welche der zahlreichen Optionen ich für mich auswähle. Liebe ist auch eine Entscheidung. Und gegen mehr Möglichkeiten ich diese Entscheidung treffe, umso stärker ist sie.

Wir haben heute natürlich durch die neuen Medien ganz andere Möglichkeiten als früher, Menschen zu finden, die besser zu uns passen. Aber wir müssen auch die große Gefahr sehen, uns darin zu zerstreuen. Je mehr Partner-Möglichkeiten wir haben, umso einsamer scheinen die Menschen zu sein. Auch weil wir dazu neigen, uns ständig selbst und unseren Partner mit anderen zu vergleichen. Sind andere besser als ich? Gibt es nicht noch bessere Partner-Optionen für mich? Hinzu kommt eine zunehmende Bindungsangst.

Es ist wichtig, sich dieser Probleme bewusst zu werden und zu begreifen, dass Liebe wirklich auch immer eine starke Entscheidung für einen bestimmten Menschen ist. Und zu erkennen, dass mir die Liebe all das, was ich selbst in die Beziehung einbringe, auch wieder zurück gibt: Das Vertrauen, die Sicherheit, die Gefühle. Das Zauberwort hierbei heißt aber „Tugend“ –  nur was ich bedingungslos einbringe ist damit gemeint, und nicht als Handelsgut, das etwas zurückerwartet vom Partner. Liebe ist kein Handel.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Viele Menschen sind auf der Suche nach der großen Liebe, finden sich aber in einem immer widerkehrenden Teufelskreis aus tiefster Einsamkeit, hochfliegender Verliebtheit, anschließender Enttäuschung und völliger Verzweiflung wider. Woran liegt das und woran sollten wir arbeiten?

Jakait: Wir sind oft wie ein trockener Schwamm und laufen einsam durch die Welt. Wir haben oft den Kontakt zu unseren Gefühlen verloren. Wenn uns dann plötzlich ein Traumpartner über den Weg läuft und uns zu zwinkert, dann trifft uns das auf der tiefsten Ebene. Wenn ein Tropfen Wasser auf den trockenen Schwamm fällt, explodieren wir förmlich vor Glück.

Dann gehen wir durch die Decke, verrennen uns in eine Beziehung und denken jedes Mal: Das ist die Liebe unseres Lebens! In der ersten Zeit schweben wir in unserer Verliebtheit wie auf Wolken. Die Bewährungsprobe für die Beziehung kommt, wenn sich nach etwa 18 Monaten die sexuelle Anziehungskraft erschöpft.

Dann hinterfragt man, ob es wirklich Liebe ist, oder ob man sich besser trennen sollte. Die Gewöhnung an den anderen und die Angst vor dem Allein-Sein macht es schwierig, die Partnerschaft wieder aufzulösen. Dann hängt man fest, auch wenn es keine wahre Liebe ist. Wer davor bereits drei, vier schmerzhafte Trennungen durchgemacht hat, bleibt irgendwann einfach, auch, wenn es unbefriedigend ist. Oder er bleibt nach solchen Erfahrungen lieber gleich allein.

Aber wir sollten auch versuchen, an so einem Punkt an der Beziehung zu arbeiten. Im Kern sind wir alle unglaublich liebenswerte Wesen. Auch Menschen die im Leben vieles falsch gemacht haben. Je mehr ich eine Beziehung hineingebe, umso mehr gibt sie mir zurück, umso gewisser wird sie für mich. Das ist die Magie der Liebe.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Wieso haben Sie diesen Ratgeber über die Liebe als Mischung aus Sachbuch und autobiografischer Erzählung geschrieben und darin sehr viel Persönliches über sich selbst preisgegeben?

Jakait: In den letzten Jahren hat sich für mich immer mehr die Erkenntnis durchgesetzt, dass Sachbücher in der Reinform nicht funktionieren. Warum ist das so? Wir wissen alle eigentlich schon zu viel. Je klüger wir werden, desto klüger werden auch die Probleme, die wir uns machen. Allein mit dem Verstand können wir unsere Probleme nicht lösen.

Ziel des Buches ist es, den Leser raus aus dem Kopf und hinein in das Gefühl zu bringen. Das kann nur gelingen, wenn der Leser anhand einer authentischen Lebensgeschichte selbst ein bisschen mitfühlt. Es war auch kein leichter Schritt für mich, mich in diesem Buch komplett zu öffnen und mit meinem Outing an die Öffentlichkeit zu gehen. Es war aber wichtig für meine Absicht, den Menschen Mut zu machen.  Und letztlich hilft oft ein: „Hey, die ist ja genau so wie ich … ich bin gar nicht so allein, so doof und so verloren“

Ihr Buch verbinden Sie mit einem mutigen Outing und beschreiben offen und ehrlich Ihren steinigen Weg vom Mann zur Frau. Wie haben Sie diese Veränderung geschafft?

Jakait: Der lange Weg zu mir selbst begann für mich als kleines Kind. Ich bin als Junge auf die Welt gekommen, aber im Alter von etwa fünf Jahren habe ich gespürt, dass ich ein Mädchen sein wollte. So bin ich als Mädchen in die Schule gegangen, bin dafür ausgelacht worden und habe damit dann immer wieder negative bis traumatische Erfahrungen gemacht.

Irgendwann habe ich dann meine Gefühle nicht mehr gelebt. Ich bin ein ziemlich tougher Kerl geworden, der das männliche Rollenbild überkompensiert hat. Schließlich habe ich gemerkt, dass ich immer mehr den Kontakt zu mir selbst verloren habe. Ich bin nicht glücklich geworden. Ich habe viele Ersatzbefriedigungen gesucht, wie Erfolg im Job, Drogen und vieles mehr. Doch das hat alles nicht funktioniert.

In einer sehr großen Sinnkrise habe ich mich mit Anfang 20 dann dazu entschieden, körperlich den Weg zur Frau zu gehen und meine Gefühle so zu leben, wie sie eben nun mal sind. Dieser Weg hat einige Jahre gedauert, begleitet von einer Hormontherapie und sehr vielen Operationen. Schließlich bin ich mit Mitte 20 äußerlich in meinem Wunschgeschlecht angekommen. Ich hatte dann als Frau Beziehungen mit Männern und Frauen – und lebte eigentlich das Leben, wie ich es mir immer gewünscht hatte. Aber trotzdem waren noch viele Probleme da.

Ich musste erst meine extreme Reise antreten – allein im Ruderboot über den Atlantik – um zu erkennen, dass die Probleme nicht weg sind, wenn man seinen Körper ändert. Dass man als Frau genauso seine geschlechtsspezifischen Probleme hat, wie als Mann – nur eben andere. Dann setzte der Prozess ein, meine innere Einstellung zu ändern.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Was kann jeder von uns daraus für seinen eigenen Lebensweg lernen?

Jakait: Ich glaube, dass meine Lebensgeschichte und meine Probleme nur ein Brennglas sind für viele Probleme, die alle Menschen haben. Ich musste dann auf einem längeren Weg bei mir ankommen, so wie ich einfach bin – das war meine zweite Geburt. In dem Körper ankommen, so wie ich jetzt bin, egal, was ich bin. Das ist meine eigentliche Ankunft. Frieden machen mit mir, so wie ich bin, mich schön finden, mich annehmen, so wie ich bin. Nur wenn ich mich selbst liebe, kann ich auch liebe geben – ohne etwas zu fordern. Und ich kann Liebe annehmen von jemand anderen. Wirkliche Liebe funktioniert nur, wenn man mit sich selbst weitgehend im Reinen ist.

Heute möchte nicht mehr in eine Schublade passen. Mir ist egal, was ich bin: Mann, Frau, Schriftstellerin, etc. Ich bin bei mir angekommen, als das, was ich bin. Ich habe viele männliche und weibliche Seiten an mir, ich fühle mich einfach so, wie ich bin und das ist gut so. Das war der eigentliche Weg für mich: Nicht vom Mann zur Frau zu werden, sondern bei mir selbst anzukommen.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder in bestimmte Schubladen passen muss. Und wir versuchen uns auf Biegen und Brechen in diese Schubladen hineinzuzwängen. Doch eigentlich geht es darum, sich jenseits von Normen, Idealen und Stereotypen zu finden und einfach so zu sein, wie man ist. Und merken, dass man viel mehr ist als Schubladen. Dass es eine Schönheit jenseits der Schönheit, einen Erfolg jenseits des Erfolges, eine Liebe jenseits der Liebe gibt.

 

Warum ist es als Voraussetzung einer glücklichen Beziehung so wichtig, mit uns selbst im reinen zu sein? Und wie kann das gelingen?

Jakait: Wir müssen einfach bei uns stehenbleiben, wie wir sind und erkennen, dass uns der Partner nicht erfüllen kann, das ist eine große Illusion. Nur wir selbst können uns erfüllen. Was wir im anderen sehen, sind meist wir selbst. Je mehr wir bei uns selbst ankommen, desto mehr kommen wir auch bei anderen an. Wenn ich das begreife, dann kann ich mir und anderen Menschen anders begegnen.

Wir sollten uns selbst vergeben, dankbar für unser Leben sein, das Staunen wieder entdecken, mehr auf das Gefühl, als auf den Verstand vertrauen. Wenn wir versuchen, all unsere Konflikte einmal loszulassen, sind wir nicht mehr in der Angst, nicht gut genug zu sein oder wieder allein zu sein. In dieser Freiheit können wir im Leben ganz neue Wege gehen.

Dann tauchen plötzlich Menschen auf, die wir vorher nie getroffen hätten. Menschen, die genauso weit mit sich im Frieden sind, mit denen man einen unglaublich tiefen Austausch haben kann. Mit denen eine ganz neue Form von Nähe und Freundschaft entsteht – allein das kann uns schon viel mehr geben, als die meisten Beziehungen. Und irgendwann kommt uns ein Mensch entgegen, der wirklich zu uns passt, mit dem wir eine Partnerschaft leben können.

Wir begegnen uns im anderen immer selbst. Wir müssen uns unseren Krisen und Ängsten stellen. Und der Preis ist es wert. Dafür stelle ich mich heute hin, nachdem ich früher gedacht habe: Ich schaffe es im Leben nicht, ich werde nie wieder lieben können, ich hasse mich abgrundtief, ich habe alles falsch gemacht. So verfahren mein Leben auch gewesen ist – heute kann ich sagen, ich habe alles richtig gemacht. Das möchte ich anderen Menschen zeigen.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Wie können wir mit Irrwegen, Krisen und Enttäuschungen im Liebes-Leben umgehen, ohne daran zu zerbrechen?

Jakait: Das wunderbare Zitat des persischen Mystikers Rumi sagt für mich alles:

Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, treffen wir uns dort.

 

Mit diesem Satz im Hinterkopf gehe ich durchs Leben. Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Ich kann Enttäuschungen nicht aus dem Weg gehen. Die meisten Menschen versuchen sich irgendwie einzumauern, um sich das Gefühl von Sicherheit zu geben. Aber dann passiert wieder ein Schlag. Das Leben lebt sie dann. Wir hoffen und dann werden wir wieder enttäuscht. Aber letztendlich, das ist eine wichtige Erkenntnis, kann es eine gar nicht ohne das andere geben.

Es gibt kein Glück ohne Leid, keine Liebe ohne Schmerz. Ich kann ja nur wissen, was schön ist, wenn ich einmal erfahren habe, was traurig ist. Das Leben ist ein duales Konzept, ich brauche zu allem auch das Gegenteil. Wenn ich das wirkliche Glück erleben will, dann brauche ich auch das Unglück. Wahre Freiheit ist, seinen Frieden mit dem ewigwährenden Entstehen und Vergehen, mit dem Festhalten und Loslassen zu machen. Es betrifft alle und alles und am Ende uns selbst.

Wir können uns auf das Positive und ebenso auf das vermeintlich nicht so Positive einlassen, die Wellen kommen und gehen. Wenn wir als Kind hingefallen sind, dann sind wir wieder aufgestanden und haben weitergespielt, da war das Scheitern gar nicht so schlimm.

Aber im Laufe der Zeit sind wir dann in ein Muster hineingekommen, das uns vorgibt, immer nur oben sein zu müssen und nie scheitern zu dürfen. Aber gerade aus dem Scheitern heraus entsteht der Impuls, wieder aufzustehen und daran zu wachsen. In der Dunkelheit zieht es uns in uns selbst hinein, im Licht zerstreuen wir uns im Außen. Beides hat seine Zeit.

 

Interview mit Janice Jakait: „Liebe oder der Mut, mich hinzugeben, statt mich herzugeben“

 

Inwiefern hilft uns eine positive Einstellung gegenüber dem Scheitern weiter?

Jakait: Wir müssen das Scheitern als Bestandteil des Lebens akzeptieren. Wenn wir Angst davor haben zu scheitern, dann kommen wir auch nicht mehr weiter im Leben. Die Angst vor der Krise ist unberechtigt. Das Scheitern gehört genauso zum Leben dazu, wie die Euphorie. Und genau das zu erkennen, ist für mich wahres Glück, wahre Zufriedenheit, manche sagen, das ist Erleuchtung.

Man steht da wie ein Leuchtturm, sieht das Meer in einer riesigen Flut auf sich zukommen und dann zieht es sich wieder zurück. Das ist das Leben, ein Auf und Ab. Und wer das Auf haben will, muss das Ab mitnehmen. Wer hoch hinaus will, muss das tief hinunter mitnehmen, und wer das nicht will, der bleibt stehen.

Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, werden wir feststellen, dass aus manchen negativen Ereignissen letztendlich positive Dinge in unserem Leben hervorgegangen sind.Gleichzeitig hat sich auch so manches vermeintlich Richtige im Nachhinein als Katastrophe herausgestellt. Wir können nicht sagen, es gibt nur gut und schlecht. Beides gehört zum Leben. Die Veränderung macht das Leben aus.

Ich kann nur allen empfehlen: Stürzt euch ins Leben! Letztendlich werden wir sowieso alle sterben. Wir werden alles verlieren, unseren Besitz und unsere Überzeugungen und Meinungen. Das einzige, das wir mit unserem Leben wirklich machen können, ist es zu leben – die Welt und alle ihre Kreaturen zu erfahren, zu fühlen, mitzufühlen und zu lieben. Am Ende ist das eigene Leben nur die Summe „selbst-bewusster“ Entscheidungen, trotz aller Ängste und Zweifel. Es ist die Erfahrung des eigenen Mutes, und damit die Erfahrung seiner wahren Größe.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen: www.jakait.com
Bilder: Janice Jakait, Scorpio Verlag, Pixabay

 

      

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