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Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

18. Mai 2018 0 comments
Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

Wie kaum ein anderer Wissenschaftler hat sich der Wiener Psychiater Viktor E. Frankl in seinem Forscherleben mit der Frage nach dem Sinn menschlicher Existenz auseinandergesetzt. Ziel seiner Logotherapie, die neben Sigmund Freuds und Alfred Adlers Theorien als „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ gilt, ist es, den Menschen in seiner Sinnfindung zu helfen. Das 1985 veröffentlichte Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ bietet einen tiefen Querschnitt durch das gesamte Werk Frankls. Seine Bücher haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt und bieten Menschen wertvolle Unterstützung bei der Suche nach dem Sinn ihres Lebens. Lesen Sie hier die zentralen Aussagen und Zitate von Viktor Frankl.

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“

Für Viktor Frankl hat das Wissen um eine Lebensaufgabe einen eminent psychotherapeutischen und psychohygienischen Wert: „Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden“. Mit folgendem Nietzsche-Zitat unterstreicht er seine Aussage: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“.

Viktor Frankl weiß aus eigener Lebens-Erfahrung, wovon er spricht. In dem bewegenden Klassiker „… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“, das weltweit über 12 Millionen mal verkauft wurde, schildert er seine eigenen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Die zentrale Botschaft des Buches: Auch noch unter inhumansten Bedingungen ist es möglich, einen Sinn im Leben zu sehen.

 

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Das Gefühl der Sinnlosigkeit in der Überflussgesellschaft

Doch jenseits von existenziellen Krisen und dramatischen Lebenssituationen stellt Viktor Frankl gerade in der Überflussgesellschaft der westlichen Welt ein zunehmend starkes Sinnlosigkeitsgefühl bei vielen Menschen fest, die er als Massenneurose bezeichnet. Der moderne Mensch leidet an einem Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leergefühl einhergeht, mit einem existentiellen Vakuum.

Auf den ersten Blick mag es wie ein Widerspruch klingen, dass Menschen psychisch leiden, obwohl es ihnen von außen betrachtet eigentlich gut gehen sollte. Viktor Frankl macht das in folgenden Zitaten deutlich:

Zur Zeit der Überflussgesellschaft hatten die meisten Leute genug, wovon sie leben konnten. Aber viele Menschen wussten von nichts, wofür sie hätten leben können.

In der „affluent society“ haben weite Bevölkerungsschichten zwar Geldmittel, aber keinen Lebenszweck. Sie haben genug, wovon sie leben können, aber ihr Leben hat kein Wozu, eben keinen Sinn.

Unsere Gesellschaft ist aber auch eine Freizeitgesellschaft, und immer weitere Kreise haben immer mehr Zeit – aber nichts, wofür sie die Zeit sinnvoll aufwenden könnten. So kommt es, dass dem Menschen von heute im Verhältnis zu früheren Zeiten viel Not und Spannung erspart geblieben sind – so dass er schließlich verlernt hat, beides zu ertragen: seine Frustrationstoleranz ist herabgesetzt, er hat verlernt zu verzichten.

Im Gegensatz zum Tier sagt dem Menschen kein Instinkt, was er muss, und im Gegensatz zum Menschen in früheren Zeiten sagt ihm keine Tradition mehr, was er soll – und nun scheint er nicht mehr recht zu wissen, was er eigentlich will. So kommt es denn, dass er entweder nur will, was die anderen tun – und da haben wir den Konformismus –, oder aber er tut nur, was die anderen wollen, von ihm wollen – und da haben wir den Totalitarismus.

Zitate Viktor Frankl

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Dass der Mensch auf der Suche nach dem Sinn unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute frustriert wird, resultiert für Frankl daraus, dass die Wohlstandsgesellschaft praktisch alle Bedürfnisse des Menschen befriedigen kann. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis. Damit meint er das jedem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – „und hinzugehen und ihn zu erfüllen!“

Dafür ist der Mensch auch bereit, zu leiden, wenn es nötig sein sollte. „Umgekehrt aber, wenn er um keinen Sinn des Lebens weiß, dann pfeift er aufs Leben, auch wenn es ihm äußerlich noch so gut gehen mag, und unter Umständen schmeißt er es dann weg“, so Frankl.

Studien: Frustration trotz eines nach außen erfolgreichen Lebens

Diese existentielle Frustration der modernen Gesellschaft untermauert Viktor Frankl mit einer Untersuchung von Rolf von Eckartsberg. Der Wissenschaftler hatte eine Befragung von Absolventen der Harvard University durchgeführt und festgestellt, dass ein erheblicher Prozentsatz dieser Menschen 20 Jahre nach ihrer Graduierung über ein „abgründiges Gefühl letztlicher Sinnlosigkeit“ klagte. Und das obwohl die Befragten inzwischen Karriere gemacht hatten und ein nach außen hin durchaus geordnetes und glückliches Leben führten.

Zudem zitiert Viktor Frankl Statistiken die zeigen, dass unter den amerikanischen Studenten als zweithäufigste Todesursache – nach dem Verkehrsunfall – der Selbstmord rangiert. Dabei ist die Zahl der nicht tödlich ausgegangenen Selbstmordversuche 15 mal höher.

Eine Untersuchung an der Idaho State University ergab, dass 85 % der Studenten, die einen Selbstmordversuch unternommen hatten, in ihrem Leben keinen Sinn mehr sehen konnten. Das Erstaunliche dabei: Von diesen waren 93 % physisch und psychisch gesund, sie lebten in guten wirtschaftlichen Verhältnissen und im besten Einvernehmen mit ihrer Familie, sie waren im gesellschaftlichen Leben aktiv engagiert und konnten auch mit ihren akademischen Fortschritten zufrieden sein.

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Das existenzielles Vakuum

Wie kommt es also zu diesem existentiellen Vakuum mitten in einer Gesellschaft, die kein einziges unter den von Maslow beschriebenen Grundbedürfnissen unbefriedigt lässt? Für Frankl resultiert das daraus, dass die „affluent society“ eben nur Bedürfnisse befriedigt, aber nicht den Willen zum Sinn erfüllt.

Als Beispiel zitiert Viktor Frankl einen Brief, den ihm ein amerikanischer Student geschrieben hat:„Ich bin 22 Jahre alt, besitze einen akademischen Grad, besitze einen luxuriösen Wagen, bin überhaupt finanziell unabhängig, und es steht mir mehr Sex und mehr Prestige zur Verfügung, als ich verkraften kann. Was ich mich frage, ist nur, was das alles für einen Sinn haben soll.“

Die Überflussgesellschaft bringt einen Überfluss an Freizeit mit sich, die zwar Gelegenheit zu sinnvoller Lebensgestaltung böte, in Wirklichkeit aber das existenzielle Vakuum nur noch mehr zutage treten lässt…Und so ist denn auch verständlich, wenn Jerry Mandel sagt: „Die Technik hat uns erspart, all unsere Fähigkeiten für den Kampf ums Dasein einzusetzen. So haben wir einen Wohlfahrtsstaat entwickelt, der garantiert, dass man ohne persönliche Anstrengung am Leben bleiben kann.

Zitat Viktor Frankl

Sonntagsneurose, Pensionierungskrise und Arbeitslosigkeitsneurose

Besonders deutlich wird für Frankl die Sinnlosigkeit in der weit verbreiteten Sonntagsneurose, Pensionierungskrise und in der Arbeitslosigkeitsneurose. Vor allem am Sonntag wenn die wöchentliche Betriebsamkeit zurückgeht, kommt den Menschen das Sinnlosigkeitsgefühl nur um so mehr zum Bewusstsein.

Ein zeigt sich auch in der Pensionierungskrise bei Menschen, die außer ihrer Arbeit kaum einen anderen Lebensinhalt gekannt haben. Entlastet vom Druck beruflicher Verpflichtungen und konfrontiert mit der Leere in sich kann es zu einem psychosomatischen Verfall kommen. Ähnlich verhält es sich mit der Arbeitslosigkeitsneurose. Wenn Menschen ihren Job verlieren, leiden sie nicht nur wirtschaftliche Not, sondern auch seelisch. Ohne Arbeit erscheint ihnen das Leben sinnlos – sie selbst kommen sich nutzlos vor.

 

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Drei Wege zum Sinn

Nach Viktor Frank fällt einem der Sinn nicht einfach von außen zu oder wird einem vorgegeben, sondern jeder Mensch muss seinen eigenen Sinn selbst finden. Doch wie kann das gelingen? Für ihn gibt es drei Hauptstraßen, auf denen sich Sinn finden lässt: Indem der Mensch eine Tat setzt, ein Werk erschafft oder auch dadurch, dass er etwas oder jemanden in seiner ganzen Einmaligkeit und Einzigartigkeit erlebt, also liebt. Sinn und Selbstverwirklichung geschehen für Frankl also entweder im Dienst einer Sache oder in der Liebe zu einer Person.

Im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person erfüllt der Mensch sich selbst. Je mehr er aufgeht in seiner Aufgabe, je mehr er hingegeben ist an seinen Partner, um so mehr ist er Mensch, um so mehr wird er selbst. Sich selbst verwirklichen kann er also eigentlich nur in dem Maße, in dem er sich selbst vergisst, in dem er sich selbst übersieht.

Auf der Suche nach dem Sinn leitet den Menschen das Gewissen. Mit einem Wort, das Gewissen ist ein Sinn-Organ. Es ließe sich definieren als die Fähigkeit, den einmaligen und einzigartigen Sinn, der in jeder Situation verborgen ist, aufzuspüren.

Zitate Viktor Frankl

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Selbstverwirklichung: Die Qual der Wahl der Möglichkeiten und der Druck der Zeit

Doch die Selbstverwirklichung als ein wichtiger Teil der Sinnfindung ist alles andere als einfach. Dazu zitiert Viktor Frankl Charlotte Bühler: „Es klingt so einfach, als wäre es selbstverständlich, wenn davon gesprochen wird, ‚Jeder von uns werde nur, was er eigentlich ist‘ “.

Schließlich unterliegen wir der Qual der Wahl erst noch zu entscheiden, welche Möglichkeiten wir verwerfen und welche wir realisieren sollen. Außerdem kommt zur Qual der Wahl, vor die jede Entscheidung über Möglichkeiten gestellt wird, noch der Druck der Zeit hinzu.

Geht es in seinem Dasein wirklich darum, die im Menschen selbst liegenden Möglichkeiten zu verwirklichen, also nicht darum: nämlich die in der Welt liegenden, in der Welt harrenden, dort auf den Menschen, auf ihr Erfülltwerden durch ihn wartenden Sinn-Möglichkeiten zu verwirklichen?

Jede Todesangst ist eigentlich so etwas wie eine negative Gewissensangst – die sich weniger auf irgendwelche Taten und Handlungen bezieht als vielmehr auf all die verpassten Chancen und die Gelegenheiten, die da einer versäumt haben mag im Leben.

Zitate Viktor Frankl

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Sinn erkennen im Leiden und Überlebenswille in hoffnungslosen Situationen

Wie wichtig ein Wille zum Sinn gerade in den Grenzsituationen des menschlichen Lebens sein kann, geht aus den Erfahrungen hervor, die in Kriegsgefangenenlagern gemacht wurden, sagt Viktor Frankl. Eine Reihe von Psychiatern konnte feststellen, dass jene Kriegsgefangenen noch am ehesten eine Chance hatten zu überleben, die auf einen Sinn ausgerichtet waren, dem sie sich verpflichtet hatten. Es war der Wille zum Sinn, der sie letzten Endes am Leben erhalten hatte, so Frankl.

Gerade dort, wo wir eine Situation nicht ändern können, gerade dort ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern, nämlich zu reifen, zu wachsen, über uns selbst hinauszuwachsen! Und das ist bis in den Tod möglich.

Im Erfüllen von Sinn verwirklicht der Mensch sich selbst. Erfüllen wir nun den Sinn von Leiden, so verwirklichen wir das Menschlichste im Menschen, wir reifen, wir wachsen, wir wachsen über uns selbst hinaus. Gerade dort, wo wir insofern hilflos und hoffnungslos sind, als wir eine Situation nicht ändern können – gerade dort sind wir aufgerufen und ist uns abverlangt, uns selbst zu ändern.

Es gibt keine Lebenssituation, die wirklich sinnlos wäre. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die scheinbar negativen Seiten der menschlichen Existenz, insbesondere jene tragische Trias, zu der sich Leid, Schuld und Tod zusammenfügen, auch in etwas Positives, in eine Leistung gestaltet werden können, wenn ihnen nur mit der rechten Haltung und Einstellung begegnet wird.

Zitate Viktor Frankl

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Sinn und Glück

Je mehr er nach Glück jagt, um so mehr verjagt er es auch schon. Um dies zu verstehen, brauchen wir nur das Vorurteil zu überwinden, dass der Mensch im Grund darauf aus sei, glücklich zu sein; was er in Wirklichkeit will, ist nämlich, einen Grund dazu zu haben. Und hat er einmal einen Grund dazu, dann stellt sich das Glücksgefühl von selbst ein. In dem Maße hingegen, in dem er das Glücksgefühl direkt anpeilt, verliert er den Grund, den er dazu haben mag, aus den Augen, und das Glücksgefühl selbst sackt in sich zusammen. Mit anderen Worten, Glück muss er-folgen und kann nicht er-zielt werden.“

Wovon der Mensch zutiefst und zuletzt durchdrungen ist, ist weder der Wille zur Macht, noch ein Wille zur Lust, sondern ein Wille zum Sinn.

Zitate Viktor Frankl

 

Klassiker von Viktor Frankl: „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

 

Fazit: Viktor Frankl, „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“

Wer sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt, kommt an Viktor Frankl nicht vorbei. Das Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ ist äußerst empfehlenswert, ein Muss für alle Sinnsucher und hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Seinen eigenen Zweck der Existenz sieht Frankl so: „Ich habe den Sinn meines Lebens darin gesehen, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu finden.“

 

Bilder: Pixabay, Unsplash, Amazon

 

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