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Klassiker von Viktor Frankl: „… trotzdem Ja zum Leben sagen“

1. Dezember 2017 0 comments
Klassiker von Viktor Frankl: „... trotzdem Ja zum Leben sagen“

Wer sich mit dem Sinn des Lebens beschäftigt, kommt an Viktor Frankl nicht vorbei. In dem bewegenden Klassiker „… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ schildert er seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg. Die zentrale Botschaft des Buches: Auch noch unter inhumansten Bedingungen ist es möglich, einen Sinn im Leben zu sehen. „Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden“, sagt Viktor Frankl. Als Wissenschaftler und Psychologe hat er die Sinnfrage in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt. Seine Logotherapie gilt neben Sigmund Freuds und Alfred Adlers Theorien als „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“. Lesen Sie die wichtigsten Kernaussagen und Zitate.

Die Sinnfrage als brennendstes Problem von heute

Bis heute hat das 1946 veröffentlichte Werk nichts an Aktualität verloren: „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ (englischer Titel: „Man’s Search For Meaning“) wurde in 26 Sprachen übersetzt und weltweit über 12 Millionen mal verkauft. Bei einem Vortrag im Jahr 1976 lieferte er die Antwort auf die Frage, warum sich sein Buch auch 30 Jahre später noch so gut verkauft:

„Weil es sich genau mit dem auseinandersetzt, was den Menschen von heute so sehr unter den Fingernägeln brennt, und das ist das Leiden am sinnlosen Leben…Inzwischen ist die Sinnfrage zum brennendsten Problem von heute geworden, vor allem für junge Leute unter 30 Jahren“, so Frankl.

 

Buchcover trotzdem Ja zum Leben sagen von Viktor E Frankl   Es kommt der Tag da bist du frei von Viktor E Frankl

Es ist möglich, auch noch unter inhumansten Bedingungen einen Sinn im Leben zu sehen

In seinem Buch beschreibt der jüdische Psychologe und Wissenschaftler Viktor Frankl seine Erlebnisse und Erfahrungen in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz und Türkheim.

Die Gedanken der Häftlinge kreisten um die Frage: Werden wir das Lager überleben? Wenn nicht, dann hätte all das Leiden, dass sie durchmachen mussten, schließlich keinen Sinn. Und so schwand bei vielen Menschen der Wille zum Überleben, bis sie Hunger, Kälte, Krankheit und Misshandlungen keine Kraft mehr entgegensetzen konnten oder sie den einzigen Ausweg aus dem Leiden im Selbstmord sahen.

Das zentrale Erlebnis im Konzentrationslager war für Frankl jedoch die Erfahrung, dass es möglich ist, auch noch unter inhumansten Bedingungen einen Sinn im Leben zu sehen. So beschreibt er, dass diejenigen Häftlinge eine bessere Chance hatten, zu überleben, die jemanden hatten, der auf sie wartet: Die Familie, ein geliebtes Kind, einen Partner oder eine wichtige Aufgabe. Wenn sie einen Sinn oder ein Ziel hatten, das ihnen die Kraft zum Weiterleben gab.

Zitat Viktor Frankl:

„Jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeden einzelnen Menschen auszeichnet und jedem einzelnen Dasein erst Sinn verleiht, kommt also sowohl in Bezug auf ein Werk oder eine schöpferische Leistung zur Geltung, als auch in Bezug auf einen andern Menschen und dessen Liebe.

Diese Unvertretbarkeit und Unersetzlichkeit jeder einzelnen Person ist jedoch das, was – zu Bewusstsein gebracht – die Verantwortung, die der Mensch für sein Leben und Weiterleben trägt, so recht in ihrer ganzen Größe aufleuchten lässt.“

Für Frankl selbst war es die Vorstellung, dass er in der Zukunft Vorlesungen über die Auswirkungen des Lagers auf die Psyche halten wird, die ihm die entscheidende Kraft zum Überleben gab. Er dachte nicht daran, trotz allem Schrecken und Leid die Hoffnung aufzugeben und die Flinte ins Korn zu werfen. Denn kein Mensch wisse die Zukunft, kein Mensch wisse, was ihm vielleicht schon die nächste Stunde bringe.

 

Klassiker von Viktor Frankl: „... trotzdem Ja zum Leben sagen“

Seelische Reaktionen der Häftlinge: Die drei Phasen des Lagerlebens

Die seelischen Reaktionen der Häftlinge auf die Extremsituation des Lagerlebens hat Frankl in drei Phasen eingeteilt.

1. Phase: Aufnahme ins Lager

Die erste Phase beschreibt die Ankunft im Bahnhof Auschwitz, die Aufnahme im Lager mit der ersten Selektion, die Desinfektion und die ersten Reaktionen der Mitgefangenen. Das anfängliche Schockstadium wich bald dem Erkennen der Ausweglosigkeit der Situation, angesichts der allgegenwärtigen Todesgefahr. Die Illusion auf eine mögliche Rettung ging verloren, der Gedanke an Selbstmord als einziger Ausweg kam auf.

2. Phase: Das Lagerleben

Die zweite Phase des Lagerlebens führte aufgrund körperlicher und seelischer Qualen, Zwangsarbeit, Hunger, Misshandlungen, Erniedrigung, Grausamkeit, Folter und Tötung von Lagerinsassen bei den Häftlingen zu Apathie, Abstumpfung und Gleichgültigkeit. Der Tod von Mitgefangenen löste bald kaum noch Gefühlsreaktionen aus.

3. Phase: Die Befreiung

Die dritte Phase beschreibt die Zeit nach der Befreiung des Lagers, die die Häftlinge zunächst als irreal, unwahrscheinlich und traumhaft erlebten. Die Lagerinsassen konnten sich über die jahrelang ersehnte Freiheit nicht mehr freuen und kamen nicht mit ihr zurecht, weil sie sie nicht wahrhaben konnten. Dies führte zu einer ausgeprägten Depersonalisation.

 

Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

Um die Menschen im Konzentrationslager innerlich wieder aufzurichten, musste es gelingen, sie auf ein Ziel in der Zukunft hin auszurichten, schreibt Frankl, entsprechend der Devise von Friedrich Nietzsche: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

Zitat Viktor Frankl:

„Man musste also den Lagerinsassen das ‚Warum‘ ihres Lebens, ihr Lebensziel, bewusst machen, um so zu erreichen, dass sie auch dem furchtbaren ‚Wie‘ des gegenwärtigen Daseins, den Schrecken des Lagerlebens, innerlich gewachsen waren und standhalten konnten“

Umgekehrt: wehe dem, der kein Lebensziel mehr vor sich sah, der keinen Lebensinhalt mehr hatte, in seinem Leben keinen Zweck erblickte, dem der Sinn seines Daseins entschwand – und damit jedweder Sinn eines Durchhaltens. Solche Leute, die auf diese Weise völlig haltlos geworden waren, ließen sich alsbald fallen.“

„Ich hab ja vom Leben nichts mehr zu erwarten“

Die typische Redewendung, mit der diese Menschen allen aufmunternden Argumenten entgegentraten und jeglichen Zuspruch ablehnten, lautete immer: „Ich hab ja vom Leben nichts mehr zu erwarten.“ Was sollte Frankl dem nun entgegenstellen?

Schließlich gab er der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens eine neue Wendung: „Es kommt nicht darauf an, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, sondern vielmehr darauf: was das Leben von uns erwartet! Wir müssen uns den Fragen stellen, die das Leben täglich und stündlich an uns stellt, und die wir nicht durch ein Grübeln oder Reden zu beantworten haben, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten.“

Zitat Viktor Frankl:

„Leben heißt letztlich eben nichts anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.

Diese Forderung, und mit ihr der Sinn des Daseins, wechselt von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick…Kein Mensch und kein Schicksal lässt sich mit einem andern vergleichen; keine Situation wiederholt sich. Und in jeder Situation ist der Mensch zu anderem Verhalten aufgerufen.

Bald verlangt seine konkrete Situation von ihm, dass er handle, sein Schicksal also tätig zu gestalten versuche, bald wieder, dass er von einer Gelegenheit Gebrauch mache, erlebend (etwa genießend) Wertmöglichkeiten zu verwirklichen, bald wieder, dass er das Schicksal eben schlicht auf sich nehme.

Immer aber ist jede Situation ausgezeichnet durch jene Einmaligkeit und Einzigartigkeit, die jeweils nur eine, eine einzige, eben die richtige ‚Antwort‘ auf die Frage zulässt, die in der konkreten Situation enthalten ist.“

 

 

Der Sinn und das Leiden:  „… trotzdem Ja zum Leben sagen“

Doch welchen Sinn kann man einem Leben, das geprägt ist von unermesslichem Leid abgewinnen? Auch darauf fand Frankl eine Antwort.

Zitat Viktor Frankl:

„Sofern nun das konkrete Schicksal dem Menschen ein Leid auferlegt, wird er auch in diesem Leid eine Aufgabe, und ebenfalls eine ganz einmalige Aufgabe, sehen müssen. Der Mensch muss sich auch dem Leid gegenüber zu dem Bewusstsein durchringen, dass er mit diesem leidvollen Schicksal sozusagen im ganzen Kosmos einmalig und einzigartig dasteht.

Niemand kann es ihm abnehmen, niemand kann an seiner Stelle dieses Leid durchleiden. Darin aber, wie er selbst, der von diesem Schicksal Betroffene, dieses Leid trägt, darin liegt auch die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung.

„Für uns im Konzentrationslager war dies alles nichts weniger als lebensfremde Spekulation. Für uns waren solche Gedanken das einzige, was uns noch helfen konnte! Denn diese Gedanken waren es, die uns auch dann nicht verzweifeln ließen, wenn wir keine Chance mehr sahen, mit dem Leben davonzukommen.

Denn uns ging es längst nicht mehr um die Frage nach dem Sinn des Lebens, wie sie oft in Naivität gestellt wird und nichts weiter meint als die Verwirklichung irgendeines Zieles dadurch, dass wir schaffend etwas hervorbringen. Uns ging es um den Sinn des Lebens als jener Totalität, die auch noch den Tod mit einbegreift und so nicht nur den Sinn von ‚Leben‘ gewährleistet, sondern auch den Sinn von Leiden und Sterben: um diesen Sinn haben wir gerungen!“

 

Viktor Frankl: Versöhnung statt Rache und Vergeltung

Besonders bemerkenswert ist, dass Viktor Frankl trotz all der schrecklichen Erfahrungen, die er in den Konzentrationslagern erleben musste, auf Versöhnung statt auf Vergeltung setzt.

„Viktor Frankl hat gelebt, was er lehrt“, schreibt Hans Weigel im Vorwort zu „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. „Er kam aus der Hölle zurück in seine Vaterstadt, er hatte seine Eltern, seinen Bruder, seine Frau, er hatte alles verloren – doch er war frei von allen Impulsen der Rache, der Vergeltung. Nur ganz wenige, die aus den Lagern, aus dem Exil zurückkamen, waren wie er

… Er leugnete, von Anfang an, die Kollektivschuld, er betonte immer wieder die positiven Ausnahmen von der unmenschlichen Regel. Er sah das Gute, das ihm und manchem seinesgleichen geschehen war, und überwand dadurch das vielfache Böse“, erklärt Weigel. Viktor Frankl selbst schreibt folgendes über seine Erfahrungen:

Zitat Viktor Frankl:

„Aus all dem können wir lernen: es gibt auf Erden zwei Menschenrassen, aber auch nur diese beiden: die „Rasse“ der anständigen Menschen und die der unanständigen Menschen. Und beide „Rassen“ sind allgemein verbreitet: in alle Gruppen dringen sie ein und sickern sie durch; keine Gruppe besteht ausschließlich aus anständigen und ausschließlich aus unanständigen Menschen, in diesem Sinne ist also keine Gruppe „rassenrein“ – nun, und so gab es den einen oder andern anständigen Kerl eben auch unter der Wachmannschaft!“

„Wer von denen, die das Konzentrationslager erlebt haben, wüsste nicht von jenen Menschengestalten zu erzählen, die da über die Appellplätze oder durch die Baracken des Lagers gewandelt sind, hier ein gutes Wort, dort den letzten Bissen Brot spendend? Und mögen es auch nur wenige gewesen sein – sie haben Beweiskraft dafür, dass man dem Menschen im Konzentrationslager alles nehmen kann, nur nicht: die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen.“

 

Viktor Frankl

 

Fazit: Sehr empfehlenswerter Klassiker

Das bewegende Buch „… trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ von Viktor Frankl ist ein zeitloser Klassiker zum Thema Sinn des Lebens. Zweifelsohne ist es auch heute noch aktueller denn je und absolut lesenswert. Es macht deutlich, wie wichtig für jeden einzelnen ein echter Sinn im Leben ist, ein ‚Warum‘, das einem Kraft zum Weitermachen gibt. Und es zeigt, dass es auch in hoffnungslosesten Situationen möglich ist, einen Sinn im Leben zu finden.

Der renommierte und weltbekannte österreichische Wissenschaftler Viktor Frank hat die Sinnfrage auch in den Mittelpunkt der von ihm ins Leben gerufenen Logotherapie gestellt, die neben Sigmund Freuds und Alfred Adlers Theorien als „Dritte Wiener Schule der Psychotherapie“ gilt.

Viktor Frankl war Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien und lehrte u.a. auch an der International University in Kalifornien, an der Harvard University sowie an der Stanford University. Neben seinem Klassiker „… trotzdem Ja zum Leben sagen“ hat er zahlreiche weitere Bücher geschrieben. Viktor Frankl starb 1997 im Alter von 92 Jahren.

Weitere Informationen unter: www.franklzentrum.org
Bilder: Pixabay / Random House / Wikimedia Commons

 

      

 

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