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Interview mit Robert Betz: „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“

14. Juni 2018 0 comments
Interview mit Robert Betz: „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“

Wir alle kennen Menschen, die Ärger, Wut und Hilflosigkeit in uns auslösen: Der Chef, die Kollegen oder sogar der Partner, Freunde oder die eigenen Kinder. In seinem aktuellen Buch „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“ zeigt Bestseller-Autor Robert Betz, wie wir mit diesen „Arsch-Engeln“ (alias „Knöpfe-Drückern“) ins Reine kommen können. Denn eigentlich sind sie unsere wichtigsten Helfer: Durch ihr Verhalten führen sie uns den eigenen inneren Unfrieden vor Augen, der die Konflikte im Außen verursacht. Im Interview erklärt Robert Betz, wie wir die wahren Ursachen von Konflikten entschlüsseln, negative Gefühle auflösen und Frieden schließen können – mit uns selbst und den Menschen um uns.

Herr Betz, im Mittelpunkt Ihres aktuellen Buches steht der richtige oder bessere Umgang mit den sogenannten „Arsch-Engeln“. Was oder wer steckt dahinter?

Betz: Es ist mir ein großes Anliegen zu zeigen, was die wahren Ursachen von Ärger, Streit und Unfrieden sind, egal ob im privaten oder beruflichen Bereich. Jeder kennt Menschen in seinem Umfeld, die ihn aufregen, ärgern oder bis zur Weißglut treiben. Ich nenne diese Menschen in meinem Buch „Arsch-Engel“.

Wie komme ich auf diesen doppeldeutigen Begriff? Weil wir einen Menschen, der in uns Gefühle wie Ärger, Wut, Hass, Ohnmacht, Neid oder Eifersucht auslöst, für einen Idioten halten, während er gleichzeitig ein Engel ist, der uns unbewusst etwas aufzeigen will. Diese Menschen sind wichtig für unser Leben, weil wir durch sie aufwachen, uns selbst erkennen und wachsen können.

Das heißt: Diese Menschen sind zwar die Auslöser unserer negativen Gefühle, nicht aber die Ursachen dafür. In Wahrheit sind wir es selbst, die unsere Lebenswirklichkeit täglich erschaffen. Wir müssen lernen, vom vermeintlichen Opfer unserer Mitmenschen und der Umstände zum bewussten Gestalter und Schöpfer unseres Lebens zu werden.

 

 

Was sind Ihrer Meinung nach die wahren Ursachen für unseren Unfrieden mit uns selbst und anderen?

Betz: Die Ursachen fast aller Konflikte liegen in der Kindheit, in der unser Bewusstsein – oder besser „Unbewusstsein“ –, unsere Art zu sprechen, zu denken und zu handeln sowie der Umgang mit uns selbst und anderen geprägt wurde. Diese Muster haben wir tief in uns abgespeichert und sie werden von äußeren Auslösern immer wieder aktiviert.

Die Kindheit ist gekennzeichnet durch ein starkes Macht-/Ohnmacht-Gefälle. Das heißt, jedes Kind ist von Vater und Mutter in vierfacher Hinsicht abhängig: körperlich, emotional, mental und finanziell. Als Kind müssen wir uns mit Vater und Mutter, mit Bruder und Schwester verstricken. Kinder sind komplett von der Aufmerksamkeit der Eltern abhängig. Sie brauchen diese Aufmerksamkeit, egal ob in positiver Form wie Liebe und Wertschätzung oder in negativer Form wie Bestrafung und Kritik.

Und um die knappen Güter Aufmerksamkeit und Liebe muss jedes Kind mit seinen Geschwistern in hohem Maße konkurrieren. Wenn es keine Geschwister gibt, dann wird die Lage noch prekärer. Das gleiche gilt bei alleinerziehenden Vätern oder Müttern, dann ist das Kind komplett von einer Haupt-Bezugsperson abhängig – und das verstärkt wieder die Verstrickung.

In diesen Verstrickungszeiten der Kindheit lernen wir grundlegende, tiefe Denk- und Verhaltensweisen uns und anderen gegenüber. Darunter sind viele Dinge, die wir unser Leben lang mit uns herumtragen und die uns später im Erwachsenenalter nicht mehr gut tun. Und daraus entstehen dann im Laufe der Zeit viele Konflikte. Ich nenne sie die „alten Schuhe“.

 

 

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Was sind die häufigsten negativen Denkweisen oder „alten Schuhe“ aus der Kindheit, die uns als Erwachsene immer noch das Leben schwer machen?

Betz: In meinem Buch „Raus aus den alten Schuhen – So gibst Du Deinem Leben eine neue Richtung“ habe ich 16 alte Schuhe aufgezählt – festgefahrene Muster, Programme und Gewohnheiten aus Kindheitstagen, die die meisten Menschen von den Generationen vor ihnen übernommen haben und immer noch mit sich herumtragen.

Hier die vier wichtigsten 4 „alten Schuhe“ in unserem Denken und Verhalten:

  • 1. „Ich brauche die Liebe eines anderen Menschen – ohne die kann ich nicht leben.“ Das trifft für das Kind zu, für den Erwachsenen aber nicht. Es ist das innere Kind in uns, das das glaubt.
  • 2. „Ich kann nicht ‚nein‘ sagen.“ Ein Kind lernt in der Regel nicht, gegenüber Vater und Mutter „nein“ zu sagen.
  • 3. „Ich muss die Erwartungen anderer erfüllen.“
  • 4. „Ich muss mir Liebe durch Leistung verdienen. Ich bin so wie ich bin nicht liebenswert.“

Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche weitere falsche Vorstellungen aus Kindheitstagen, die wir mit uns herumtragen: Keine Zeit zu haben, Anstrengung und Schwere zu leben, das Opfer zu spielen, sich Sorgen zu machen, sich selbst und andere zu verurteilen, sich ärgern und Wut ansammeln, immer perfekt sein zu wollen, sich immer auf das Negative zu konzentrieren, sich mit anderen zu vergleichen, an der Vergangenheit festzuhalten und vieles mehr.

Mit all diesen Glaubenssätzen und Verstrickungen mit den Eltern gehen wir dann ins Erwachsenleben in der Hoffnung, es im Leben zu schaffen und es zu etwas zu bringen: Geld zu verdienen, eine Familie zu gründen und erfolgreich und es in den Augen der anderen zu etwas zu bringen.

Viele Menschen scheitern jedoch daran, wirklich glücklich zu sein, auch trotz vermeintlicher äußerer Erfolge. Denn kaum einer hat sich jemals bewusst dafür entschieden, ein glückliches Leben zu führen. Vielen Menschen wird das erst auf dem Sterbebett bewusst. Viele denken, das Glück fällt zufällig vom Himmel, wie ein Lotteriegewinn. Aber wir müssen für uns bewusst die Entscheidung treffen, ein glückliches Leben zu führen. Wer sich bisher nicht bewusst dafür entschieden hat, der hat – unbewusst – die gegenteilige Entscheidung getroffen.

Und da unsere Eltern meist selbst nicht glücklich waren, konnten Sie uns auch nicht vorleben, wie man glücklich wird. Wenn die Eltern nicht glücklich waren, entwickelt das Kind unbewusst oft sogar folgenden Glaubenssatz: „Ich darf nicht glücklicher werden als meine Eltern“, denn das würde das Kind als Loyalitätsbruch empfinden.

Die Eltern sagen zwar: „Ihr sollt es einmal besser haben als wir“, aber das Kind fühlt sich schuldig, weil die Eltern so viel für es getan haben. Wenn es den Eltern nicht gut geht, denken die Kinder unbewusst: „Wenn ich nicht wäre, dann ginge es ihnen besser“. Sie laden sich Schuld auf, leiden mit und werden oft zu Helfern und Rettern.

 

Vater, Sohn, Strand

 

Welche Rolle spielen dabei starke, unterdrückte Gefühle, die wir seit Kindheitstagen mit uns herumtragen?

Betz: Diese Gefühle spielen eine entscheidende Rolle. In unseren ersten sechs Lebensjahren produzieren wir Gedanken wie:

  • Ich bin nicht gut genug!
  • Ich habe Fehler gemacht!
  • Ich muss aufpassen dass…!
  • Ich muss besser werden!
  • Ich muss es anderen Recht machen!

Diese Gedanken führen zu starken negativen Emotionen wie Angst, Ärger, Wut, Scham, Kleinheit, Schuld, einem schlechten Gewissen, Neid, Eifersucht, Trauer, Einsamkeit und vielen anderen Gefühlen. All diese Gefühle produzieren wir schon als Kind – als Schöpfer in Abhängigkeit –, bekommen dann aber keine Anleitung, wie wir mit diesen Gefühlen umgehen sollen. Also unterdrücken, verdrängen und verleugnen wir sie. Wir tun nach außen so, als ob es uns gut geht. Aber in uns sieht es anders aus.

Wenn ich dann mit diesen unterdrückten Gefühlen in die Welt gehe, habe ich an mir 9 Knöpfe installiert. Angst ist der größte Knopf, gefolgt von Ärger, Wut, Scham, Neid, Eifersucht, Trauer, Einsamkeit und Ohnmacht – dem Gefühl, keine Wahl zu haben.

Diese Gefühle haben wir in unserem Energiekörper unterdrückt und verdrängt. Doch all das, was wir verdrängt und verleugnet haben, kommt wieder an die Oberfläche, denn Emotionen wollen fließen. Und jeder riecht das, wie viel Angst, Wut, Kleinheit oder sonst etwas in uns ist.

Schließlich treffen wir immer wieder auf Menschen, die unsere „Gefühlsknöpfe drücken“ und diese negativen Emotionen wieder ins uns hervorrufen. Doch sie sind nur Auslöser, nicht die Ursache für die Konflikte. Wie wir über uns denken, so behandeln uns die anderen.

 

negative Verhaltensmuster in konfliktreichen Partnerschaften, Ehen und Beziehungen

 

Was sind in diesem Kontext typische negative Verhaltensmuster in konfliktreichen Partnerschaften, Ehen und Beziehungen?

Betz: Jeder Mensch geht mit der Hoffnung des kleinen Kindes in eine Partnerschaft, „der andere möge mich glücklich machen“. Das ist einer der großen Irrtümer, mit denen wir in die Welt gehen. Deswegen müssen wir enttäuscht werden. Dahinter steckt der Gedanke des Kindes: „Mama, Papa, macht mich glücklich“. Dieses Bewusstsein des Kindes ist in allen Männern und Frauen immer noch vorhanden. So rennen viele in ihren Partnerschaften mit dem Kopf gegen die Wand, werden enttäuscht, verlassen, bis sie sich irgendwann fragen: Könnte das auch etwas mit mir zu tun haben?

Dahinter stecken häufig starke Ängste, wie die vor dem Verlassen werden, die wie ein Magnetismus in uns wirken. Wenn ich vor etwas sehr stark Angst habe, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das eintritt. In meinem Geist ist das, wovor ich Angst habe, schon geschehen. Unwahre, aber starke Gedanken über uns selbst, wie „ich bin nicht liebenswert, attraktiv, sportlich oder gut genug“, kreieren unsere Gefühle, die wir permanent mit uns herumtragen und uns in immer wieder in Konflikte hineinführen.

Wir übertragen unbewusst die Wünsche unseres inneren Kindes auf den Partner und sagen: „Mach mich glücklich!“ Aber das kann der Partner gar nicht, denn auch in ihm steckt noch ein kleines Kind, das sagt: „Mach Du mich doch glücklich!“ Wenn der Partner dann sagt „ich liebe dich nicht mehr“ oder „ich verlasse Dich“, dann ist das Drama da. Das Kind in uns ist enttäuscht, dass seine Hoffnung nicht erfüllt wurde. Der „Arschengel“ Partner, der geht, ist der Auslöser für das Gefühl von Enttäuschung, Verzweiflung und Angst – aber nicht der Verursacher. Das ist sehr wichtig. Der „Arsch-Engel“ ist der Knöpfe-Drücker, er drückt die Knöpfe in uns durch sein Verhalten, und holt dadurch ein Gefühl in mir hoch, das schon lange in mir war.

Jedem Mann oder jeder Frau, die darüber klagen, dass sie verlassen wurden, stelle ich die Frage: „Wie oft hast Du Dich selbst schon verlassen? Wie oft hast Du Dein Herz verraten? Etwas getan, dass Du eigentlich nicht wolltest?“ Das tun Millionen Menschen. Sich selbst untreu sein. Das spiegelt sich dann in Konflikten mit anderen Menschen wider, in verschiedensten Bereichen.

 

Interview mit Robert Betz: „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“

 

Welche „Arschengel“ tauchen häufig in unserem beruflichen Umfeld auf – seien es Vorgesetzte, Kollegen oder Mitarbeiter – und wie können wir mit diesen besser umgehen?

Betz: Die „Arschengel“, die uns im Beruf begegnen sind unsere Kollegen und Vorgesetzten. Vor allem die Führungskräfte und Manager gelten oft als die Idioten des Landes, „sie sind alle doof“, heißt es oft. Hier haben wir die direkte Übertragung vom Vater oder von der Mutter, den ersten Chefs, Sheriffs und Richtern unserer Kindheit. Solange wir das innere Kind in uns nicht befreit und ganz bewusst Frieden gemacht haben mit den Verstrickungen mit Vater und Mutter aus der Kindheit, bleiben ständig neue Konflikte vorprogrammiert.

Dahinter steht unbewusst die tiefe Sehnsucht der Söhne und Töchter nach der Anerkennung vom Papa. Doch bisher hatten die meisten Männer und Väter häufig ihr Herz verschlossen, ihre Gefühle auszudrücken. „Ich bin stolz auf Dich, ich liebe Dich, Du machst das schon!“, diese Anerkennung wünschen wir uns alle von unseren Eltern.

Jetzt starten wir ins Berufsleben, marschieren in eine Firma und bekommen unseren ersten Chef. Was wollen wir haben? Anerkennung, Anerkennung und nochmals Anerkennung! Wir denken: „Chef, sieh meine Leistung, erkenne mich an, lobe mich!“ Das Gefühl der Mitarbeiter für Gerechtigkeit ist extrem wichtig. Wir brauchen die Wertschätzung aller Mitarbeiter, keine Zweiteilung der Belegschaft.

Dass die Vorgesetzen nicht loben können, ist eine der größten Herausforderungen in Unternehmen. Meistens steckt dahinter ein Vater- oder Mutter-Problem. Solange ich mit meinem Vater oder meiner Mutter der Kindheit nicht in Frieden und in Freiheit, das heißt „entstrickt“ bin, laufe ich hohe Gefahr, mit Chefs, Vorgesetzten in Konflikte zu geraten. Das betrifft nicht nur die Hierarchie in Unternehmen, darüber kommt Vater Staat. Der große Vorwurf lautet heute in der Gesellschaft: „Die da oben machen alles schlecht“. Das sind klassische Eltern-Themen.

Doch auch auf der horizontalen Ebene in Unternehmen gibt es Konflikte. In der Beziehung zu Kollegen spiegeln sich die Geschwister-Themen wider, also Probleme mit Gleichaltrigen aus Kindheit und Jugend. Die Geschwister wurden immer verglichen: „Schau mal, Deine Schwester schreibt bessere Noten als Du, streng Dich mal an!“ Dieselben Muster spiegeln sich bei den Kollegen wider.

Wir wollen erfolgreich sein, sind fleißig und strengen uns an. Gleichzeitig behandeln wir uns selber schlecht, überarbeiten und überfordern uns, rutschen in den Burn-out. Das ist der Grundmechanismus für Unfrieden, mit mir, mit den Mitmenschen, besonders aber mit den Ur-„Arschengeln“, wie ich sie nenne, Mutter, Vater, Bruder und Schwester. Da wird die Grundlage gelegt.

Im Vergleich zu früher sind immer mehr Unternehmen bereit, sich für diese Themen zu öffnen. Ein Leuchtturmbeispiel für den Kulturwandel in der Arbeitswelt ist in dem Kinofilm „Die stille Revolution“ zu sehen. Bodo Janssen gibt Antworten auf diese Fragen und weitere tiefe Einblicke auf einer Reise, die zukunftsorientierte Unternehmen nun nach und nach antreten.

Der Dokumentarfilm zeigt am Beispiel der Upstalsboom Hotel + Freizeit GmbH & Co. KG, einem der führenden Ferienanbieter an Nord- und Ostsee, wie der Wandel von der Ressourcenausnutzung hin zur Potentialentfaltung gelingen kann. Am Anfang des Filmes sagt Geschäftsführer Bodo Janssen noch, sein oberstes Ziel sei es, die Firma profitabler zu machen. Am Ende lautet seine größte Maxime: seine Mitarbeiter glücklich zu machen. Das ist sensationell!

Er hat einen radikalen Wandel der Unternehmenskultur vollzogen, die Mitarbeiter glücklich gemacht und gleichzeitig den Umsatz verdoppelt. Das macht deutlich: Glückliche Mitarbeiter sind extrem wichtig für Umsatz und Gewinn. Die Chefs wünschen sich meist, dass der Mitarbeiter so arbeitet, als wäre es seine eigene Firma. Ein Unternehmer kann das nicht von jedem erwarten, aber er kann viel dafür tun. Und: Er muss bei jedem Veränderungsprozess zuerst bei sich selbst anfangen.

 

Teamwork, Business

 

Warum sind viele Menschen heute eigentlich so unzufrieden, obwohl es uns materiell so gut geht? Warum bringt es nichts, sich ständig über die Umstände zu beklagen?

Betz: Wir suchen uns ja ständig andere Menschen oder Umstände, die Schuld sind an unserem eigenen Elend. Wir selbst sind nie schuld, wir sehen uns nur als Opfer der Umstände. Der Chef oder der Partner ist schuld, das Wetter, die Ärzte, Frau Merkel sind schuld, die da oben, das System, die Politik, die Wirtschaft, die Konzerne, die Flüchtlinge, der Islam….

Sicher gibt es viele Dinge, die wir beklagen können. Aber trotzdem geht es der breiten Masse hierzulande heute doch so gut wie noch nie zuvor in der Geschichte Deutschlands. 73 Jahre Frieden gab es noch nie. Niemand sagt morgens nach dem Aufstehen: „Danke, dass ich hier leben darf, zu diesem Zeitpunkt, in diesem Land, ist das nicht toll?“ Ich finde, das ist wie ein Lottogewinn.

Das Anspruchsniveau ist sehr hoch und wir wollen immer mehr, werden aber immer wieder enttäuscht und es gelingt uns nicht, wirklich glücklich zu sein. Materiell haben wir sehr viel erreicht. Aber in unserem Inneren, im Bereich der Psyche, im Bereich des Frieden-Schaffens, der Selbstwertschätzung gibt es noch einen großen Nachholbedarf. Wie viele Menschen lieben und wertschätzen sich selbst in hohem Maße? Deswegen geht es in meinem Buch darum, den Ursprung unseres Unfriedens zu erkennen, der natürlich in erster Linie in uns liegt.

Wenn ich mich nicht liebe, bin ich auch nicht in der Lage, andere zu lieben. Wenn ich mit mir und meiner Vergangenheit im Unfrieden bin, dann spiegelt sich das im Außen wider. Ich strahle das aus, es steht auf meiner Stirn geschrieben: „Bitte liebt mich nicht, denn ich tue es ja auch nicht“. So geht man in die Welt, strahlt emotionale Energien aus und kollidiert mit anderen. Das ist das Resonanz-Gesetz, was ich mir antue, das strahle ich aus. Das was ich im Inneren meines Energiekörpers gespeichert habe über mich, die Welt und das Leben, das kann ich nicht verstecken. Die anderen riechen das und reagieren entsprechend und halten uns den Spiegel vor.

Die Anerkennung, Wertschätzung und Liebe von Mama, Papa und den Geschwistern sowie die Vergebung und Zurücknahme der Urteile sind zentral für den Frieden mit mir selbst und mit meinen Arschengeln. Hier sehe ich die Grundlage für den Frieden in der Welt.

Glücklicherweise ist ein Bewusstseinswandel immer mehr erkennbar. Vor 18 Jahren habe ich mein erstes Seminar über Selbstliebe gehalten das Thema war damals verpönt. Und heute gibt es hunderte Bücher zu diesem Thema. Meines heißt: „Dein Weg zur Selbstliebe“ Das bedeutet, es ist in dieser Hinsicht sehr viel in Bewegung.

 

Interview mit Robert Betz: „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“

 

Wie können wir es schaffen, aus einem Klima des Ärgers und der Konflikte mit anderen zu einem Zustand des Friedens und der Zufriedenheit im zwischenmenschlichen Miteinander zu gelangen?

Betz: Das zwischenmenschliche Klima in jeder Beziehung, Partnerschaft, Familie oder Firma hängt letztlich davon ab, wie hoch der Friedens-Pegel ist, wie viel Freude-Energie und wie viel Liebe vorhanden sind. Um Frieden zu schließen mit den anderen, muss ich zunächst bei mir selbst anfangen.

Wir müssen erkennen, woher die Gefühle kommen, wie wir bisher mit Mama, Papa, Bruder und Schwester verstrickt sind und dass wir uns selbst nicht lieben. Wir müssen erkennen, dass unsere heutigen Konflikte Folgeerscheinungen von Urkonflikten sind. Und daraus ergeben sich all die Konflikte mit den Mitmenschen. Der Chef als Stellvertreter von Papa oder Mama, die Kollegen als Stellvertreter von Bruder oder Schwester. Um uns zu verändern, müssen wir uns folgende vier Fragen stellen:

4 Fragen, die zu Frieden und Zufriedenheit führen:

  1. Welche Gefühle lösen meine „Arschengel“ oder „Knöpfedrücker“ in mir aus? Das sind meist mehrere Emotionen, aber eine dominiert häufig, z.B. Ohnmacht. Wenn ich etwa meinen Chef sehe, dann erstarrt in mir alles, dann bin ich sprachlos.

 

  1. Welches Verhalten und welche Eigenschaften kann ich an diesem „Arschengel“ partout nicht leiden? Zum Beispiel seine Arroganz, seine Aggressivität, Untreue oder seine Unordnung.

 

  1. Darf ich dieses Verhalten auch selbst zeigen? Darf oder möchte ich auch selbst etwa aggressiv, arrogant, autoritär oder unordentlich sein? „Nein“, sagen die meisten, „ich möchte nur nett sein“. Aber in jedem Menschen stecken beide Seiten. Das ist der Punkt: Das, was ich auch bin, aber nicht sein will, wie z.B. aggressiv oder unordentlich, das muss mir ein anderer zeigen. Die Erkenntnis ist: Das, was ich an diesem Menschen ablehne, ist etwas, das ich an mir abgelehnt habe und gar nicht sein möchte.

 

  1. Wer hat dieses Gefühl – etwa der Ohnmacht – bereits in meiner Kindheit in mir ausgelöst? Vielleicht mein Vater, Großvater oder mein älterer Bruder? Hier erkennen wir, dass etwa dieses Gefühl von Ohnmacht, das dieser dominante, autoritäre, laute Chef in mir auslöst, schon lange in mir ist und wo die wirkliche Ursache liegt.

 

In diesen vier Schritten vollzieht sich für uns ein wertvoller Erkenntnisprozess. Was kannst Du an anderen nicht leiden? Hast Du Dich vielleicht dazu entschieden, nie so zu sein? An wen erinnert Dich dieser Mensch? Und dann klickert es bei den meisten.

Plötzlich wird ihnen klar, warum sie etwa immer so aggressive „Arschengel“ anziehen. Es gibt viele Männer, die aggressive und jähzornige Väter hatten, die sagen: „Ich will nicht aggressiv sein, ich will immer sanft, lieb und brav zu anderen sein“. Diese Männer oder Frauen ziehen oft aggressive Partner an.

Aber in jedem Menschen sind gleichzeitig immer beide Pole von Emotionen vorhanden: Angst und Mut, Sanftheit und Aggressivität. Wir sind beides, mutig und ängstlich, ehrlich und unehrlich, stark und schwach. Das muss nicht ausgelebt, aber anerkannt werden, dass ich auch manchmal stinke sauer sein und sagen kann: „Stopp, bis hier hin, aber nicht weiter!“ Wir müssen lernen, auch einmal „nein“ zu sagen.

 

Interview mit Robert Betz: „Jetzt reicht’s mir aber! Dein Weg durch Ärger und Wut zum Frieden mit dir und den anderen“

 

Was ist abschließend Ihr wichtigster Ratschlag?

Betz: In meinem Buch möchte ich jedem Einzelnen, der private und berufliche Konflikte hat, sehr deutlich aufzeigen, woher diese kommen. Wir dürfen und können uns entscheiden, Frieden zu machen. Die Lösung liegt darin, zunächst nach Innen zu gehen und dadurch im Außen handlungsfähig zu werden. Wir müssen das innere Kind in uns wirklich wahrnehmen, die Verstrickungen mit unseren Eltern und Geschwistern erkennen und Frieden schließen. Wir müssen das Herz öffnen für die, die uns das Leben geschenkt haben, die es so gut gemacht haben, wie sie konnten.

Wir sind immer zwei, der Erwachsene und das innere Kind in uns. Die Kindheit ist in uns gespeichert, mit all unseren Gedanken, Gefühlen, Verstrickungen, mit Hoffnungen, Enttäuschungen und Sehnsüchten. Und dieses innere Kind darf von uns heute ans Herz genommen und letztlich dadurch geheilt und zu einem glücklichen Kind werden. Wir können dem inneren Kind heute geben, was es sich wünscht: Liebe, Freude, Raum zum Spielen, zum Lachen. So entsteht in uns ein anderes hochschwingendes Energiesystem, in dem die Emotionen nicht mehr unterdrückt sind, sondern frei fließen können und die Liebe durchkommen kann.

Und dann haben wir eine ganz andere Ausstrahlung und Wirkung auf andere, weil wir glücklicher, selbstsicherer, zuversichtlicher, wertschätzender, dankbarer sind und ziehen andere Menschen in unserem Leben an. Je mehr Menschen ihr Herz öffnen für sich, für ihr inneres Kind, für ihr Mann- oder Frausein, desto mehr wird sich auch die Welt verändern.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: robert-betz.com
Bilder: Robert Betz, Unsplash, Pixabay Buchcover: Heyne Verlag

 

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