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Interview mit Stefanie Stahl: „Jeder ist beziehungsfähig – Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe“

5. Dezember 2018 0 comments
Interview mit Stefanie Stahl: „Jeder ist beziehungsfähig – Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe“

Aufgrund der hohen Scheidungsrate und der zunehmenden Zahl der Single-Haushalte ist heute oft von der „Generation beziehungsunfähig“ die Rede. Von Menschen, deren Partnerschaften immer wieder an dem Spannungsfeld von Freiheit und Liebe sowie Distanz und Nähe zerbrechen. Doch Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl ist fest davon überzeugt, dass jeder beziehungsfähig ist. Sie sagt, eine erfüllte Liebesbeziehung ist kein Zufall, sondern eine Frage der inneren Einstellung. Es kommt darauf an, den Selbstwert zu stärken sowie die Balance zwischen Anpassung und Selbstbehauptung zu finden. Im Interview erklärt Stefanie Stahl, woran die meisten Beziehungen wirklich scheitern, welche Rolle das innere Kind spielt und wie eine glückliche Partnerschaft sowie der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe gelingt.

Frau Stahl, der Titel Ihres aktuellen Bestsellers „Jeder ist beziehungsfähig“ klingt angesichts der hohen Scheidungsraten und der großen Zahl an Single-Haushalten auf den ersten Blick widersprüchlich. Wo liegen die häufigsten Probleme in Beziehungen?

Stahl: Es ist ein häufiges Missverständnis, die Scheidungsrate und die Zahl der Single-Haushalte als Gradmesser für die Beziehungsfähigkeit heranzuziehen. Sicher ist die Scheidungsrate heute wesentlich höher als früher. Doch das sagt mehr über die neu gewonnenen Freiheiten in der Gesellschaft aus, als über die Beziehungsfähigkeit der Menschen.

Nur weil zwei Menschen ein Leben lang zusammen bleiben, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie beziehungsfähiger sind, als der Single von nebenan. Im Gegenteil: Zahlreiche wissenschaftliche Studien sprechen dafür, dass die Menschen heute immer beziehungsfähiger werden. Trotzdem gibt es natürlich vielfältige Probleme in Beziehungen, an denen wir arbeiten müssen.

 

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Interview mit Stefanie Stahl: „Jeder ist beziehungsfähig – Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe“

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Woran scheitern Ihrer Meinung nach die meisten Beziehungen wirklich?

Stahl: Die häufigsten Probleme in Beziehungen ergeben sich aus Wahrnehmungsverzerrungen. Aufgrund der individuellen Prägungen unserer Kindheit haben wir alle einen bestimmten Wahrnehmungsfilter, durch den wir die Wirklichkeit wie durch eine gefärbte Brille sehen. Das kann dazu führen, dass wir ständig einander vorbeireden. Es gibt Paare, die können sich tot reden und kommen trotzdem nicht auf den Punkt. Weil sie sich nicht auf eine gemeinsame Wirklichkeit einigen können und nicht in der Lage sind, sich selbst und den anderen objektiv und klar wahrzunehmen.

Eine Kommunikation auf der gleichen Ebene kann nur funktionieren, wenn sich beide selbst gut reflektieren können. Selbstreflexion ist die wichtige Fähigkeit, sich selbst von außen wahrzunehmen und das eigene Verhalten, die eigenen Gedanken und Gefühle zu beobachten. Und sich darüber bewusst zu sein, mit welchen Verhaltensmustern wir mit der Umwelt in Beziehung stehen und zu hinterfragen, warum wir in bestimmten Situationen so reagieren. Wenn zwei Menschen zusammenkommen, von denen mindestens einer sehr unreflektiert ist, dann muss die Kommunikation zwangsläufig scheitern und letztendlich auch die Beziehung.

Ein Beispiel: Wenn ich unter Unterlegenheitsgefühlen leide, dann kann es sehr leicht passieren, dass ich meinen Partner als überlegen wahrnehme, obwohl er objektiv betrachtet eigentlich gar nicht besonders dominant ist. Doch durch meine Brille der Wahrnehmung passiert es, dass ich ihn ständig missinterpretiere.

Oder dass ich aufgrund meines mangelnden Selbstwertgefühls sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit brauche und die kleinsten Unaufmerksamkeiten schon als Affront oder Respektlosigkeit wahrnehme. Wenn ich das nicht reflektiere, dann steht mein Partner auf verlorenem Posten. Er wird es mir nie recht machen können, weil mein Anspruch an ihn viel zu überzogen ist und ich seine Handlungen fehldeute.

Menschen, die unter starken Wahrnehmungsverzerrungen leiden, haben oft starke Stimmungsschwankungen, sind ängstlich, gehemmt und unsicher. Wenn man einen psychisch Gesunden und einen „Wahrnehmungsverzerrten“ zusammen in ein Boot setzt, dann wird das Boot immer kentern. Das ist ein psychologisches Naturgesetz: Der Neurotiker hat immer die Macht.

 

 

Sie sagen eine glückliche Liebesbeziehung ist keine Glückssache, sondern eine Frage der persönlichen Entscheidung und der inneren Einstellung. Was heißt das konkret?

Stahl: Eigentlich spielen beide Faktoren eine wichtige Voraussetzung für eine glückliche Beziehung: Man muss die Fähigkeit zur Selbstreflexion haben und sich dann noch den richtigen Partner aussuchen, der zu einem passt. Doch die innere Einstellung, sich selbst zu reflektieren und die Frage der persönlichen Entscheidungsfähigkeit werden häufig unterschätzt.

Wenn wir uns verlieben, spielen zunächst unsere Prägungen und das daraus resultierende Beuteschema eine große Rolle. Doch das Verliebtsein geht irgendwann vorbei. Deswegen ist Liebe letztendlich auch eine Frage der Entscheidung, fest zu seinem Partner zu stehen, sich auf ihn einzulassen und aufrichtig füreinander da zu sein.

Ich muss sagen können: Du bist jetzt derjenige an meiner Seite und ich möchte im gesunden Sinne dafür Verantwortung übernehmen, dass es dir gut geht. Im neurotischen Sinne wäre ich zu 100 % für das Glück des Partners verantwortlich und müsste alles richtig machen.

 

 

 

Worauf kommt es bei der Auswahl des richtigen Partners an?

Stahl: Der Spruch „Gegensätze ziehen sich an“ mag für eine anfängliche Attraktivität gelten, Grundlage einer langfristig funktionierenden Partnerschaft ist er nicht. Im Gegenteil: Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es ähnliche Partner – nach dem Motto „gleich und gleich gesellt sich gern“ – wesentlich leichter haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung dauerhaft lebendig, zufriedenstellend oder sogar glücklich bleibt, ist wesentlich höher, je mehr Ähnlichkeiten die Partner miteinander haben.

Das fängt beim kulturellen Hintergrund an, geht über gemeinsame Werte und Einstellungen und reicht bis zu den Interessen und Hobbys. Je ähnlicher man sich ist, auch von der Persönlichkeit her, umso wahrscheinlicher wird eine funktionierende Partnerschaft. Einen sehr guten Hinweis auf die eigene Persönlichkeit und die passende Partnerwahl gibt mein Persönlichkeitstest, den man auf meiner Homepage kostenlos durchführen kann.

Viele Menschen fühlen sich in der Partnerschaft trotz einer Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit auch zunehmend eingeschränkt. Wie kann der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe gelingen?

Stahl: Es gibt viele Menschen, die können sich nicht klar für einen Partner entscheiden. Sie fühlen sich ständig hin- und hergerissen und sagen häufig „jein“. Hinter dieser Ambivalenz zwischen Nähe und Distanz verbirgt sich meist eine Bindungsangst, die den Menschen meist nicht bewusst ist, da sie gleichzeitig ja eine starke Sehnsucht nach Liebe verspüren.

Doch in einer festen Partnerschaft fühlen sie sich, wenn es nach der Phase der ersten Verliebtheit verbindlicher wird, schnell wieder unfrei, bedrängt und eingeengt. Sie können sich eigentlich nur dann richtig frei fühlen, wenn sie alleine sind. Nur dann können sie wirklich machen, was sie wollen. Und dadurch gehen oft die Gefühle kaputt, weil der Partner als Freiheitsdieb wahrgenommen wird. Dabei projizieren wir nur selbst durch unsere Wahrnehmungsbrille auf den Partner, dass er uns einschränkt, übermächtig ist und zu viele Erwartungen an uns richtet.

In Wahrheit steht dahinter unsere eigene Unfähigkeit, uns in einer Beziehung authentisch zu verhalten. Denn wir müssen auch in Beziehungen wirklich wir selbst sein. Und auch Verantwortung dafür übernehmen, dass in der Partnerschaft auch unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigt werden.

Menschen, die unter dieser Bindungsangst leiden, denken oft: Entweder ich bin in einer Beziehung oder ich bin ein freier Mensch. Die Lösung ist die Selbstreflexion: Ich bin in einer Beziehung und gleichzeitig ein freier Mensch! Die Freiheit findet ja im Kopf statt und hat damit zu tun, wie authentisch ich mich verhalten kann. Wenn ich mir dieses Muster klar mache, dann fühle ich mich auch nicht mehr durch den Partner eingeengt.

 

 

Eine wichtige Rolle für das Verständnis vieler zwischenmenschlicher Probleme spielt das innere Kind. Welcher psychologische Ansatz steht dahinter?

Stahl: Das innere Kind steht für die Prägungen der Kindheit, die unser Weltbild und unsere Sicht auf die Wirklichkeit prägen und unser Denken und Handeln bis ins Erwachsenenalter beeinflussen. Dieses Konzept basiert auf verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen: Der erste, der sich mit diesen inneren Teilen der Persönlichkeit beschäftigt hat, war Sigmund Freud mit seinem Drei-Instanzen-Modell der menschlichen Psyche, das von „Es“, „Ich“ und „Über-ich“ bestimmt ist.

Dieses Modell wurde von den Transzendenz-Analytikern und schließlich von den Schema-Therapeuten ausgebaut. Auch der bekannte Psychologe Friedemann Schulz von Thun hat sich mit vielen Persönlichkeitsanteilen, wie dem „inneren Team“, auseinandergesetzt. In meinem Ansatz spielen das von mir so benannte „Schattenkind“, das „Sonnenkind“ und der „innere Erwachsene“ eine Rolle. In der Schematherapie wird hingegen mit ganz viel Unterinstanzen des inneren Kindes und des Erwachsenen-Ichs gearbeitet – da verliert man jedoch schnell den Überblick.

Meine Erfahrung ist, je komplizierter ein Modell ist, desto anstrengender finden es die Menschen und desto weniger wenden sie es an. Und je einfacher man es hält, desto erfolgsversprechender wird es. Das Schattenkind ist hingegen eine anschauliche, klare und funktionierende Metapher, mit der jeder gut arbeiten kann.

Der Ansatz des inneren Kindes und der Einfluss der frühkindlichen Prägungen wird auch von den Erkenntnissen der Hirnforschung bestätigt. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass das Gehirn bei unserer Geburt nur zu 25 % ausgebildet ist. Zunächst ist vor allem nur das Stammhirn voll funktionsfähig, das überlebenswichtige Funktionen wie Essen und Trinken sicherstellt. Die komplexeren Regionen, insbesondere der präfrontale Kortex, müssen sich erst noch entwickeln. Die Synapsen verschalten sich vor allem in den ersten sechs Lebensjahren.

Und in dieser Zeit sind in erster Linie unsere Eltern ein „Trainingslager“ für unser Selbstwertgefühl und die Art und Weise, wie wir Beziehungen wahrnehmen. Hier erleben wir, was wir dafür tun müssen, um geliebt zu werden. Ob wir etwas dafür tun müssen, oder ob das ein Geschenk ist. Ob wir es wert sind, dass man sich um uns kümmert oder nicht. Ob wir gefördert werden in unserer Selbstständigkeit oder ob wir erdrückt werden von der Zuwendung. Durch all diese Erfahrungen entstehen Datenautobahnen in unserem Gehirn.

Die Metapher für all diese frühkindlichen Prägungen, meist durch die Eltern, ist das innere Kind. All diese Dinge prägen unser zwischenmenschliches Miteinander und wirken sich vor allem auch auf unsere Beziehungen und Ehen aus. Das kann man sich vorstellen wie ein inneres Software-Programm, das in uns automatisch abläuft.

Die Hardware, unser Gehirn, hat in der Kindheit eine Verhaltens-Programmierung bekommen, die bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Wir müssen erkennen, dass wir aufgrund dieser Prägungen die Wirklichkeit durch eine bestimmte Brille sehen, die unser Bild der Welt verzerrt. Nur wenn wir uns selbst reflektieren, können wir unser Verhalten und den Einfluss dieser Prägungen ändern.

 

 

Welche Rolle spielen dabei das Sonnen- bzw. das Schattenkind?

Stahl: Als pragmatischen und einfachen Lösungsansatz habe ich die Übungen mit dem Schatten- und dem Sonnenkind entwickelt, die jeder selbständig ausführen kann. Aus meiner Praxis heraus weiß ich, dass häufig die ersten sechs Jahre reichen, um den roten Faden der Probleme zu bekommen, als Voraussetzung für die Lösung. Man braucht den roten Faden der eigenen Glaubenssätze, denn hier wird die Prägung auf den Punkt gebracht. Wer aber beispielsweise meint, seine Leidensgeschichte habe erst in der Pubertät ihren Lauf genommen, der kann die Übung gern auch auf diese Zeit beziehen. Jeder kann sie für sich individuell handhaben.

Das Sonnenkind spiegelt die positiven Prägungen der Kindheit wieder. Aber auch wer keine positiven Gedanken an die Kindheit hat, der kann auch als Erwachsener das Sonnenkind neu gestalten und sich konstruktive Einstellungen, positive Glaubenssätze und Verhaltensweisen selbst erarbeiten. Das Sonnenkind ist der konkrete Zielzustand, der positive Gegenentwurf zum Schattenkind. Es ist immer leichter, alte Verhaltensweisen und Einstellungen zu ändern, wenn ich dafür ein neues Programm vor Augen habe.

Doch wichtig für die Diagnose ist zunächst das Schattenkind, das die negativen Erfahrungen und Glaubenssätze unserer Kindheit vereint, die noch heute unser Verhalten prägen. Die häufigsten Glaubenssätze, die mit starken negativen Gefühlen einhergehen, sind: Ich genüge nicht, ich bin nichts wert, ich falle zur Last oder ich bin nicht wichtig. Häufig haben wir schon im Kindesalter trainiert, Schutzstrategien gegen diese negativen Gefühle zu entwickeln, um uns zu schützen oder diese zu kompensieren.

Ein Beispiel dafür ist die Überanpassung. Wenn die Eltern damit überfordert sind, auf das Kind einzugehen, dann wird das Kind alles dafür tun, dass seine Beziehung zu den Eltern gelingt. Es versucht sich so zu verhalten, wie es glaubt, am besten mit den Eltern klarzukommen. Überanpassung kann sich etwa in einem extremen Streben nach Harmonie oder nach Perfektion manifestieren. Andere Kinder schlagen sich dagegen auf die Seite der Rebellion, sind das Gegenteil von lieb und artig, gehen auf Angriff, und sehen zu, dass ihnen niemand die Butter vom Brot nimmt. Sie sagen: Ich will nie mehr so angepasst sein wie bei Mama und Papa.

Welche Schutzstrategien wir entwickeln, ist immer auch eine Frage des Temperaments, das größtenteils von unseren Genen bestimmt wird. Und so müssen wir neben unseren Glaubenssätzen auch unsere Selbstschutzstrategien kennen, mit denen wir unsere Beziehungen auch enorm belasten.

Die Übungen mit dem Bild des Sonnen- und des Schattenkindes sind sehr hilfreich und effektiv, weil sie uns alles einfach vor Augen führen. Da kann man sein persönliches Störprogramm schwarz auf weiß vor sich bringen und sich selbst reflektieren. Und aus dieser Diagnose entsteht dann die Heilung, also das Sonnenkind. Erst wenn ich mich selbst erkenne und mein Programm erfasse, kann ich mich an eine Umprogrammierung begeben und meine Wahrnehmung der Wirklichkeit und mein Verhalten umgestalten.

 

 

Wie kann diese Umprogrammierung negativer Glaubenssätze, Wahrnehmungsverzerrungen und Verhaltensweisen konkret gelingen?

Stahl: Wenn man sein Schattenkind kennt, dann muss man sich im Alltag immer wieder selbst bewusst machen, wenn sich die Gefühle wieder im Schattenkind-Modus befinden. Wenn also wieder Gedanken auftauchen wie: Ich bin nichts wert, ich genüge wieder nicht, du behandelst mich respektlos, du musst meine Wünsche erraten. Ich muss das erkennen, auf den Erwachsenen-Modus umschalten und mir klar machen: Ich bin nicht wertlos oder ich kann nicht erwarten, dass mein Partner meine Wünsche errät, ich muss den Mund aufmachen und sagen, was ich möchte.

Wenn ich das nicht erkenne, dann läuft das Programm wie früher ab. Deswegen lautet mein Slogan: Ertappen und umschalten! Das müssen wir uns immer wieder sagen. Denn Lernen ist Wiederholung und nur so findet eine Umprogrammierung der Datenautobahn in unserem Gehirn statt und somit eine dauerhafte Veränderung.

Ich ertappe mich also, wenn ich mich wieder im Schattenkind-Modus befinde und schalte dann bewusst um in mein Erwachsenen-Ich oder in mein Sonnenkind. Irgendwann muss man sich dann nicht mehr daran erinnern, sich zu ertappen und umzuschalten. Dann haben wir es verinnerlicht und das neue Verhalten läuft automatisch ab.

Gibt es auch in langjährigen unglücklichen Beziehungen noch die Chance dafür, etwas zu verbessern?

Stahl: Ja sicher, das macht immer Sinn. Als Voraussetzung dafür sollten beide Partner zunächst ihr Schattenkind kennenlernen und herausfinden, was die wahren Ursachen für die unglückliche Beziehung sind. Das liegt häufig daran, dass einer oder beide nicht wirklich authentisch sind und Wahrnehmungsverzerrungen haben. Wenn jeder die Übungen macht und sein Schattenkind erst einmal versteht, dann haben beide Partner eine gute Metaebene, um wirklich miteinander über ihre Beziehung reden zu können.

 

 

Welche Rolle spielen die Gene und damit verbunden unsere angeborenes Temperament im Verhältnis zur kindlichen Prägung und unseren Erfahrungen?

Stahl: Man kann sagen, dass wichtige Persönlichkeits-Eigenschaften wie Intro- und Extroversion extrem genetisch determiniert sind. Dagegen werden Neurosen in der Regel durch die Erfahrungen programmiert. Aber im Grunde spielt immer die Kombination aus beiden Faktoren eine wichtige Rolle.

Es gibt Kinder, die genetisch bedingt sehr sensibel sind und relativ wenig von außen brauchen, um einen psychischen Knacks zu bekommen. Andere sind robuster und schaffen es sogar, relativ unbeschadet aus einer sehr schwierigen Kindheit herauszukommen. Aber hier trifft man auch häufig ein extremes Erfolgs- und Perfektionsstreben als Kompensationsstrategie.

Positiv formuliert sind diese Strategien maßlose Antreiber. Es gibt aber viele nach außen erfolgreiche Menschen, die trotzdem neurotisch sind. Sie haben dann zwar viel mit ihrem Erfolg kompensiert, waren aber dadurch nicht in der Lage, ihr Schattenkind zu heilen.

Das heißt, die genetische Disposition beeinflusst sehr stark, ob wir in einem bestimmten Umfeld eine entsprechende Prägung bekommen und welche Schutzstrategien wir dabei entwickeln.

 

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Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl

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Ein weiteres Buch von Ihnen trägt den Titel „Das Kind in Dir muss Heimat finden“, das Ende 2016 der Jahresbestseller Nummer 1 im Bereich Ratgeber war. Worum geht es hier und wie unterscheidet es sich von Ihrem aktuellen Buch?

Stahl: In meinem Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ steht das Konzept des inneren Kindes im Mittelpunkt. Im Idealfall entwickeln wir während unserer Kindheit das nötige Selbst- und Urvertrauen, das uns als Erwachsene durchs Leben trägt. Doch auch die erfahrenen Kränkungen prägen sich ein und bestimmen unbewusst unser gesamtes Beziehungsleben. Hier zeige ich, wie es mit dem Ansatz des inneren Kindes gelingt, uns selbst zu erkennen und Konflikte mit uns selbst und anderen zu lösen, als Basis für ein glückliches Leben.

In „Jeder ist beziehungsfähig“ geht es auch um das Konzept des inneren Kindes, jedoch stark zugeschnitten auf das Thema Partnerschaft und Beziehung. Hier spielen auch Bindung und Autonomie eine große Rolle. Letztendlich dreht sich alles zwischenmenschliche Verhalten um die Prinzipien Bindung, Autonomie und Selbstwertgefühl.

Das Prinzip der Bindung umfasst die Kooperation, das Miteinander und die Gemeinsamkeiten mit anderen. Beim Prinzip der Autonomie geht es darum, was uns von anderen unterscheidet und um die Fähigkeit, die eigenen Ziele zu finden, zu vertreten und durchsetzen zu können. Das Selbstwertgefühl ist das Epizentrum aller psychischen Vorgänge.

Es wird schon in der Kindheit davon geprägt, wie gut es meinen Eltern gelingt, meine Bindungswünsche zu erfüllen. Dass wir uns geliebt und gut versorgt fühlen. Und dass es wir uns auch ohne Schuldgefühle von den Eltern lösen können und ein Leben in Autonomie führen können. Diese drei Prinzipien gelten im Verhältnis zwischen zwei Menschen genauso wie im Verhältnis zwischen zwei Staaten. Das sind die psychologischen Prinzipien, die die Welt bestimmen.

 

 

Ihre Bücher stützen sich auch auf Ihre praktische Erfahrung als Psychologin und Psychotherapeutin. Wie war Ihr Werdegang und wie kamen Sie zum Schreiben?

Stahl: Ich habe an der Universität Trier Psychologie studiert und mich im Anschluss im Alter von Ende 20 als Psychologin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis selbständig gemacht. Außerdem habe ich parallel dazu auch 23 Jahre lang als psychologische Gutachterin beim Familiengericht gearbeitet.

Mein erstes Buch habe ich 2003 mit 39 Jahren gemeinsam mit meiner Freundin Melanie Alt geschrieben, es heißt „So bin ich eben“, es ist bis heute ein Longseller. Dabei geht es um Selbsterkenntnis und die verschiedenen Persönlichkeitstypen. 2008 folgte dann „Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen“. Der Erfolg hat mich dazu motiviert, weitere Bücher zu schreiben. Der große Durchbruch kam dann mit dem Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“.

Wie sieht Ihr Vortrags- und Seminarprogramm aus? Welche Zielgruppen sprechen Sie an?

Stahl: Seit Anfang 2012 biete ich regelmäßig Seminare an, hauptsächlich zur Stärkung der Beziehungsqualität sowie zur Stärkung des Selbstwertgefühls. Die aktuellen Seminare beziehen sich auf meine Bücher „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ und „Jeder ist beziehungsfähig. Sie finden regelmäßig in ganz Deutschland statt, aber die Schwerpunkte liegen rund um München und Mainz. Seit diesem Jahr biete ich zudem auch einen Online-Video-Kurs auf meiner Website an, für alle, die bequem von Zuhause aus teilnehmen möchten.

 

Interview mit Stefanie Stahl: „Jeder ist beziehungsfähig – Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe“

 

Was sind die nächsten wichtigen Ziele auf Ihrer Agenda?

Stahl: Am 8. Dezember erscheint meint neuestes Buch mit dem Titel „Nestwärme, die Flügel verleiht: Halt geben und Freiheit schenken – wie wir erziehen, ohne zu erziehen“. Das ist ein Beziehungsratgeber für Eltern der helfen soll, dass wir die Beziehung zu unseren Kindern und uns selbst reflektieren und möglichst wenig von dem eigenen Schattenkind auf unsere Kinder projizieren. Um zu vermeiden, dass wir die Kinder nur durch die Brille unserer eigenen Ansprüche wahrnehmen und so an ihren Bedürfnissen vorbei handeln. Der rote Faden ist auch hier das Thema Bindung und Autonomie.

Aber derzeit arbeite ich bereits auf Hochtouren an meinem nächsten Buch zum Thema Persönlichkeitsentwicklung und Teambildung für Manager, das auf dem Konzept meines Buches „So bin ich eben!“ basiert. Außerdem sind wir gerade dabei, für nächstes Jahr eine Reihe von Single- und Kennenlern-Partys zu planen, mit dem Slogan: „Find lovers and friends“.

Dahinter steht das Konzept von „So bin ich eben!“, also gleiche Persönlichkeitstypen zusammenzubringen, denn gleich und gleich gesellt sich gern. Die Events starten mit einem kleinen Workshop, indem die Teilnehmer ihren eigenen Persönlichkeitstyp herausfinden können. Auf der Party trägt dann jeder gut sichtbar einen Button mit dem eigenen Persönlichkeitstyp und kann so gezielt Menschen, die sehr gut zu ihm passen, erkennen, ansprechen und kennenlernen.

Außerdem kommen hier Leute zusammen, die sich mit den Themen Psychologie, Persönlichkeitsentwicklung und Selbstreflexion beschäftigen und so schon eine gewisse ähnliche Wellenlänge haben.

Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens? Was treibt Sie an?

Stahl: Ich glaube, dass das Leben per se keinen Sinn hat. Ich bin auch nicht gläubig. Und dann muss man für sich selbst einen persönlichen Sinn innerhalb der Sinnlosigkeit des Daseins finden. Dazu gehört natürlich immer, die Welt ein Stück weit zu verbessern.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.stefaniestahl.de
Bilder: Stefanie Stahl: Fotografin Roswitha Kaster / Cover:Verlagsgruppe Random House  / Weitere: Unsplash, Pixabay

 

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