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„Denken macht glücklich – wie gutes Leben gelingt“

16. August 2016 0 comments
Ceming Spannbauer

Interview mit Katharina Ceming (links) und Christa Spannbauer (rechts):

Dass Philosophie Orientierung, Sinnstiftung und praktische Lebenskunst liefern kann, zeigen Katharina Ceming und Christa Spannbauer in ihrem neuen Buch „Denken macht glücklich – wie gutes Leben gelingt“, das im Augst 2016 im Europa Verlag erschienen ist. Im Interview mit SinndesLebens24 sprechen die beiden Autorinnen darüber, warum Denken glücklich macht, wie ein gutes Leben gelingt und wie uns großen Denker aus Ost und West dabei helfen können.

Frau Ceming, was ist ein gutes Leben? Wie kann Philosophie dabei helfen?

Ceming: Ein gutes Leben besteht darin, dass ich das tue, was mich in meinem Innersten angeht. Wo ich „Ich“ sein kann. Solange ich andere Leben kopiere oder fremde Lebensentwürfe lebe, führe ich kein wirklich gutes Leben. Die Philosophie kann mich bei der Suche nach dem, was mich wirklich angeht und ausmacht, unterstützen. Sie bietet dafür ein Handwerkszeug an, nämlich die Reflexion, das Nach-Denken. Wenn ich nachdenke, kann ich mich frei machen von vorgefertigten Meinungen. Dieser Freiraum erzeugt eine gewisse Autonomie. Diese innere Autonomie kann dazu beitragen, dass ich weniger abhängig werde von äußeren Umständen. Menschen, die das Gefühl haben fremdbestimmt zu werden, fühlen sich in der Regel nicht wirklich glücklich. Aus philosophischer Sicht hat das gute Leben immer auch mit Autonomie zu tun. Diese ist aber nicht zu verwechseln mit Egoismus oder Desinteresse an der Umwelt und den Mitmenschen.

Frau Spannbauer, welchen wichtigen Lebensfragen gehen Sie in Ihrem Buch „Denken macht glücklich“ auf den Grund?

Spannbauer: Ein glückliches Leben ist ja immer auch und meines Erachtens in erster Linie auch ein sinnerfülltes Leben. Ein Leben also, in dem wir als Mensch völlig aufgehen, in dem wir ganz präsent sind, ein Leben, in dem wir uns den Aufgaben widmen, die für uns, aber ebenso auch für die Welt wichtig sind, und in dem wir die Dinge tun, die uns begeistern, mit Lebensfreude erfüllen und mit anderen Menschen verbinden. Hierfür ist es wichtig herauszufinden, wie wir unsere eigenen Kraftquellen und Ressourcen immer wieder stärken und aktivieren können. Wie wir Gelassenheit und innere Stärke entwickeln und damit zu einem positiven Miteinander in der Welt beitragen können. Und herauszufinden, wie wir unser Schicksal meistern und auch in schweren Zeiten unseren Mut und unsere Zuversicht bewahren können.

Auf den ersten Blick scheint das Denken der Ratio und dem Verstand zu entspringen, während der Zustand des „Glücklich-Seins“ aus der Emotion und der Gefühlswelt stammt. Wieso macht denken glücklich?

Ceming: Das Grundmissverständnis liegt darin, dass wir Glücklich-sein mit Glücksmomenten verwechseln. Glücksmomente sind tatsächlich Zustände tiefer emotionaler Erregung. So gesehen stimmt es: wir fühlen uns glücklich und denken uns nicht glücklich. Doch die Philosophie hat nicht so sehr die Glücksmomente im Blick, denn sie sind etwas sehr Flüchtiges und das ist auch gut so. Das ist ihr Charme. Sie kommen unverdient und ungefragt und bereichern unser Leben. Sie verflüchtigen sich aber auch wieder sehr schnell. Wenn wir in die philosophische Tradition des Ostens wie des Westens schauen, dann ging es den großen Denkern und Denkerinnen nicht so sehr um diese emotionalen Glücksgefühle, sondern um das, was wir als Lebenshaltung bezeichnen würden. Um eine Grundgestimmtheit dem Leben gegenüber: um ein geglücktes Leben.

Welche häufigen Denkmuster halten uns heute vom Glück ab? Wie kann man sie durchbrechen?

Spannbauer: Unser Gehirn ist aus evolutionären Gründen darauf geeicht, bedrohliche Situationen blitzschnell wahrnehmen und darauf reagieren zu können. Es reagiert also wie ein Magnet auf negative Erfahrungen und wie Teflon auf positive, wie es der Neuropsychologe Rick Hanson einmal sehr anschaulich erklärte. Deshalb neigen wir dazu, wie paralysiert auf das zu blicken, was nicht so gut läuft in unserem Leben und lassen dabei viele positive Eindrücke einfach unbeachtet an uns vorüberziehen. Dass dies nicht so bleiben muss, das machen die moderne Neurowissenschaft und die Positive Psychologie deutlich. Denn wenn wir uns unserer Überzeugungen und alten Glaubenssätze bewusst werden, können wir sie auch verändern. Wir können Teile unseres Lebensskripts und unsere Handlungsmuster neu schreiben, wenn diese unsere Lebensfreude blockieren. Das wusste schon Pythagoras vor mehr als 2.500 Jahren und lehrte die Menschen, wie sie ihren Geist von negativen Gedanken reinigen und sich positiv ausrichten können.

 

Ceming und Spannbauer, Denken macht glücklich

 

Sie verbinden in Ihrem Buch Schätze östlicher und westlicher Philosophie. Was sind im Kern die größten Unterschiede der großen Denker aus Ost und West, was die größten Gemeinsamkeiten?

Ceming: Meines Erachtens gibt es in der Philosophie keine Ost-West-Linie, sondern eine, die sich durch die unterschiedlichsten geistigen Strömungen und Schulen zieht, z.B. zwischen eher idealistischen oder materialistischen Strömungen, oder zwischen solchen, die transzendenzbezogen sind und solche, die die Frage nach der Transzendenz nicht stellen oder ablehnen. Diese Strömungen gibt es sowohl im Osten wie im Westen. Die Gemeinsamkeit zwischen östlicher und westlicher Philosophie, die wir im Buch zu Wort kommen lassen, ist eben die, dass es sehr stark darum geht, auf der einen Seite die eigenen Meinungen und Überzeugungen anzuschauen, aber dabei nicht in den Irrtum  zu verfallen, alles im Leben unterläge stets unserem Einflussbereich. Aber wie wir mit dem umgehen, was wir nicht beeinflussen können, darauf haben wir wieder Einfluss. Und hier raten die östlichen wie die westlichen Philosophen, die bei uns zu Wort kommen, zur Gelassenheit.

Die Rahmenbedingungen unseres Lebens können wir meist nicht beeinflussen, doch unsere Sicht auf die Dinge können wir ändern. Was heißt das konkret?

Spannbauer: Hier können uns die Worte des griechischen Philosophen Epiktet einen großen Schritt weiterhelfen: „Nicht die Dinge beunruhigen uns, sondern unsere Meinungen über sie.“ Es ist also unsere Interpretation der Dinge, die über unser Glück oder unser Unglück entscheidet. Somit können wir uns bewusst für eine Perspektive entscheiden, die glücksversprechend ist. Wir können uns in einem Denken schulen, das nicht Sorgen und pessimistische Befürchtungen schürt, sondern Zuversicht und Gelassenheit fördert. Bereits die antiken Philosophen wussten, dass wir unseren Geist ebenso wie unsere Muskeln trainieren und damit eine positive Geisteshaltung kultivieren können. Eben deshalb haben wir unser Buch auch mit vielen praktischen Impulsen angereichert, um diese Erkenntnisse dann auch im Alltag umsetzen zu können.

Unzufriedenheit kann ja auch ein wichtiger Antriebsfaktor für uns sein, unsere aktuelle Lebenssituation zu verändern, und weiterzuentwickeln und zu verbessern. Kann letztendlich die Unzufriedenheit der Motor auf dem Weg zum Glück sein?

Ceming: Wenn ich erkenne, dass ich auf mein Leben Einfluss nehmen kann, dann kann die Unzufriedenheit tatsächlich ein Motor für Veränderungsprozesse sein, denn sie verweist auf einen Ist-Zustand, der nicht sein soll. Wenn ich mich jedoch nur als Gefangener von äußeren Umständen verstehe, dann wird meine Unzufriedenheit mich wahrscheinlich zu keinem glücklicheren Leben treiben.

Frau Ceming, Sie sind nicht nur Autorin und Dozentin, sondern bieten neben Ihren Vorträgen und Seminaren auch Reisen sowie eine persönliche philosophische Beratung für Menschen an, die nach einer Neuorientierung oder Klärung bestimmter Fragen und Lebensthemen suchen. Wie gehen Sie dabei vor? Wie können Sie den Menschen helfen?

Ceming: Meine philosophische Beratung orientiert sich an der sokratischen Methode. Es geht nicht darum, dem Gegenüber eine fertige Lösung anzubieten, sondern ihm zu helfen, selber Blockierendes zu erkennen oder neue Ideen zu entwickeln. Dazu braucht es manchmal Anstöße und Impulse von außen, um neue Sichtweisen entwickeln zu können. Wenn wir uns schon länger mit Fragen und Problemen beschäftigen, dann sind wir meistens ziemlich in diese verstrickt und können gar keine andere Perspektive mehr einnehmen. Ich versuche Menschen dann zu helfen, eine neue Perspektive einzunehmen, von der aus sie anders mit ihren Fragen und Problemen umgehen können. Wenn man seine eigene Betrachtungsweise etwas verändert, öffnen sich oftmals neue Türen.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Glücksstrategien?

Spannbauer: Dankbar sein zu können für das, was man hat. Auch in schwierigen Situationen das Positive nicht aus den Augen zu verlieren. Sich nicht mit Menschen zu vergleichen, denen es besser geht. Sich an den vielen kleinen und großen Dingen des Lebens zu erfreuen. Ganz wach im Augenblick zu leben. Viel lachen! Und gute und liebevolle Beziehungen pflegen.

Was ist Ihr persönlicher Sinn des Lebens?

Ceming: Ich würde sagen, es ist ein Bündel von Elementen, die dazu führen, dass ich in der Früh gerne aufstehe – obwohl ich mein Bett für einen der schönsten Orte auf der Welt halte (lacht). Beispielsweise, dass ich einen Beruf habe, den ich als sehr inspirierend und erfüllend erlebe, dass ich mit Menschen zu tun habe, die mein Leben bereichern und dass ich Menschen helfen kann, ihrem eigenen Lebensentwurf etwas näher zu kommen. Das alles führt dazu, dass ich mein Leben als lebenswert empfinde. Das würde ich als meinen persönlichen Sinn bezeichnen.

Spannbauer: Ich bin sehr von dem großen Humanisten Viktor Frankl geprägt, der einmal sagte: „Es kommt weniger darauf an, was wir vom Leben wollen, sondern darauf, was das Leben von uns will.“ Diesem Ruf des Lebens möchte ich Folge leisten. Indem ich jeden Tag sehr aufmerksam hinsehe und hinhöre, was das Leben heute für mich bereithält und was es in der jeweiligen Situation von mir will.

Welche weiteren Buchprojekte stehen demnächst auf Ihrer Agenda?

Ceming: Mein nächstes Buch, das ich gerade fertigstelle, beschäftigt sich noch einmal mit dem Thema des guten Lebens. Es ist ein Streifzug durch die Geschichte der Philosophie. Ich beleuchte nicht nur die unterschiedlichen Zugangsweisen zu den großen Lebensfragen, sondern auch, wie hilfreich sie immer noch für ein gutes Leben im 21. Jahrhundert sein können.

Spannbauer: Ich schreibe gerade an einem Buch über Vergebung, das im Frühling 2017 erscheinen wird. Anderen Menschen und sich selbst vergeben zu können und mit seinem Leben im Reinen zu sein, das halte ich für eine der Grundbedingungen eines zufriedenen und glücklichen Lebens.

Frau Ceming, Frau Spannbauer, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

 

Zu den Personen: Katharina Ceming und Christa Spannbauer

Dr. Dr. Katharina Ceming ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg. Seit 2011 arbeitet sie ausschließlich als freiberufliche Dozentin und Publizistin. Im Rahmen Ihrer Kurse und philosophischen Reisen geht sie vor allem der Frage nach, was ein gutes Leben ausmacht und wie es gelebt werden kann. Sie beschäftigt sich zudem mit kulturellen und sozialen Aspekten der Weltreligionen sowie mit Spiritualität. Zu diesen Themen hat sie zahlreiche Bücher und Beiträge publiziert u.a. „Denken macht glücklich“ (2016), „Der spirituelle Notfallkoffer“ (2015), „Ab in die Wüste – Mut zur Selbsterkenntnis, den Wüstenvätern abgeschaut“ (2013), „Spiritualität im 21. Jahrhundert“ (2012). Weitere Informationen unter: www.quelle-des-guten-lebens.de. Außerdem führt Sie in Ihrem Youtube-Kanal regelmäßig philosophische „Parkhäusel-Gespräche“, bei denen in zehn Minuten immer ein spezielles philosophisches Thema behandelt wird.

Christa Spannbauer ist Autorin, Journalistin und Filmemacherin und lebt seit 2010 in Berlin. Sie studierte deutsche und englische Literaturwissenschaft und Kulturwissenschaft an der Maximilians-Universität in Würzburg und am Trinity College in Dublin. In ihren zahlreichen Publikationen und Vorträgen beschäftigt sie sich mit den Fragen der Lebenskunst und zeigt die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West für den modernen Menschen auf. Zuletzt erschien ihr Buch „Sei gut zu dir! – Die Kunst der Selbstliebe“. Weitere Informationen unter: www.christa-spannbauer.de

Als erstes gemeinsames Buchprojekt veröffentlichten Katharina Ceming und Christa Spannbauer 2015 das Werk „Der spirituelle Notfallkoffer – Erste Hilfe für die Seele“.

 

Bilder: Katharina Ceming, Christa Spannbauer, Europa Verlag, Amazon

Lesen Sie auch das Interview mit Katharina Ceming zum Thema „Spiritualität im 21. Jahrhundert“.

 

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