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Interview mit Katharina Ceming: „Spiritualität im 21. Jahrhundert“

2. September 2016 0 comments
Katharina Ceming Spiritualität

Die Theologin, Philosophin und Buchautorin Katharina Ceming hat sich in ihrem Buch „Spiritualität im 21. Jahrhundert“ intensiv mit dem Thema Spiritualität beschäftigt. Im Interview mit SinndesLebens24 spricht Sie über das gestiegene Bedürfnis der Menschen nach spiritueller Erfahrung und die wichtigsten Unterschiede zwischen westlicher und fernöstlicher Spiritualität.  

Frau Ceming, was bedeutet Spiritualität, in einfachen Worten erklärt?

Ceming: Soviel vorweg, es gibt keine einheitliche oder verbindliche Definition. Für mich ist Spiritualität, alles, was dazu beiträgt, dass der Mensch mit einer „tieferen“ Dimension des Lebens in Berührung kommt, wobei Tiefe nicht zwangsläufig Gott heißen muss. Tiefe kann sich auch auf das eigene Dasein beziehen. Mit sich selbst in Verbindung zu kommen. Aus einer inneren Verbundenheit zu leben.

In unserer hochtechnisierten, rational geprägten Welt nimmt das Bedürfnis der Menschen nach Spiritualität immer mehr zu. Wie ist das zu erklären?

Ceming: Ich glaube, das hat mehrere Ursachen. Die eine liegt in unserer Natur. Menschen fragen sich nach dem Sinn ihres Daseins. Wieso lebe ich, wieso werde ich mit Leid, Schmerz, etc. konfrontiert? Das sind existentielle Fragen und auf die kann die Naturwissenschaft keine befriedigende Antwort geben. Was kein Vorwurf gegen die Naturwissenschaft ist. Dazu kommt: immer mehr Menschen im Westen haben das Gefühl, dass materielle Dinge allein das Leben nicht dauerhaft bereichern. Und ich denke, immer mehr Menschen leiden unter der Beschleunigung unseres Lebens, sei es im Privaten oder im Beruf. Spiritualität erscheint hier als eine Möglichkeit, wieder eher zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen.

Was ist heute für die meisten Menschen das Ziel spiritueller Erfahrung? Wollen sie ein Gefühl des Eins-Seins und Verschmelzen mit dem Kosmos erfahren, die Gegenwart Gottes spüren oder einfach nur innere Ruhe finden? Deckt sich das mit den ursprünglichen Zielen von Spiritualität?

Ceming: Im Westen hat sich meiner Meinung nach ein Wandel vollzogen. Waren die ersten spirituellen Sucher noch sehr mit den Ideen der spirituellen Systemen verbunden, so löst sich das heute mehr und mehr auf. Sicherlich hofft ein Teil der Meditierenden auf die großen spirituellen Durchbruchserfahrungen, aber ein wachsender Teil hofft wahrscheinlich eher darauf, innerlich zur Ruhe zu kommen, das Gedankenkarussell für eine gewisse Zeit zum Stillstand bringen zu können. Das ist völlig legitim. Ganz nebenbei bemerkt, nicht alles, was in spirituellen Kontexten gedacht, gelehrt und praktiziert wurde, ist der Weisheit letzter Schluss. Auch Spiritualität ist etwas, das in Raum und Zeit stattfindet und von Ideen und Vorstellungen der jeweiligen Zeit geprägt ist.

Sind spirituelle Erfahrungen auch losgelöst von einer bestimmten Religion möglich?

Ceming: Ja. Das ist zwar ein sehr modernes Phänomen, aber das ist das, was ich gerade beschrieben habe. Menschen, die einfach nur einen Ausgleich zur Hektik des Alltags suchen. Und dieses „nur“ ist jetzt nicht abwertend gemeint. Ich würde sagen, momentan erwächst hier im Westen so etwas wie eine säkulare Spiritualität.

Welche Rolle spielen spirituelle Erfahrungen auf dem Weg zum Glück, zu einem erfüllten und sinnstiftendem Leben?

Ceming: Sie können das Leben bereichern, sie können ein gutes Leben aber auch blockieren, wenn Sie nämlich nur noch von Erfahrung zu Erfahrung hechten. Sie können ein glückliches, sinnvolles und bereicherndes Leben genauso gut führen, ohne je eine spirituelle Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin ganz ehrlich, es gibt wunderbare Menschen, die sich sicherlich nicht als spirituell bezeichnen würden und die eine Bereicherung für die Menschheit sind und dann gibt es leider auch das Gegenteil.

Um spirituelle Erfahrungen zu machen, wenden sich viele Menschen fernöstlichen Lehren wie dem Buddhismus zu und beginnen zu meditieren. Wie sinnvoll ist das und was kann man dabei erfahren?

Ceming: Der Buddhismus, aber auch der Hinduismus oder Taoismus haben ein sehr altes und erprobtes Repertoire an meditativen Übungen, die dem Menschen auf dem spirituellen Weg helfen können. Allerdings unterscheiden sich diese Übungen auch hinsichtlich dessen, was erreicht werden soll. Es schadet also nicht, sich im Vorfeld darüber Gedanken zu machen, was ich eigentlich will. Will ich Mitempfinden kultivieren oder in die innere Stille, will ich den Fluss meiner Gedanken stoppen, etc. Wenn Sie sich einer traditionellen Richtung anschließen, werden Sie meistens auch das metaphysische Konzept, die Riten und Bräuche der jeweiligen Tradition mitgeliefert bekommen. Sie müssen für sich entscheiden, ob Sie das möchten. Das ist vermutlich einer der Gründe, weshalb die MBSR Methode von Kabat-Zinn bei uns so populär ist. Er hat die buddhistische Achtsamkeitsmeditation völlig aus dem religiösen Kontext gelöst.

Die Vielfalt an spirituellen Angeboten aus dem Bereich der Esoterik nimmt immer mehr zu. Wie gefährlich ist das und worauf sollte man dabei achten?

Ceming: Die Unterscheidung zwischen Esoterik und Religion oder ernsthafter Spiritualität ist nicht immer so eindeutig zu ziehen, wie es die Religionsvertreter gerne hätten, da auch in den traditionellen meditativen Systemen der großen Weltreligionen viele Dinge stecken, die ich heute als recht esoterisch bezeichnen würde. Ich finde das Operieren mit diesen Begriffen nicht sehr hilfreich. Jedes System, ob es esoterisch oder „ernsthaft spirituell“ ist, wird dann gefährlich, wenn es die menschliche Freiheit einschränkt, den Menschen in seiner Würde und Integrität verletzt, ihn klein macht und demütigt. Da spielt es keine Rolle, ob das ein geachteter und verehrter spiritueller Lehrer einer großen Traditionslinie tut oder ein esoterischer Guru.

Spiritualität

Dass das Thema Spiritualität ja auch in der christlichen Religion eine wichtige Rolle spielt, scheint den meisten Menschen nicht bewusst zu sein, wie die zunehmende Zahl der Kirchenaustritte und die verstärkte Hinwendung zu fernöstlichen Weisheiten und der Esoterik zeigt. Was sind die Gründe dafür?

Ceming: Nehmen Sie einmal Teresa von Avila, eine mystisch hoch begabte Frau des 16. Jh. Aber wenn Sie heute ihre Schriften lesen, dann stolpern Sie erst einmal über Himmel, Hölle, Teufel, etc. Da müssen Sie schon eine große Affinität zur christlichen Tradition mitbringen und bereit sein, sich den Kern ihrer Spiritualität zu erschließen. Dazu kommt: Wir haben in der christlichen Tradition einfach keine genuinen Übungsmethoden, die mit denen des Ostens mithalten können. Die Entkirchlichung in Nordeuropa hat darüber hinaus noch etliche andere Gründe. Die meisten Menschen finden keinen Zugang zu einer vormodernen Form von Religion und das ist mehr als verständlich. Der Buddhismus gilt hierzulande als eine aufgeklärte und humanistische Religion. Natürlich ist daran einiges auch nur Wunschdenken. Der real existierende Buddhismus in Asien ist auch nicht das reinste Paradies auf Erden. Aber ich möchte an dieser Stelle noch auf etwas hinweisen. Selbst wenn es so scheint, dass es einen großen Buddhismus-Trend gibt, ist das eine optische Verzerrung. Die Buddhismus-Statue im Vorgarten macht noch keinen Buddhisten, ebenso wenig die Teilnahme an einem Sessin.

Wie lässt sich Spiritualität in der christlichen Religion erfahren? Was kann man erfahren und mit welchen Techniken? Ist es das Gefühl des Eins-Werdens mit Gott durch Fasten, Beten oder Schweigen?

Ceming: Wie gesagt, wir kennen mit Ausnahme des Herzensgebetes der Ostkirche im Christentum keine großen Methodiken. Klar können Sie mit Schweigen und Fasten etwas erfahren. Da laufen biochemische Prozesse in ihrem Körper ab, unabhängig davon, woran Sie glauben. Sie werden das, was Sie erfahren als gläubiger Mensch dann im Rahmen ihres Glaubenssystems interpretieren. Ob Sie tatsächlich Gott erfahren, das möchte ich nicht beurteilen. Ich persönlich halte von diesem ganzen Streben nach außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen unabhängig vom religiösen Hintergrund ehrlich gesagt ziemlich wenig. Spiritualität hat für mich wesentlich damit zu tun, dieses Leben im Hier und Jetzt in seiner Tiefe und Fülle und seiner Beziehungsdimension zu anderen Wesen zu leben.

Insbesondere die Mystiker des Mittelalters wie Meister Eckhart haben sich praktisch mit der christlichen Spiritualität befasst. Was zeichnet Meister Eckhart besonders aus?

Ceming: Auch bei Eckhart werden Sie keine Methodiken finden. Wenn wir ihn mit etwas in Verbindung bringen möchten, dann mit dem, was im Osten „Gewahrwerden“ oder „Präsenzerfahrung“ heißt. Eckhart fordert die Menschen auf, sich in jedem Augenblick ihres Daseins bewusst zu machen, dass sie wesenhaft mit dem Sein eins sind. Das nennt er dann die Gottesgeburt im Seelenfunken. Sie kann sich an jedem Ort zu jeder Zeit vollziehen. Und sie hat nichts mit außergewöhnlichen Zustandserfahrungen zu tun. Eckhart hat Visionen und Ekstasen immer abgelehnt, weil sie den Menschen vom Wesentlichen ablenken, nämlich von der Erkenntnis, immer schon erwacht zu sein. Die großen buddhistischen und hinduistischen Meister sahen das übrigens ganz ähnlich.

Was sind die größten Unterschiede der antiken, christlichen und fernöstlichen Spiritualität? Ist die spirituelle Erfahrung in diesen Lehren letztlich die gleiche, nur die Wege dorthin sind unterschiedlich?

Ceming: Diese Fragen zu beantworten würde jetzt ziemlich lange, dauern. Dazu darf ich auf mein Buch Spiritualität im 21. Jahrhundert verweisen. Da bin ich ausführlicher auf diese Themen eingegangen. So viel in aller Kürze: Nein, es führen nicht alle Wege zum gleichen Ziel, nur sind die Unterschiede nicht per se religionsbezogen, sondern sie haben auch mit den verschiedenen Richtungen in den Religionen zu tun. Ein christlicher Einheitsmystiker wie Eckhart hat mit einer christlichen Liebesmystikerin nicht so viele Berührungspunkte.

Haben Sie selbst spirituelle Erfahrungen gemacht?

Ceming: Dazu darf ich jetzt Meister Eckhart zitieren: „Was hülfe es dir, wenn dein Bruder ein weiser Mann wäre und du wärest ein Tor? Genauso wenig hilft es dir, dass unser Herr Jesus Christus in den Himmel aufgefahren ist, wenn du selbst nicht genau dieser Christus wirst.“

Frau Ceming, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Katharina Ceming

Dr. Dr. Katharina Ceming ist Theologin und Philosophin. Sie ist außerplanmäßige Professorin an der Universität Augsburg. Seit 2011 arbeitet sie ausschließlich als freiberufliche Dozentin und Publizistin. Katharina Ceming geht vor allem der Frage nach, was ein gutes Leben ausmacht und wie es gelebt werden kann. Sie beschäftigt sich zudem mit kulturellen und sozialen Aspekten der Weltreligionen sowie mit Spiritualität. 2008 erhielt sie den Mystik-Preis der Theophrastus Stiftung. Sie hat zahlreiche Bücher und Beiträge publiziert u.a. „Denken macht glücklich“ (2016), „Der spirituelle Notfallkoffer“ (2015), „Ab in die Wüste – Mut zur Selbsterkenntnis, den Wüstenvätern abgeschaut“ (2013), „Spiritualität im 21. Jahrhundert“ (2012). Weitere Informationen unter: www.quelle-des-guten-lebens.de . Außerdem führt Sie in Ihrem Youtube-Kanal regelmäßig philosophische „Parkhäusel-Gespräche“, bei denen in zehn Minuten immer ein spezielles philosophisches Thema behandelt wird.

Reihe Parkhäusl-Gespräche, Teil 3: Philosophischer Talk mit Katharina Ceming und Julia Koloda über Zufall oder Schicksal

Bilder: Katharina Ceming, Amazon

Lesen Sie auch das Interview mit Katharina Ceming und Christa Spannbauer zum Buch „Denken macht glücklich – wie gutes Leben gelingt“. 

 

 

 

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