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„Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling

9. August 2016 0 comments
Reise auf dem Jakobsweg von Hape Kerkeling

In seinem millionenfach verkauften Bestseller „Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg“ beschreibt der Komiker, Moderator und TV-Entertainer Hape Kerkeling seine Pilgerreise nach Santiago de Compostela im Jahr 2001. Auf dem harten und entbehrungsreichen 600 Kilometer langen Fußmarsch durch Spanien zum Grab des heiligen Jakob trifft er Pilger und Einheimische, nächtigt in heruntergekommenen Pilgerherbergen, erlebt Einsamkeit und Stille, Erschöpfung und Zweifel, aber auch Hilfsbereitschaft, Freundschaften und schöne Momente. Jenseits seiner komischen Seite reflektiert er tiefsinnig sein eigenes Leben und sinniert über Gott und die Welt.

Auslöser der Pilgerreise: Ein Hörsturz und die Entfernung der Gallenblase

Die Entscheidung, den Jakobsweg zu gehen, kam für Hape Kerkeling nicht von ungefähr. Die jahrzehntelange aufreibende TV-Arbeit hatte ihren Tribut gefordert, die Folge: ein Hörsturz sowie die Entfernung seiner Gallenblase. Da wurde ihm klar, dass er nicht mehr einfach so weitermachen konnte wie bisher und eine Pause einlegen musste. Inspiriert hat Kerkeling auch das Buch „Der Jakobsweg: eine spirituelle Reise“ der Schauspielerin und Esoterik-Autorin Shirley MacLaine. Schließlich entschloss sich die bekennende „couch potato“ dazu, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich den physischen und psychischen Strapazen des Jakobswegs zu stellen. So startete er im Juni 2001 in Saint-Jean-Pied-de-Port seine sechs Wochen lange Wandertour mit einem elf Kilogramm schweren Rucksack, die ihn über die Pyrenäen, durch das Baskenland, Navarra und Rioja bis nach Galicien zum Grab des heiligen Jakob führte.

Der Jakobsweg: Ein Weg ohne Erleuchtungsgarantie

Neben den witzigen Anekdoten, detaillierten Beschreibungen des verschlungenen Weges, der historischen Ortschaften und dem ständigen Kampf gegen den inneren Schweinehund macht den besonderen Reiz des Buches der Einblick in das Innenleben Hape Kerkelings aus. Der Weg ist für ihn eine Reise zu sich selbst, eine Reise zu seinem ganz persönlichen Sinn des Lebens. „Der Weg stellt nur eine Frage: „Wer bist Du?“, schreibt er am Anfang seines Buches. In seinem Reiseführer steht, dass dieser Weg ein Erleuchtungsweg ist, schreibt Hape Kerkeling. Er glaubt allerdings, es ist ein Weg ohne Erleuchtungsgarantie. So wie Urlaub keine Erholungsgarantie bietet. „Gut, ich will nicht zu viel erhoffen, aber Erleuchtung wäre schon nicht schlecht! Was immer das auch ist!“, bekennt der Komiker. Er stellt sich die Erleuchtung wie ein Tor vor, durch das man schreiten muss. „Wahrscheinlich darf man keine Angst haben und man darf es sich andererseits auch nicht zu sehr wünschen, hindurchzugehen. Je gleichgültiger man durch das Tor der Erleuchtung zieht, desto schneller und einfacher passiert es vielleicht? Man darf sich nicht nach dem sehnen, was hinter dem Tor ist und nicht das hassen, was vor dem Tor ist. Es ist gleichgültig. Vielleicht ist Gleichgültigkeit ja Lebensfreude? Keine Erwartungen, keine Befürchtungen, keine Enttäuschungen…“, so Kerkeling.

Verfinsterung kommt vor der Erleuchtung

Später sinniert er im Kloster Real Monasterio San Zoilo, als er in der Kathedrale das riesige Kruzifix betrachtet: „Wer erleuchtet werden will, muss wahrscheinlich erst mal das totale Gegenteil erleben: die Verfinsterung. Ich muss meine Schattenseiten genauer betrachten. Wie sieht meine Nacht aus?“, sinniert Hape Kerkeling. In der Kathedrale nimmt er zum ersten Mal bewusst wahr, dass der Gekreuzigte eindeutig in eine Richtung schaut. „Von uns aus gesehen, schaut Jesus Christus auf den meisten Darstellungen nach links. Nach Westen. Dem Sonnenuntergang, der Nacht, dem Tod entgegen. Aber aus seiner Sicht schaut er nach rechts, nach Osten. Dem Sonnenaufgang und dem Leben entgegen. Das, was uns wie ein düsteres Ende erscheint, ist für ihn in Wahrheit der strahlende Anfang. Und ganz zweifelsfrei kann nur seine Wahrnehmung als die richtige angesehen werden. Unsere ist die falsche Sichtweise. Vollends zu begreifen ist das für einen Menschen sicher nicht. Wir müssen alle auf die eine oder andere Weise unweigerlich durch unsere Nächte wandern und besser, wir tun es freiwillig, als dass wir vom Schicksal unweigerlich in sie hineingezogen werden, denn sie sind ein unweigerlicher Bestandteil des Lebens. Je weniger wir uns über die ständigen symbolischen Geburten in unserem Leben freuen und an ihnen hängen, desto leichter können wir vielleicht auch die symbolischen Tode akzeptieren? Ich muss mich jedenfalls mal intensiver mit meinem Schatten auseinandersetzen!“, beschließt Kerkeling.

 

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Auf der Suche nach Gott

Während er in Sahagun bei weit geöffnetem Fenster im Bett liegt, stellt er sich die Frage, was Gott eigentlich für ihn ist. Viele seiner Freunde haben sich schon lange von der Kirche abgewendet. Sie wirkt auf sie unglaubwürdig, veraltet, vergilbt, festgefahren, unbeweglich, geradezu unmenschlich und somit haben die meisten sich auch von Gott abgewendet. „Wenn sein Bodenpersonal so drauf ist, wie muss er selbst dann erst sein…wenn es ihn überhaupt gibt! Geh mir weg mit Gott, sagen leider die meisten. Ich sehe das anders. Egal, ob Gott eine Person, eine Wesenheit, ein Prinzip, eine Idee, ein Licht, ein Plan oder was auch immer ist, ich glaube, es gibt ihn! Gott ist für mich so eine Art hervorragender Film wie Gandhi, mehrfach preisgekrönt und großartig! Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem das Meisterwerk gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott… Viele werden rausgehen und sagen ein schlechter Film. Die Vorführung ist mies, doch sie ändert nichts an der Größe des Films. Gott ist der Film und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft. Ich hoffe, wir können uns den Film irgendwann in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und mal in voller Länge angucken!“, schreibt der Pilger.

Eine persönliche Begegnung mit Gott

Auf dem Weg nach Astorga steht er mitten in den Weinbergen und fängt aus heiterem Himmel an zu weinen. „Ja, und dann ist es passiert! Ich habe meine ganz persönliche Begegnung mit Gott erlebt. Um Gott zu erleben, muss man vorher eine Einladung an ihn aussprechen, denn ungebeten kommt er nicht. Auch eine Form von gutem Benehmen. Wir haben die freie Wahl. Zu jedem baut er eine individuelle Beziehung auf. Dazu ist nur jemand fähig, der wirklich liebt. Ich werde hier von Tag zu Tag freier, das Hin und Her in meiner Gefühlswelt auf dem Camino ergibt plötzlich einen klaren Sinn“, erkennt Kerkeling. Durch alle Emotionsfrequenzen hat er sich langsam auf die eine Frequenz eingetunt und hatte einen großartigen Empfang. „Totale gelassene Leere ist der Zustand, der ein Vakuum entstehen lässt, das Gott dann entspannt komplett ausfüllen kann. Gestern hat etwas in mir einen riesigen Gong geschlagen. Und der Klang wird nachhallen. Früher oder später erschüttert dieser Weg jeden in seinen Grundfesten. Ich weiß, der Klang wird langsam leiser werden, aber wenn ich die Ohren spitze, werde ich diesen Nachhall noch sehr lange wahrnehmen können“, schreibt Hape Kerkeling.

Der Buddhismus und die Reinkarnationslehre

Auf dem Weg nach Triacastela spricht er mit seiner britischen Weggefährtin Anne, die acht Monate in einem buddhistischen Kloster verbracht hat, über Buddhismus. Fünf Stunden lang erteilt sie ihm begeistert Unterricht, „es ist großartig“, aber auf seine entscheidende Frage scheint auch der Buddhismus keine Antwort zu haben. „Warum geschieht alles? Der Einfachheit halber stellen sich Buddhisten diese Frage gar nicht. Es gibt bestimmt eine Antwort! Aber im Großen und Ganzen entspricht der tibetische Buddhismus inhaltlich dem, was ich mir so denke, und in seinem hermetischen Wissen erklärt er sehr schnörkellos die Dinge, die ich für mich als wahr entdeckt habe. Auch die Reinkarnationslehre muss man ernsthaft durchdenken“, meint Kerkeling. Es wäre für ihn durchaus vorstellbar, dass man, obwohl man sich nicht daran erinnert, schon Tausende Male gelebt hat. „Vielleicht sind wir in jedem Leben – unter Beibehaltung eines immanentem Kerns – jedes Mal ein ganz anderer. …Jedes Leben könnte wie eine Art Hindernisparcours funktionieren. Der Reiter ist die Seele, das Pferd der Körper und der Parcours das Leben. Zehn Hindernisse oder besser Prüfungen sind vorgegeben, die man zu bewältigen hat, und das ist unabänderlich. Aber die Reihenfolge und die Zeit, in der wir sie angehen, sind uns vollkommen freigestellt. Wir hätten demnach immer die freie Wahl, aber die Prüfungen wären schicksalhaft vorgegeben. Die Art und Weise, wie wir die zehn Hindernisse nehmen, wird dann von einer himmlischen Jury bewertet. Fast jedes Leben lässt sich am Ende auf ein Dutzend entscheidende Prüfungen reduzieren, die es ausgemacht haben. Wenige Dinge sind im Leben wirklich wichtig und wenn man sich eingehend selbst erforscht, stellt man fest, dass man auch nur wenige echte Herzenswünsche hegt“, so Hape Kerkeling.

Ankunft bin Santiago: Die Pilgerreise als Parabel des Lebensweges

Die Ankunft in Santiago erscheint ihm wie das Erreichen der Himmelspforte. Sein Pilgerweg lässt sich nun wie die Parabel seines Lebensweges deuten. „Es war eine schwierige Geburt. Am Anfang des Weges und in meiner Kindheit finde ich schwer zu meinem Tempo. Bis zur Mitte des Lebensweges begleiten mich, bei aller dazugewonnenen positiven Erfahrung, Irrungen und Wirrungen und ich gerate ab und zu aus dem Tritt. Aber etwa ab der Hälfte des Weges marschiere ich frohgemut dem Ziel entgegen. Das Detail ist das Abbild des Ganzen. Eins ist in Allem und Alles ist in Einem. Morgens komme ich schwer in die Puschen, mittags finde ich dann mein Lauftempo und gegen Abend marschiere ich müde, aber gelassen und entschlossenen Schrittes dem Ziel entgegen und habe auch noch an Kraft gewonnen. Der Camino bietet eine echte, fast vergessene Möglichkeit, sich zu stellen. Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen. Dieser Weg ist hart und wundervoll. Er ist eine Herausforderung und eine Einladung. Er macht dich kaputt und leer. Restlos. Und er baut dich wieder auf. Gründlich. Er nimmt dir alle Kraft und gibt sie dir dreifach zurück. Du musst ihn alleine gehen, sonst gibt er seine Geheimnisse nicht Preis. …Dieser Weg ist nur eine von undendlichen Möglichkeiten. Der Camino ist nicht einer, sondern tausend Wege, aber jedem stellt er nur eine Frage: „Wer bist du?“, resümiert Hape Kerkeling.

Gedanken zu Gott

Im Zug nach Porto auf dem Heimweg versucht er, seine Gedanken zu Gott zu sammeln. „Gott ist das eine Individuum, das sich unendlich öffnet um alle zu befreien. Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen. Es ist wie in dem ausgelassenen Spiel, das Eltern mit ihren Kindern spielen. Und die Botschaft lautet: habt Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein. Und wenn ich es Revue passieren lasse, hat Gott mich auf dem Weg andauernd in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet“, so das Fazit des Pilgers auf der Rückkehr nach Hause.

Fazit: Äußerst lesenswert, authentisch und sympathisch

Hape Kerkelings im Piper Verlag publiziertes Buch „Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg“ ist äußerst lesenswert und zeigt äußerst offen, authentisch und sympathisch die tiefsinnige Seite des in der Öffentlichkeit als Komiker bekannten TV-Stars: auf der Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens und nach Gott. Das Werk wurde über vier Millionen mal verkauft und gilt als erfolgreichstes deutschsprachiges Sachbuch seit „Götter, Gräber und Gelehrte“ von C. W. Ceram. Nach seinem Erscheinen 2006 belegte das Buch für 100 Wochen Platz 1 der Sachbuch-Bestsellerliste. Der Film zum Buch kam Ende 2015 in die Kinos mit Devid Striesow als Hape Kerkeling in der Hauptrolle.

Zum Autor: Hape Kerkeling

Der Komiker, Autor, Moderator, Schauspieler, Sänger und Synchronsprecher Hans-Peter Wilhelm „Hape“ Kerkeling wurde am 9. Dezember 1964 in Recklinghausen als Sohn eines Tischlers und einer Floristin geboren. 1984 machte Kerkeling das Abitur am Marie-Curie-Gymnasium in Recklinghausen. Seinen ersten Fernsehauftritt hatte er mit 17 Jahren im Talentschuppen. Den Durchbruch schaffte er 1984/85 in der Musik- und Ulk-Show Känguru. Berühmt wurde er mit der Rolle „Hannilein“. Seitdem folgte eine Vielzahl erfolgreicher Live-Auftritte sowie TV-Shows und -Serien wie „Total Normal“, „Hape trifft“ und „Let’s Dance“, als Königin Beatrix, Uschi Blum oder Horst Schlämmer. Der Entertainer wurde u.a. mit der Goldenen Kamera, dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Hape Kerkeling lebt in Berlin und Italien. Zuletzt erschien 2014 sein Buch „Der Junge muss an die frische Luft“. Weitere Informationen unter www.hapekerkeling.de

Bilder: Unsplash, Amazon

 

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