BuchtippsInterviewsPhilosophie

Interview mit Christoph Quarch: Sinn finden in der griechischen Philosophie

12. August 2017 0 comments
Christoph Quarch und die griechische Philosophie

Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Zentrale Inspirationsquelle des aus Funk und Fernsehen bekannten Buchautors ist die griechische Philosophie. Sie ist für ihn der Schlüssel zu einem erfüllten und lebendigen Leben sowie bedeutender Wegweiser der persönlichen Sinnfindung. Im Interviews spricht Christoph Quarch über die wichtigsten praktischen Lehren, die der moderne Mensch aus der griechischen Philosophie für sein Lebensglück ziehen kann.

Herr Quarch, die griechischen Philosophen sind Ihre wichtigste Inspirationsquelle. Was fasziniert Sie daran – auch im Vergleich zur zeitgenössischen Philosophie? 

Quarch: Die frühe griechische Philosophie bis einschließlich Platon ist im Vergleich zur zeitgenössischen wesentlich lebensnäher. Sie bewegt sich noch nicht in einer stereotypen Begriffssprache, sondern sehr alltagsnah in der normalen Umgangssprache. Es ist eine Philosophie an der Schwelle vom Mythos zum Logos, die noch sehr viel von dem ältesten Menschheitswissen transportiert und die Wurzel der abendländischen Philosophie bildet. Sie atmet noch den Geist einer Welt, die mit der mythischen Tradition in Beziehung steht und die signifikant anders ist als die Art und Weise, wie wir uns heute die Welt zurecht legen. Und genau darin finde ich die antike Philosophie ungemein befruchtend. Wir merken heute, dass wir mit unserer instrumentellen Vernunft und dem ökonomischen Sachverstand die zahlreichen Herausforderungen, die wir selber geschaffen haben, nicht mehr lösen können. Hier kann das antike Denken einen alternativen Weg in die Zukunft weisen.

Wie unterscheidet sich die Denkweise der alten Griechen vom modernen Menschen? Was können wir daraus lernen? Was sind die wichtigsten Lehren, die der moderne Mensch heute aus der griechischen Philosophie für sein Leben ziehen kann?

Quarch: Die Kernfragen der griechischen Philosophen sind: Was ist das gute Leben? Was ist der Idealzustand des Lebens? Was heißt überhaupt Leben und was gibt unserem Leben Richtung? Die Griechen versuchen das Leben zu verstehen, um daraus Orientierung für ihr eigenes Handeln zu finden. Dafür spielt das Konzept der Tugend eine wichtige Rolle. Dagegen stellen wir heute unter dem Vorzeichen der christlichen Tradition und der säkularen Ethik Werte in den Mittelpunkt, nach denen wir unser Handeln als gut oder böse einstufen. Die griechische Philosophie dagegen interpretiert das Leben mit einem sehr bodenständigen, erdverbundenen Blick auf die Welt.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Quarch: Ein Beispiel aus der Ökonomie: Aristoteles kommt in seiner Abhandlung über die Tugend des Wirtschaftens zu dem Ergebnis, dass ein Unternehmen oder ein Haus auf Dauer autark, man könnte auch sagen nachhaltig, sein sollte. Nicht weil das ethisch gefordert wäre oder aus moralischen Gründen gut ist, sondern weil es dem Wesen eines Haushalts oder einer Ökonomie entspricht, sich immer wieder aus eigener Kraft heraus im Strom der Zeit behaupten zu können. Darin erkennt man eine ganz andere Denkweise, ein anderes Menschenbild als heute. Die Griechen verstehen sich als Wesen, die in einen größeren Kontext eingebunden sind, den sie Kosmos nennen oder Physis, die Natur.

Wie kann ein gutes Leben gelingen?

Quarch: Ein gutes Leben kann demnach nur im Einklang mit der Natur gelingen. Die Idee, dass der Mensch die Welt nach seinem Bilde formt und den Wert und Sinn seines Schaffens danach bemisst, inwieweit es ihm gelingt, ökonomischen Erfolg zu haben, wäre den Griechen gar nicht erst gekommen. Der Grieche versteht sich als Zoon politicon, als ein Wesen der Gesellschaft. Der moderne Mensch sieht sich als Homo oeconomicus, ein Wesen, das den Sinn seines Daseins daraus zieht, selbstgesteckte Ziele zu erreichen und Profit zu erwirtschaften. Wir haben heute ein vollkommen anderes Menschenbild.

Quarch 1

Wohin führt uns das heutige Menschenbild des Homo oeconomicus?

Quarch: Ich sehe heute eine zerstörte Umwelt, Menschen, die im Alter von 35 Jahren mit einem Burnout-Syndrom aus der Kurve fliegen, ich sehe ein auseinanderfallendes Gemeinwesen, einen wachsenden Narzissmus, zerrüttete Ehen, eine ganze Menge Not und Elend in der Welt. Für mich sind das Indizien dafür, dass wir dieses Gespür für Verbundenheit verloren haben, das in der griechischen Mythologie so dominant ist. Verbundenheit mit der Gemeinschaft, einer Polis, genauso wie mit dem Kosmos. Hier sieht man, dass sich der abendländische Geist über die Jahrhunderte in eine Richtung entwickelt hat, die uns in eine bedrohliche Situation führt, in der ein Umdenken nottut. Wo können wir neue Inspiration für einen Paradigmenwechsel der Politik, der Wirtschaft, des kulturellen Miteinanders gewinnen? Ich kann nichts besseres erkennen als das, was wir in unseren ältesten, ursprünglichsten Quellen finden, nämlich in der griechischen Philosophie.

Gerade in existentiellen Krisensituationen wenden sich Menschen der Philosophie zu, um eine Orientierungshilfe zu finden. Was sagt uns die griechische Philosophie dazu?

Quarch: Eine Krise bedeutet, dass eine bestehende Ordnung erschüttert wird oder gar zusammenbricht. Im Griechischen ist das die Erfahrung des Dionysischen: Meine Partnerschaft zerbricht, ich verliere meinen Job, meine Gesundheit ist angegriffen. Das sind einige der großen Krisen, die irgendwann im Leben auftreten können. Der moderne Mensch sehnt sich nach Stabilität. Deswegen wendet er viel Energie und Kraft auf, die Welt so zu formen und zu gestalten, wie er sie gerne haben möchte. Er sieht sich als Homo Faber, der meint, er könnte alles machen, wenn er nur den richtigen Werkzeugkasten dafür hätte. Doch so funktioniert das Leben nicht.

Das Leben stürzt uns in Krisen, gerade deswegen, weil Ordnungen, die wir uns gegeben haben, Ich-Bilder, an denen wir festhängen, Selbstdeutungen, die wir geschaffen haben, letztlich unser inneres Wachstum, unsere Reifungsprozesse blockieren. Das Leben will immer wachsen, nicht unendlich, aber bis zu einem bestimmten Grad. Es wächst qualitativ zur Größe. Dazu sind wir Menschen da: um seelisch und geistig groß zu werden. Das können wir aber nicht, wenn wir uns einmal ein Bild davon gemacht haben, wie wir sein wollen und jetzt alle Energie darauf verwenden, um diesem Bild zu genügen.

Wie sollte man am besten mit einer Krise umgehen?

Quarch: Eine Krise ist letztendlich immer die Einladung, neue Räume zu betreten, neue Erfahrungen zu machen, die durchaus schmerzhaft sein können. Trotzdem bestätigt sich – auch aus eigener Erfahrung –, dass das abgegriffene Wort von der Krise als Chance einen wahren Kern beinhaltet. Wir müssen begreifen, dass die Entwicklung unserer Potenziale, immer nur im Dialog mit anderem, auch mit dem Unbekannten, dem Schmerzlichen und dem Gefährlichen, vorangeht. Wenn wir uns in die Komfortzone unserer selbstgeschaffenen Lebenswelten zurückziehen, dann haben wir vielleicht Ruhe und Frieden, aber wir bleiben klein und oberflächlich. Man kann so leben, aber man hinterlässt nichts.

Mit Ihrem 2014 veröffentlichten Buch „Das große Ja“ haben Sie einen philosophischen Wegweiser zum Sinn des Lebens geschrieben. Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Erfolgsrezepte für ein erfülltes Leben?

Quarch: Der moderne Mensch glaubt, es gebe so etwas wie einen Zehn-Punkte-Plan zum Glück. Wenn wir bei Coach X diese oder jene Methode lernen und alles fleißig anwenden, dann kommt das große Glück. Aber so ist es nicht, es gibt diesen Zehn-Punkte-Plan nicht. Das Leben ist ein permanenter Diskurs, in dem nichts bleibt, wie es war, weil das Leben ständig in einer Flussbewegung ist. Deswegen glaube ich auch nicht, dass es so etwas gibt wie ein Rezept oder eine Blaupause für unser Leben, im Sinne einer Berufung, die wir herausfinden müssen und nach deren Maßgabe wir unser Leben führen sollten.

 

     

 

Was gibt dem Leben Ihrer Meinung nach Sinn?

Quarch: Ich stelle mir das Leben vor wie eine Melodie. Mit jedem Atemzug, den wir tun, schreiben wir diese Melodie fort. Sinn und Aufgabe ist es, eine schöne Melodie zu erzeugen, die stimmig ist, die auch viel Widersprüchliches miteinander verbindet. Da wo das Leben in sich stimmig ist, und die Melodie sich zu einem Ganzen fügt, da öffnet sich die Tiefendimension des Lebens, da erfahren wir Sinn. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Töne zu verbinden, aber es gibt nur eine Möglichkeit, eine Mozart-Symphonie zu schreiben. Wenn die jedoch einmal gefunden ist, ist sie unsterblich, für die Ewigkeit.

Was ist für Sie die Essenz der Lebenskunst?

Quarch: Was ich damit sagen will: Mit jedem Schritt unseres Lebens bauen wir eine Identität auf. Die Kunst besteht darin, auf dieser Grundlage weiter zu wachsen, unseren Horizont zu erweitern. Leid entsteht, wenn die Menschen eine Idee davon haben, wie sie sein wollen, die gar nicht zu dem passt wie sie sind. Identität wird nicht gemacht, sondern sie formt sich immer im Austausch mit der Welt. Wir nehmen Erfahrung auf und wir geben etwas zurück. Darauf hören, was uns die Welt und andere Menschen sagen und darauf Antwort geben, darin liegt unsere eigentliche Verantwortung im Leben. Antwort geben darauf, was uns das Leben sagt. Dadurch werden wir zu denen, die wir sein können. Mit dem Leben mitzugehen und es so zu gestalten, dass es bejahenswert ist, das ist für mich die Essenz der Lebenskunst.

Wir kennen alle die Situation, wenn ein gutes Gespräch mit einem Menschen entsteht, dann gibt es irgendwann den Punkt des gegenseitigen Einverständnisses und dann sind wir glücklich. Das ist der erfüllte Augenblick. Genauso gibt es ein Einverständnis mit der Welt. Das ist dann die ultimative Sinnerfahrung. Dann kann ich ja zum Leben sagen. Das ist das ganze Geheimnis.

Seit Jahren bieten Sie auch Philosophiereisen, insbesondere nach Italien und Griechenland an. Welches Konzept steckt dahinter?

Quarch: Das Angebot richtet sich an jeden, der Lust daran hat zu denken und mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen über die großen Fragen des Lebens. Ich selbst sehe mich als Inspirator, der von den Philosophen der Vergangenheit erzählt und die Teilnehmer mit in dieses Gespräch hineinnimmt. Wichtig ist mir, dass es lebendig zugeht, die Menschen auf andere Gedanken kommen und die Chance haben, sich und die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen und darüber hinaus auch Spaß zu haben. Man muss keine Vorkenntnisse haben. Natürlich stehen auch die Besichtigung wichtiger Sehenswürdigkeiten, kleine Wanderungen, Spaziergänge oder Tanzen auf dem Programm und es bleibt genügend Platz für das Sinnliche, für Essen und Trinken. Und wenn es mal wirklich in die Tiefe geht, dann kann man abends noch lange draußen auf der Terrasse sitzen, die eine oder andere Flasche Montepulciano köpfen und die großen Fragen bis zum Ende diskutieren. Ich liebe das.

Worin sehen Sie persönlich ihre Berufung oder den Sinn ihres Lebens?

Quarch: Mein Lebensweg hat Ecken, Kanten und Umwege. Ich glaube, meine Mission ist es, den Menschen in unserer heutigen durchtechnisierten Zeit etwas von dem Schönen und der Weisheit des europäischen Kulturerbes zu erzählen, von der Philosophie und Mythologie der alten Griechen, von der Liebe zum Leben und den tiefen Einsichten unserer Dichter und Denker. Europa braucht heute eine radikale Veränderung. So wie sich der Geist in Europa vor über 2.500 Jahren vom Mythos zum Logos weiterentwickelt hat, so stehen wir heute an einer Schwelle, um von der Rationalität aus eine neue Bewusstseinsebene zu erreichen, die das beste des Mythos und des Logos aufnimmt und eine neue Ausdrucksform des Geistes findet. Ich glaube wir kommen nur dahin, wenn wir die Kraft der Vergangenheit mitnehmen. Dazu einen kleinen Beitrag zu leisten, sehe ich als meine Berufung.

Herr Quarch, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Christoph Quarch

Dr. phil. Christoph Quarch wurde 1964 in Düsseldorf geboren und wuchs in einem protestantischen Elternhaus auf. Er studierte Philosophie, Theologie und Religionswissenschaften in Tübingen, Heidelberg und Bielefeld. Seine berufliche Laufbahn begann er im Journalismus als Redakteur, später als Chefredakteur und als Programmchef des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Heute arbeitet der freiberufliche Philosoph als Autor, Seminarleiter, Keynote-Speaker und Reiseveranstalter und lebt mit seiner Familie in Fulda. Außerdem berät er Unternehmen, ist Autor für Firmenpublikationen und Unternehmensphilosophien und unterrichtet als Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen.

Als Autor und Herausgeber hat er bisher knapp 40 Bücher publiziert, darunter „Liebe – der Geschmack des Christentums“ (2015, Gütersloher Verlagshaus), „Das große Ja“ (2014, Goldmann-Verlag) oder „Der kleine Alltagsphilosoph“ (2014, Gräfe und Unzer Verlag). Sein neuestes Werk „Rettet das Spiel“ erscheint am 26. September 2016 im Hanser Verlag. Weitere Informationen unter: www.christophquarch.de.

Bilder: Christoph Quarch, Nomi Baumgartl, Markus Hofelich, Goldmann-Verlag

Lesen Sie hier das Interview mit Christoph Quarch über die Liebe und die Erotisierung des Christentums.

 

 

 

Das könnte Sie auch interessieren ...

Hinterlassen Sie einen Kommentar