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Interview mit Anselm Bilgri: Die Benediktsregel als Leitfaden eines sinnvollen und erfüllten Lebens

29. Juli 2016 0 comments
Interview Anselm Bilgri Benediktsregel

Der frühere Benediktinermönch, Prior im Kloster Andechs, Unternehmensberater und Buchautor Anselm Bilgri sieht sich als Gratwanderer zwischen Kirche und Welt, zwischen Christentum und Wirtschaft. Kern seiner Botschaft ist die 1.500 Jahre alte Benediktsregel, die die Essenz vieler moderner Managementmethoden bereits enthält. Im ersten Teil des Interviews mit SinndesLebens24 spricht Anselm Bilgri darüber, was Unternehmen und Menschen von der uralten Weisheit Benedikts für ein besseres Arbeitsleben lernen können sowie über sein Buch „Vom Glück der Muße – Wie wir wieder leben lernen“.

Herr Bilgri, Sie verbinden religiöses Denken mit wirtschaftlichem Handeln. In ihrer Zeit als Cellerar der Abtei St. Bonifaz und als Prior im Kloster Andechs haben Sie gelernt, Unternehmen erfolgreich zu führen. Wie kam es dazu, dass Sie als Redner und Buchautor ihr Wissen mit einer breiteren Öffentlichkeit teilen?

Bilgri: Das Thema ist sehr spannend. Man vermutet gar nicht, dass ein Mönch, der sich zur persönlichen Armut verpflichtet hat, ein millionenschweres Unternehmen, wie z.B. die Klosterbrauerei Andechs, führt. Das scheint auf den ersten Blick ein Widerspruch zu sein. Natürlich kann auch die Kirche oder ein Kloster nicht ohne wirtschaftliche Grundlage existieren. Das war von Anfang an immer ein Spannungsfeld zwischen dem Anspruch, eigentlich nicht auf das Materielle zu schauen, aber dann doch davon abhängig zu sein. Diesen Spagat zu schaffen, ist schon eine Herausforderung. So erklärt sich auch das Interesse der Öffentlichkeit und der Medien daran. Ein Pater, der eine Brauerei leitet, das ist etwas besonderes, gerade auch in Bayern. Das Kloster Andechs ist Bayern in Konzentration, es gibt dort alles was man von Bayern erwartet: ein barockes, noch von Mönchen bewirtschaftetes Kloster auf einem Hügel am Ammersee, umgeben von idyllischer Landschaft, mit Brauerei, Bräustüberl, Biergarten und einer Wallfahrtsgeschichte aus dem Mittelalter. Im Laufe der Jahre habe ich Kurse zur Unternehmensführung gemäß der Benediktsregel entwickelt. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele moderne Managementmethoden bereits in der 1.500 Jahre alten Benediktsregel, natürlich mit anderen Worten, enthalten sind.

Wie war ihr persönlicher Einstieg als Führungskraft, der Wechsel vom Mönch zum Manager?

Bilgri: Ich habe selbst einige Jahre gebraucht, um mir eine Führungskultur anzueignen. Das ist in anderen Branchen ähnlich, wenn man Führungskraft wird. Man ist gut im Fachlichen und soll dann auch leiten. Doch das sind zwei unterschiedliche Dinge: fachlich gut zu sein und führen zu können. Wer einen guten BWL-Abschluss hat, kann nicht automatisch Menschen führen. Das muss man sich erst aneignen und lernen. Naturtalente sind eher selten. Mir ist immer mehr aufgefallen, dass diese Menschenführung nach Benedikt durchaus die modernen Führungsprinzipien darstellt – aber ganzheitlich. Die 1.500 Jahre alte Ordensregel ist von einer unglaublichen Weisheit und Klugheit geprägt, die einem erst allmählich aufgeht. Ich habe zunächst Vorträge gehalten darüber, dann kam die Nachfrage von Unternehmen nach Seminaren für die Führungskräfte. Später haben wir das Zentrum für Unternehmenskultur in Andechs gegründet und nachdem ich weggegangen bin, habe ich das Zentrum mitgenommen.

Als Leitfaden für eine werteorientierte Unternehmensführung greifen Sie auf die 1.500 Jahre alte Ordensregel Benedikts zurück. Was können Konzerne und Unternehmen heute von Klöstern lernen?

Bilgri: Die Benediktslehre wird zusammengefasst in einem Satz, den jeder Lateinschüler in der ersten Stunde lernt: Ora et labora – bete und arbeite. Dieses Motto steht am Anfang der europäischen Wirtschaftsgeschichte. Das interessante daran ist das „und“: Beten und Arbeiten wird sozusagen auf eine Wertestufe gestellt, beides ist gleichwertig. Der Satz ist kein moralischer Appell, sondern er bedeutet, dass Beten und Arbeiten, also beides zusammen, Garant für nachhaltigen Erfolg ist. In der Antike war das anders. Arbeit war Sache der Sklaven und Armen, der Freie hat nicht gearbeitet, er war stolz darauf, Zeit für die Muße (Philosophie, Politik, etc.) zu haben. Das christliche Mönchstum war durch das gesamte Mittelalter hindurch die wichtigste Wirtschaftskraft in Mitteleuropa. Die Klöster propagierten, dass Arbeiten genauso hoch angesehen ist wie Beten. Dies ist die Grundlage unseres hohen europäischen Arbeitsethos, dass Arbeit etwas Wertvolles ist.

Wie erklärt sich das Interesse der Wirtschaft an christlichen Grundsätzen?

Bilgri: Die Wirtschaft ist immer wieder, insbesondere auch in Krisenzeiten, auf der Suche nach Werten. Deswegen gehe ich zurück zu den Werten, die am Anfang der europäischen, abendländischen Wirtschaftsgeschichte gestanden haben. Als ich damals anfing, kamen viele neue Managementideen aus den USA, aus Japan und Korea nach Deutschland. Da dachte ich mir, warum das Fremde anschauen, wenn man etwas Eigenes hat – das uns geprägt hat. Daraufhin habe ich die Benediktsregel durchgesehen.

Was sind die wichtigsten Regeln einer werteorientierten Unternehmensführung nach Benedikt?

Bilgri: Es gibt drei prägende, wichtige Werte, die man heutigen Führungskräften, Unternehmern und Managern mitgeben kann: Gehorsam, Demut und die Gabe der Unterscheidung (lat. discretio). Man muss die Begriffe richtig interpreteiren. In einer demokratischen Gesellschaft leistet man etwa nicht mehr Gehorsam, aber so etwas wie Loyalität. Ich gehe dabei gerne auf die Etymologie zurück: In dem Wort Gehorsam steckt das Wort horchen. Es geht also um ein aktives Zuhören. Wer führen will, muss zuerst fragen, muss zuhören wollen, was der andere sagt. Das hängt zusammen mit der Demut. Ich darf als Chef nicht die große Klappe haben und nach dem Motto handeln, nur ich habe die guten Ideen oder Erfolg ist nur auf meinem Misthaufen gewachsen. Sondern ich muss mich als Chef etwas zurücknehmen und bereit sein, zuzuhören, vielleicht auch Kritisches und guten Rat anzunehmen. Bei Benedikt ist es ein Dreischritt: Hören – Annehmen – Tun. Das Wichtigste steckt im Annehmen. Das ist eine hohe Anforderung für jemanden in einer hohen Position. Natürlich gilt das auch für die Mitarbeiter.

Interview Anselm Bilgri Benediktsregel

Was ist unter Demut im heutigen Management eines Unternehmens zu verstehen?

Bilgri: Demut bedeutet sprachgeschichtlich „dienen wollen“. Demut war eine Tugend der Vasallen. Das zeigt sich zum Beispiel beim Prince of Wales, dem englische Thronfolger, der seit dem Mittelalter einen deutschen Wappenspruch hat: „Ich dien“. Das bedeutet, jemand in verantwortungsvoller Position hat die Aufgabe zu dienen. Der Prince of Wales der Queen, aber natürlich auch seinen Untertanen. Führung heißt dienen – von oben nach unten. In einer Organisation darf man die Führungsaufgabe nicht als Position sehen – welchen Dienstwagen, welches Büro, wie viel Sekretärinnen habe ich – sondern muss sie als Funktion verstehen. Ich habe als Führungskraft die Aufgabe, dem Unternehmen zu dienen und den einzelnen Mitarbeitern von oben nach unten, damit diese optimal ihren Zweck erfüllen können. Das ist die Idee des Subsidiaritätsprinzips, das aus der katholischen Soziallehre stammt. Die höhere Ebene hat dafür zu sorgen, dass die Ebene darunter gut arbeiten kann. Die untere Ebene darf sich nur dann nach oben wenden, wenn sie selbst nicht weiter weiß.

Und was genau verbirgt sich hinter der Gabe der Unterscheidung?

Bilgri: Das Dritte, die Gabe der Unterscheidung, ist ein wichtiges Element im Anforderungsprofil eines Abtes. Es bedeutet, ich muss die Mitarbeiter in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen. Die Unterschiedlichkeit des Einzelnen erkennen und als positiven Wert sehen – heute spricht man auch von Diversity. Es kommt darauf an, im Zusammenspiel dieser Unterschiedlichkeiten, Talente und Möglichkeiten Kreativität und Innovation zu fördern. Dabei ist es wichtig, den Mitarbeiter dort einzusetzen, wo er seine Stärken entfalten kann. Das erfordert natürlich viel Zeit von der Führungskraft. Idealerweise sollte ein Manager 80 % seiner Zeit in das Führen stecken und nur 20 % in Fachliches. So sollte es sein, aber das schafft man nur sehr selten. Das sind für mich die wesentlichen Punkte der benediktinischen Führungskultur.

 

Bilgri vom Glück der Muße

Zahlreiche Menschen klagen über zunehmenden Stress im Job, die digitale Erreichbarkeit dehnt die Arbeitszeit auch in Freizeit und Urlaub aus und die Zahl der Burn-out-Fälle nimmt zu. In Ihrem 2014 erschienenen Buch „Vom Glück der Muße Wie wir wieder leben lernen sprechen Sie dieses Thema an. Wie können wir wieder lernen, eine Work-Life-Balance zu finden, ohne dabei unseren Arbeitsplatz zu riskieren?

Bilgri: Das ist meiner Meinung nach eine ganz einfache Rechnung für Führungskräfte: Wenn die Mitarbeiter ausfallen aufgrund von Überforderung, ist der Schaden größer, als wenn man von vornherein darauf achte, dass es gar nicht so weit kommt. Überforderung bedeutet oft nicht nur objektive Überforderung. Dahinter steckt meist auch das subtile Gefühl, „ich schaffe es nicht“, weil alles gleichzeitig von mir verlangt wird: wenn eMails sofort beantwortet werden müssen, permanent das Handy läutet und gleichzeitig das Festnetztelefon, dann ist man in einer Situation, die man nicht sofort lösen kann. Davor müssen wir die Leute schützen. Nicht nur unternehmerisch, auch volkswirtschaftlich ist das problematisch. Da muss ein Umdenken stattfinden. Meist helfen nur ökonomische Argumente. Aber auch die Kreativität leidet darunter. Wer im Dauerstress ist, hat keinen Freiraum mehr, in dem gute Ideen entstehen können. Es gibt schon erste Ansätze bei der Arbeitsplatzgestaltung, etwa Lounges, Cafeterien einzuführen, in denen sich die Mitarbeiter bewusst treffen und sich interdisziplinär austauschen sollen, um neue Ideen zu entwickeln. Das birgt jedoch die Gefahr, dass die strenge Arbeitszeitregel, die ja zum Schutz der Mitarbeiter da ist, aufgelöst wird. Auch beim Thema Home Office bin ich sehr skeptisch, das führt oft zur Selbstausbeutung der Arbeitskräfte. Verantwortungsvolle Chefs und Human Ressources Manager schauen da schon drauf. Sie wissen: Wenn es dem Mitarbeiter gut geht, dann geht es auch dem Unternehmen gut.

Inwiefern können uns die benediktinischen Ordensregeln auch jenseits der Arbeit Orientierungshilfe für ein erfüllteres Leben geben?

Bilgri: Benedikts Regeln gelten nicht nur für Unternehmen, sondern lassen sich auch auf unser Leben übertragen, auf die Familie, den Freundeskreis usw. Jeder Mensch lebt in einem sozialen Gefüge. Aristoteles sagte bereits, der Mensch ist ein „Zoon politicon“, ein soziales Lebewesen, das sich in Gemeinschaften verwirklicht. Wir leiden alle darunter, dass wir die Menschen gerne so hätten, wie wir sie uns vorstellen. Aber das funktioniert nicht. Man muss lernen, den Menschen in seiner Andersartigkeit zu akzeptieren und nicht immer versuchen, ihn verändern zu wollen. Wir können uns selbst ändern, aber nicht die anderen. Die Eltern etwa sollten bei der Erziehung der Kinder versuchen, deren Stärken zu erkennen und diese zu fördern, statt sie in eine Schublade zu pressen, in die sie nicht hineinpassen.

Die Arbeit ist wesentlicher Bestandteil eines erfüllten und sinnvollen Lebens. Doch zahlreiche Menschen sind heute unzufrieden mit ihrem Job, auch über das Thema Stress hinaus. Wo liegen die häufigsten Problemfelder? Was kann man als Mitarbeiter und Führungskraft dagegen tun?

Bilgri: Die Arbeit muss Ort der Sinnstiftung sein. Aber wie bekommt man das hin? Es hat etwas zu tun mit persönlichen Erfolgserlebnissen des Mitarbeiters, mit einer Wertschätzung und Lobkultur. Das ist die höchste Motivation und das, was Freude macht im Job, nicht das Geld. Das hat mit der Gabe der Unterscheidung zu tun. Wenn es mir als Chef gelingt, einem Mitarbeitern die Aufgaben zu geben, die er gerne und damit gut macht, dann wird er auch Erfolgserlebnisse haben. Das fördert in Summe automatisch den Erfolg des Unternehmens. Man muss es ermöglichen, dass Arbeit ein Teil der persönlichen Sinnfindung ist. Vielleicht müssen wir dazu weg von diesen starren Arbeitsplatzbeschreibungen. Es ändert sich heute schon etwas aufgrund des Fachkräftemangels. Die jungen, hochtalentierten Nachwuchskräfte der Generation Y wollen zwar gut verdienen, aber nicht mehr die ganze Freizeit für die Arbeit opfern. Sie wollen nicht mehr jeden Tag bis zehn Uhr abends im Büro sitzen, sondern auch genügend Zeit mit Freunden und der Familie verbringen.

Wir wissen heute noch nicht, wie sich die Themen Industrie 4.0, das Internet der Dinge auf den Arbeitsmarkt auswirken werden: Ungelernte Arbeiter werden immer weniger gebraucht und die Facharbeiter mutieren immer mehr zu Beobachtern von Maschinen, die nur noch bei Problemen eingreifen. Entweder wird die Arbeitszeit reduziert, oder es werden sehr viele Leute keine Beschäftigung mehr haben. Da müssen wir uns etwas einfallen lassen.

Herr Bilgri, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Zur Person: Anselm Bilgri

Anselm Bilgri wurde 1953 in Unterhaching geboren, trat 1975 in die Benediktinerabtei Sankt Bonifaz in München ein und studierte Philosophie und Theologie in München, Rom und Passau. 1980 wurde er von Kardinal Joseph Ratzinger zum Priester geweiht. Von 1986 bis 2004 leitete er als Cellerar die Abtei St. Bonifaz in München und Andechs und gründete 2004 das Zentrum für Unternehmenskultur. Seit 2008 ist er Vortragender, Buchautor, Coach und Mediator. Außerdem doziert er seit 2011 an der Hochschule München und gründete 2013 die Akademie der Muße sowie die Stiftung München. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen „Vom Glück der Muße – Wie wir wieder leben lernen“ (2014, Piper Verlag), „Gottesentrümpelung – Warum es nicht verrückt ist, heute religiös zu sein“ (2011, Gütersloher Verlagshaus), Herzensbildung – ein Plädoyer für das Kapital in uns“ (2009, Piper Verlag). Weitere Informationen unter: www.anselm-bilgri.de.

Bilder: Anselm Bilgri, Die Hoffotografen / Markus Hofelich / Piper Verlag

 

Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews mit Anselm Bilgri: Gottesentrümpelung – warum es nicht verrückt ist, heute religiös zu sein

 

 

 

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