Interview mit Dr. Katja Kruckeberg: „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“

by Hofelich
Dr. Katja Kruckeberg: „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“ ©_Carl Rakip

In einer Welt, die sich durch KI, Automatisierung und permanente Krisen rasant wandelt, suchen viele Menschen nach einem Anker. Doch der moderne Ruf nach dem einen, großen „Purpose“ führt oft nicht zu mehr Klarheit, sondern zu einer tiefen inneren Müdigkeit, der sogenannten Purpose Fatigue. Wenn Sinn zur moralischen Pflicht wird, bleibt die echte Lebendigkeit auf der Strecke. Dr. Katja Kruckeberg setzt dem die japanische Philosophie des Ikigai entgegen. In ihrem Buch „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“ (ET: März 2026) zeigt sie, wie wir zurück zu einer Kraft finden, die uns nicht nur im Job, sondern als Mensch trägt. Im Interview erklärt die erfahrene Executive Coachin, warum Sinn nicht „größer“, sondern vielfältiger werden muss, warum wir für moderne Führung eine neue Stimmigkeit brauchen und wie uns japanische Lebensimpulse helfen, in Krisenzeiten innerlich stabil zu bleiben.

Frau Dr. Kruckeberg, was hat Sie dazu bewogen, das Buch „Der japanische Garten“ zu schreiben? Worum geht es im Kern?

Kruckeberg: Der Impuls für dieses Buch entstand aus einer Beobachtung, die mir in den letzten Jahren immer häufiger begegnet ist: Viele Menschen sind engagiert, leistungsbereit und verantwortungsvoll – und zugleich innerlich müde. Nicht ausgebrannt im klassischen Sinn, sondern erschöpft von dem Gefühl der Beliebigkeit und des inneren Fremdwerdens. Was wir derzeit erleben, ist eine Form von Purpose Fatigue: Sinn wird permanent eingefordert, erklärt, kommuniziert – aber immer seltener wirklich erfahren.

Gleichzeitig unterschätzen viele noch, wie disruptiv sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren verändern wird. KI, Automatisierung und strukturelle Verschiebungen betreffen nicht nur Jobs, sondern erschüttern Identitäten. In einer solchen Zeit reicht es nicht mehr, sich an äußeren Narrativen festzuhalten. Es braucht einen stabilen inneren Bezug.

Der japanische Garten erzählt genau davon: wie Sinn im Kleinen entstehen kann – nicht als Gegenentwurf zur Leistung, sondern als Voraussetzung für Kraft, Klarheit und Resilienz. Nur wer innerlich angebunden ist, wird den Herausforderungen unserer Zeit bewusst und gestaltend begegnen können.

Warum haben Sie sich für eine literarische Erzählung entschieden und nicht für ein klassisches Sach- oder Sinnbuch?

Kruckeberg: Zum einen, weil ich Belletristik liebe. Sprache ist für mich echtes Handwerk: Rhythmus, Verdichtung, Sog. Ich liebe es, an Formulierungen zu feilen, eine Geschichte so zu entwickeln, dass sie leicht zu lesen ist und dennoch Tiefe entfaltet. Zum anderen, weil wir in einer Zeit leben, in der viele Sachbücher austauschbar werden. Wissen, Modelle und Frameworks lassen sich heute leicht generieren, auch mithilfe von KI. Was sich nicht automatisieren lässt, ist Erfahrung.

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Eine literarische Erzählung schafft einen Erfahrungsraum. Sie wirkt nicht über Argumente, sondern über Resonanz. Ein sehr persönlicher Aspekt ist zudem, dass die Illustrationen im Buch von meiner Tochter Jolanda stammen. Sie hat sie selbst entworfen und gemalt. Dieses gemeinsame Arbeiten – Wort und Bild, zwei Perspektiven – war für uns beide Sinnschöpfung und Ikigai pur. Genau diese Qualität von Arbeit wollte ich auch im Buch spürbar machen.

Was kann eine Erzählung leisten, was ein Sachbuch über Sinn nicht leisten kann?

Kruckeberg: Ein Sachbuch erklärt Sinn. Eine Erzählung lässt uns erleben, wie sich Sinn anfühlt – oder fehlt. Leserinnen und Leser müssen nichts übernehmen, nichts umsetzen, nichts optimieren. Sie bewegen sich durch eine Geschichte und merken dabei, wo etwas in ihnen reagiert. Diese Form der Selbstbegegnung ist oft nachhaltiger als jede Anleitung.

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Buchcover Dr. Katja Kruckeberg: „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“

Buchcover Dr. Katja Kruckeberg: „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“

 

Viele Organisationen sprechen intensiv über Purpose. Gleichzeitig wächst die Erschöpfung. Wie erklären Sie dieses Paradox?

Kruckeberg: Wir erleben derzeit sehr deutlich das Phänomen der Purpose Fatigue. Es entsteht dort, wo Sinn permanent formuliert, eingefordert und kommuniziert wird – aber im Alltag kaum erfahrbar ist. Viele Organisationen geben einen übergeordneten Purpose aus und gehen implizit davon aus, dass dieser für alle Mitarbeitenden gleichermaßen sinnstiftend sein kann.

Genau hier entsteht jedoch ein zentrales Problem, das AYA im Buch sehr präzise beschreibt: Es gibt oft ein erhebliches Gap zwischen dem organisationalen Purpose und dem individuellen Sinnempfinden. Menschen bringen unterschiedliche Biografien, Werte, Lebensphasen und innere Fragen mit. Zu erwarten, dass ein einziger Unternehmenspurpose von allen gleichermaßen „gespürt“ wird, ist schlicht unrealistisch.

Wenn dieser Unterschied nicht anerkannt wird, entsteht Druck. Sinn wird zur Norm, zur moralischen Erwartung: Ich sollte mich damit identifizieren. Und genau das erschöpft. Nicht weil Sinn fehlt – sondern weil er vereinheitlicht und überfrachtet wird.

Sie stellen dem das Ikigai-Verständnis gegenüber. Warum ist dieser Ansatz so zeitgemäß?

Kruckeberg: Ikigai ist deshalb so zeitgemäß, weil es Sinn nicht vereinheitlicht, sondern vervielfältigt. Statt eines großen, übergeordneten Purpose geht es um Purpose-Vielfalt – international oft als purpose plurality beschrieben. Ikigai anerkennt, dass Menschen mehrere Sinnquellen haben dürfen, ja sogar brauchen: kleine, wechselnde, lebensnahe. Sinn ist hier kein statisches Ziel, sondern ein dynamisches Geflecht aus Tätigkeiten, Beziehungen und Momenten, die im Alltag tragen.

Gerade als Antwort auf Purpose Fatigue ist das entscheidend. Ikigai entlastet, weil es nicht verlangt, dass alles zusammenpassen muss. Es erlaubt individuelle Sinnlogiken innerhalb eines größeren Rahmens. Damit wird Sinn wieder realistisch, menschlich – und langfristig tragfähig.

Was unterscheidet Ikigai von westlichen Sinn- und Purpose-Modellen?

Kruckeberg: Westliche Modelle denken Sinn oft strategisch und zielorientiert. Ikigai denkt relational und prozesshaft. Es geht weniger um Selbstoptimierung und mehr um Selbststimmigkeit. Weniger um große Erzählungen, mehr um verlässliche kleine Quellen. Genau darin liegt seine Resilienz.

Was verbindet Sie persönlich mit Japan?

Kruckeberg: Meine Verbindung zu Japan ist über viele Jahre gewachsen, ich bezeichne sie oft als eine intensive Fernbeziehung. Seit über zwanzig Jahren faszinieren mich die japanische Kultur, ihre Lebensphilosophien und die besondere Ästhetik, mit der dort dem Leben begegnet wird.

Beruflich arbeite ich seit vielen Jahren eng mit japanischen Führungskräften zusammen, zunächst vor allem im westlichen Kontext, später zunehmend auch im virtuellen Raum mit direktem Bezug nach Japan. In dieser Arbeit habe ich erfahren, dass Coaching keine Einbahnstraße ist: Ich habe mindestens ebenso viel von meinen Klientinnen und Klienten gelernt wie sie von mir.

Diese Erfahrungen bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Konzepte wie Ikigai, Nagomi oder Kintsugi stehen deshalb nicht zufällig im Zentrum meiner Coachings, sie sind gelebte Praxis, keine theoretischen Modelle.

Was bedeutet das für Führung und Organisationen?

Kruckeberg: Wir leben in einer Zeit, die man durchaus als VUCA und BANI im Quadrat bezeichnen kann, geprägt von Ambiguität, Komplexität, disruptiver Transformation und permanenter Unsicherheit. In solchen Kontexten greifen klassische Führungsmodelle immer weniger.

Was es heute braucht, ist Führung, die echt ist und Menschen tatsächlich erreicht. Orientierung entsteht nicht mehr dadurch, dass Führungskräfte fertige Antworten liefern, sondern dadurch, dass sie Haltung zeigen – auch dann, wenn sie selbst noch nicht wissen, wie die Zukunft aussehen wird.

Sinn entsteht unter diesen Bedingungen nicht durch Programme, sondern durch Präsenz, Klarheit und Beziehung. Führung heißt heute, Räume zu öffnen, in denen Unsicherheit benannt werden darf, ohne sie sofort aufzulösen. Weniger Perfektion, mehr Stimmigkeit – das ist die neue Qualität wirksamer Führung.

Ihr Buch ist der Auftakt einer Trilogie. Was dürfen Leser künftig erwarten?

Kruckeberg: Alle drei Bücher sind eigenständig erzählte Geschichten. Zugleich stehen sie in einer japanisch-philosophischen Verbindung zueinander: nicht linear, nicht erklärend, sondern über Haltung, Motive und eine gemeinsame Art, auf das Leben zu blicken. Jedes Buch steht absolut für sich und öffnet doch einen Resonanzraum zu den anderen.

Die Figuren verkörpern unterschiedliche menschliche Erfahrungen und innere Bewegungen, wie sie vielen vertraut sind. Ihre Themen entfalten sich nicht über Analyse, sondern über Erleben – in Situationen, Beziehungen und stillen Wendepunkten.

In Die japanische Apotheke, dem zweiten Band, steht Kintsugi im Zentrum. Es geht um Mobbing, Perfektion, Selbstakzeptanz und die feinen Dynamiken von Täter-Opfer-Umkehr. Vor allem aber um die Frage, wie Menschen nach einer verletzenden Erfahrung wieder handlungsfähig und stimmig werden können, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.

Der dritte Band widmet sich Nagomi. Im Mittelpunkt steht das Zusammenführen von Gegensätzen: innere Spannungen, widersprüchliche Rollen und ambivalente Anforderungen, wie sie unsere Gegenwart prägen.

Gemeinsam greifen die drei Bücher auf uralte, teils jahrtausendealte japanische Impulse zurück und stellen sie in den Kontext unserer modernen Arbeits- und Lebenswelt. Sie laden dazu ein, mit diesen Denk- und Lebensformen auf die Herausforderungen unserer Zeit zu schauen. Nicht als Lösung, sondern als Orientierung.

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?

Kruckeberg: Da geht es mir ein wenig wie Opa Winter und Aya im Buch: Ich glaube nicht an den einen, allumfassenden Sinn. Sinn kann in unterschiedlichen Räumen entstehen und er verändert sich. Er hat Jahreszeiten.

Ein wichtiger Sinnraum ist für mich meine Familie. Meine Kinder beim Aufwachsen zu begleiten und sie zu unterstützen, erlebe ich als eine sehr tiefe Form von Sinn. Gleichzeitig entsteht Sinn für mich im Beruf. Eines meiner Ikigai ist das Lernen: selbst zu lernen, offen zu bleiben, und andere auf ihrem Lernweg zu begleiten und zu inspirieren.

Sinn finde ich auch darin, mein Unternehmen Global Leadership Excellence verantwortungsvoll und nachhaltig zu führen. Und schließlich gibt es einen Sinnraum, der für mich eine besondere Qualität hat: das Schreiben. Schreiben ist für mich ein Ort der Verdichtung, des Nachdenkens und des Gestaltens.

Wie im Buch beschrieben, muss Sinn nicht exklusiv sein. Er darf verteilt sein, sich verändern und immer wieder neu zeigen. Diese Offenheit empfinde ich nicht als Verlust, sondern als ganz große Erleichterung – gerade in einer Zeit, die uns so viel Wandel abverlangt.

 

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Buchcover Dr. Katja Kruckeberg: „Der japanische Garten: Eine Erzählung über Ikigai und die Quellen des Sinns“

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