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Interview mit Lars Jaeger: „Wissenschaft und Spiritualität – Zwei Wege zu den großen Geheimnissen“

30. November 2016 0 comments
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Die Konzepte von Wissenschaft und Spiritualität zum Verständnis der Welt scheinen auf den ersten Blick völlig gegensätzlich zu sein. Dass beide Denktraditionen weit mehr gemeinsam haben, als vermutet, zeigt Lars Jaeger in seinem Buch „Wissenschaft und Spiritualität: Universum, Leben, Geist – Zwei Wege zu den großen Geheimnissen“, das im September 2016 im Springer Verlag erschienen ist. Lars Jaeger ist bestens mit beiden Welten vertraut: Er hat Physik und Philosophie studiert und mehrere Jahre in der Quantenphysik geforscht. Seine berufliche Heimat liegt heute in der Finanzbranche: Er ist Spezialist für komplexe mathematische Modelle zur Finanzanalyse und leitet bei dem Schweizer Vermögensverwalter GAM Global Asset Management den Bereich Quantitative Research. Im Interview mit SinndesLebens24 spricht er über sein Interesse für Spiritualität und Naturwissenschaften, wie sich beide Modelle sinnvoll ergänzen und die Vorteile einer säkularisierten Spiritualität ohne religiösen Dogmatismus.

Herr Jaeger, wie haben Sie als Mathematiker, Quantenphysiker und Entwickler komplexer Finanzanalysemodelle Interesse für Philosophie und Spiritualität entwickelt?

Jaeger: Bereits als Teenager haben mich die Grenzfragen beider Disziplinen interessiert. Ein Auslöser war sicher die moderne Physik, also die Relativitätstheorie und die Quantenphysik. Da wird man schon mit einigen merkwürdigen Dingen konfrontiert, an die sich unser Alltagsdenken wohl kaum gewöhnen kann. Das hat mich damals sehr aufgeschreckt. Ich habe dann Physik (Nebenfach Mathematik) und Philosophie (Nebenfach Geschichte) studiert und dann auch einige Jahre in der Forschung im Bereich der theoretischen Physik verbracht. Und so richtig aufgehört habe ich mit dem Studium und mit der Beschäftigung mit diesen Themen dann eigentlich nie.

Das Thema „Spiritualität“ kam dann vor allem durch die Beschäftigung mit philosophischen Fragen, sowie zuletzt auch fernöstlichen – insbesondere buddhistischen – Denktraditionen hinzu. So ist das Buch das Resultat – oder besser ein Zwischenstand – einer jahre- oder sogar jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit naturphilosophischen, erkenntnistheoretischen, wissenschaftlichen und ethischen Fragen, die mich schon seit meiner Jungend bewegen.

Was verstehen Sie unter Spiritualität – vor allem auch in Abgrenzung zu esoterischen Auslegungen?

Jaeger: Ich versuche, hier begrifflich etwas weiter zu gehen und will damit zugleich den Alleindeutungsanspruch der Religionen in Fragen der Spiritualität hinterfragen. Und in esoterischen Gefilden will ich mich natürlich erst recht gar nicht bewegen. Bereits der fremdsprachliche Ursprung des Wortes verweist auf mehr: Das lateinische „spiritus“ bedeutet „Geist“ oder „Hauch“, „spiritualitas“ wiederum „Geistigkeit“, und das Verb „spirare“ lässt sich mit „atmen“ übersetzen. Somit beschreibt „Spiritualität“ jede Form von Geistigkeit im Kontrast zur Materialität (lat. „materialitas“) oder der Körperlichkeit (lat. „corporalitas“). Damit stellt Spiritualität einen allgemeinen Bezug auf die Seins- oder Erkenntnisweise einer immateriellen bzw. geistigen Welt dar. Sie ist damit eine innere, geistige Qualität von uns, mit anderen Worten, ein Zustand unseres Bewusstseins, der unser Denken und Handeln beeinflusst und uns auf etwas ausrichtet, beispielsweise auf einen Willen, etwas wissen zu wollen oder auf eine bestimmte Art zu handeln. Und diesem Willen entspricht ein tiefer Wunsch nach Wahrheit und Sinn. Spiritualität sollte damit dem modernen wissenschaftlichen Denken recht nahe stehen.

 

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Unsere westliche Gesellschaftist heute mehr denn je von Digitalisierung und technischem Fortschritt geprägt. Das Interesse an Religionen – den traditionellen Formen der Spiritualität – geht stark zurück, wie ein Blick auf die Zahl der Kirchenaustritte zeigt. Trotzdem nimmt das Interesse an Sinnfindung und Spiritualität zu. Wie erklären Sie sich das?

Jaeger: Ein Blick auf die Geistesgeschichte der letzten 250 Jahre zeigt, dass sich die säkulare, rationalistisch-naturalistisch geprägte Weltanschauung der Naturwissenschaften immer wieder starken geistigen Gegenbewegungen ausgesetzt sah. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht in Anbetracht dessenvom „Bewusstsein, dass etwas fehlt“. Dieses Fehlende entspricht – je nach Sichtweise − einem menschlichen Bedürfnis oder einem tieferliegenden Zugang, bei dem Welt- und Daseinserfassung auf Formen des Nicht-Materiellen und Nicht-Nützlichen außerhalb des naturwissenschaftlichen Erfassungsvermögens zurückgreifen, deren gemeinsamer Nenner seit nahezu 3.000 Jahren der Bezug auf geistige, zumeist transzendente, Entitäten ist.

Wir fragen als Menschen nicht nur nach den Wirkungs- und Kausalmechanismen in der Welt und sind nicht nur an unserem Dasein als solchem interessiert, sondern wir fragen auch, was und wozu wir sind und was wir in dieser Welt sollen und wollen sollen. Es ist ganz natürlich, nach dem „Warum“ und dem Sinn unseres Daseins zu fragen. Man könnte dies gar als einen Kern spirituellen Strebens ansehen. Und Fragen wie diese kann die Wissenschaft nicht nur nicht beantworten, streng genommen kann sie sie schon gar nicht stellen.

Brauchen wir in unserem säkularen Zeitalter noch Spiritualität? Woraus ergibt sich das Bedürfnis der Menschen nach Transzendenz?

 Jaeger: Nach dem oben gesagten brauchen wir sicher Spiritualität, auch in einem säkularen Zeitalter. Denn säkulares Denken besteht zunächst mal in Ablehnung religiöser Erklärungs- und Machtansprüche. Und das hat etwas sehr Befreiendes an sich: Religion ist leider immer wieder zu einer mehr oder weniger vulgären Weltanschauungspolitik verkommen, der es kaum mehr wirklich um Wahrheit, sondern vielmehr um Interpretationshoheit, also letztlich Deutungsmacht geht. Spiritualität dagegen geht es um echte Erkenntnis, sowie auch permanente Reflexion, sozusagen in Trippelschritten zu höheren Wahrheiten zu kommen. Sie beinhaltet motivationstechnische, erkenntnisbezogene, sinnstiftende und lebenspraktische Aspekte, Religion eher die Dogmen geschlossener Glaubenssysteme. Der Philosoph Thomas Metzinger geht gar so weit zu behaupten: „Das Gegenteil von Religion ist nicht Wissenschaft, sondern Spiritualität.“

Spiritualität umfasst aber auch Erfahrungen oder Vorstellungen, durch die man sich einem größeren Ganzen zugehörig fühlt. Sie will uns eine tiefere geistige Dimension des Mensch-Seins eröffnen und den Weg zu einem umfassenderen, sinnbezogenen Verständnis unserer Existenz in dieser Welt zeigen. Sie enthält damit auch nicht-materielle Erfahrungen und Werte wie Liebe, Mitgefühl, Empathie, Moralität, Intuition und meditative Einsichten – und zuallerletzt und wesentlich die Frage nach einem „Sinn“ des Daseins, also eine Deutung des Grundes unserer und aller Existenz, da die Menschen mit ihrem Wissen um ihr unausweichliches Schicksals des Sterbens versuchen, das Rätsel ihres Werdens und Vergehens zu entschlüsseln.

In einer für ihn so typischen Einfachheit und Klarheit formulierte der Physiker Richard Feynman dies mit der Frage „Was ist der Sinn des Ganzen?“ Mit ihr beschrieben Menschen schon immer wesentliche Bezüge zu einem existentiellen Rätsel, dessen Behandlung außerhalb dessen liegt, was die Naturwissenschaften erfassen können.

Nicht wenige Menschen erleben den Bedeutungsverlust spiritueller Traditionen in den modernen rationalen Naturlehren, die weitgehende Entsakralisierung unserer Lebenswelt und den damit verbundenen Mangel an Möglichkeiten zur Behandlung von Sinn- und Existenzfragen in unserer säkularen Gesellschaft als Zeichen persönlicher und gesellschaftlicher Krisen. Nach der Befreiung von religiösen und gesellschaftlichen Vorgaben, was man zu denken und wie man zu leben hat, fragen sie: „Und was nun? Was sind die Richtlinien eines sinnvollen und guten Lebens?“ Hier kann nur eine spirituelle Haltung ansetzen.

Für welche Zielgruppe haben Sie Ihr Buch „Wissenschaft und Spiritualität“ geschrieben? Für wen ist es geeignet?

Jaeger: Das Buch ist für jeden, der gerne über Grundsätzliches nachdenkt und dabei die weltanschaulichen, gesellschaftlichen und ethischen Dimensionen der modernen Wissenschaft zu erfassen sucht und dabei keine Bezüge zu spirituellen und philosophischen Denktraditionen scheut. Natürlich ist es ein Buch, das zunächst einmal in den Augen der meisten Leser zwei sehr verschiedene, oft als inkompatibel angesehene Themenkomplexe behandelt. Es soll also die Leser ansprechen, die an wissenschaftlichem Denken und spirituellen Fragen sowie möglichen Verbindungen und Unterschieden interessiert sind und dabei auch bereit sind, die ein oder andere Kategorie oder das ein oder andere Konzept einfach mal beiseite zu legen.

Wo sehen Sie die traditionell vorherrschenden größten Gegensätze wissenschaftlichen und spirituellen Denkens?

Jaeger: Hier muss man wiederum zwischen Spiritualität und Religion unterscheiden. Die Wissenschaft grenzt sich jedoch heute methodisch mit Vehemenz ab, wenn sich dogmatisch-geschlossene Glaubensformen bilden, die spirituelle Erfahrungen und Fragen zu institutionalisieren versuchen und sich dafür oft auf finale transzendente Antwort- und Erklärungsschemata berufen − oft mit dem Zweck, eine Gemeinschaft mit moralischen Prinzipien ins Leben zu rufen oder Religionen zu begründen.

Ist ein Dialog zwischen Wissenschaft und Spiritualität heute nicht unbedingt einfach, aber sehr gut möglich, so ist er zwischen Wissenschaft und Religion sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Religion stellt sich weder empirischen Wahrheitskriterien, noch stellt sie erklärte „Wahrheiten“ in einen diskursiven Raum – beides Dinge, die Naturwissenschaftler als zentralen Bestandteil ihres methodischen Kanons verstehen.

Die Wissenschaft hat also einen klar abgegrenzten methodischen Kanon. Das ist in spirituellen Bewegungen, auch in ihren nicht-religiös-dogmatischen Formen, selten der Fall. Hier ist man sich ja oft noch nicht einmal über die Kriterien der Wahrheit einig. Das liegt auch in der Natur ihrer Sache: Es geht ihr um das „Geistige“, das im Grunde ja gerade das Subjektive ist. Dagegen hat die Wissenschaft das Subjekt im allergrößten Teil ihrer Geschichte komplett verdrängt – was ja schließlich die Quantenmechanik für viele Wissenschaftler, auch dem größten von ihnen, Albert Einstein, zunächst so unerträglich sein ließ. Zwischen dieser subjektiven, begrifflich weniger klaren Erkenntnis und den objektiven Evidenzkriterien für Wahrheit besteht ein großes Spannungsfeld.

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Was eint diese beiden Pole der Weltanschauung, wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Jaeger: Weder Spiritualität noch Wissenschaft sind „Weltanschauungen“ – Weltanschauungen lassen sich eher in den Religionen finden –, sondern eher geistige Einstellungen: Es sind Bekenntnisse zu einer Form des Ehrlichseins, das was die Philosophen „Redlichkeit“ nennen, in diesem Fall: „intellektuelle Redlichkeit“. Dieser Zusammenhang wird ebenfalls von Metzinger illustriert. Somit haben Wissenschaft und Spiritualität im Grunde auch die gleiche normative Grundhaltung: ein Bekenntnis zur unbedingten Wahrheit und die Bereitschaft, sich mit nichts außer dem zufrieden zu stellen. Zugleich aber im Wissen, dass diese Wahrheit ggfs. immer nur temporär sein kann.

Dass daraus eine Art und Weise entsteht, „die Welt anzuschauen“ heißt im Übrigen noch nicht, dass es hier um Weltanschauungen geht. Zu diesen gehört nämlich auch eine Art diskursiver Verschlossenheit. Und diese haben beide, Wissenschaft und Spiritualität, nicht.

Wie können sich die beiden äußerst konträren Zugänge zur Erkenntnis sinnvoll ergänzen?

Jaeger: In methodischer Hinsicht können sie wunderbar zusammengehen, ja sind sich sogar eine gegenseitige Ergänzung in ihrer jeweiligen Suche nach Wahrheit: Das wissenschaftliche Denken kann spirituellen Reflexionen immer wieder als Korrektiv dienen, in Fragen nach dem „Großen und Ganzen“ nicht spekulativen Phantasiegebilden nachzujagen. Und Spiritualität dient Wissenschaftlern als innere Motivation zu einer Klarheit in der Zielsetzung ihrer Erkenntnissuche, aber auch in der ethischen Ausrichtung, im Staunen ob des Erhabenen und Wunderbaren in der Welt, und zuletzt natürlich mit dem immer wieder zu entdeckenden Bezug zu einem Sinn.

In ethischer und lebenspraktischer Hinsicht: Sowohl Wissenschaft als auch Spiritualität sind motiviert, die Bedingungen der menschlichen Existenz zu erleichtern und Leid zu vermindern, was sich als einfachster gemeinsamen Nenner ethischer Philosophien auffassen lässt. Der Dalai Lama formuliert als Ziel, „im Streben nach Wissen um die eigene Existenz Freude zu finden und Leid zu überwinden“. Genau daraus könnte sich ein tieferer Sinn und ein ethischer Bezugsrahmen für die Wissenschaft ergeben. Und Spiritualität könnte zu so etwas wie einem geistigen Prinzip für sie werden, welches sich trotz aller methodischen Gegensätze zur Ergänzung und Erweiterung der empirischen Naturerfahrung anbietet. Damit sich diese daran erinnert, worauf es ihr ursprünglich neben des reinen Erkenntnisstrebens ankam.

Ein entsprechendes „sich Einlassen“ auf spirituelle Elemente böte der Wissenschaft ein erwünschtes ethisches und sinnbezogenes Fundament, suchen doch die meisten Menschen, und damit auch Wissenschaftler, nicht nur nach mechanistischen Erklärungen, sondern nach einem letztendlichen „Sinn“ in ihrem Schaffen. Und diese Suche erstreckte sich schon immer weit jenseits der Wissenschaften, überall dorthin, wo Menschen sind, überall dorthin, wo „erlebt“ wird.

Der Großteil der Naturwissenschaftler dürfte eher wie der Physiker Stephen Hawkins materialistisch geprägt sein. Doch es gibt auch andere renommierte Persönlichkeiten, die wie Sie selbst Wissenschaft und Spiritualität nicht als Gegensatz sehen. Könnten Sie einige Beispiele nennen?

Jaeger: Zunächst: Nachdem sich der Materiebegriff in den modernen Quantenfeldtheorien längst aufgelöst hat, ist der Begriff „Materialismus“ selbst für Physiker nicht mehr akzeptiert. Man sollte daher eher von „Naturalismus“ sprechen.

In der Tat ist der Naturalismus die vorherrschende philosophische Weltsicht von Naturwissenschaftlern heute. Das stellt jedoch nicht unbedingt einen Gegensatz zu spirituellen Elementen in ihrem Denken dar. Im Gegenteil: Wir erkennen in der Ideengeschichte von Physik, Chemie und Biologie der letzten 150 Jahre jede Menge spiritueller Komponenten, die ihren Ursprung im Seelenleben und den damit verbundenen, inneren geistigen Prozessen der bedeutendsten Naturforscher dieser Periode hatten − von Darwin und Maxwell bis zu den Vätern der modernen Physik. Glaube, Intuition, Gefühl für Erhabenheit, Empfinden einer Einheit, pures Staunen über die „Wunder der Natur“, all das sind Bestandteile eines wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, der seine Wurzeln auch jenseits der rationalen Erfahr- und Begreifbarkeit findet. Mit anderen Worten, der in der ein oder anderen Form von „spiritueller Natur“ ist.

Der „Großvater der Quantentheorie“, Max Planck, formulierte für die Naturwissenschaftler, „dass der Ausgangspunkt ihrer Forschungen nicht in den Sinneswahrnehmungen allein gelegen ist und dass auch die Naturwissenschaft ohne eine gewisse Dosis Metaphysik nicht auskommen kann.“ Einstein führte diese Einsicht zu seiner bekannten Aussage: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Wissenschaft ist blind.“ Und Planck hatte wohl Ähnliches im Sinn, als er beim Vergleich von Religion und Naturwissenschaft formulierte: „Gott steht für die einen am Anfang, für die anderen am Ende alles Denkens.“

In ihrem Buch fokussieren Sie auf drei Dimensionen des Verhältnisses von Wissenschaft und Spiritualität: Sinn, Geschichte, und Gestaltung. Könnten Sie die wichtigsten Kernaussagen in den drei Bereichen kurz skizzieren?

Jaeger: Die Sinndimension bezieht sich auf die großen existentiellen Fragen unseres Lebens, die Geheimnisse, zu denen es sowohl spirituelle als auch wissenschaftliche Zugänge gibt. Sie bestimmen die Struktur des Buches. Dabei erkennt man mannigfach, dass die Beziehung von wissenschaftlichem und spirituellem Denken viele gemeinsame geschichtliche Bezugsfelder besitzt, was dazu führt, dass ein historisches Erfassen dieses Verhältnisses oft einen geradezu natürlichen und verständlichen Zugang darstellt. Die Bedeutung spiritueller Dimensionen in unserer mehr und mehr durch Wissenschaften geprägten Welt sollte uns, so ist zu hoffen, am Schluss zu einem modernen Spiritualitätsverständnis führen und uns zu einigen wertvollen Schlussfolgerungen bezüglich eines möglichen Gestaltungsrahmens für zukünftige Technologien kommen lassen.

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Jahrtausendelang lag die Deutungshoheit der Welt in der Hand der Religionen. Doch vor allem seit der frühen Aufklärung konnte die Wissenschaft immer mehr einst unlösbare Mysterien erklären. Ist Gott eine Art „Lückenbüßer“, der dort gebraucht wird, wo das physikalische Wissen noch an seine Grenzen stößt?

Jaeger: Lückenbüßer finde ich keine gute Rolle für Religionen. Doch haben die Religionen tatsächlich 400 Jahre intellektuelle Rückzugsgefechte hinter sich. Und heute müssen sie sich der wissenschaftlichen „Wahrheit“ – man beachte bitte die Anführungszeichen – in vielen Bereichen beugen. Denn die Naturwissenschaften haben zu einigen vormaligen Mysterien und „großen Fragen“, wie ich sie im Buch nenne, erstaunliche Erkenntnisse gewonnen.

Dabei haben sie sich auch immer wieder darauf eingelassen‚ sich zu wundern, ohne sich damit allerdings gleich zu den Antworten zu bekennen, die religiöse und spirituelle Traditionen im Verlaufe der Jahrhunderte immer wieder gegeben haben. Denn diese machten es sich oft nur allzu einfach. Wir erkennen hinter den Antworten der Religionen zumeist den Wunsch, diesem „sich Wundern“ mit spekulativen Erklärungen und einfachen Antworten zu entgegnen, welche es therapeutisch „behandeln“ sollten.

So lassen sich die modernen Naturwissenschaften auch als ein Einbruch in diese Art der „spekulativen Behandlung der großen Fragen“ deuten, womit die 400-jährige Geschichte des Verhältnisses von religiösen und spirituellen Traditionen zur modernen Wissenschaft auch als Geschichte eines immer weiteren Verdrängens traditioneller spekulativer Antworten auf die „großen Fragen“ gesehen werden kann. Wir wissen heute: Die Welt wurde nicht vor 6.000 Jahren geschaffen, die Erde ist nicht Mittelpunkt des Kosmos, das Leben auf der Erde ist nicht göttlichen Ursprungs, und die Prozesse der Wahrnehmung und des Denkens besitzen im Gehirn einen materiellen Träger. Mit ihrer Entfaltung hat sich die Wissenschaft als mächtige Korrektur metaphysischer Spekulationen religiöser, spiritueller und philosophischer Denkbewegungen bewiesen.

Doch trotz der Dominanz des naturwissenschaftlichen Erkenntnisparadigmas hat unsere Welterfahrung bis heute nichts von ihrem Geheimnisvollen verloren. Werden uns die Naturwissenschaften wirklich irgendwann die letzten Einzelheiten davon erklären können, wie das Universum, unsere Galaxie, unser Planet und das Leben darauf entstanden sind? Werden wir eines Tages wissen, wie aus dem Netzwerk von Neuronen in unserem Gehirn Denken und Bewusstsein hervorgehen, oder wie sich aus unseren Genen unsere physischen und psychischen Eigenschaften erklären lassen? Werden wir wissen, wie die wirklich allerkleinsten Bausteine der Materie aussehen und ob sich die Welt mit einer einzigen Formel beschreiben lässt? Und wenn ja, was bedeutet das für uns, unser Selbstbild und unser Zusammenleben? Und zuletzt: Was bedeutet das für unsere Frage nach dem „Sinn des Ganzen“, die sich, wie wir feststellten, der direkten naturwissenschaftlichen Behandlung entzieht? Solange wir dies nicht wissen, bleibt Platz zum Glauben und damit auch für Religionen.

Sie sprechen von Spiritualität als Erkenntnismethode und ethischer Guideline. Was genau meinen Sie damit?

Jaeger: Die allergrößte Mehrheit von Menschen würde sich ein Mindestmaß an Ehrlichkeit und Reflexionsfähigkeit – oder um es mit einem wunderschönen, wenn auch etwas altmodischen Wort zu sagen: „intellektueller Redlichkeit“ – auf ihre eigenen Fahnen schreiben. Dahinter steckt eine zutiefst spirituelle Haltung, die allerdings in der momentanen politischen Kultur zu verlieren gehen scheint. Spiritualität heißt eben auch, „sich nicht selber anzulügen“. Schon Immanuel Kant sprach in diesem Zusammenhang von der „inneren Lüge“. Unkorrumpierbarkeit bedeutet nichts anderes als Aufrichtigkeit und Integrität, das heißt „in einem Ganzen“ zu sein, zu denken und zu handeln. Und es ist doch klar: Der Weg von intellektueller Unaufrichtigkeit, das heißt wider besseres Wissen zu denken oder zu glauben, zu ethischer Korrumpierbarkeit, das heißt wider besseres Wissen zu handeln, ist selten weit.

Und erkennen wir in der spirituellen Haltung das Bestreben, die Dinge wirklich wissen zu wollen und dann auch angemessen zu handeln, so lässt sich der praktisch-ethische Zusammenhang zwischen Spiritualität und Ethik noch konkreter und zugleich relevanter für unserer heutige Zeit fassen: Mit den zahlreichen globalen Problemen, die uns mit Herausforderungen enormer, teils existentieller Tragweite konfrontieren, lassen sich die Anfänge einer intellektuellen und ethischen Überforderung der Menschheit erkennen, als Ganzes angemessen rational zu reagieren. Ob in Sachen Klimaveränderung, Atomkraft, Genmanipulation, Datenschutz, Gesundheitsvorsorge oder vielem anderen: Wir handeln als Kollektiv, gelinde gesagt, achtlos und fahrlässig. Deutlicher formuliert: Wir handeln wider besseres Wissen. Wir schaffen es einfach nicht, kollektiv zu einer rationalen Haltung zu gelangen und nach einem gemeinsamen Vernunftprinzip zu handeln − wie es beispielsweise die Nachhaltigkeit unserer Produktion und unseres Konsums wäre. Hier kann eine spirituelle Haltung einsetzen: einmal im ehrlichen Erfassen dessen, „was ist“, sodann in einer kompromisslosen reflexiven Einstellung zu dem, was man denkt und glaubt, und schließlich im vorbehaltslosen intellektuellen Erkennen der zu erwartenden Folgen, ohne in Selbsttäuschung zu verfallen, dass „das alles schon okay ist und gut ausgehen wird“. Wenn wir denken und handeln, gehen wir dann in einer bedingungslosen Unbestechlichkeit zu Werke, die von Interessen frei ist. Spiritualität ermöglicht uns so einen bewussten, ehrlichen und achtsamen Umgang mit unserer Umwelt und uns selbst.

Wie wir es auch immer wenden: In der ethischen Dimension spirituellen Denkens begegnen wir einer ihnen beiden gemeinsamen Dimension, die für unsere Zukunft von enormer Bedeutung ist. Denn: Die zukünftigen technologischen Fortschritte könnten den Menschen und die menschliche Zivilisation in heute noch unvorstellbarer Weise transformieren. Sind wir Menschen auf diese Entwicklung vorbereitet? Und welches sind auf diesem Weg mögliche Leitposten für uns?

     

Der Begriff Spiritualität ist eng verbunden mit Religionen und esoterischen Weltanschauungen. Viele denken heute jedoch über die Möglichkeit einer säkularisierten Spiritualität ohne religiösen Dogmatismus nach, die mit den Ergebnissen der modernen Wissenschaft in Einklang gebracht werden kann. Wie sieht so ein modernes Verständnis von Spiritualität Ihrer Meinung nach aus?

Jaeger: Das ist ein großes Thema des Buches. Ein modernes Verständnis von Spiritualität umfasst motivationstechnische, erkenntnisbezogene, sinnstiftende und lebenspraktische Aspekte. Was die erkenntnisbezogene Dimension angeht, so liegt meine Auffassung von Spiritualität nahe an der modernen Wissenschaft: Umkorrumpierbarkeit in der Suche nach Wahrheit.

Es muss darum gehen, die Bedeutung sowohl von Wissenschaft als auch von Spiritualität bzw. ihre gegenseitige Bedingtheit für unser menschliches Leben zu erfassen und mit ihrer beider Hilfe die Wesenszüge eines humanen und ethisch kohärenten Weltbildes aufzuzeigen. Dabei geht es um beides: um spirituelle Motivation als innere Klarheit in der ethischen Ausrichtung und um das Staunen ob des Erhabenen in der Welt. Mit beidem verbunden sind ein uneingeschränktes Streben nach Wahrheit und Aufrichtigkeit einerseits und rationales wissenschaftliches Denken andererseits. Über die sinnstiftenden und lebenspraktischen Aspekte sprach ich bereits.

Es sollte somit klar sein: Entgegen weitläufigen Vorstellungen, die Spiritualität mit Obskurantismus in Verbindung bringen, befähigt sie uns zu einer besseren Rationalität und Redlichkeit in unserem Denken und Handeln. Sie wird zu einer Art innerem Kompass, der unserem Geist eine innere Ordnung und Orientierung verleiht, die uns zu einer Autonomie führen, mit der wir uns auf das Essentielle fokussieren können. Aber ebenso sollte klar sein: Die traditionellen Religionen entsprechen diesem Verständnis von Spiritualität nicht, Ihnen geht es zumeist nicht um Wahrheit, sondern um spirituelle oder auch politische, gesellschaftliche und nicht selten ökonomische Macht.

Wie kann säkularisierte Spiritualität helfen bei den persönlichen Grundfragen des Lebens: Wo komme ich her, wo gehe ich hin, was ist der Sinn meines Lebens?

Jaeger: Es sind die grundlegenden existenziellen Fragen, mit denen sich die Menschen bereits seit Jahrtausenden beschäftigen, Fragen wie

  • Wie entstand die Welt?
  • Woraus besteht alles?
  • Woher kommt das Leben?
  • Was ist der Mensch?
  • Wie lässt sich unser Geist verstehen?
  • Was ist der Sinn unserer Existenz?
  • Was bedeutet unser Tod?

Und obwohl die Naturwissenschaft die wohl prägendste Kraft des modernen Denkens über die Natur und den Menschen darstellt, müssen wir erkennen, dass sie in keiner ihrer Disziplinen bisher an irgendeine Art von Ende gelangt ist – auch wenn sie bei vielen dieser Fragen bereits gewaltige Fortschritte gemacht und interessante Einsichten erworben hat. Gerade in den letzten drei oder vier Fragen ist es gut möglich, dass sich die Naturwissenschaft des 21. Jahrhunderts beim Versuch ihrer Beantwortung bereits in die Grenzgebiete ihrer eigenen Methodik begeben hat. Und vielleicht ebnet die Wissenschaft dem spirituellen Denken vielleicht gar den Weg, zu einem ihrer wesentlichen Kerne zurückzukehren: zum Staunen und Wundern über unsere Existenz, zu einem begrifflosen, intuitiven Anteilnehmen an einer Erhabenheit und dem Erfassen eines möglichen Sinn hinter „all dem“?

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Sie haben einen guten Zugang zum Buddhismus, der in vielen spirituellen Debatten und Denkströmungen heute eine bedeutende Rolle spielt. Auch Ihre Lebenspartnerin Yuka Nakamura ist eine buddhistische Lehrerin. Was spricht Sie am Buddhismus besonders an? Passt der Buddhismus als Element in das Bild einer säkularisierten Spiritualität?

Jaeger: Ich habe verschiedene Berührungspunkte zum Buddhismus. Zunächst einmal eine gewisse meditative Praxis und Erfahrung. Aber auch die buddhistische Philosophie hat mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt, insbesondere Berührungspunkte zu unserer westlichen Denktradition. Und je mehr ich hier in die Tiefe ging, desto erstaunter war ich. So finden quantenmechanische Phänomene wie Nicht-Lokalität, Abhängigkeit der Messung vom Subjekt oder Quantenverschränkung interessante Bezüge zum Buddhismus und zu den in dessen Umfeld entwickelten Vorstellungen einer ganzheitlichen Verbundenheit aller Erscheinungen, der Aufhebung der Subjekt-Objekt-Dualität („Non-Dualität“) oder der Nicht-Substanzhaftigkeit allen Seins.

Ja, der Buddhismus passt meiner Auffassung nach durchaus in das Bild der säkularisierten Spiritualität. Im Übrigen sehe ich den Buddhismus nicht als eine Religion im engeren Sinne. Er besitzt gar keinen vergleichbaren Gottesglauben, auch wenn es dort – nicht allseits unumstrittene – Transzendenz-Vorstellungen wie Leben nach dem Tod und Wiedergeburt gibt. Im Buddhismus gibt es übrigens heute auch eine intensive Diskussion um Säkularität. So vertritt der ehemalige Mönch und buddhistische Gelehrte Stephen Batchlor heute einen „säkularen Buddhismus“. Eine vergleichbare Bewegung eines „säkularen Christentums“ kenne ich nicht.

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?

Jaeger: Wenn Sie meinen, dass mich die Beschäftigung mit dem Thema Spiritualität und Wissenschaft einer Antwort auf diese Frage näher gebracht hat, so muss ich Sie leider enttäuschen. Aber ich meine, dass die folgenden Dinge auf jeden Fall wichtige Komponenten für den Sinn des Lebens sind:

  • Umkorrumpierbare Suche nach Wahrheit
  • Tiefere Erkenntnisse über diese Welt und die Natur meines Geistes – die Buddhisten sprechen auch von „Befreiung“ oder „Erleuchtung“
  • Klare ethische Wertvorstellungen im Handeln und Denken
  • Mitgefühl mit Menschen und anderen fühlenden Wesen
  • Erfahrung von Liebe und Zusammengehörigkeit
  • Die Erfahrung von Freude und Empfindung von Glück
  • Erziehung von Kindern zu „guten Menschen“

Herr Jaeger, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.larsjaeger.ch

Zur Person: Lars Jaeger

Dr. Lars Jaeger hat an der Universität Bonn und der Ecole Polytechnique in Paris Physik, Mathematik und Philosophie studiert und danach mehrere Jahre in der Quantenphysik geforscht, unter anderem am Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden.

Seine Karriere in der Finanzbranche startete Lars Jaeger als Wissenschaftler bei der Olsen & Associates AG in Zürich, wo er sich mit der mathematischen Modellierung von Finanzmärkten beschäftigte. Im Juli 2000 gründete Jaeger die saisGroup AG, die sich im Dezember 2001 der Partners Group anschloss, bevor er 2010 die Alternative Beta Partners AG gründete. Im November 2014 wechselte Lars Jaeger zum Schweizer Vermögensverwalter GAM Alternative Investments. Lars Jaeger hat einige Bücher und wissenschaftliche Aufsätze zu den Themen Risikomanagement, Alternative Investments und Hedge Fonds geschrieben und unterrichtet unter anderem an der European Business School im Rheingau.

Die Begeisterung für die Naturwissenschaften und die Philosophie hat ihn nie losgelassen. So publizierte er im September 2014 sein Buch „Die Naturwissenschaften. Eine Biographie“ sowie im September 2016 „Wissenschaft und Spiritualität“. Beide Bücher sind im Verlag Springer Spektrum erschienen. Zurzeit arbeitete er an einem weiteren Buch zum Thema Wissenschaft im 21. Jahrhundert.

Bilder: Lars Jaeger, Verlag Springer Spektrum, Unsplash, Pixabay

 

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