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Interview mit Margot Käßmann: „Wurzeln, die uns Flügel schenken – Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“

8. Mai 2018 1 Comment
Interview mit Margot Käßmann: „Wurzeln, die uns Flügel schenken – Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“

Margot Käßmann ist eine lebensnahe, äußerst engagierte und im positiven Sinne streitbare evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin, frühere Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages sowie ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. In ihrem neuen Buch „Wurzeln, die uns Flügel schenken – Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“ möchte sie den Menschen Mut und Lust machen, sich wieder stärker auf den Glauben einzulassen. Im Interview erklärt Margot Käßmann, wie wir im Glauben an Gott Halt und Orientierung finden, wie wir Zweifeln begegnen können und was für sie persönlich der Sinn des Lebens ist.

Frau Käßmann, wie die Zahl der Kirchenaustritte zeigt, nimmt das Interesse der Deutschen an den traditionellen Kirchen immer mehr ab. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass das Interesse der Menschen an Sinnfindung und Spiritualität jenseits des christlichen Glaubens zunimmt. Wie ist das zu erklären?

Käßmann: Wenn ich dafür eine Erklärung hätte, könnte ich die Konsequenzen für unsere Kirche beschreiben. Mir tut das oft weh. Da zahlen Menschen viel Geld für Entschleunigung, Fastenkuren, Meditationskurse und ich denke: Das haben wir alles im Angebot!

 

Interview mit Margot Käßmann: „Wurzeln, die uns Flügel schenken – Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“

 

Warum ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, sich wieder stärker dem traditionellen christlichen Glauben zuzuwenden, um Halt und Orientierung im Leben zu finden?

Käßmann: Für mich ganz persönlich ist der christliche Glaube Halt und Orientierung. Ich stehe in einer langen Glaubenstradition durch die Jahrhunderte von Menschen, die sich Gott anvertraut haben. Da gibt es Worte, Gebete, Lieder, die sich bewährt haben. Und ich bin Teil einer Gemeinschaft um den ganzen Globus herum, die weiß, was sie glaubt. Dabei ist mir wichtig: Glaube ist nicht fundamentalistisch, sondern du darfst zweifeln, Fragen stellen, selber denken.

Warum ist der Glaube an Gott ein wichtiger Grundpfeiler für den Sinn des Lebens?

Käßmann: Wenn ich mich als Geschöpf Gottes verstehe, muss ich meinen Lebenssinn nicht selbst erschaffen, er ist mir schon vorgegeben, ein Geschenk. Das ist ungeheuer entlastend gegenüber den Leistungsansprüchen unserer Gesellschaft.

Wie schaffen wir es, den Mut zu finden, uns wieder neu auf den Glauben einzulassen? Wie kann der Glauben den Zugang zu einem erfüllten Leben öffnen?

Käßmann: Ich denke, er kann mir erst einmal helfen, mich von diesem Selbstoptimierungsdruck zu befreien. Mein Vorschlag ist: Versuchen Sie doch erstmal, ein paar Monate lang jeden Tag ein Vaterunser zu beten. Das entlastet von eigenen Ansprüchen und weitet den Blick, eröffnet eine Art Gesprächsleitung zu Gott.

 

Gebet

 

Welche seelische Unterstützung kann das Neue Testament als konkrete Lebenshilfe in schwierigen Situationen leisten?

Käßmann: Mir ist wichtig, dass das Evangelium Leid nicht ausspart. Jesus selbst hat gelitten, genau darum kann ich mich ihm anvertrauen, wenn ich durch die Täler des Lebens gehen muss. Glauben heißt nicht, dass alles gut wird, aber dass ich die Kraft finden kann, mit den schweren Zeiten zu leben.

Schließen sich Naturwissenschaft und Religion aus oder sind sie miteinander vereinbar?

Käßmann: Für mich sind sie vereinbar. Wir dürfen unseren Verstand benutzen, der ist doch ein Geschenk Gottes! Ja, woher kam die Energie des Urknalls? Wie groß ist das Universum! Das geht über unseren Verstand hinaus, es ist ein Wunder. Deshalb kann ich die Evolutionstheorie faszinierend finden und gleichzeitig glauben, dass Gott Schöpfer des Lebens ist.

Das Theodizee-Problem ist für viele ein Hauptargument für den Abfall vom Glauben. Was ist ihre wichtigste Erkenntnis dazu?

Käßmann: Ich denke nicht, dass Gott uns wie Marionetten hält und mal hier, mal dort Leid in die Welt schickt. Leid ist in der Regel menschengemacht. Und der christliche Glaube sagt, dass Gott selbst ohnmächtig ist gegenüber dem Bösen, der Gewalt in dieser Welt. Dafür steht sinnbildlich der Kreuzestod Jesu.

 

Kirche

 

Was raten Sie Gläubigen im Umgang mit Zweifeln?

Käßmann: Zweifeln ist Teil des Glaubenslebens. Glaube ist doch nicht statisch, ein für alle mal da und unwandelbar. Dazu gehört immer eigenes Ringen und Denken. Also: Zweifel zulassen, mit anderen ins Gespräch kommen, wachsen an Glaubens- und Lebenserfahrung, darum geht es.

Was gibt Ihnen persönlich immer wieder neue Kraft im Glauben?

Käßmann: Ich fühle mich in meinem Glauben beheimatet und geborgen. Und so ein schöner Gottesdienst mit guter Predigt, gemeinsamem Singen und Beten, der ermutigt mich immer neu im Glauben.

Neben Ihren zahlreichen Funktionen in der Evangelischen Kirche haben Sie zahlreiche Bücher geschrieben. Was treibt Sie an?

Käßmann: Ich möchte schlicht etwas weitergeben von meinen Glaubenserfahrungen. Und zum anderen finde ich, wer fromm ist, wird sich auch in die Welt einmischen wollen. Da ist mir Martin Luther King, dessen 50. Todestag sich dieses Jahr jährt, ein großes Vorbild.

 

Interview mit Margot Käßmann: „Wurzeln, die uns Flügel schenken – Glaubensreisen zwischen Himmel und Erde“

 

Welche Themen stehen demnächst auf Ihrer Agenda?

Käßmann: Das Thema Altwerden. Ich werde 60, gehe in den Ruhestand – damit muss der Mensch sich auseinandersetzen. Und ich freue mich, Zeit mit meinen demnächst sechs Enkelkindern zu verbringen.

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?

Käßmann: Ich möchte die Jahre, die mir geschenkt sind, eines Tages in Frieden in Gottes Hand zurück legen und sagen: Ich habe mich bemüht, das Beste daraus zu machen, Verantwortung zu übernehmen für andere Menschen und die Welt. Und bei allem Scheitern, dass es immer auch gibt, bin ich schlicht dankbar für die Zeit.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Bilder: Julia Baumgart, EKD / Pixabay / Cover: Gütersloher Verlagshaus

 

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1 Comment

Konrad 14. Mai 2018 at 17:25

Das ist ein sehr interessanter Artikel! Ich bin auch ein gläubiger Mensch, denke jedoch, dass auch nichtgläubige einen Lebenssinn finden können – das hat ja bereits Viktor Frankl wissenschaftlich erforscht – der übrigens recht gut neu interpretiert wurde durch Peter Jedlicka mit seinem „Sinnquadrat“ Konzept.

Beste Grüße, Konrad

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