InterviewsPhilosophie

Interview mit Rebekka Reinhard: „Würde Platon Prada tragen?“

28. Januar 2017 0 comments
Neues Titelbild Rebekka Reinhard

„Philosophy works!“ ist das Motto von Dr. Rebekka Reinhard. Die freie Philosophin, erfolgreiche Bestseller-Autorin und Key Note Speakerin sieht sich als Impulsgeberin für eine angewandte und lebensnahe Philosophie. Für Aufmerksamkeit sorgten Ihre Bücher mit Titeln wie „Die Sinn-Diät“, „Würde Plato Prada tragen?“, „Kleine Philosophie der Macht“ oder „Schön!“. Im Interview mit SinndesLebens24 erklärt Sie, wie lebensnahe Philosophie helfen kann, mehr Sinn und Orientierung im Leben zu finden und warum Mut, Neugier und Selberdenken heute mehr denn je gefragt sind.

Frau Reinhard, in der heutigen Gesellschaft fühlen viele Menschen eine zunehmende Orientierungslosigkeit. Gleichzeitig gibt es ein steigendes Interesse an philosophischen Fragen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Reinhard: Die Leute merken, dass es in einer komplexen Welt keine einfachen Antworten gibt. Die Philosophie als Orientierungswissenschaft und als Lebenskunst pathologisiert unsere Ratlosigkeit nicht – sie fordert uns vielmehr auf, um die Ecke zu denken, unsere vorgefassten Meinungen immer wieder neu in Frage zu stellen und die Probleme des Lebens nicht als „Probleme“, sondern als Herausforderungen, als spannende Abenteuer zu betrachten.

Sie holen die Philosophie aus dem Elfenbeinturm und bringen sie ins echte Leben. Wie kann eine lebensnahe Philosophie helfen, mehr Sinn und Orientierung im Leben zu finden?

Reinhard: Ich würde sagen, sie fordert einen auf, selbst zu denken, sich das Staunen und die Neugier zur zweiten Natur zu machen… und sich in dieser Weise als einen Suchenden zu begreifen, der nach und nach lernt, in seinem Leben Wichtiges von Unwichtigem, Wahres vom Falschen zu unterscheiden.

Was ist ein gelingendes Leben? Wie finde ich heraus, was ich brauche, um glücklich zu sein und wie kann mir die Philosophie dabei helfen? Wieso haben die Ideen antiker Philosophen heute noch Relevanz?

Reinhard: Das sind ja gleich drei Fragen auf einmal! Zum gelingenden Leben im Sinne der „eudaimonia“ gehört nicht nur das, was ich subjektiv als lustvoll und positiv empfinde, sondern auch das, was objektiv wertvoll ist: das Gute, Tugendhafte, das nicht nur mir selbst, sondern auch den anderen zugute kommt. Aus philosophischer Sicht ist die Frage nach dem, was ICH brauche, um glücklich zu sein, eigentlich unzulässig. Das Kreisen um den eigenen Bauchnabel, das heute so weit verbreitet ist, führt nicht zum Glück, sondern vielfach zu Selbstzweifeln und depressiven Anwandlungen. Aber das zu erkennen, ist eigentlich ein uraltes Problem. Das Wesen des Menschen hat sich trotz allem wenig geändert – deshalb ist die griechische Philosophie immer noch hochaktuell.

Rebekka Reinhard philosophy works Seewald 2

Warum sind Ihrer Meinung nach Mut, Neugier und Selberdenken heute mehr denn je gefragt?

Reinhard: Wir leben in einer Zeit des Wandels. Globalisierung, Digitalisierung, Flüchtlinge, Terrorismus – und jetzt auch noch Donald Trump: die Veränderungen kommen so schnell, dass man kaum mitkommt. Das heißt aber auch, es gibt keine Patentrezepte mehr, und der vielfach gesuchte Expertenrat hilft auch nicht immer weiter. Wir müssen aus unserer eigenen Hardware – unserem Geist und unserer Seele – schöpfen.

Wir leben heute in einer Überflussgesellschaft. Viele Menschen sind unzufrieden und getrieben von dem Wunsch, immer mehr haben zu wollen. Warum ist das so und wie sollten wir versuchen, unsere Einstellung zu ändern?

Reinhard: Da sprechen Sie ein Thema Epikurs an, der sagte: „Wem wenig nicht genügt, dem genügt nichts.“ Der Mensch ist einfach unglaublich bequem – und verblendet. Wir meinen, es sei einfacher und zielführender, uns aufs Haben zu konzentrieren statt aufs Sein. Wir glauben, ohne Kombiwagen, Rinderfilet und Eigentumswohnung nicht leben zu können, statt dass wir erkennen, dass wir uns so zu Glücksjunkies machen, die immer auf der Suche nach dem nächsten Kick sind. Das größte Glück liegt in der Unabhängigkeit von Äußerem – diese Einsicht teilt Epikur etwa mit dem Buddhismus.

Die Sinn-Diaet von Rebekka Reinhard

Warum fällt es dem modernen Menschen heute so schwer, sich zu entscheiden? Welche philosophischen Weisheiten können hier weiterhelfen?

Reinhard: Stimmt, gerade junge Leute empfinden die multioptionale Entscheidungsfreiheit nicht als Lust, sondern als Qual – man möchte sich so lange wie möglich alles offen halten, um in letzter Sekunde dann die optimale Option ergreifen zu können. Ich bin ein großer Fan des Stoikers Epiktet, der meinte, die wichtigste Frage, die der Mensch sich immer neu stellen müsse, sei: Was liegt aktuell in meiner Macht zu tun – und was nicht? Epiktets Antwort: Was so gut wie immer möglich ist, ist sich um ein objektives Urteil zu bemühen und Gutes zu tun. Wenn ich mich gewohnheitsmäßig ethisch verhalte, fallen mir Entscheidungen plötzlich leichter – weil ich lerne, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Welche wichtigen Philosophischen Fragen sollte sich jeder Mensch stellen? Warum ist die Frage, wofür man lebt so wichtig?

Reinhard: „Wofür lebe ich?“ Die Antwort auf diese Frage ist die wichtigste Orientierung, die wir brauchen, um mit Haltung und ohne allzu viel Reue durchs Leben zu gehen, die richtigen Entscheidungen zu treffen und in schwierigen Lagen Mut zu beweisen.

Warum kann das Leben in der Comfortzone für Sie kein sinnvolles Leben sein? Was können wir in dieser Hinsicht von Odysseus lernen?

Reinhard: Ich glaube schon, dass der Sinn des Lebens auch darin besteht, etwas von der Welt zu sehen, sich selbst und die Menschen auf diesem Planeten kennenzulernen, kurz: diese Welt ein bisschen weiser und wenn möglich, auch ein bisschen besser zu verlassen, als man sie betreten hat. Homers Held Odysseus lehrt, dass man ruhig auch einmal etwas wagen, von der Hauptstraße abirren und sich in Gefilde oder Wissensgebiete begeben sollte, mit denen man „eigentlich“ nichts am Hut hat, die viel Mühe, Zeit und Frustration kosten. Aber es lohnt sich!

Die Themen Alter und Tod werden in unserer Gesellschaft oft ausgeblendet. Warum ist es trotzdem wichtig für das Leben, auch über den Tod, die eigene Endlichkeit  nachzudenken?

Reinhard: „Betrachte den Tod, um zu lernen, wie man lebt“, schreibt Seneca. In diesem Satz ist für mich alles Wichtige enthalten. Das Bewusstsein von der Grenze des Lebens gibt uns die ultimative Motivation, unsere Existenz sinnvoll und glücklich zu gestalten.

Wie ist Ihre Leidenschaft für Philosophie entstanden? Und wie kam es dazu, dass Sie Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben?

Reinhard: Schwierige Frage. Im Prinzip habe ich mich schon als Kind immer für das Große und Ganze interessiert, für das Allgemeine hinter dem Individuellen. Ich musste mich da nicht groß entscheiden – für mich war die Philosophie keine Option, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Sie ist es immer noch.

Sie selbst leben nach dem Ideal einer Stoikerin. Was heißt das und was spricht Sie an dieser Richtung besonders an?

Reinhard: Das Herzstück der stoischen Lebenskunst ist die Askese – das heißt ursprünglich nichts anderes als Übung. Dass man das Leben in jeder Situation als Übung gestalten kann, als Selbstprüfungsübung zum Zwecke der Selbstreflexion und Selbstsorge, hat mich von Anfang an fasziniert. Man kann seinem Leben selbst den Rhythmus vorgeben – das ist Freiheit für mich.

Ihr 2011 erschienenes Buch „Die Sinn-Diät: Warum wir schon alles haben, was wir brauchen – Philosophische Rezepte für ein erfülltes Leben“ ist ein Plädoyer gegen den übertriebenen Perfektionismus der heutigen Zeit. Was sind Ihre wichtigsten Ratschläge? Welche Philosophen können hier weiterhelfen?

Reinhard: Verstand einschalten. Staunen. Das Leben nicht allzu akribisch planen. Todesbewusst leben. Erkennen, dass das Glück meist nicht von außen kommt, sondern eine Frage der inneren Haltung ist. In der „Sinn-Diät“ kommen die wichtigsten Lebenskunstphilosophen von der Antike bis zur Moderne zu Wort – von Marc Aurel zu Montaigne, von Boethius zu Nietzsche. Sie alle können zum erfüllten Leben inspirieren… am besten, wenn man bereit ist, sich über mein Buch hinaus mit ihnen zu befassen.

„Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen)“ aus dem Jahr 2015 beschäftigt sich mit dem Problem, dass Frauen viel erreichen wollen und hart dafür arbeiten, sich jedoch trotzdem häufig frustriert und ohnmächtig fühlen. Was ist Ihr wichtigster Rat?

Reinhard: Ich rate allen modernen Frauen, egal in welcher Situation sie sich befinden, zum „strategischen Nonkonformismus“. Vielleicht hat nicht jede Frau Lust, zur Rebellin zu mutieren und eine unorthodoxe Lebensform für sich zu wählen. Aber ich denke, jede Frau, die sich in unserer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft in irgendeiner Weise ohnmächtig fühlt, etwa, weil ihre Selbstoptimierung zur Selbstausbeutung tendiert, sollte es sich zur Gewohnheit machen, sich nicht zu sehr mit bestimmten stereotypischen Rollenbildern zu identifizieren – und sich einfach als selbstdenkenden Menschen zu sehen, der die „Potenz“ besitzt, mit seinen Gedanken und Worten die Welt zu verändern.

 

Wuerde Platon Prada tragen von Rebekka Reinhard

 

Der provokante Titel „Würde Platon Prada tragen?“ aus dem Jahr 2011 gibt Frauen „philosophische Überlebenstipps für den Lifestyle-Dschungel“. Können Sie uns einen Tipp als Kostprobe geben?

Reinhard: Diese Buch besteht aus leider kleinen Geschichten von Alltagssituationen, die jede Single-Frau, jede „Working Mom“, jede ambitionierte Karrieristin bestens kennt. Einer meiner Lieblingstipps, um angesichts unserer zahlreichen Herausforderungen mal wieder sauber durchzurelativieren, stammt von Laotse: Im Nichtstun bleibt nichts ungetan.

Ihr neueste Werk ist das Kalenderbuch „Nachdenkzeit 2017: 365 philosophische Denkanstöße“ enthält 365 kluge Sprüche von Geistesgrößen aller Epochen, zeitgemäß interpretiert und für den Alltag aufbereitet. Warum sollte man das Buch unbedingt lesen?

Reinhard: Das ist ein ganz praktisches „Produkt“ – es gibt philosophische „Gebrauchsanweisungen“, „Persönlichkeitstests“ und „Weckrufe“ für jede noch so verfahrene Lage. Man liest Zitate berühmter Denkerinnen und Denker und lernt quasi nebenbei, eine philosophische Perspektive aufs Leben einzunehmen – und sich vielleicht selbst nicht ganz so ernst zu nehmen. Mehr Leichtigkeit, das wollte ich mit dem Kalender erreichen.

Sie sind ehrenamtlich engagiert und setzen sich für Menschen in sozialer Not ein. Was bedeutet Ihnen das und wo sind Sie aktuell aktiv?

Reinhard: Also, ich bin der Meinung, als kinderlose Frau und Philosophin habe ich schon die Pflicht, etwas zurückzugeben. Ich lebe ein sehr privilegiertes Leben, finde ich, gerade im Vergleich zu Leuten, die die Chancen nicht haben, die ich hatte. Nach vielen Jahren im klinischen Bereich als Gesprächspartnerin für stationäre Depressions- und Krebspatienten unterstütze ich seit einigen Jahren als Testimonial und durch Fundraising den Verein „projekt anna e. V. – Kinderhilfe Kaliningrad“

Worin sehen Sie persönlich Ihren Sinn des Lebens?

Reinhard: In der Liebe und im Lernen.

 

Zur Person: Dr. Rebekka Reinhard

Dr. Rebekka Reinhard ist promovierte Philosophin (summa cum laude). Sie arbeitet als freie Philosophin, Bestseller-Autorin, hält philosophische Vorträge für Unternehmen und berät Menschen in praktischen philosophischen Fragen. Ihr erstes Buch, „Die Sinn-Diät“, erschienen 2009 im Ludwig-Verlag und wurde zum Spiegel-Bestseller. Darauf folgten zahlreiche weitere Bücher, darunter: 2010 „Odysseus oder die Kunst des Irrens“, 2011 „Würde Platon Prada tragen?“, 2013 „SCHÖN!: Schön sein, schön scheinen, schön leben“ sowie 2016 „Nachdenkzeit 2017: 365 philosophische Denkanstöße“. Weitere Informationen unter: www.philosophyworks.de und www.rebekkareinhard.de

Bilder: Sunghee Seewald / Buch-Cover: Verlagsgruppe Random House

 

 

 

Quelle: Youtube, Ludwig Verlag, Verlagsgruppe Random House

Das könnte Sie auch interessieren ...

Hinterlassen Sie einen Kommentar