InterviewsRatgeber

Interview mit Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

7. Juni 2022 0 comments
Interview mit Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

Angst begleitet jeden von uns in den verschiedensten Lebenslagen und kann eine wichtige Schutzfunktion ausüben. Ängste können jedoch auch unsere Handlungsfähigkeit einschränken, uns nicht mehr klar denken lassen und uns sogar die Macht rauben, unser Potenzial zu entfalten. „Nicht die Angst soll dich und dein Leben steuern – du sollst dein Leben in die Hand nehmen und deine Träume verwirklichen!“, erklärt Angst- und Stressbewältigungstrainerin Sabrina Fleisch in ihrem neuen Bestseller „Sei stärker als die Angst: Ein Arbeitsbuch, das dein Leben verändern wird“. Im Interview spricht Sabrina Fleisch über die wichtigsten Arten und Ursachen von Ängsten, die effektivsten Bewältigungsstrategien und welche Rolle Liebe und Vergebung dabei spielen.

Frau Fleisch, wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Ratgeber zum Thema Angst zu schreiben? Worum geht es im Kern?

Fleisch: Die Idee zum Buch entstand 2020, als sich ein neuartiger Virus weltweit ausgebreitet und unser gewohntes Leben auf den Kopf gestellt hat. Corona führte zu massiver Unsicherheit. Es gab viele unbeantwortete Fragen: Wie gefährlich ist der Virus wirklich? Wie lange wird dies dauern? Was wird die Regierung beschließen? Wie wird sich das auf meinen Job, meine Finanzen, Zukunft, Kinder, Eltern, Urlaub, Hobbys auswirken?

Durch die starke Isolation haben wir an Halt und Verbundenheit verloren. Viele Ablenkungen und einst erfreuliche Freizeitaktivitäten fielen weg und boten mehr Raum zum Nachdenken und „Schwarzmalen“. Angst gab es schon immer. Angst ist ein wichtiges, angeborenes Gefühl und überlebensnotwendig.

Doch Angst kann auch unser Leben stark belasten, Entscheidungen für uns treffen, uns Chancen nehmen, Beziehungen ruinieren und uns immer kleiner und schwächer fühlen lassen. Die Unsicherheit war auf der ganzen Welt spürbar, hat bereits verankerte Ängste geschürt und viele neue mögliche Bedrohungen hervorgebracht, für die ich Strategien und Methoden bieten wollte, um wieder mehr Freude und Leichtigkeit ins Leben zu bringen.

Die Angst wird es immer geben. Sie zeugt von Intelligenz, dass wir vorausschauend denken sowie Konsequenzen einschätzen können und dass uns unsere Existenz wichtig ist. Trotzdem gilt es, einen gesunden Umgang mit der Angst zu lernen. Damit man dieses Gefühl wahrnehmen kann, die Botschaft dieses Gefühls versteht und es dann aber wieder weiterziehen lässt.

Angst ist ja nicht per se schlecht, sondern erfüllt auch eine wichtige Schutzfunktion. Welche positiven Aspekte der Angst gibt es? Wie können wir eine gesunde Vorsicht von irrationalen Ängsten unterscheiden, mit denen wir uns lediglich selbst blockieren?

Fleisch: Angst ist normal, wichtig und angeboren. Ein natürlicher Überlebens- und Schutzinstinkt. Ohne Angst würde es die Menschheit nicht mehr geben. Ohne Angst und das Weiterdenken von möglichen Konsequenzen würden wir unser Leben unnötig turbulent und gefährlich machen. Angst ist auch ein Zeichen von Intelligenz.

Auch die Entscheidung zu alkoholisiertem Fahren ist angstbefreit und bringt einen in Gefahr. Ohne Angst durchzufallen, zu versagen und die Eltern zu enttäuschen würden Kinder in der Schule nichts lernen. Somit zeigen diese Beispiele, dass Angstgedanken uns und andere warnen und schützen wollen. Wenn Angstgedanken zum ständigen Begleiter werden, das alltägliche Leben einschränken, da diverse Situationen gezielt gemieden werden oder belastend sind, dann sollte man daran arbeiten.

Wir sind nicht, was wir denken. Schreckensszenarien im Kopf zu haben ist nicht schlimm, jedoch sind nicht alle Gedanken wahr. Wir können uns die Angstbilder im Kopf ansehen, ohne gleich reagieren zu müssen oder diesen zu folgen. Es ist möglich, die eigenen Gedanken wie einen Spielfilm wahrzunehmen: Zusehen, zuhören, aber dann entscheiden, welchen Gedanken man folgen möchte. Schließlich sollten wir unsere Gedanken kontrollieren und nicht umgekehrt.

– Anzeige / Datenschutz – 

Buchcover Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

Welche Arten von Ängsten gibt es? Welche adressieren Sie vor allem in Ihrem Buch? Wann sollte man kompetenten medizinischen Rat oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen?

Fleisch: Wann ist es Angst und wann ist es eine Angststörung? Eine Diagnose kann ich nicht geben, hierfür braucht es Therapeuten und Psychiater. Grundsätzlich werden Angststörungen diagnostiziert, wenn einen starke Ängste über 6 Monate begleiten und massiv einschränken.

Jeder, der sich seinen Ängsten stellen möchte, wird in meinem Buch neue, interessante Übungen, Fragestellungen sowie Denkweisen finden, die sich auch von vielen herkömmlichen, bekannten Methoden unterscheiden. Das Buch „Sei stärker als die Angst“ hat nicht den Anspruch, psychische Krankheiten zu heilen oder eine medizinische oder therapeutische Behandlung zu ersetzen. Es soll beim Umgang mit negativen Gefühlen, vorrangig der Angst, sowie bei ständigem Grübeln („Overthinking“) helfen.

Es gibt auch zahlreiche weitverbreitete „irrationale“ Ängste. Man kann Angst vor allem haben wie etwa Angst vor Blumen, Hasen, Wasser, der Farbe Grün und vielem mehr. Menschen, die unter Phobien leiden, wissen, dass ihre Ängste unangemessen sind, sie leiden unter einer Angst, die sie nicht verstehen.

Angst entsteht im Kopf durch verzerrte Kognitionen in Form von negativen Gedanken, Bewertungen, Erwartungen und Einstellungen.

Diese können grob in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:

  • Spezifische Phobien (Objekte/konkrete Situationen: Angst vor Spinnen, Spritzen oder Höhenangst)
  • Soziale Phobie (kommt nur im Kontext mit anderen Menschen vor: Die Angst bewertet, kritisiert oder ausgelacht zu werden, die Angst vor Statusverlust)
  • Agoraphobie (Platzangst)
  • Generalisierte Angststörung

Eine genaue Einteilung erfolgt nach der Klassifikation ICD-10, ICD-11, DSM-IV und DSM-5. Mein Anspruch ist es nicht, Ängste einzuordnen. Sondern eher, diese zu verstehen, das Bedürfnis dahinter zu entdecken und die derzeitigen Bewältigungsstrategien zu hinterfragen, um neue Lösungsmöglichkeiten und hilfreiche Denk- und Verhaltensweisen zu etablieren.

Wie zeigen sich am häufigsten eher unbegründete Ängste, die unsere Handlungsfähigkeit einschränken, uns unnötig Energie kosten und uns die Macht rauben, unser Potenzial voll zu entfalten?

Fleisch: Aus Angst vor möglichen Konsequenzen neigen Menschen dazu, bestimmte angsterzeugende Dinge oder Situationen zu vermeiden und bewusst aus ihrem Leben zu verbannen. Dies führt dazu, dass die Komfortzone immer kleiner wird. Mit jeder Vermeidung wird ein weiterer Beweis sichtbar, dass man selbst zu schwach ist, um sich dieser Angst zu stellen und die Angst zu groß und zu mächtig ist, um diese zu besiegen.

Somit verlieren wir immer mehr an Selbstvertrauen und fühlen uns immer hilfloser und schutzbedürftiger. Weil wir glauben, mehr Schutz zu brauchen, weil wir verletzlich und schwach sind, werden wir uns immer mehr ablenken und Angstthemen vermeiden. Begreiflicherweise wird dies zu einer negativen Spirale, die uns selbst immer mehr Macht und Handlungsspielraum raubt und alles um uns herum größer, schlimmer und bedrohlicher wirken lässt.

Der Weg aus der Angst führt durch die Angst – sich ihr schrittweise in kleinen Etappen zu begegnen, immer ein Stückchen mehr.

Was bedeutet das?

Fleisch: Angst ist ein natürliches Gefühl, welches spürbar wird, wenn wir uns bedroht fühlen. Jedoch ist in den seltensten Fällen wirklich unser Leben bedroht. 90 Prozent unserer Sorgen werden niemals wahr, sind unnötig oder unveränderbar. Wirklich wichtig sind die wenigsten.

Nicht nur das Durchdenken von möglichen Zukunftsereignissen kostet Kraft, sondern soll auch dazu dienen, alles richtig zu machen, Pläne zu schmieden, um vermeintliche Sicherheit, Kontrolle sowie Schutz zu erlangen. Jedoch wird kaum ein Plan der heute geschmiedet wird 1:1 so umgesetzt werden können, da es zu viele Faktoren gibt, die wir nicht beeinflussen können. Wir können nicht alles kontrollieren, die Sicherheit müssen wir in uns finden und nicht durch das Beeinflussen und Planen von Faktoren im Außen.

Bei Angstgedanken ist viel Interpretation (und keine sachliche, objektive Wahrnehmung) vorhanden, die es abzuklären und zu besprechen gilt. Wenn wir unsere Wahrnehmung und Ansichten nicht mit anderen teilen, um ein realistischeres Bild von der Welt und uns selbst zu bekommen, werden wir immer in unseren Interpretationen bleiben und somit auch bei unseren Gedanken davon.

Es ist sehr wichtig, die eigene Wahrnehmung zu schildern, Ängste anzusprechen, um neue Sichtweisen zu bekommen. Denn wenn wir dies nicht tun, denken wir, unsere persönliche Interpretation entspricht der Wahrheit.

Mehr Informationen, mehr Denkweisen sowie Handlungsmöglichkeiten helfen, ein realistischeres, objektiveres Bild von der Welt zu bekommen. Und auch von sich selbst und den eigenen Fähigkeiten oder den sich selbst zugewiesenen Schwächen. Unsere Ansicht muss nicht der Einstellung oder Wahrnehmung von anderen Menschen entsprechen. Das Schaffen von neuen Realitäten und Welten wird nur möglich, wenn wir bereit sind, uns zu öffnen, auszutauschen und ehrlich miteinander zu sprechen.

 

Interview mit Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

 

Was sind die häufigsten Ursachen dafür?

Fleisch: Die ängstlichsten Menschen sind die, die viel alleine waren, viel Zeit alleine im Zimmer verbracht haben, sich wenig ausgetauscht haben und bei denen daher die Verbundenheit und weitere Sichtweisen fehlen. Die realistische Bewertung der möglichen Zukunftsbedrohung sowie die realistische Bewertung von sich selbst und den eigenen Fähigkeiten damit umzugehen entscheidet darüber, wie stark eine Angst ausfällt. An beiden gilt es zu arbeiten.

Was sind die wichtigsten Bewältigungsstrategien, um diese Ängste zu überwinden?

Fleisch:

Hier die wichtigsten Angst-Bewältigungsstrategien im Überblick: 

  • Abwarten: Ein wichtiger Punkt dabei ist zunächst das Abwarten – also ers zu reagieren, wenn es wirklich notwendig ist. Es kommt doch so oft anders als man denkt und die meisten zuvor ausgearbeiteten, durchdachten Pläne sind plötzlich nicht mehr so umsetzbar. Daher ist es wichtig, im Moment zu sein. Ich sollte fragen: Was kann ich im Moment für mich tun? Gefühle anzunehmen, diese da sein zu lassen und auf sich zu hören, was diese einem mitteilen wollen. Wie geht es mir? Was brauche ich? Danke, dass ich dich fühle. Danke, dass du mir … zeigen möchtest.

 

  • Negative Vergleiche: Zudem können auch negative Vergleiche hilfreich sein, also sich etwa drei Dinge vorzustellen, die schlimmer wären als das, was wir befürchten. Was könnte also etwa schlimmer sein als ein Zahnarztbesuch oder eine Spinne im Zimmer zu haben? Mit Krokodilen schwimmen zu gehen, ein Bein zu verlieren, das Haus brennt ab oder unsichtbar zu sein.

 

  • Wahrnehmung steuern und Fokus ändern: Zentral für die Überwindung der Ängste ist es, die eigene Wahrnehmung zu steuern und den Fokus zu ändern. Also weniger die Probleme und Fehler suchen und finden. Sondern sich aktiv zu fragen, was gut läuft, was man kann und was man bisher alles geschafft hat. Was ist mir heute gut gelungen? Worauf bin ich stolz? Was waren meine drei Highlights?

 

  • Körperübungen: Krafttraining wirkt Wunder für sensible Menschen, Yoga, vor allem Kundalini-Yoga um das Nervensystem zu stärken, Hatha-Yoga für die Entspannung.

 

  • Atemtraining: Eine wirksame Methode zur Angstbewältigung ist auch ein Atemtraining, um zu entschleunigen und mehr Zeit zum Reagieren zu haben. Zunächst bewusst zu atmen und dann zu überlegen: Möchte ich so reagieren? Möchte ich meinen Gedanken folgen?

 

  • Achtsamkeitsübungen: Darüber hinaus ist es sehr hilfreich, Achtsamkeitsübungen durchzuführen, wie etwa einen Body-Scan, um frühzeitig Warnsignale für Stress, Angst, Überforderung wahrzunehmen und frühzeitig gegen zu steuern. Dabei stelle ich mir Fragen wie: Wie geht es mir? Wie fühlt sich mein Kopf an? Meine Stirn? Der Kiefer, das rechte Bein, der Rücken, die Arme? Was brauche ich?

 

  • „Entkatastrophisieren“: Die Angstgedanken mal zu Ende denken und nicht beim blitzartigen Angstbild stehen zu bleiben. Wie würde es weitergehen? Was passiert dann wirklich? Ist das wirklich so schlimm? Ist das realistisch?

 

  • Best-Case-Szenario: Hilfreich ist auch sich zu fragen, was der bestmögliche Ausgang einer Situation sein könnte und nicht nur die schlimmsten Konsequenzen zu sehen. Die realistische Einschätzung dürfte wohl dazwischen liegen. Was ist das Beste, das passieren könnte?

Wie kann es gelingen, immer wieder auftauchende negative Gedanken und Glaubenssätze zu durchbrechen?

Fleisch: Um negative Glaubenssätze zu durchbrechen, müssen wir diese zuerst erkennen. Damit ein Bewusstsein dafür entsteht ist Achtsamkeit sehr wichtig. Es braucht Aufmerksamkeit sowie Zeit und Raum, um diese zu erkennen, um diese anschließend kritisch hinterfragen und prüfen zu können sowie diese schlussendlich zu verändern.

Somit ist es eine tiefgehende Unterhaltung mit sich selbst. Dabei spielen auch das Erkennen von Zusammenhängen, Mustern und vor allem eigenen einst hilfreichen Strategien, die in der Vergangenheit nützlich waren, aber jetzt nicht mehr wirksam oder zielführend sind, eine wichtige Rolle.

Wir alle haben Strategien, um mit diversen Situationen oder negativen Gefühlen umzugehen. Wenn diese jedoch nicht das eigentliche, dahinterliegende Bedürfnis erfüllen, dann ist es wichtig, sich diese anzusehen und neue Wege zu finden, die hilfreicher sind. Wenn jemand das Bedürfnis nach Entspannung hat, geht der eine spazieren, der andere hört Musik und der nächste macht Sport. Jeder braucht eine für sich passende Strategie oder ein Handlungsspektrum, um neue Verhaltensweisen überhaupt zu sehen und in Zukunft zu ermöglichen.

Glaubenssätze entstehen aufgrund von Erfahrungen, Beobachtungen oder Erzählungen. Wir alle waren ein leeres Blatt als wir auf die Welt kamen. Mit der Zeit entwickelten sich Bewertungen, die uns halfen, schnellere und bessere Entscheidungen treffen zu können. Somit haben sich einst neutrale Themen mit Bewertungen gefüllt und wurden durch neue Informationen immer mehr mit innerlichen Plus- oder Minuszeichen versehen, die dann sofort im Kopf auftauchen, wenn ein bestimmter Reiz gesetzt wird.

Zum Beispiel mein Nachname „Fleisch“. Einst war es ein „Bauernessen“ für Arme, danach ein cooles Fitness-Food und mittlerweile ist Fleisch wieder verpönt aufgrund der schlechten Tierhaltung. Dasselbe Wort wurde im Laufe meines Lebens immer wieder mit anderen Bewertungen aufgeladen und hat zu verschiedenen Reaktionen geführt.

 

Interview mit Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

 

Es ist oft schwer, Emotionen alleine mit dem Verstand in den Griff zu kriegen. Wie funktioniert das mit Annehmen und Loslassen in Verbindung mit dem Atem? Welche Rolle spielen Liebe und Vergebung dabei?

Fleisch: Sehr oft sind wir im Widerstand. Ob es nun eine innerliche Mauer ist, die man zum Schutz aufbaut, um nicht verletzbar zu sein. Oder das Vermeiden von Situationen, weil man sich zu schwach fühlt. Oder auch das Aufdrängen der eigenen Meinung anderer, weil man das Gefühl hat, im Recht zu sein.

Diese Widerstände im Leben kosten Kraft. Diese Mauer aufrecht zu erhalten oder auch jemand anderen zu seinem Glück zu zwingen ist etwas, das anstrengt und müde macht. Situationen, Eigenschaften und Gefühle einfach den Raum zu geben und da sein zu lassen – möglicherweise auch wertzuschätzen und deren Bedeutung und Wichtigkeit für sich zu erkennen – bringt Leichtigkeit mit sich.

Ein innerliches „Ja“ zu dem, was das Leben einem bietet. Dinge anzunehmen und sein zu lassen – auch wenn es nicht immer gelingt, einen Sinn dahinter zu finden.

Der Widerstand an sich, dass wir es nicht erlauben, nicht zulassen, es verändern oder loswerden wollen, ist Zeit- und Kraftverschwendung, die wir für so viel anderes Schönes im Leben einsetzen könnten. Wenn man sich vorstellt, wie viel Energie manche Menschen aufwenden, um sich vor der Annahme zu drücken, ist der Wahnsinn. Wenn man sich vorstellt, was es machen würde, wenn man Menschen oder Situationen einfach so sein lässt, dann würde einem selbst all diese großartige Kraft zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus ist die Akzeptanz eine Form von Wertschätzung und diese ist eine Form von Liebe. Wir schätzen andere Menschen, Gefühle sowie Herausforderungen wert. Andere Meinungen dürfen wir stehen lassen, denn diese Menschen haben andere Erfahrungen gemacht und müssen selbst wissen, was sie glücklich macht.

Probleme sollten wir an uns herantreten lassen, damit wir Neues über uns selbst, unsere Stärken, Schwächen, Glaubenssätze sowie unsere Vorstellungen von einem glücklichen Leben erfahren. Wir lassen Gefühle zu, weil diese auch wertvoll sind, da sein dürfen und uns doch nur helfen wollen, da sie uns zeigen, was in uns vorgeht, was wir wollen oder auch nicht. All das darf sein.

Können Sie ein Beispiel für eine effektive Übung geben?

Fleisch:  Atmen hilft beim Loslassen, weil wir bei dieser körperlichen Übung Sauerstoff in uns aufnehmen, aber dann auch wieder ziehen lassen, ausstoßen und somit auch loslassen. Es ist mehr oder weniger ein Sinnbild dafür, was wir innerlich versuchen, aber dabei auch spürbar und sichtbar machen können.

Eine sehr schöne, passende Atemübung zum Thema Liebe und Akzeptanz ist die Herzatmung. Hier stellt man sich vor, dass man durch das Herz atmet. Einerseits kommt man durch eine bewusste Atemsteuerung bzw. -beobachtung ins Hier und Jetzt. Andererseits verlangsamen wir mit einer entschleunigten, bewussten Atmung auch die innerlichen Prozesse – der Herzschlag und Puls senken sich und zeitgleich werden auch die Gedanken etwas ruhiger und der Kopf entschleunigt.

Wenn zusätzlich die Vorstellung durch das Herz zu atmen hinzukommt, ermöglicht dies ein wunderschönes Gefühl von Wärme, Geborgenheit und Liebe. Es hilft, sich zu öffnen, aber auch, etwas anzunehmen und sein zu lassen. Das Atmen hilft, im Moment zu sein, am Leben teilzunehmen und somit das Leben zu spüren. Atmen ist Leben – damit beginnt und endet es.

Welche eigenen Erfahrung hatten Sie mit Ängsten und wie haben sie es geschafft, diese zu überwinden? Was hat Ihnen am meisten geholfen?

Fleisch: Ich werde niemals ein Mensch sein, der komplett unbeschwert, nie an sich zweifelnd, durchs Leben geht. Ich habe aber gelernt, mit meinen Sorgen und Zweifeln zu leben, mit diesen umzugehen und negative Gefühle wahrzunehmen, anzuhören und wieder ziehen zu lassen.

Es war ein langer Prozess und kann nicht an einzelnen Wunderübungen festgemacht werden. Wirklich hilfreich ist ein ehrlicher, offener und wertschätzender Austausch mit Menschen sowie sich in Geduld zu üben und erst zu reagieren, wenn es notwendig ist, denn die meisten Sorgen bewahrheiten sich nicht. Meine Strategie lautet: Einfach mal abwarten – das meiste klärt sich von selbst – und darüber sprechen.

Neben diesem Buch haben Sie bereits einige weitere Bestseller geschrieben. Worum geht es etwa in „Meine Reise zu mir selbst: Finde die Antwort in dir selbst, die dir sonst niemand beantworten kann?“, zu dem es auch ein eigenes Workbook gibt?

Fleisch: In diesem Buch habe ich allgemein viele meiner Lieblings-Selbsterfahrungsübungen gesammelt, die mir persönlich sehr viel geholfen haben und auch in vielen meiner Workshops eingebaut sind. Es ist ein allgemeiner Ratgeber, ein Selbsthilfe-Buch, indem es darum geht, glücklich und zufrieden zu leben. Wichtig dabei ist das bessere Kennenlernen und Verstehen von einem selbst, um sich besser managen zu können.

Sie sind ausgebildete Angst- und Stressbewältigungstrainerin und führen zahlreiche Workshops und Seminare durch. Was genau bieten Sie für welche Zielgruppe an?

Fleisch: Für Unternehmen biete ich Workshops, Seminare, Vorträge sowie Betreuung für einzelne Mitarbeiter an. Mit Privatpersonen arbeite ich meist im Einzelsetting und immer wieder mal in einer Kleingruppe. Neben den Einzelcoachings habe ich vor kurzem eine Selbsthilfegruppe für Ängste und Selbstzweifel ins Leben gerufen, um den Betroffenen die Möglichkeit eines Erfahrungs- und Meinungsaustauschs zu bieten. Ein verständnisvolles Umfeld, das Ängste normalisieren soll und kostengünstig auch einer breiteren Zielgruppe zur Verfügung steht.

 

Interview mit Sabrina Fleisch: „Sei stärker als die Angst“

 

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens? 

Fleisch: Für mich persönlich besteht der Sinn des Lebens darin, seinen Platz in der Welt zu finden. Es geht darum, einen Ort, Menschen und Tätigkeiten für sich zu entdecken, bei denen man sich wohl fühlt, zufrieden ist, seine Stärken ausleben kann. Sich selbst verwirklichen und sein authentisches Ich zeigen kann, ohne sich dafür schämen zu müssen. Ein Platz, an dem man gerne ist, so sein kann, wie man ist, wo man das Gefühl hat, angekommen zu sein und richtig zu sein.

Zu oft neigen wir dazu, uns selbst die Schuld zu geben, uns verändern zu wollen, an uns zu zweifeln, obwohl es manchmal einfach daran liegt, dass man noch nicht den richtigen Platz für sich gefunden hat. Nicht wir sind falsch, nicht wir sind der Fehler – vielleicht ist es nur nicht die richtige Umgebung für uns.

Ich möchte dies am bildhaften Beispiel einer Orchidee erklären. Wenn diese nicht blüht, beschuldigt man auch nicht die Pflanze und sagt: „Warum blühst du nicht, du doofe Blume?“. Man würde nicht der Orchidee die Schuld geben, dass diese nicht ihre wahre Schönheit zeigen kann. Sondern die Umgebung betrachten und schauen, was es denn braucht, damit die Blume ihre volle Pracht entfalten kann. „Ist es der richtige Ort für die Blume? Braucht sie mehr oder weniger Licht? Mehr oder weniger Wasser?“.

Warum ist es dann bei uns selbst so schwer, sich das ins Leben zu holen, was uns gut tut? Ehrlich zu sich und anderen zu sein, dies auszusprechen und aktiv ins eigene Leben zu holen?

Fleisch: Wenn man den Winter und die Kälte nicht mag, kann man in ein anderes Land ziehen. Wer keine Freude an dem derzeitigen Job hat, kann diesen wechseln. Wenn man unzufrieden mit den Beziehungen in seinem Leben ist, kann man auch hier ansetzen, neue Menschen kennenlernen und alte ziehen lassen. Für mich ist die Suche nach dem eigenen „Platz“ mit der Selbstverwirklichung, der Spitze der Bedürfnispyramide von Maslow, zu vergleichen.

Somit ist der Weg zu einem glücklichen, zufriedenen Leben mit Selbstreflexion verbunden: Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, sich zu fragen, was einem gut tut, was es braucht und auch, dies anzunehmen und sein zu lassen.

Im Leben geht es doch darum, eine schöne Zeit auf dieser Welt zu verbringen – dies gelingt uns nur, wenn wir auf unsere innere Stimme hören und diese zu Wort kommen lassen, ihr aufmerksam und verständnisvoll zuhören. Sie sagt uns, wie unser persönliches (Lebens-)glück aussieht.

All unsere natürlichen, menschlichen Bedürfnisse müssen befriedigt sein, um zum persönlichen Glück zu finden und Sinn im Leben zu erfahren. Dazu gehören etwa Autonomie, Anerkennung, Zugehörigkeit, Sicherheit, Entspannung, Entwicklung, Balance und vieles mehr.

Sinnlos wäre eben genau, persönliche Wünsche und Bedürfnisse zu ignorieren, beiseite zu stellen oder zu verdrängen. Dies wäre ein kontraproduktives Verhalten, ein für sich persönlich sinnloses Verhalten. Da es zum Zwecke anderer oder Übergeordnetem dient, aber dem eigenen Streben widerspricht. Sinn erfährt man, wenn das eigene Verhalten Sinn macht und den eigenen Bedürfnissen entspricht.

Somit sind folgende Fragen essentiell, um Glück und Sinn im Leben zu erfahren: „Wie geht es mir? Was tut mir gut? Was brauche ich?“ und dann auf seine eigene, innere Stimme zu hören und den Mut sowie das Vertrauen zu haben, darauf zu hören.

Weitere Informationen unter: www.sabrina-fleisch.at

 

– Anzeige / Datenschutz – 

 

Das könnte Sie auch interessieren ...