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Interview mit Axel Hacke: „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“

21. November 2019 0 comments
Interview mit Axel Hacke: „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“

Das neueste Werk von Axel Hacke geht der Suche nach dem, was man aus dem Leben machen könnte, auf den Grund. „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“ ist ein Buch ohne Anweisungen, eher eines über Zweifeln und Fragen und natürlich über Glück und Pech. Geschrieben aus der Perspektive von Walter Wemut, der seit dreißig Jahren Nachrufe schreibt und nun zum 80. Geburtstag einer Freundin eine Rede über das gelungene Leben halten soll. Im Interview spricht Axel Hacke über die Suche nach dem gelingenden Leben, das Glück und Pech in unterschiedlichsten Lebensentwürfen und erklärt, wie man am besten mit sich selbst lebt.

Herr Hacke, wie ist die Idee für das Buch „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“ entstanden?

Hacke: Meine Frau ist Musikerin, Sängerin, und im vergangenen Jahr hatte sie als Singer-Song-Writerin zum ersten Mal ihre eigenen Songs geschrieben, die sich alle mit existenziellen Fragen beschäftigen, dem Wünschen und Hoffen im Leben, dem Verzicht, dem Glück, solche Dinge. Daraus ist ihr Album „The Feel of Life“ entstanden. Aber wir wollten damit auch mal wieder ein gemeinsames Hörbuch machen, und so habe ich beschlossen, ein Buch über die gleichen Themen zu schreiben. Also: Dieses Hörbuch stand am Anfang, und daraus ist dann sozusagen auch mein Buch geworden.

Warum beschäftigt die Frage „Warum wir hier sind?“ heute so viele Menschen?

Hacke: Das war wahrscheinlich nie anders, oder? Es ist die Grundfrage des Menschseins: Wieso sind wir hier und was könnte man daraus machen, dass wir nun mal da sind.

Wie sind Sie auf den Charakter Walter Wemut gekommen, der sein Leben lang Nachrufe schrieb und nun anlässlich einer Geburtstagsrede über das Leben sinniert? Warum ist diese Herangehensweise an die zentralen Lebensfragen charmanter und vielleicht zielführender, lebensnaher und authentischer, als dies in einem trockenen Sachbuch möglich wäre?

Hacke: Ein Sachbuch wollte ich über dieses Thema nie machen. Was ich wollte, war der Monolog eines Mannes: Einer redet, jemand anders hört ihm zu, der sagt aber nie etwas. So einen Monolog spannend zu machen, ist ja allein schon eine schreiberische Herausforderung, die hat mich allein deswegen interessiert.

Und dann mag ich keine belehrenden Bücher, ich wollte sozusagen ein offen gelegtes Denken, einen Mann, der sich auch mal verläuft in seinen Gedanken, der dann die Richtung wechselt, neu ansetzt, zweifelt, der sich an die Menschen erinnert, die ihm im Leben begegnet sind, an die Gescheiterten, die Lügner, die Untüchtigen auch. Das sind alles Geschichten, an die ein Leser mit seinem eigenen Leben anknüpfen kann, die ihn zum Nachdenken bringen. Darum ging es mir, und das geht mit einer solchen Figur am besten.

 

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Buchcover Axel Hacke: „Wozu wir da sind – Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben“

 

Wie definiert die heutige Gesellschaft ein gelungenes Leben? Welche Rolle spielen die Religionen noch dabei? Wie hilfreich ist es, sich an diesen gesellschaftlichen Normen zu messen?

Hacke: Menschen messen sich natürlich immer an gesellschaftlichen Normen, das geht ja gar nicht anders. Aber worum es geht, ist schon, seine eigenen Ziele zu formulieren, nicht einfach von außen gesteuert zu leben, sondern den eigenen Kopf zu haben, also, wie der berühmte Psychologe Viktor Frankl geschrieben hat, nicht nach dem Sinn des Lebens zu fragen, sondern ihm selbst diesen Sinn zu geben – das muss man nämlich selbst tun. Ohne diesen Sinn geht es nicht, den braucht der Mensch einfach.

Sind die Menschen in dieser Rückschau meist Opfer von Schicksal und Lebensumständen oder halten sie das Zepter für Ihr persönliches Pech oder Glück selbst in der Hand?

Hacke: Das ist eine von den Fragen, mit denen Wemut sich beschäftigt: Warum ist es manchen seiner Freunde nie gelungen, sozusagen zum Autor des eigenen Lebens zu werden, warum haben sie nie die Schienen verlassen, auf die man sie gesetzt hat – obwohl es ihr Unglück war? Woher kann die Energie kommen, die es einen schaffen lässt, das Leben so zu gestalten, dass es gut wird?

Lässt sich aus diesem Kaleidoskop unterschiedlichster Lebensentwürfe zwischen Erfolg und Scheitern ein Rezept für ein gelingendes Leben herausdestillieren? Oder Anhaltspunkte dafür, wie man es nicht machen sollte?

Hacke: Das muss schon jeder für sich selbst machen, da gibt es keine Fertigrezepte, das ist es ja! Genau so ein Rezeptbuch soll mein Buch nicht sein, ich hätte gerne, dass die Menschen sich nicht an Autoritäten orientieren, sondern selbst denken.

Aber Wemut nennt ein paar wichtige Punkte: zum Beispiel mehr auf die Beziehungen zu den Menschen zu achten als auf den äußeren Erfolg, neugierig zu bleiben, einen Draht ins Leben zu haben, statt es nur als Pflichterfüllung zu betrachten, wie es der Soziologe Hartmut Rosa genannt hat. Auch bereit zu sein, sich von der Welt selbst verändern zu lassen und nicht nur, sie verändern zu wollen.

Wie lebt man am besten mit sich selbst?

Hacke: Am besten, indem man erst einmal zu verstehen versucht, wer man selbst eigentlich ist. Und nicht nur der zu sein, von dem andere wollen, dass man der ist.

 

Portrait Axel Hacke, Autor

 

Was macht für Sie persönlich ein gelungenes Leben aus? Wie kann man es am besten erreichen bzw. wie kann man die Enttäuschung eines aus eigener Sicht misslungenen Lebens vermeiden?

Hacke: Für mich persönlich war immer wichtig, dass an erster Stelle nicht mein Beruf steht, sondern die Menschen, von denen ich will, dass sie mir nahe sind und denen ich nahe sein möchte. Und zweitens: dass ich in meinem Beruf das tun kann, was ich tun möchte, und nicht die Anforderungen anderer erfülle.

Deswegen habe ich vor zwanzig Jahre bei meiner Zeitung gekündigt und lebe seitdem als freier Autor, mit allen Risiken, aber eben auch allen Freuden und aller Spannung, die dazu dazu gehört, also: ein interessantes Leben zu führen, darum ging es mir immer.

Sie sind aktuell auf einer längeren Lesereise „Axel Hacke liest“ durch Deutschland unterwegs. Was erwartet die Zuschauer und welche Themen stehen dabei im Vordergrund?

Hacke: Ach, ich bin ja immer auf Lesereise, ob es nun ein neues Buch gibt oder nicht. Ich versuche, unterhaltsame Abende zu machen, in denen es aber immer um die Themen unserer Zeit geht.

Da steht natürlich jetzt das neue Buch im Vordergrund, aber ich lese auch meine Kolumnen und eigentlich alles Mögliche, ich habe ja fast alle meine Bücher auf der Bühne dabei und lese jeden Abend etwas anderes, das überlege ich mir oft erst, wen ich da sitze. Jeder Abend ist eine Wundertüte, das geht ganz spontan, und das macht mir dann auch selbst großen Spaß.

Hat sich nach dem Schreiben dieses Buches Ihre Sicht auf Ihren persönlichen Sinn des Lebens verändert?

Hacke: Nein, das sollte man natürlich wissen, bevor, man mit so etwas anfängt. Aber es hat noch mal meinen Blick darauf geschärft und mir deutlich gemacht, wie wichtig es ist, diesen Sinn nie aus den Augen zu verlieren.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.axelhacke.de
Bilder: Axel Hacke, Fotograf Thomas Dashuber / Cover: Verlag Antje Kunstmann

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