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Interview mit Hermann Scherer: „Fokus!: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen“

7. November 2018 0 comments
Interview mit Hermann Scherer: „Fokus!: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen“

Warum tun wir eigentlich so selten das, wofür wir im Leben angetreten sind? Weil wir den Fokus verlieren – sagt Hermann Scherer. Anstatt den Mount Everest zu erklimmen oder den Mars zu besiedeln, verbringen wir unsere Tage noch immer damit, die Blumen zu gießen und die Steuererklärung fertig zu machen. In seinem Bestseller „Fokus!: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen“ zeigt er, wie wir zurück zu unserem wahren Wesenskern finden und Großes erreichen können. Hermann Scherer ist langjähriger Bestsellerautor und zählt laut Wirtschaftswoche zu Deutschlands besten Coaches sowie zu den erfolgreichsten Rednern Europas (Focus). Im Interview erklärt er, mit welchen häufigsten Denkblockaden wir uns oft selbst im Wege stehen, wie wir diese überwinden und den Weg zu Mut, Selbstbestimmung und Freiheit finden können.

Herr Scherer, Sie sagen, dass viele Menschen ihr Leben einfach geschehen lassen und meist fremdbestimmt und unzufrieden sind. Woran liegt das?

Scherer: Ich glaube, die Grundprogrammierung des Menschen ist nicht darauf ausgerichtet, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die meisten Menschen stecken beruflich in einem Hamsterrad fest – das nur von innen aussieht wie eine Karriereleiter – aber erreichen nicht das, was sie wirklich im Leben wollen. Was vielen fehlt ist ein klarer Lebensfokus, also eine Ausrichtung auf das, wofür sie im Leben angetreten sind.

Zudem realisieren wir viele echte Herzenswünsche nicht, obwohl wir sie uns eigentlich erfüllen könnten. Wenn wir am Ende auf unser Leben zurückblicken, werden wir nicht die Dinge bereuen, die wir getan haben, sondern die Dinge, die wir nicht getan haben. Das wird sehr schön deutlich in dem grandiosen Film „Das Beste kommt zum Schluss“ (Originaltitel: „The Bucket List“) mit Jack Nicholson und Morgan Freeman. In der Tragikomödie sind zwei Männer unheilbar an Krebs erkrankt und haben nur noch 12 Monate zu leben.

Statt resigniert auf ihr Ende zu warten, erstellen sie eine Liste der Dinge, die sie in ihrem Leben noch tun wollen, bevor sie „den Löffel abgeben“, die sogenannte „Löffelliste“ oder englisch „Bucket List“. Das heißt, auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben müssen wir uns zunächst bewusst machen, was uns im Leben wirklich wichtig ist. Und dann daran arbeiten, das umzusetzen. Denn wir haben nicht ewig Zeit dafür.

 

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Trotzdem haben sich viele Menschen in einer Komfortzone vermeintlicher Sicherheit – und Unzufriedenheit – eingerichtet und scheuen das Risiko der Veränderung. Was ist Ihr wichtigster Rat?

Scherer: Ein Leben in der sogenannten Komfortzone hat mit Selbstbestimmung oder Glück nichts zu tun, ja darin liegt sogar ein großer Widerspruch. Und Sicherheit gibt es dort schon gar nicht, wie nirgendwo im Leben. Im Grunde wollen wir alle glücklich sein. Aber wir verlassen die Komfortzone nicht, weil wir Angst davor haben, zu scheitern.

Wir glauben, dass wir nichts anderes können und nicht gut genug sind, um unsere wahren Lebensziele zu erreichen. Dann verharren wir lieber in der relativ bequemen aber unerfüllenden Komfortzone und lassen alles so weiterlaufen wie bisher. Häufig ist vielleicht auch der Grad der Unzufriedenheit nicht groß genug, um Veränderungen anzustoßen.

Glück lässt sich nach wissenschaftlichen Erkenntnissen auf zwei Dinge reduzieren: Der eine Faktor liegt in der Kombination aus Dankbarkeit und Achtsamkeit, der andere in der Überwindungsprämie. Was heißt das? Auf der einen Seite erfahren wir Glück, wenn wir dankbar sind für die positiven Aspekte und Erlebnisse unseres Lebens.

Achtsamkeit bedeutet, dass wir uns dieser Dinge auch bewusst sein müssen: etwa, dass wir gesund sind, einen schönen Tag erleben oder einen schönen Sonnenuntergang genießen dürfen. Gleichzeitig brauchen wir aber immer auch einen gewissen Grad an Unzufriedenheit, der uns zu Veränderungen anspornt.

Auf der anderen Seite führt uns die sogenannte Überwindungsprämie zum Glück. Das bedeutet, wir sind immer dann glücklich, wenn wir ein Problem gelöst, eine Herausforderung gemeistert oder eine Prüfung bestanden haben. Etwas, das schwierig war, das außerhalb der Komfortzone lag, das wir dann aber doch geschafft haben. Und je höher die Hürde ist, die wir überwinden, desto größer ist unser Glücksgefühl.

Übrigens liefern uns fast alle Freizeitaktivitäten Überwindungsprämien: Vom Bergsteigen über Fußball bis hin zum Golf. Entscheidend ist, dass wir diesen Aspekt auch auf unser ganzes Leben übertragen müssen, insbesondere auf unser Berufsleben. Dazu gehört dann auch der Mut, ins Risiko zu gehen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eigentlich in einem Paradies leben. Wir sind dazu da, um die Welt zu erforschen, neugierig zu sein und Verschiedenes auszuprobieren. Und was tun wir stattdessen? Wir sitzen in unserer Wohnung, schließen noch eine Lebensversicherung ab und warten, bis wir tot sind.

 

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Wie wichtig ist es dabei, groß zu denken und wie können wir unsere selbst gesetzten Grenzen überwinden?

Scherer: Im Stress des Alltagslebens beschäftigen wir uns häufig mit unwichtigen Dingen und verlieren den Blick für das Wesentliche. Das führt dazu, dass viele Menschen nach dem Motto leben: „Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach“.

Wir sind darauf ausgerichtet, eher kurzfristige Erfolge im Leben zu erzielen als langfristige und ziehen den „short win“ dem „long win“ vor. Wie Unternehmensberater, die eher mal kurzfristig ein paar Kosten im Konzern einsparen, als wirklich eine zukunftsträchtige Strategie zu entwickeln.

Wir haben verlernt, das Leben langfristig anzulegen, die Lebensträume zu sehen und belohnen uns dann eben lieber mit dem schnellen, kurzen Kick. Lieber jetzt schnell das kleine Glück realisieren, als das große Glück später vielleicht gar nicht. Das ist ein großer Fehler!

Es gibt den schönen Spruch: „Wir überschätzen alle, was wir in einem Jahr erreichen können und unterschätzen, was wir in zehn Jahren erreichen können“. Und die Macht der zehn Jahre ist immens groß, aber die sehen wir nicht. Ich glaube, dass wir es in der Schule und als Menschen nicht gelernt haben, den Blick auf weite Horizonte zu werfen. Doch wir müssen den Fokus darauf richten, das Große und Ganze zu sehen.

Wie können wir unsere Ängste vor dem Scheitern besser in den Griff bekommen, auf dem Weg zu Mut, Selbstbestimmung und Freiheit?

Scherer: Der Hauptfeind für das Erreichen unserer Lebensträume liegt in unseren Zweifeln. Ich betreue seit 30 Jahren Menschen auf dem Weg zum Top-Speaker und werde immer wieder gefragt: Was macht den Hauptunterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Rednern aus? Meine Antwort lautet: Der Umgang mit Zweifeln!

Schon William Shakespeare sagte: „Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können.“ Warum ist das so? Weil sie uns das Gute nicht wagen lassen, das wir erreichen könnten. Eben weil wir es uns nicht zutrauen. Und weil wir glauben, nicht gut genug zu sein.

In meiner Beratertätigkeit habe ich zwei Arten von Menschen kennengelernt: Die einen haben ein Ziel vor Augen und rennen los: Sie tun was! Natürlich stolpern sie auch dabei, haben Schwierigkeiten und machen Fehler. Aber sie gehen dennoch weiter. Und die anderen treffe ich zwei Jahre später zufällig am Flughafen wieder und frage: „Wie läuft’s?“ Sie sagen: „Ja, wir sind da noch dran, wir feilen noch ein bisschen an unserer Positionierung“. Meine These lautet: Diese Menschen werden mit der Feile in der Hand sterben!

Die Amerikaner sagen, auf dem Weg zum Erfolg müssen wir einfach nur dumm genug sein, den Knopf zu drücken, also einfach loszulegen („To be stupid enough to push the button“). Das heißt, hier ist die Intelligenz unser Feind. Weil wir intelligent genug sind, immer neue Gründe zu finden, Dinge nicht zu tun. Weil wir uns ausmalen, was alles schief gehen könnte. Die Steigerung des Zweifels ist der innere Saboteur. Er versetzt uns in eine negative Stimmung und bringt uns sogar unbewusst dazu, uns selbst zu sabotieren, nach dem Motto: „Wir schaffen es ja eh nicht!“

Wie wichtig es ist, seine Zweifel in den Griff zu bekommen, zeigt auch eine spannende Studie der Stanford University, die die fachliche Eignung der Studenten als Erfolgskriterium für einen guten Studienabschluss untersucht hat. Das Ergebnis war überraschend: Viele Studenten, die ursprünglich eigentlich perfekte fachliche Voraussetzungen für ein bestimmtes Fach mitbrachten, haben ihr Studium schließlich gar nicht oder nur schlecht abgeschlossen. Um die Quote der Studienabbrecher zu senken kamen die Forscher auf die Idee, anfangs nicht die fachliche Eignung, sondern den Optimismus der potenziellen Studenten zu testen.

Denn auch der beste Paragraphenjongleur wird im Laufe seines Jura-Studiums einmal Zweifel bekommen, ob er es wirklich schaffen kann. Und in diesem Moment hilft eben nicht mehr die Fähigkeit, mit Paragraphen umzugehen, sondern die Fähigkeit, die eigenen Selbstzweifel in den Griff zu kriegen. Daraus ziehe ich den Schluss: Wer in der Lage ist, seine Zweifel zu beherrschen, hat höhere Erfolgschancen als derjenige, der lediglich seine fachlichen Kompetenzen beherrscht.

Genau das erlebe ich auch immer wieder bei Unternehmensgründern. Nur 5 % scheitern an den fachlichen Dingen, wie dem Geschäftsmodell, dem Businessplan oder der Buchhaltung. Der Grund des Scheiterns liegt meist „zwischen den Ohren“, wie Boris Becker so schön sagte. Über Erfolg und Misserfolg entscheidet letztendlich unsere innere Einstellung und der richtige Umgang mit Zweifeln.

 

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An welchen inneren Stellschrauben müssen wir vor allem drehen, um es besser zu machen?

Scherer: Um unseren inneren Schweinehund zu überwinden und die Motivation aufzubringen, unsere Komfortzone zu verlassen, müssen wir uns zwei wichtige Fragen stellen. Die erste lautet: Was würde ich tun, wenn ein Misserfolg ausgeschlossen wäre? Die zweite Frage ist: Was kostet es mich, es nicht probiert zu haben – vor allem auch mental? Wer sich mit diesen beiden Fragen ernsthaft auseinandersetzt, der wird völlig anders agieren als bisher.

Ich glaube, dass viele Menschen am Lebensende traurig sind, weil sie es noch nicht einmal probiert haben, ihren Lebenstraum anzugehen oder die für sie wirklich wichtigen Dinge zu tun. Also muss man sich das vorher bewusst machen, solange man noch etwas tun kann. Schließlich haben wir nicht ewig Zeit. Die Midlife Crisis kann der letzte Weckruf sein, wenn sich die ersten Türen für immer schließen, die man bisher nicht aufgemacht hat.

Doch viele verharren ihr Leben lang in einer dramatischen Entscheidungslosigkeit und warten ab, anstatt jetzt noch durch eine der wenigen verbleibenden offenen Türen zu gehen. Sie bleiben so lange auf dem Flur stehen, bis sie irgendwann dann durch die letzte offene Tür gehen müssen und nichts mehr geht. Wer sich nicht entscheidet, verliert nicht nur die Optionen, sein Leben zu verbessern, sondern auch seine Selbstachtung.

Hinzu kommt meist auch noch ein ungesunder Perfektionismus. Wir alle wissen, dass wir nie perfekt werden können. Trotzdem wollen viele Menschen erst mal alles über ihr Fachgebiet lernen, bevor sie ihr Projekt starten. Aber wir sind nicht in der Lage das zu tun, weil wir vorher sterben. Dazu fehlt uns schlicht die Zeit. Wir sind als unperfekte Wesen auf die Welt gekommen und sollten das Beste daraus machen. Und wenn wir ein Herzensprojekt haben, dann sollten wir nicht ewig darüber nachdenken, sondern einfach anfangen und machen!

Wie wichtig ist es, Entscheidungen zu treffen, auch wenn man sich nicht sicher ist, welche Weg man einschlagen soll oder es eine Fülle von Möglichkeiten gibt?

Scherer: Heute stehen wir weniger vor dem Problem, dass es keine Alternativen für uns gibt, sondern viel mehr vor dem Dilemma, aus der Vielzahl an möglichen Optionen die richtige für uns auszuwählen. Doch wir kommen nicht daran vorbei, eine Entscheidung zu treffen. Es sei denn, wir möchten unser Leben lang in der Komfortzone versauern, die zwar bequem ist, uns aber nicht glücklich macht.

Gerade die digitalisierte Welt macht es uns heute besonders schwer, uns zu entscheiden. Ein typisches Beispiel sind Dating-Plattformen. Wer heute einen möglichen Partner oder eine Partnerin kennenlernen möchte, kann jeden Abend mit jemand anderem Essen gehen.

Was uns Schwierigkeiten bereitet ist dann meist nicht die Frau oder der Mann, die oder der uns gegenübersitzt. Sondern die Vorstellung, dass es noch unzählige weitere Frauen und Männer auf dieser Welt gibt, mit denen man sich auch treffen könnte und die vielleicht noch besser zu uns passen würden. Deswegen beginnen wir Menschen heute entweder nichts zu tun oder alles ausprobieren zu wollen, was ja per se nicht geht.

Also müssen wir uns dann einfach einmal wieder dazu aufraffen, unabhängig von den Optionen eine Wahl zu treffen und wirklich zu einer Sache zu stehen. Die Kunst des Lebens liegt auch nicht so sehr im wählen der richtigen Sache, sondern sie liegt viel stärker im abwehren weiterer Optionen. Wir müssen lernen, uns für eine Sache zu entscheiden und dann zu anderen plötzlich auftauchenden Möglichkeiten nein zu sagen. Das gilt gerade auch für das Berufsleben.

Das Leben hat auch eine Art Zielmagnetismus. Ob ein Ziel oder eine Vision, die ich erreichen will, wirklich die richtige ist, spüre ich daran, ob dieses Ziel so viel Anziehungskraft auf mich ausübt, dass ich wirklich diese Richtung einschlage.

Natürlich befinden sich auf jedem Weg Stolpersteine und immer wieder tauchen dann auch die „Sonderangebote des Lebens“ auf. Was bedeutet das? Wenn ich auf dem Weg zu meinem Ziel an so einen Stolperstein komme, dann gibt es rechts neben mir jemanden, der ruft: „Komm zu mir, bei mir ist das Leben viel leichter!“. Und auch von links ruft mir jemand das gleiche zu.

Viele Menschen lassen sich dann leicht von ihrem Weg abbringen und erliegen den vermeintlichen Verlockungen. Sie biegen nach links oder rechts ab, weil dort der scheinbare Eindruck der Leichtigkeit vorherrscht. Doch der Schein trügt. Denn auch auf diesem Weg der neuen Sonderangebote tauchen natürlich immer wieder ähnliche Stolpersteine auf, wie auf dem alten.

Aber wer stets neue Wege einschlägt, wenn Herausforderungen auftauchen, der wird nie sein Ziel erreichen. Und wer immer wieder neue Sachen ausprobiert, wird ein Leben lang ein Anfänger bleiben. Für den Erfolg ist es wichtig, einer Sache treu zu bleiben, sich darauf zu fokussieren und sich nicht ablenken zu lassen. Da sind wir bei der Tugend durchzuhalten, die Dinge einfach durchzuziehen, anstatt einen Millimeter vor dem Ziel noch aufzugeben.

 

Interview mit Hermann Scherer: „Fokus!: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen“

 

Ihr aktueller Bestseller trägt den Titel „Fokus!: Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen“. Worum geht es im Kern? Können Sie einen kurzen Einblick in einige provokative Ideen geben?

Scherer: Die provokativste Idee aus diesem Buch geht auf ein Erlebnis in einem Schweigekloster zurück. Nach einer Woche Schweigen durfte man dem Meister eine einzige Frage stellen und hatte fünf Minuten Zeit, mit ihm zu reden. Ich habe ihn gefragt: „Was bitteschön ist Leistung?

Er hat mir eine sensationelle Antwort gegeben: „Leistung = Potenzial – Störfaktoren“. Was heißt das? Wir alle sind großartige Menschen und besitzen ein großartiges Potenzial. Wir alle können etwas. Aber die entscheidende Frage, die sich ein Mensch im Leben stellen muss, ist nicht, wie groß sein Potenzial ist, sondern: Wie gut kann ich mit den Störfaktoren in meinem Leben umgehen? Das hat mich auf die Kernidee „Fokus“ meines Buches gebracht: Um erfolgreich zu sein, müssen wir uns auf das wirklich Wichtige in unserem Leben fokussieren und müssen alles andere ausblenden.

Meine These ist, dass sich die meisten Menschen eben nicht auf eine wichtige Sache konzentrieren. Das Leben hat sich für uns als Ablenkungsmanöver eingerichtet. Es werden uns immer wieder neue Dinge angeboten, die auch nett und schön sind, die uns aber nicht wirklich weiterbringen. Und unsere Zeit auf dieser Erde ist nun mal begrenzt.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das Bügeln (lacht). Ich sage immer: Ein Mensch darf nicht bügeln! Denn wenn er bügelt, hat er sehr wahrscheinlich nicht seinen Fokus ausgerichtet. Es sei denn, er sieht es als Entspannung oder er bereitet sich auf die Weltmeisterschaft im Bügeln vor. Besser ist es, seine Hemden bügeln zu lassen und seine Zeit mit wichtigeren Dingen zu verbringen. Und wer weniger als die Bügelkraft verdient, sollte sich fragen, wie er sich qualifizieren kann, um sich beruflich zu verbessern.

Das Bügeln ist hier natürlich nur eine Metapher. Ich will damit sagen: Wir wissen alle, dass wir uns nur sehr wenig auf das konzentrieren, was wirklich Signifikanz und Relevanz für unser Leben hat. Wir machen viele Dinge, die wir glauben tun zu müssen. Menschen, die wesentlich erfolgreicher sind als andere, arbeiten hochfokussiert, weil sie wirklich das eine im Blick haben und alles andere ausblenden. Wir müssen unser Leben radikal ändern und bereit sein, unsere gesamte Lebens- und Tätigkeitsstruktur ständig daraufhin zu überprüfen.

Diese These lässt sich auch mit dem Pareto-Prinzip, das auch 80/20-Regel genannt wird, untermauern. Sie besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse benötigen mit 80 % die meiste Arbeit. Was bedeutet das konkret? Bei vielen Unternehmen werden 80 Prozent des Umsatzes mit 20 Prozent der Kunden gemacht.

Und was können wir daraus lernen? Bei richtiger Verteilung der Prioritäten lassen sich mit 20 Prozent des Aufwands 80 Prozent der gesamten Arbeit erledigen! Wir müssen also lediglich unseren Fokus auf die wirklich wichtigen Dinge lenken und sind dann wesentlich effizienter, als wenn wir uns mit anderen Dingen verzetteln, die viel Arbeit machen, aber wenig bringen.

 

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Ein weiterer Bestseller von Ihnen heißt „Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen“. Was zeichnet Glückskinder aus und wie können wir es schaffen, genauso zu denken und zu handeln?

Scherer: In Wirklichkeit gibt es keine Chancen im Leben. Weil die gleiche Situation für den einen eine Chance, für den anderen eine Nicht-Chance darstellt. Das einzige, was wir erkennen können ist, wie wir die Dinge zu unseren Gunsten bewerten können. Ich gebe ein Beispiel. Ein Schuhverkäufer fliegt nach Afrika, ruft seinen Chef an und sagt: „Schick‘ mir sofort das Rückflugticket, denn die laufen da alle barfuß herum“. Eine Woche später fliegt ein anderer Schuhverkäufer nach Afrika, ruft seinen Chef an und sagt: „Schick‘ mir Schuhe, denn die laufen da alle barfuß herum!“

Das heißt, die Situation ist immer die gleiche. Nur die Art und Weise, wie wir die Situation bewerten, macht sie für uns zu einer Chance oder zu einer Nicht-Chance. Wie sagte schon William Shakespeare: „Nichts ist weder gut noch böse auf dieser Welt, erst unser Denken macht es dazu“. Deswegen sehen diejenigen Menschen, die eine andere, vielleicht radikalere Sicht der Dinge haben, eher die Chancen, als die anderen.

Google etwa hatte anfangs viele Gründer, die meisten sind frühzeitig ausgestiegen weil sie dachten, die Firma wird nie erfolgreich. Larry Page und Sergey Brin sind dabei geblieben und gehören heute zu den reichsten Menschen der Welt. Die anderen ärgern sich wahrscheinlich zu Tode. Deswegen ist Chancenintelligenz in Wahrheit so etwas wie die Fähigkeit, die Dinge anders zu sehen.

Wie sieht Ihr Vortrags- und Seminarprogramm aus? Welche Zielgruppen sprechen Sie an?

Scherer: Auf der einen Seite werde ich von Firmen gebucht, um als externer Redner Motivations-Vorträge auf Kongressen oder Tagungen zu halten. Das ist übrigens ein Markt, der immens stark wächst. Allein in Berlin gibt es über 100.000 Veranstaltungen pro Jahr, auf denen externe Speaker gebraucht werden.

Auf der anderen Seite biete ich eigene Vorträge und Seminare an, bei denen ich Redner bis zum Expertenstatus ausbilde. Dabei es geht es mir nicht so sehr um Rhetorik und wie ich eine gute Rede halte. Das mache ich zwar auch, es ist aber eher ein Nebenprodukt.

Mein Hauptanliegen ist es, Qualität sichtbar zu machen. Ich stelle immer wieder fest, dass es eine Menge sehr guter Selbständiger und Freiberufler gibt, die eine hohe Qualität in ihrer Tätigkeit haben. Das können Coaches, Speaker, Berater, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer oder Heilpraktiker sein.

Das Problem ist nur, dass das keiner weiß. Viele verkaufen sich sehr schlecht und können im Zweifel nicht mal die nächste Miete bezahlen. Die entscheidende Frage, der ich hier auf den Grund gehe, ist: Wie schaffe ich es, Menschen, Marken oder Unternehmen so zu positionieren und zu inszenieren, damit sie sichtbarer werden?

Oder anders ausgedrückt: Der Rahmen ist ähnlich wichtig, wie der Inhalt. Denn wir sind eine sehr rahmenbewusste Gesellschaft geworden. Ich helfe Menschen und Unternehmen, einen Rahmen um den Inhalt zu setzen und so erfolgreicher zu werden.

Folgendes Beispiel macht das deutlich. Ich durfte mit Jean-Claude Biver, dem Chef der Uhrenfirma Hublot zusammenarbeiten. Er hat eine Uhr entwickelt, „The One Million Dollar Baby“, die 1 Million Dollar kostet. Gleichzeitig sagt er immer, dass eine Uhr nie mehr als drei Euro kosten darf, denn mehr kostet es nicht, die Zeit anzuzeigen. Alles was darüber hinaus geht, hat mit der Uhr an sich, also mit der Zeitanzeige, nichts mehr zu tun.

Oder das Oktoberfest. Auf der „Wiesn“ muss man für die Maß Bier 10,80 Euro hinlegen, obwohl die Produktionskosten vielleicht bei 80 Cent liegen. Aber dafür, dass man mit 10.0000 anderen Menschen im Zelt feiern darf, kostet es eben 10 Euro mehr. Ergo: Der Rahmen ist wichtiger als der Inhalt! Das erleben wir in allen Bereichen. Über dieses Thema werde ich auch mein neues Buch schreiben.

 

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Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens?

Scherer: Das ist eine Frage, mit der ich mich schon immer schwer getan habe. Der Sinn des Lebens ist für mich vielleicht, glücklich zu sein und möglichst viele Überwindungsprämien einzusammeln. Aber jetzt gebe ich Ihnen noch eine ganz andere Antwort. Seitdem ich meine Frau Kerstin vor zehn Jahren kennengelernt habe, hat sich auch meine Einstellung zum Leben völlig verändert. Kerstin Scherer ist hellsichtig, hellfühlig, hellhörig und Heilerin. Durch sie durfte ich erfahren, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen ich bis dahin keine Ahnung hatte und sie auch nie geglaubt hätte.

Aber heute bin ich felsenfest davon überzeugt, dass es Dinge gibt, die wir noch nicht begreifen können. Ich war früher auch ein sehr ungläubiger Mensch und bin bereits mit 14 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Heute glaube ich an etwas, das wir Gott nennen. Mein Herzenswunsch ist es, diese für uns unsichtbare Welt näher kennenzulernen. Weil ich glaube, dass da der Schlüssel zu allem verborgen liegt, auch zum Sinn des Lebens. Ich habe das Gefühl, dass hinter unserem Sein wesentlich mehr steckt und sich größere Geheimnisse dahinter verbergen, als wir uns an der Oberfläche bewusst werden. Deswegen habe ich große Freude daran, diese Welt weiter zu erforschen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.hermannscherer.com
Bilder: Hermann Scherer / Cover: Campus Verlag

 

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