BerufInterviews

Interview mit Julia Hofelich: Von der Rechtsanwältin zur Krimi-Autorin

28. Februar 2019 0 comments
Interview mit Julia Hofelich: Von der Rechtsanwältin zur Krimi-Autorin

Vom Beruf zum Traumjob: Julia Hofelich hat viele Jahre in ihrer eigenen Kanzlei als Anwältin für Familienrecht gearbeitet, bevor sie sich dazu entschieden hat, ganz ihrer wahren Lebensaufgabe zu folgen: Der Arbeit als Schriftstellerin für Kriminalromane. Ihr erster Roman mit dem Titel „Totwasser“ ist im Dezember 2018 im Verlag Bastei Lübbe erschienen. Im Interview spricht Julia Hofelich über Ihre riskante Entscheidung, die Rechtsanwalts-Kanzlei aufzugeben, um sich ganz auf ihre Arbeit als Schriftstellerin einzulassen, den Umgang mit Rückschlägen und darüber, wie wichtig es ist, seiner wahren Berufung zu folgen.

Im Dezember ist Ihr erster Kriminalroman mit dem Titel „Totwasser“ im renommierten Verlag Bastei Lübbe erschienen. Wie haben Sie sich gefühlt, das gedruckte Werk in Händen zu halten? Worum geht es in dem Krimi?

Hofelich: Mein erstes Buch in Händen zu halten war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Ich hätte Luftsprünge machen können vor Freude. In dem Krimi geht es um die Anwältin Linn Geller, die nach einem schweren Unfall ihr eigenes Leben wieder auf die Reihe bringen muss und gleichzeitig einen sehr schwierigen Fall zu lösen hat.

Gleich die erste Mandantin ihrer neugegründeten Kanzlei stellt Linn nämlich vor gewaltige Probleme: Grace Riccardi ist wild entschlossen, den Mord an ihrem Ehemann zu gestehen – ein gefundenes Fressen für den Staatsanwalt. Linn findet jedoch bei genauerem Hinsehen Hinweise auf die Unschuld ihrer Mandantin. Aber warum sollte eine Unschuldige freiwillig ins Gefängnis gehen? Oder ist Grace Riccardi doch die Mörderin? Linn beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, ihre Ermittlungen führen sie bis in die südenglische Küstenlandschaft Cornwalls. Sie ahnt nicht, wie nahe sie dem Bösen kommen wird und dass sie selber von der Jägerin zur Gejagten wird …

 

Meer, Strand, Felsen, Blumen, Südengland

 

Sie haben letztes Jahr Ihre Rechtsanwalts-Kanzlei aufgegeben, um sich ganz auf Ihre Arbeit als Schriftstellerin zu konzentrieren. Wie kam es zu dieser grundlegenden Veränderung?

Hofelich: Ich hatte meine eigene Kanzlei vor ein paar Jahren gegründet und mich eigentlich recht gemütlich im Leben eingerichtet. Der Anwaltsberuf ist vielfältig, herausfordernd und interessant, und es hat mir Spaß gemacht, meinen Mandanten zu helfen. Alles lief glatt. Trotzdem war ich nicht richtig glücklich, aber ich habe dieses Gefühl, dass mir etwas Wichtiges fehlt, jahrelang nicht beachtet.

Mein Berufsleben war wie eine Fahrt auf einer geraden Autobahn, auf der ich gut und schnell vorangekommen bin. Leider bin ich die ganze Zeit in die falsche Richtung gefahren. Zum Glück ist mir das eines Tages klar geworden. Der Wunsch zu Schreiben wurde übermächtig. Und ich wollte nicht mehr nur nebenher zwischen zwei Mandantenterminen, in der Nacht oder auf der Busfahrt zum Kindergarten schreiben, ich wollte es richtig machen.

Wie schwierig war es für Sie, Ihre wahre Berufung zu finden – und warum ist es so wichtig, bei der Suche danach nicht aufzugeben und gegebenenfalls harte Veränderungen in seinem Leben anzustoßen?

Hofelich: Ich wusste schon immer, dass ich das Schreiben liebe und ohne Schreiben nicht leben kann. Aber es hat eine Weile gedauert, bis ich mich getraut habe, aus meinem bisherigen beruflichen Trott auszubrechen. Als ich meinen Freunden erzählt habe, dass ich meine Kanzlei aufgebe mit nichts in der Hand als einem fertigen Manuskript, das ich noch nicht mal verkauft hatte, haben einige gesagt: „Du spinnst.“ Eine Freundin meinte sogar, dass ich mein Leben wegwerfen würde.

In dem Moment ist mir klargeworden: Nein, ich werfe es nicht weg, es fängt gerade erst richtig an! Trotzdem ist es mir wahnsinnig schwer gefallen, meine Kanzlei dann wirklich aufzulösen und meine Zulassung zurückzugeben. Denn es war ein langer, oft steiniger Weg bis dahin und ganz nebenbei ein lukrativer Job. Aber ich habe es keine Sekunde bereut, nachdem ich es getan hatte.

Im Grunde hat mir die Gründung meiner Kanzlei vor einigen Jahren dabei geholfen, diesen Schritt zu gehen. Denn auch damals wurde mir von allen Seiten gesagt: „Es ist unmöglich, du kannst nicht in eine neue Stadt gehen und eine Kanzlei gründen, wenn du nicht bereits einen Mandantenstamm hast.“ Ich habe es trotzdem gemacht. Und es ging. Das hat mich darin bestärkt, die noch verrücktere Idee, nämlich hauptberuflich Schriftstellerin zu werden, umzusetzen. Ich bin keinesfalls blauäugig und ich plane die Dinge, die ich tue, sehr genau, vor allem die finanzielle Seite. Aber wenn mir jemand sagt, dass etwas unmöglich ist, dann interessiert mich das einfach nicht. Ich muss es selbst ausprobieren. Das war schon immer so.

Und natürlich bin ich mehr als einmal so richtig gescheitert, auch beim Schreiben. So gelang es mir zum Beispiel nicht, ein früheres Manuskripte zu verkaufen, an dem ich zwei oder drei Jahre geschrieben hatte. Ich war total geknickt und hätte jetzt aufgeben können. Aber ich habe mir gesagt: Beim ersten Manuskript habe ich gelernt, wie man ein Buch schreibt. Es war nicht umsonst. Ich werde jetzt noch eines schreiben, und wenn sich das nicht verkauft, dann noch eines. Und wenn das auch nicht klappt, probiere ich es vielleicht mal mit einem Drehbuch. Gut, wenn das auch nicht geklappt hätte, hätte ich mir dann schon überlegt, ob Schriftstellerin als Hauptberuf wirklich der richtige Weg für mich ist.

 

Interview mit Julia Hofelich: Von der Rechtsanwältin zur Krimi-Autorin

 

Zum Glück habe ich aber gleich für das zweite Manuskript einen Verlag gefunden, sogar den Verlag, den ich immer haben wollte. Und jetzt ist das Buch erschienen. Und dieses wundervolle Glücksgefühl war all die Mühe wert. Ich habe mal über meine Hauptfigur geschrieben: Jetzt war sie endlich da, wo sie immer hingewollt hatte. Und genau das trifft auch auf mich zu.

Natürlich gibt es viele Situationen im Leben, in denen es nicht möglich ist, seine beruflichen Änderungswünsche ganz oder sofort ganz umzusetzen. Aber man kann sich vielleicht in die richtige Richtung bewegen. Wir arbeiten einen Großteil unseres Lebens, daher sollte uns das, was wir tun, doch auch erfüllen. Wenn man mal echte berufliche Erfüllung erlebt hat, dann fragt man sich, warum man es so lange mit halbherzigen Kompromissen ausgehalten hat. Ich jedenfalls stehe jeden Morgen mit dem Gefühl auf, mich auf die Arbeit zu freuen.

Haben Sie als Krimi-Autorin Ihren Traumjob gefunden? Was reizt Sie am Genre des Kriminalromans?

Hofelich: Krimiautorin ist mein absoluter Traumjob. Trotz der Unwägbarkeiten, der Rückschläge und der Schreibhemmungen und all der anderen unangenehmen Dinge, die es da durchaus gibt. Das einzige, was ich mir noch wünsche, ist ein bisschen mehr Freizeit. Denn natürlich bedeutet eine neue Selbständigkeit immer auch, dass man sehr, sehr viel arbeiten muss, um über die Runden zu kommen.

Was mich am Krimi so fasziniert ist die Suche nach der Wahrheit. Das finde ich auch an realen Gerichtsverfahren so großartig, dieses Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Wie kommen Ihnen die Erfahrungen aus dem Germanistik- und Jurastudium und die Berufspraxis als Rechtsanwältin in Ihrer Aufgabe als Krimi-Autorin zu gute?

Hofelich: Die Juristerei hat mich schon immer fasziniert. Natürlich profitiere ich von meiner Erfahrung als Anwältin, weil ich weiß, was meine Hauptfigur tun muss, wenn sie zum Beispiel einen Mandanten vertritt. Beim Jurastudium habe ich auch gelernt, wie man einen Text gliedert.

Noch heute lese ich gerne Urteile, besonders vom BGH oder vom Bundesverfassungsgericht, und ich bin immer wieder begeistert von der wunderbaren Klarheit dieser Sprache und dem stringenten Aufbau dieser Texte. Von solcher Meisterschaft bin ich weit entfernt. Im Germanistikstudium habe ich neben einigen Text-Theorien vor allem zwei meiner besten Freunde kennengelernt. Ohne sie würde es mein Buch in dieser Form nicht geben.

Wie haben Sie ursprünglich Ihre Leidenschaft fürs Schreiben entdeckt? Was gefällt Ihnen besonders gut daran?

Hofelich: Ich habe schon immer geschrieben, bereits im Kindergarten habe ich meiner Kindergärtnerin kleine Geschichten diktiert. Mir gefällt diese ungeheure Freiheit, die man beim Schreiben hat, und die Möglichkeit, dass man selbst die Geschichte beeinflussen kann. Außerdem verbringe ich gerne Zeit in der Welt meiner Figuren.

Das macht einfach Spaß. Es ist so ähnlich, wie wenn man als Kind total vertieft in ein Spiel ist. Nur dass beim Schreiben noch die schöne Arbeit am Text und der Sprache hinzukommt.

– Anzeige / Datenschutz – 

Buchcover Julia Hofelich, Totwasser

 

Schriftsteller zu werden gilt für viele Menschen als Traumjob, doch nur wenige haben letztendlich Erfolg damit. Welche Voraussetzungen braucht man Ihrer Erfahrung nach, um Schriftsteller zu werden? Und welche Schritte sind auf dem Weg dahin sinnvoll?

Hofelich: Ich glaube, manche Leute machen sich gar nicht klar, wie viel Arbeit und wie viel Schreiberfahrung in so einem Buch steckt. Sie glauben, man setzt sich eines Tages hin, wird von der Muse geküsst, und später steht was auf dem Papier, das dann gedruckt wird. Das ist aber keinesfalls so. Zunächst einmal ist Schreiben ein Handwerk, das erlernt und einige Jahre geübt werden will. Und es muss einem einfach Spaß machen, denn man braucht jede Menge Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, lange an seinen Texten zu feilen und immer wieder Veränderungen daran vorzunehmen.

Mir hat es sehr geholfen, dass ich vor einigen Jahren an der Uni an einem Studium Generale „Kreativ Schreiben“ bei einer wundervollen Dozentin teilnehmen konnte. Hier habe ich die Theorie gelernt, die man zum Schreiben eines Buches braucht, zum Beispiel, wie eine Figur erschaffen wird oder wie man einen Spannungsbogen hält.

Ich hatte das Glück, dass diese Dozentin auch Schreibgruppen leitet und dort bin ich bis heute. Ohne sie und ohne die Mitglieder der Gruppe hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Außerdem habe ich später natürlich großartige Hilfe von meiner Agentur und meiner Lektorin und dem Verlag bekommen, auch ohne sie würde dieses Buch nicht in dieser Form existieren.

Das Allerwichtigste, wenn man ein Buch schreiben will, ist natürlich: Schreiben, schreiben, schreiben. Das klingt banal, aber ich habe oft Menschen erlebt, die mir gesagt haben, sie würden so gerne schreiben, wissen aber nicht, wie sie anfangen sollen. All jenen, denen es auch so geht, würde ich empfehlen, Kreativ-Schreiben-Kurse zu besuchen, denn so lernt man Gleichgesinnte kennen und kann das Schreiben einfach mal ausprobieren.

Es gibt auch gute Bücher über das Schreiben. Noch wichtiger als das ist aber eine Schreibgruppe. Dort trifft man sich regelmäßig mit Leuten, die auch schreiben und bespricht gegenseitig Texte. Dort erfährt man ehrlich, was an den eigenen Texten gut ist, aber auch, was schlecht ist, und man kann mit den anderen über Verbesserungen und Änderungen nachdenken.

Ein Buchprojekt ist eine herausfordernde Aufgabe. Man muss zunächst viel Zeit, Mühe und Kreativität investieren, ohne sich des Erfolgs am Ende sicher sein zu können. Wie bekommt man kreative Krisen und Rückschläge in den Griff und motiviert sich zum Weitermachen?

 

Schreibtisch mit Computer und Lampe, stylish

 

Hofelich: Man kann sich über Rückschläge ärgern, man kann schmollen und auch mal für eine Zeit alles hinwerfen. Wichtig ist nur, dass man irgendwann ehrlich darüber nachdenkt, warum es zu diesem Rückschlag kam und ob man für die Zukunft etwas ändern kann, um weitere Rückschläge unwahrscheinlicher zu machen, oder eben nicht.

Wenn man sich entscheidet, weiterzumachen, sollte man dann über den Rückschlag aber nicht mehr länger nachgrübeln. Man sollte nur noch in die Zukunft schauen. Jedes neue Projekt ist eine neue Chance. Meine wichtigsten Stützen bei Rückschlägen sind meine Familie und meine engsten Freunde.

Protagonistin Ihres Krimis ist die „unerschrockene“ Linn Geller. Haben Sie Ähnlichkeiten mit Ihrer Hauptfigur oder ist sie völlig anders?

Hofelich: Linn ist ziemlich anders als ich, sie kommt aus anderen Verhältnissen und lebt ein anderes Leben. Aber natürlich ähneln wir uns in einigen Punkten, zum Beispiel gibt Linn auch nicht so schnell auf, wenn mal was nicht sofort klappt.

Schreiben Sie Ihre Krimis nach einem festgelegten Plan oder entwickeln die Figuren im Schreibprozess auch eine Eigendynamik?

Hofelich: Bevor ich ein Buch schreibe, nehme ich mir ein paar Wochen Zeit zum Nachdenken. Hier spiele ich verschiedene Handlungsideen durch. Irgendwann notiere ich einen groben Plan für die Handlung, der aber noch Möglichkeiten für spontane Ideen beim Schreiben lässt. Und tatsächlich passiert es, dass Figuren Dinge tun, die ich nicht vorhergesehen hatte.

Sie geben Ihre Erfahrungen als Autorin auch in eigenen Schreibseminaren an andere weiter. Wie sieht Ihr Programm aus?

Hofelich: Ich habe kein festes Programm, sondern wechselnde Kurse zu speziellen Themen, zum Beispiel „Krimis Schreiben“ oder „Spannend Schreiben“ oder dieses Semester mit einer Kollegin zusammen „Liebesromane Schreiben“.

Diese Kurse richten sich an Anfänger und Fortgeschrittene gleichermaßen. Außerdem gebe ich Kurse für absolute Anfänger, in denen wir Schreibspiele machen und uns langsam ans Schreiben herantasten.

 

Julia Hofelich, Autorin des Buches "Totwasser"

 

Wie geht es mit Linn Geller weiter? Was sind die nächsten wichtigen Ziele auf Ihrer Agenda?

Hofelich: Sie wird ihren zweiten Fall lösen und irgendwann in der Zukunft auch ihren Unfall aufklären, von dem sie eine Narbe im Gesicht und ein verkrümmtes Bein davongetragen hat.

Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens? Was treibt Sie an?

Hofelich: Für mich liegt der Sinn des Lebens darin, Glück und Zufriedenheit zu finden. Das Wichtigste in meinem Leben ist meine Familie, dicht gefolgt von meinen Freunden, wiederum dicht gefolgt vom Schreiben.

Bilder: Julia Hofelich: Herb Allgaier / Buchcover: Bastei Lübbe Verlag / Weitere Bilder: Unsplash

 

– Anzeige / Datenschutz – 

Das könnte Sie auch interessieren ...