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Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

20. März 2018 0 comments
Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

Praktische Ethik für den Alltag zu vermitteln ist das Credo von Ethica Rationalis. Dr. Angela Poech, Professorin für Entrepreneurship an der Hochschule München, hat den Verein vor 15 Jahren mit Freunden und Kollegen ins Leben gerufen, um Studierende und Young Professionals auf ethische Konflikte im Berufsleben vorzubereiten. Bei den Veranstaltungen wie dem „PhiloBrunch“, Kaminabenden oder der „Masterclass“ stehen neben einführenden Impulsvorträgen zu ethischen Themen vor allem Diskussionen und der gegenseitige Austausch mit Gleichgesinnten im Vordergrund. Dabei setzt Ethica Rationalis auf den Prozess der Selbsterkenntnis. Ziel ist es, die Menschen dabei zu unterstützen, einen eigenen Wertekompass zu entwickeln, den sie konkret im Leben umsetzen können. Im Interview spricht Angela Poech über die Philosophie und die Veranstaltungen von Ethica Rationalis, moralische Fragen der heutigen Zeit sowie die Ethik der kleinen Schritte.

Frau Prof. Poech, welche Philosophie steckt hinter Ethica Rationalis?

Poech: Unsere Organisation hat sich die rationale, universale und angewandte Ethik auf die Fahnen geschrieben. Weil die Ethik rational ist, können wir in einen Diskurs gehen. Das heißt, dass man über Ethik sprechen kann, etwa über eigene ethische Konflikte, mit denen jeder Mensch ständig im Alltag konfrontiert ist. Es ist ein Missverständnis, dass Ethik nur intuitiv erfassbar wäre, also über das Bauchgefühl, die Intuition oder das Gewissen. Das Gewissen spielt eine zentrale Rolle, aber die Vernunft muss sich als Partner hinzugesellen.

Die Ethik ist universal, weil sie unabhängig von Kultur, Nationalität, Geschlecht und Religion Gültigkeit besitzt. Und schließlich fördern wir die Ethik in ihrer praktischen Dimension, also die Ethik im Alltag, im Miteinander, in der Interaktion mit anderen. Unser Bestreben ist es, dass jeder Besucher unserer Veranstaltungen einen praktischen Punkt, ein ethisches Prinzip mitnimmt, so dass er dieses am nächsten Tag in seinem Umfeld umsetzen kann.

 

Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

Angela Poech, Professorin für Entrepreneurship an der Hochschule München, hat den Verein Ethica Rationalis vor 15 Jahren mit Freunden und Kollegen ins Leben gerufen. Fotograf: Nikolaus Fabian Kammerer

 

Wie setzen Sie diese drei Schlagworte – rational, universal und praktisch – in konkrete Projekte um?

Poech: Seit letztem Jahr haben wir ein neues Projekt auf unserer Website, das diese Idee gut widerspiegelt: Fallstudien zur praktischen Ethik. Dort sind reale Fälle anonymisiert aufbereitet, und der Leser findet Fragen vor, zu denen er ein Voting abgeben kann. So kann der Besucher der Website in ein Gedankenexperiment eindringen und Parallelen zu eigenen Erfahrungen ziehen.

Die Tatsache, dass ich mich mental mit einem ethischen Dilemma beschäftige, auch wenn es nicht mein eigenes ist, hat eine Aktivierung im Gehirn zur Folge, ein Wachrütteln, das mich über mein eigenes Handeln in meinem eigenen Umfeld nachdenken lässt. Es geht darum, den ethischen Blick in uns zu schärfen, denn jeder von uns handelt mehr oder weniger ethisch.

Welche Personen stehen hinter Ethica Rationalis und welche Veranstaltungen bieten Sie an?

Poech: Das Team von Ethica Rationalis besteht aus einem Kreis von Kollegen aus verschiedenen Disziplinen – Juristen, Mediziner und Führungskräfte aus der Industrie. Wir bieten Foren zum Austausch über die praktische Ethik an. Das kann ein lockerer „PhiloBrunch“ sein, ein Kamingespräch oder eine „Masterclass“ im Rahmen der Ethik-Konferenz „Beyond Good“. Im Kern unserer Veranstaltungen steht jeweils eine bestimmte ethische Frage, eine kurze Einführung und eine Diskussion, in die sich jeder Besucher aktiv mit einbringen kann.

Zudem laden wir Referenten ein, die ethisches Handeln vorleben und sehr authentisch vermitteln können. Die Veranstaltungen sind ein wichtiger Fokus unserer Arbeit, aber nicht der einzige. Darüber hinaus fördern wir auch soziale Initiativen. Wir helfen diesen selbst oder über unser Netzwerk weiter. Dabei kann es etwa um die Programmierung von Apps für das KonTEXT Leseprojekt für straffällig gewordene Jugendliche oder um den Aufbau eines Vereinscontrollings gehen.

 

Masterclass Dialogethik

 

Was bedeutet eine praktische Ethik der kleinen Schritte? Wie kann dieser Ansatz auch helfen, Vorbehalte abzubauen?

Poech: Viele Menschen glauben, wenn sie den Begriff Ethik hören, dass es dabei um Heldentaten geht – jemanden zu retten, Zivilcourage zu zeigen, in Konflikte einzugreifen. Um etwas, das singulär auftritt und einen enormen Mut und Einsatz erfordert. Und weil sie sich das selbst nicht zutrauen, schrecken gerade auch junge Menschen vor dem Begriff Ethik zurück.

Doch uns geht es in erster Linie um die „Ethik der kleinen Schritte“. Das heißt, ich kann als ganz normaler Mensch in meinem Alltag ethische Prinzipien in kleinen Dingen umsetzen, z.B. durch aktives Zuhören oder indem ich versuche, mich in andere hineinzuversetzen. Oder indem ich mich einfach bemühe, in meinem persönlichen Umfeld ein anständiger Mensch zu sein.

Welche Grundidee steht hinter Ihren Veranstaltungen?

Poech: Wir holen die Ethik aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft und machen sie für jeden praktisch anwendbar. Dabei sind wir völlig frei von Dogmen. Ein früherer regelmäßiger Gast unserer Veranstaltungen, der Konzern-Manager und Hochschuldozent Dr. Falko von Falkenhayn brachte es gut auf den Punkt: Ich kann den Studenten keine Werte beibringen, aber ich kann ihnen ein Bewusstsein für Werte beibringen. Ethica Rationalis folgt diesem Credo.

Wir stellen uns nicht hin und sagen „so sollst du es machen“, sondern wir bieten ein Forum, in dem jeder für sich im Prozess der Selbsterkenntnis eigene Lösungsansätze entwickeln kann. Das ist die Grundidee. Die Wissenschaft bietet tolle Orientierungsmöglichkeiten für ethische Entscheidungen, aber der entscheidende Schlüssel ist die eigene Selbsterkenntnis.

 

Philobrunch mit Martina, Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

 

Sie sind Professorin für Entrepreneurship an der Hochschule München und Gründungsmitglied von Ethica Rationalis. Aus welcher Idee heraus wurde der Verein ins Leben gerufen?

Poech: Entstanden ist die Idee zu Ethica Rationalis 2003 im universitären Umfeld – dieses Jahr feiern wir unser 15-jähriges Jubiläum. Am Anfang haben wir eher konzeptionell gearbeitet und inneruniversitär Workshops durchgeführt. Den wirklichen Anstoß, alles etwas größer aufzusetzen, lieferten der Korruptions-Skandal bei Siemens 2006 sowie die Finanzkrise 2008.

Es ging eine große Erschütterung durch die Gesellschaft, als herauskam, dass Siemens Aufträge im großen Stil mit Bestechungsgeldern akquiriert hatte, weil man mit dem Unternehmen bis dahin ja die traditionellen Werte des ehrbaren Kaufmanns verband. Als ich diese Themen in meinen Wirtschaftsvorlesungen ansprach, bin ich auf ein großes Interesse bei den Studierenden gestoßen und habe einen starken Gesprächsbedarf über wirtschaftsethische Themen festgestellt.

Ich bekam oft die Frage gestellt: „Was mache ich, wenn ich bei Siemens arbeite und so ein Geldköfferchen überbringen muss? Ich weiß, dass es nicht in Ordnung ist, aber ich habe auch eine Familie zu ernähren. Was sollte ich in so einer Situation tun?“ Mit solchen konkreten Problemen können sich die Studenten schnell identifizieren. Uns wurde im internen Diskurs rasch klar: Betroffenheit alleine reicht nicht, Handeln ist nötig. Die stärkste Motivation für mich ist, den jungen Menschen auch etwas mitzugeben, das ihnen ethische Orientierung gibt und sie vor Fehlern im Berufsleben bewahrt. So ist die Idee entstanden, ein eigenes Forum zu schaffen, um außerhalb der Fachvorlesungen über diese Themen zu sprechen.

Siemens war der Auslöser dafür und zwei Jahre später kam 2008 mit der Finanzkrise das konkrete Thema, über deren Mechanismen und Ursachen ich einen eigenen Vortrag gehalten habe. Dann folgte eine Reihe von weiteren Vorträgen und Podiumsdiskussionen mit Experten aus der Praxis zu ethischen Themen, die wir zusammen mit verschiedenen Partnern der drei Münchner Hochschulen TUM, LMU und der Hochschule München durchgeführt haben.

Dazu zählten unter anderem: das Münchner Kompetenzzentrum für Ethik (MKE) der LMU, das Forum „Beruf.Verantwortung.Spiritualität“ der Katholischen Hochschulgemeinde der TUM, das Internationale Begegnungszentrum der Wissenschaft München (IBZ) sowie das Studentische Netzwerk für Wirtschafts- und Unternehmensethik (sneep).

Welche Zielgruppen sprechen Sie bei Ihren Veranstaltungen vor allem an?

Poech: Da Ethica Rationalis ursprünglich aus dem universitären Umfeld heraus entstanden ist, lag der bisherige Schwerpunkt unserer Besucher bei Studierenden und Young Professionals. Wir haben festgestellt, dass es ganz wichtig ist, die Studenten an der Schwelle zur Berufstätigkeit zu begleiten und sie vorzubereiten auf die Sinnfragen und die ethischen Konflikte, die auf sie zukommen.

Uns liegt diese Zielgruppe besonders am Herzen, weil sie sehr stark nach Orientierung und Sinn im Leben sucht. Im Studium befinden sich viele junge Menschen noch in einer relativ wohlbehüteten Welt. Doch sobald sie die Hochschule verlassen und in die berufliche Welt eintreten, werden sie haufenweise mit ethischen Konflikten konfrontiert. Im universitären Umfeld können wir am meisten bewirken und ihnen eine praktische Unterstützung mitgeben, sodass sie in der Lage sind, ethische Probleme im Berufsleben zu erkennen und Steuerungsmechanismen für sich zu entwickeln, wie sie damit am besten umgehen können.

Darüber hinaus stehen unsere Veranstaltungen aber auch allen anderen interessierten Besuchern offen. Gerade der Austausch zwischen Studierenden und Personen, die über eine lange Berufserfahrung verfügen, kann sehr fruchtbar sein.

 

PhiloBrunch, Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

 

Wie haben sich Ihre Aktivitäten im Laufe der Zeit gewandelt?

Poech: In den ersten Jahren haben wir sehr stark auf größere Vorträge und Podiumsdiskussionen im Hörsaalformat gesetzt. Doch im Laufe der Zeit stellten wir fest, dass die Besucher nicht nur in einen Vortrag gehen und sich einfach nur berieseln lassen möchten. Sondern, dass das Interesse der Gäste immer größer wird, sich selbst stärker einzubringen und aktiver daran teilzunehmen.

So haben wir durch „learning by doing“ verstärkt kleinformatige Formate wie den „PhiloBrunch“, die Kaminabende und die „Masterclass“ entwickelt, in denen wir dem Austausch und der Interaktion einen größeren Raum geben. Wir haben gemerkt, dass ein großer Gesprächsbedarf besteht und wie erfüllend es für die Teilnehmer ist, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Es stärkt unglaublich zu sehen, dass es andere Menschen gibt, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben und zusammen mit diesen Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Es hilft dabei, an sich zu arbeiten, einen eigenen Wertekompass zu entwickeln und diesen dann auch im Leben umzusetzen. Mit den kleineren Formaten können wir heute eine viel größere Wirkung erzielen, die weit über den punktuellen Impuls eines Vortrages hinausgeht.

Durch diesen Strategiewechsel haben sich auch unsere Kooperations-Partner geändert, die nun stärker in der Praxis verankert sind. Heute arbeiten wir verstärkt mit Organisationen wie der Stiftung Pfennigparade, der YoungWings Nicolaidis Stiftung, „Leonhard – Unternehmertum für Gefangene“, Kyon, KonTEXT oder PAOSO, der Evangelischen Hochschulgemeinde in Pasing, zusammen.

Die Entwicklung von Ethica Rationalis spiegelt in gewisser Weise auch den Wandel in der Gesellschaft wider. Früher hatte man eher eine Konsumhaltung, man hat den Vortragenden interessiert zugehört, fühlte sich bestätigt, hat sich Anregungen geholt. Heute steht eher das Bedürfnis nach einem Austausch, Interaktion und einem aktiven Mitmachen im Vordergrund.

 

Masterclass Dialogethik

Masterclass Dialogethik im Rahmen der „Beyond Good Ethikkonferenz“.

 

 Was zeichnet Ihre Veranstaltungsformate – „PhiloBrunch“, Kaminabende und „Masterclass“ – aus und welchen unterschiedlichen Fokus haben sie?

Poech: Der „PhiloBrunch“ ist ein lockerer Austausch in kleinen Gruppen von 10 bis 15 Teilnehmern, der drei bis vier Mal im Jahr samstags bei einem ausgedehnten Frühstück stattfindet. Er beginnt mit einem etwa 20-minütigen Impulsvortrag einer Expertin oder eines Experten aus der Praxis zu einem bestimmten Leitthema mit anschließender Fragerunde. Dann gibt es als aktivierenden Aspekt und weitere Diskussionsgrundlage eine konkrete Fallstudie zum gleichen Thema.

Dabei handelt es sich in der Regel immer um eine klassische Dilemma-Situationen, eine ethische Zwickmühle, in der man nicht weiß, wie man sich richtig verhalten soll. Die Teilnehmer diskutieren mögliche Wege, mit der Situation zurechtzukommen. Ein Beispiel wäre der „PhiloBrunch“ zum Thema „Ethik in Extremsituationen“, bei dem Martina Nicolaidis, Gründerin der YoungWings Stiftung, über junge Menschen sprach, die den Verlust eines Partners oder Elternteils verarbeiten müssen. Sie hatte nach mehreren schweren Schicksalsschlägen diese Stiftung ins Leben gerufen, um anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen.

Die „Kamingespräche“ finden einmal im Jahr in der Weihnachtszeit statt, im Clubraum des IBZ. Hier möchten wir charismatischen Persönlichkeiten einen Raum geben, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zu den bisherigen Speakern zählten etwa Joseph Wilhelm, Gründer und Chef der Rapunzel Naturkost GmbH, ein Pionier im Vertrieb von vegetarisch-biologischen Lebensmitteln. Oder Dr. Bernward Jopen, Experte für Unternehmensgründung und Gründer der Initiative Leonhard, die Gefangene dazu befähigt, wieder in einen Beruf einzusteigen.

Äußerst spannend war auch der Vortrag von Thomas Heymel zum Thema „Stakeholder-orientiertes Marketing bei NPOs“. 2009 hatte er seinen Posten als Führungskraft in einem internationalen Konzern aufgegeben, um seine Managementerfahrungen aus der Industrie in einem sozialen Kontext, also für Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, einzubringen.

 Unser neuestes Format ist die „Masterclass“. Sie fand im November 2017 zum ersten Mal im Rahmen der „Beyond Good Ethikkonferenz“ statt. Auch diese Veranstaltung setzt auf Erkenntnis durch Diskurs und besteht aus einem Impulsvortrag, gefolgt von Diskussion und Gruppenarbeit. Thema war „Brücke zwischen Ich und Du: Zur Ethik des Dialogs“, als Co-Referent unterstützte mich der philosophische Berater Dr. Andreas Belwe von Kyon. Entsprechend der Teilnehmer der Ethikkonferenz bestand die Zielgruppe hier zum Großteil aus berufserfahrenen Menschen im mittleren Lebensalter aus den verschiedensten Bereichen: Von Managern über Ingenieure bis hin zu Medizinern.

 

Philobrunch mit Dr. Jopen

Philobrunch mit Dr. Bernward Jopen, Experte für Unternehmensgründung und Gründer der Initiative Leonhard, die Gefangene dazu befähigt, wieder in einen Beruf einzusteigen.

 

Was sind für Sie die drängendsten moralischen Fragen der Moderne?

Poech: Unsere Gesellschaft kennzeichnet heute vor allem die zunehmende Bedeutung des Konsums und die enorme Beschleunigung des Lebens durch Smartphones sowie die immer schneller werdende Geschwindigkeit des technischen Fortschritts. Dadurch ist unser Leben auch unglaublich schnellen Veränderungen unterworfen. Durch die Digitalisierung unseres Alltags hat insbesondere der Konsum immaterieller Dinge – Informationen und Reize – enorm zugenommen.

Untersuchungen der Neurowissenschaften zeigen, dass der permanente Umgang mit dem Smartphone und die ständigen Aktivitäten in sozialen Medien falsche Belohnungsmechanismus im Gehirn aktivieren und langfristig negative Auswirkungen auf die Psyche haben können.

Die digitalen Medien führen dazu, dass unser Gehirn ständig mit Dopamin-Ausschüttungen überflutet wird, sei es beim Spielen oder dem Streben nach „likes“. Diese Jagd nach der schnellen Belohnung und dem schnellen Dopamin-Kick führt dazu, dass wir stark kurzfristig orientiert sind und weniger langfristige Überlegungen anstellen. Man hat das Gefühl, man tut etwas, aber in Wahrheit verschwendet man nur seine Zeit. Das Belohnungssystem des Gehirns belohnt uns für Dinge, die uns im Leben nicht weiterbringen.

Ich glaube, dass das heute bei den jungen Menschen massive Veränderungen mit sich bringt. Wenn ich ein glücklicher Mensch werden möchte, dann führt die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft komplett in die falsche Richtung. Aristoteles sagte sinngemäß: Das Glück erwirbt sich nicht durch immer mehr Reichtümer, Macht und materielle Dinge, sondern durch Tugenden. Tugenden führen dazu, dass in unserem Wesen allmählich ein Gleichgewichtszustand zwischen unseren Charaktereigenschaften hergestellt wird, der zu langfristiger Zufriedenheit führt, einer sanften, aber stabilen Form des Glücks.

Die Entwicklung von Tugenden und eines Wertekompasses sind wichtig. Ich finde es sehr sympathisch, Menschen zu treffen, bei denen man merkt, dass sie richtig an ihren Tugenden arbeiten. Die Freude daran haben, an bestimmten Charakterzügen zu feilen, die sie nicht an sich mögen, um sich in ein inneres Gleichgewicht zu bringen und zur Vollendung ihrer Persönlichkeit zu gelangen.

 

Frankfurt, Bankenkrise

 

Die Finanzkrise hat 2008 gezeigt, wozu falsche Anreizsysteme führen können. Worin lagen die psychologischen Hauptursachen dieser Krise und was können wir daraus lernen?

Poech: Die Finanzkrise hat sehr viel mit Psychologie zu tun. Die Ursachen lagen hier vor allem in der unheilvollen Kombination aus einem falschen Anreizsystem, der Gier der Investmentmanager und dem Herdentrieb. „Gier“ ist zwar ein religiös beladener Begriff, er gilt als eine Todsünde. Aber in der Psychologie bezeichnet er zunächst wertfrei das starke Verlangen, etwas haben zu wollen. Also grundsätzlich erst einmal etwas Gutes im Menschen, sonst gäbe es weder Wissenschaft noch Fortschritt. Die entscheidende Frage ist, wie man diese Charaktereigenschaft im Maß halten kann.

An der Finanzkrise sieht man sehr gut, wie das rechte Maß durch falsche Anreize aus dem Gleichgewicht gekommen ist und sich das Verlangen in ein unmäßiges Verlangen gewandelt hat: Für hochriskante Wertpapiergeschäfte gab es für die Investmentbanker die höchsten Boni. Das heißt, sehr risikoträchtiges Verhalten wurde extrem stark belohnt und das führte in Verbindung mit dem starken Herdentrieb letztendlich zum Kollaps. Hinzu kamen Fehler im System, die falsche Anreize setzten, etwa durch das Motto „Privatisierung von Gewinnen und Vergesellschaftung von Verlusten“.

Hätten die Akteure ein stärkeres Verantwortungsgefühl besessen, dann wäre es nicht so weit gekommen. Verantwortung heißt: Ich bin in der Lage, die Konsequenzen meines Handelns abzuschätzen. Verantwortungskompetenz bedeutet, mein Handeln danach entsprechend auszurichten – dass ich mir also bewusst mache, was passieren kann, wenn ich faule Wertpapiere mit guten bündle und die Rating Agenturen die Pakete mit Bestnoten versehen. Die Investmentmanager hätten wissen müssen, dass das faule Ei in jedem Paket eine tickende Zeitbombe ist, die irgendwann explodieren kann. Und die Bombe ist explodiert.

Angesichts dieser Rahmenbedingungen, die uns manchmal schier verzweifeln lassen, verfolgt Ethica Rationalis den Ansatz: Wenn ich eine Veränderung im Großen möchte, dann muss ich mit einer Veränderung im Kleinen anfangen und zwar bei mir selbst. Wir müssen uns immer wieder fragen: Was kann ich hier und heute tun? Der erste Schritt auf dem Weg, die Gesellschaft zu verändern, beginnt immer bei mir selbst.

Auch wenn die Systeme noch so falsche Anreize setzen, können wir auf der individuellen Ebene doch versuchen, ethische Prinzipien zu praktizieren, ein anständiger Mensch zu sein und uns in unserem Mikroumfeld bemühen, bestimmte Werte umzusetzen. Wir kommen aber nicht umhin, uns anzustrengen, um unsere Verantwortung zu erkennen und herauszufinden, wie wir dieser Verantwortung konkret gerecht werden können. Dann ändert sich auch etwas.

Ich kann etwa als Führungskraft versuchen, Wertschätzung, Empathie, Rücksichtnahme, und Gerechtigkeit in meiner Abteilung zu praktizieren und in meiner Umgebung eine andere Unternehmens-Kultur schaffen. Was nicht funktioniert ist, wenn ich die anderen ändern will und mich selbst nicht ändere. Glaubwürdig bin ich nur, wenn ich das, was ich vorgebe, auch selbst vorlebe. Dann allerdings ist es eine Win-Win-Situation: Ich entwickle meine Persönlichkeit weiter und meine Mitmenschen empfinden mich als angenehmeres Gegenüber.

Letztendlich ist jeder Mensch für alles, was er tut, verantwortlich. Auch wenn ich nicht gerichtlich für ein Vergehen belangt werden kann, vor mir selbst kann ich mich der Verantwortung nicht entziehen. Ich kann meine Fehler nicht vor mir selbst ausblenden. Das hat mit der Tugend der Aufrichtigkeit zu tun: Bin ich mir selbst und den anderen gegenüber ehrlich oder betrüge ich mich und die anderen?

 

Interview mit Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis: „Praktische Ethik für den Alltag“

Prof. Angela Poech, Ethica Rationalis; Fotograf: Nikolaus Fabian Kammerer

 

Welche wichtigen Projekte wollen Sie in nächster Zeit realisieren?

Poech: Eine wirklich große Vision, die ich habe, ist, Unterrichtsmodule für die universitäre Lehre zu entwickeln, die auf integrative Art ethische Kompetenz in unterschiedlichsten Fächern vermitteln. Diese Module können dann einfach als praktische Anwendung in die normalen Vorlesungen eingebunden werden. Konkret geht es um Fallstudien mit ethischen Dilemma-Situationen, die speziell für angehende Ingenieure, Informatiker oder BWLer entwickelt werden und über die die Studierenden dann diskutieren können: Ein praktischer Fall, eine Diskussion und Theoriebausteine – nach dem amerikanischen Modell, erst die Praxis, dann die Theorie.

Bisher werden solche Module bereits erfolgreich in Schulen eingesetzt, der Transfer in den universitären Bereich hat noch nicht stattgefunden. Diese Lücke möchte ich schließen. Wissenschaftliche Untersuchungen aus Schulen zeigen, dass solche Interventionen eine unglaubliche Wirkung entfalten: Sie verändern deutlich die Sichtweisen der Schüler und können sogar das Fehlverhalten, wie das Abschreiben bei Prüfungen, deutlich senken. Das ist ein Beleg dafür: Wer sich einmal mit ethischen Fragen auseinandergesetzt hat, der ändert auch nachhaltig sein Verhalten. Mein Ziel ist es, diese Module für den Einsatz in der universitären Lehre weiterzuentwickeln und dafür bin ich aktuell noch auf der Suche nach Kooperationspartnern.

Was ist ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens?

Poech: Für mich gibt es dazu nur einen einzigen Satz: Mein persönlicher Sinn des Lebens ist es, ein wahrer Mensch zu werden.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.ethica-rationalis.org
Bilder: Ethica Rationalis, Prof. Angela Poech

 

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