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Interview mit Robert Betz: „Dein Weg zur Selbstliebe“

26. Oktober 2016 0 comments
Interview mit Robert Betz Dein Weg zur Selbstliebe

„Dein Weg zur Selbstliebe“ ist das neueste Werk von Bestseller-Autor und Diplom-Psychologe Robert Betz. Mit seiner Transformations-Therapie will er Menschen helfen, ein ganzheitliches Lebensglück zu finden. Bisher hat er acht Bücher veröffentlicht und über eine Million Exemplare verkauft. In den vergangenen zehn Jahren haben über 150.000 Besucher an seinen Live-Vorträgen und rund 30.000 Menschen an seinen Seminaren teilgenommen. Im Interview mit SinndesLebens24 spricht Robert Betz über den Weg zu Selbstliebe, Glück und einem erfüllten Leben, seine Transformations-Therapie und den persönlichen Sinn seines Lebens.

Herr Betz, zahlreiche Menschen sind heute mit ihrem Beruf, Ihrer Partnerschaft und ihrem Leben im Allgemeinen unzufrieden. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe dafür?

Betz: Das ist ein Mix aus unterschiedlichen Gründen. Keiner von uns hat eine Anleitung zu einer bewussten Lebensführung oder zu einem glücklichen Leben mit auf den Weg bekommen, denn unsere Eltern haben so etwas auch nicht erhalten. Sie haben uns von klein auf gesagt, was wir tun und was wir nicht tun sollen, das war die Erziehung zum „normalen“ Menschen, der sich anpasst, die Erwartungen anderer erfüllt und dort oft aus Angst „Ja“ sagt, wo er eigentlich „Nein“ sagen will.

Die meisten Menschen setzen einseitig auf den materiellen Erfolg. Sie wollen vor allem Anerkennung und Wertschätzung durch andere, haben aber nie gelernt, sich selbst wertzuschätzen oder auf ihr Herz zu hören. Jeder Mensch hat in der Mitte seiner Brust ein Herz, das ihm sagt, was richtig oder falsch ist. Wir setzen jedoch auf den Verstand, der voll unwahrer, angstgesteuerter Gedanken ist, wie z.B. „Du musst die Erwartungen anderer Menschen erfüllen, dann kommst Du weiter“. Das geht mit einem Verrat am Herzen und einem Sich-Verbiegen einher. Und so gehen viele Menschen, wie ich ja auch, sehr früh in die Leistungsschiene. Sie wollen es den Eltern, dem Chef recht machen, wollen Lob und Bestätigung bekommen. Materieller Erfolg ist nichts schlechtes, wenn er mit der Freude an sich selbst, am Leben und an der Arbeit verbunden ist.

Wir gehen nicht nach innen, zur Ursache unserer äußeren Wirklichkeit, sondern produzieren unbewusst Dinge im Außen, die wir nicht erschaffen wollen. Deswegen fühlen sich die meisten als Opfer ihrer Lebensumstände oder anderer Menschen. Es ist die Hauptgrundannahme meiner Arbeit, dass wir von Haus aus Schöpfer sind. Wir erschaffen den ganzen Tag durch unsere Gedanken, Worte und Handlungen.

Seit unserer Kindheit haben die meisten gelernt, sich selbst immer wieder zu verurteilen, glauben dieses und jenes, „nicht genug“, insbesondere nicht liebenswert zu sein. Die meisten Menschen lieben sich selbst nicht, ziehen sich selbst in ihren Gedanken runter, machen sich selbst zum Feind, machen Druck und dann laufen sie mit einem schlechtem Gewissen, Scham und Schuldgefühlen durchs Leben. Das ist keine gute Basis für ein erfolgreiches Leben.

Was zeichnet ein erfülltes Leben aus?

Betz: Zu einem glücklichen Leben gehören Freude, Frieden, Freiheit, Fülle, und Erfüllung. Und die Quelle der Freude ist in mir, in meinem Herzen, nicht im Kopf. Jeder Mensch kann sein Herz zum Singen bringen. Das Herz sagt mir, wo und wie ich Freude finde. Diese mangelnde Freude an mir selbst können weder mein Job noch mein Partner kompensieren.

Im September ist Ihr neues Buch „Dein Weg zur Selbstliebe – Mit Mut zur Veränderung deine Wahrheit leben“ erschienen. Was sind die wichtigsten Kernaussagen?

Betz: Es geht darum etwas zu lernen, was uns unsere Eltern nicht beigebracht haben: sich selbst zu lieben. Die wenigsten Eltern waren glückliche Väter und Mütter. Sie konnten es uns nicht beibringen, weil sie sich selbst nicht geliebt haben. Das ist ein praktisches Buch mit einer App mit sieben Meditationen und zwei Meditationen auf CD. Damit können wir uns Stück für Stück bewusst machen, wie wir mit uns umgehen, wie wenig wir uns selbst lieben, wie sehr wir uns verurteilt und damit die Grundlage für Mangel, Leid, Schmerz und Enttäuschung geschaffen haben.

Selbstliebe hat nichts mit Egoismus oder Narzissmus zu tun, sondern sie ist auch ein Geschenk für alle Menschen, die mit einem zusammen sind. Ein Kollege, der sich selbst liebt und zu sich steht, ist eine Bereicherung, ein Geschenk. Ein Mensch der sich nicht liebt, ist eine Belastung, für den Partner und für seine Kollegen. Und deswegen ist Selbstliebe für mich das A und O für ein verändertes Leben. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch andere nicht lieben, sondern er wird seinen Frust auf andere übertragen. Das ist der Kernpunkt für eine friedlichere Welt. Würden wir uns alle selbst lieben, gäbe es keine Kriege, gäbe es andere Unternehmen. Je mehr Menschen in einer Firma arbeiten, die Selbstwertschätzung praktizieren, desto profitabler ist das Unternehmen. Diese Menschen arbeiten mit Freude, sind kreativer und können Konflikte viel besser lösen.

 

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Welche Rolle spielt das Verhältnis zu den Eltern für unser Lebensglück?

Betz: Die Grundlage hierfür ist die Beziehung zu den Schlüsselpersonen unserer Vergangenheit, den Eltern und den Geschwistern. Hier liegt meist die Ursache für unsere aktuellen Probleme. Unsere Väter waren oft abwesend oder schwach, emotional verschlossen oder jähzornig. Sie konnten uns nicht vorleben, was ein stolzer, selbstbewusster, kraftvoller und glücklicher Mann ist. Und mit unseren Müttern gibt es noch mehr Verstrickungen in Frauen und Männern. Mit meiner Meditations-CDs „Mein Vater und ich“ und „Meine Mutter und ich“, kann man diese Verstrickungen über das Herz mit der Zeit lösen. Dann können beide Elternteile hinter uns stehen, dann ist der Weg frei nach vorne. Das sehe ich als eine unserer Basisaufgaben an, das innere Verhältnis zu unseren Eltern und Geschwistern liebevoll zu klären und unsere Verurteilungen ihnen gegenüber zurückzunehmen.

Was sind die ersten Schritte, die Menschen auf dem Weg zu einem erfüllenden und sinnvollen Leben gehen sollten?

Betz: Das wichtigste ist, sich Zeit für sich selbstzu nehmen. Wir erschaffen unsere Lebenswirklichkeit von innen nach außen. Das Innenleben ist gekennzeichnet durch Gedanken, Emotionen, körperliche Empfindungen und durch die Impulse unseres Herzens. Jeder sollte sich am Tag ein, zwei Stunden für sich Zeit nehmen. Am Wochenende noch mehr, um mit sich allein zu sein, in sich zu gehen, sich zu besinnen, innezuhalten und um sich darüber klar zu werden, was gerade in mir los ist, wo ich stehe mit mir selbst. Das heißt, ich darf lernen, in Freude mit mir allein sein zu können. Ab und zu mal alleine wandern, zwei bis drei Stunden in der Natur verbringen. Doch das halten die meisten gar nicht aus, denn wir haben nicht gelernt, mit uns alleine zu sein. Wir leben in einer Ablenkgesellschaft. Wenn wir die Augen schließen, zum Beispiel bei der Meditation, dann kommt zunächst oft viel Unruhe hoch. Doch die Leute lenken sich lieber von dieser Unruhe und den vielen Gefühlen ab, die dahinter liegen, wie Angst, Trauer, Wut, Schuld und andere.

Wir dürfen und können lernen, jetzt neu zu denken über uns selbst und das Leben. Wir können lernen, unser bisheriges Leben und unsere sinnvollen, wichtigen Erfahrungen wertzuschätzen. Dann haben wir ein völlig anderes Fundament, um morgen einen ganz neuen Weg zu gehen. Solange ich im Gram bin, bereue und bedauere, was ich bisher gemacht habe, setze ich die Voraussetzungen für den Misserfolg von morgen. Ich ziehe dann die Vergangenheit, mit der ich nicht zufrieden bin, in meine Zukunft hinein. Und dann gibt es Wiederholungen von negativen Erfahrungen.

Viele Menschen entdecken das positive Denken und Autosuggestion als möglichen Lösungsweg, verdrängen dabei jedoch ihre „dunkle Seite“. Wie wichtig ist es auf dem Weg zum Glück, auch negative Gefühle zuzulassen?

Betz: Ich bin kein Verfechter des positiven Denkens, denn dabei konzentriere ich mich nur auf positive Gedanken und kehre die anderen unter den Tisch. Unsere Gedanken produzieren unsere Gefühle. Wenn ich denke, ich bin nicht viel wert, dann produziere ich damit Scham und Minderwertigkeit. Wenn ich denke, „ich habe viele Fehler gemacht“, dann produziere ich damit Schuldgefühle. Jeder Mensch kennt diese Gefühle. Jedes Kind hat Basisängste, wie etwa „ich will nicht allein sein oder verlassen werden, ich möchte dazugehören, ich möchte nicht bestraft werden mit Liebesentzug, nicht scheitern, ich wünsche mir Sicherheit und Geborgenheit“. Und kein Elternteil kann dem Kind diese Ängste nehmen, weil sie auch in ihnen selbst stecken. Also dürfen wir ehrlich werden und zugeben, dass in jedem erwachsenen Mann und jeder Frau auch Gefühle wie Angst, Ärger, Wut und Trauer, Neid Eifersucht Ohnmacht und Einsamkeit stecken, denen wir uns bewusst und bejahend fühlend zuwenden können.

Und unsere Transformationstherapie stellt genau dieses bewusste, bejahende Fühlen von unangenehmen Emotionen in den Mittelpunkt. Das ist genau das Gegenteil von dem klassischen positiven Denken, bei dem gesagt wird, „schau da nicht hin, du musst das bekämpfen, dich ablenken oder Pillen dagegen nehmen“. Wenn wir die negativen Gefühle bekämpfen, dann wandern sie in den Untergrund und kommen morgen noch stärker hoch.

 

Robert Betz Seminar Selbstliebe

 

Im Kern Ihrer Arbeit steht die von Ihnen entwickelte Transformations-Therapie. Was steckt dahinter? Was zeichnet Ihre Therapie gegenüber anderen Ansätzen besonders aus?

Betz: Das Besondere an der Transformationstherapie ist, dass wir den Teilnehmer nicht als Opfer sehen, sondern ihn auf seine Schöpferverantwortung und -kraft aufmerksam machen. Denn nur dadurch kommt er in seine Handlungsfähigkeit und Kraft. Wir schauen ihn auf Augenhöhe an und nicht mit Mitleid von oben nach unten. In anderen Therapieformen redet der Therapeut den Patienten oft in die Opferrolle hinein, das schwächt ihn. Jeder Mensch hat die Fähigkeit, aus seinen enttäuschenden oder verletzenden Erfahrungen zu lernen. Die wichtigsten Ansätze in meiner Transformationstherapie sind:

1. Übernimm die Schöpferverantwortung, mach dir bewusst, dass du selber schöpferisch tätig warst, mach dir klar auf welche Weise.

2. Nimm das an, was jetzt da ist und sag „ja“ dazu, denn alles hat einen Sinn, auch wenn du ihn im Moment noch nicht erkennen kannst.

3. Vergib dir selbst, nimm die Urteile zurück, mit denen du dich und andere verurteilt hast

4. Fühle die hochkommenden Gefühle bejahend, im Hier und Jetzt, auch Wut und Scham. Setz dich hin, schließe die Augen, atme und fühle es. Das bringt die Gefühle, die Angstenergie in Fluss, denn Gefühle wollen fließen. Durch Unterdrücken und Ablehnen stocken sie, bleiben in dir und machen krank.

5. Triff eine neue Wahl, eine neue bewusste Entscheidung, dich selbst zu lieben und in deinem Leben deinem Herzen und seiner Stimme zu folgen.

Das ist nicht der Weg des „normalen“ Menschen, sondern des Menschen, der sich entscheidet, ein glückliches Leben zu erschaffen. Denn Glück ist eine Frage der Entscheidung und keine „Glückssache“. Das ist die Kernbotschaft der Transformationstherapie. Nimm den Wandel deines Lebens bewusst in deine Hände und gib ihm durch ein wertschätzendes, liebendes Denken und Verhalten eine neue Richtung.

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptursachen für Konflikte im Arbeitsleben und wie kann man diese lösen?

Betz: In jeder Firma sind die Probleme auf der horizontalen Ebene – unter den Kollegen – meist Geschwisterthemen. Und auf der vertikalen Ebene übertragen wir die Verstrickungen mit unseren Eltern auf die Vorgesetzten und die Firmenleitung. Das übertragen viele auch auf den Staat, auf die Bundeskanzlerin oder das Finanzamt. „Die da oben“, alle, die Macht haben, sind für viele Menschen die „Bösen“. Wir projizieren viele dieser nicht gelösten Probleme aus der Vergangenheit in unserer aktuellen Situation auf andere. Diese 18-jährige Zeit der physischen, psychischen und finanziellen Abhängigkeit von den Eltern sitzt in vielen Menschen voller Groll fest. Das ist absolutes Opferbewusstsein, denn der Mensch ist nicht bereit zu erkennen, dass er selbst schon die ganze Zeit Gestalter seines Lebens ist. Eigenverantwortung zu übernehmen, ist für mich der allererste Schritt. Sich dem Gedanken zu öffnen, dass ich alles, was ich heute vorfinde in meinem Leben, auf unbewusste Weise selbst erschaffen oder angezogen habe. Durch meine Gedanken, durch unterdrückte Gefühle und nicht gelöste Verstrickungen mit den Eltern und Geschwistern. Den ganzen Tag über sende ich Gedanken in die Welt, über mich, über andere, über das Leben, und diese Gedanken sind zutiefst schöpferisch und machtvoll.

Sich verändern heißt, mein Verhalten mir gegenüber und meinen Mitmenschen gegenüber ändern. Nicht wie mein Kollege oder Kunde agiert, sondern wie ich auf ihn reagiere ist das Entscheidende. Wer sich selbst kritisiert oder heruntermacht, strahlt das nach außen aus. Es führt unter anderem dazu, dass man selbst kritisiert wird. Wenn wir das wissen, dann können wir bei uns anfangen. Wenn jemand sagt „du bist ein Idiot“ und dieser antwortet „du bist selber ein Idiot“, dann haben wir Krieg. Einer muss aufhören anzugreifen, und sagen „ich bleibe bei mir“, und das nimmt dem anderen die Luft raus. Denn zum Krieg braucht man zwei und zum Frieden nur einen. Das gilt privat wie im Betrieb.

Gerade in der Midlife Crisis stellen Männer und Frauen ihr bisheriges Leben auf den Prüfstand. In der Mitte des Lebens haben sie grundsätzlich noch einmal die Möglichkeit, neu durchzustarten. Häufig scheuen sie jedoch das Risiko, die Komfortzone eines sicheren, aber ungeliebten Jobs zu verlassen. Was raten Sie diesen Menschen?

Betz: Die meisten Menschen rutschen zwischen 35 und 55 in eine Krise, eine Krankheit oder in einen schweren Konflikt hinein, und diese drei „K“s wecken uns auf. Sie fragen sich, „was mache ich eigentlich hier? Was genau will ich warum in meinem Leben?“ Wenn wir jung sind, hören wir auf die anderen, sind fleißig und passen uns an. Niemand hat uns im Alter von zehn, 15 Jahren oder später gesagt, „was macht Dir eigentlich Spaß, was ist ‚dein Ding‘? Geh dem mal nach!“. Sondern: „hab Erfolg, egal wo, aber hab Erfolg!“. Aber durch eine Krise kommt man zu der Frage, „warum mache ich das?“. Und das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt. Solange das Geld stimmt, denken wir, ist alles in Ordnung. Wir müssen erst aus der Bahn geworfen und durchgerüttelt werden durch irgendeine Krise, um uns dieser fundamentalen Frage zu stellen.

Die meisten Menschen sind nicht in einer Komfortzone, denn sie fühlen sich gar nicht komfortabel in ihrem Job oder in ihrer Ehe. Ich empfehle, nicht zu schnell zu kündigen. Sondern erst mal noch ein halbes Jahr dabeizubleiben, in die Schöpferverantwortung zu gehen und darauf zu achten, wie man morgens in seine Firma kommt. Hebst Du das Niveau, die Energiefrequenz und die Stimmung oder senkst Du sie? Den meisten ist gar nicht bewusst, dass sie in ihrer Abteilung durch ihre Ausstrahlung das Klima senken oder heben. Wir haben die großen Klima-Probleme im Büro, weil da die kleinen Kinder in den erwachsenen Männern und Frauen agieren. Sie kämpfen, sind neidisch und konkurrieren um Aufmerksamkeit, Lob und Wertschätzung. Auch das Private, die Gefühle – Wut, Eifersucht, Neid –, die gesamte Vergangenheit kann niemand vor der Tür lassen, man bringt alles mit. Ob es der Chef ist oder der Kollege. Deswegen gibt es heute so viel Gegeneinander und wenig wertschätzendes Miteinander. Da verhalten sich 40-jährige Männer wie kleine Jungs. Wir können auf Dauer das Klima in Firmen nicht ändern, solange wir diese innere Realität nicht mit einbeziehen.

 

Robert Betz Vortrag

 

Wie kann ich herausfinden, wo meine Berufung liegt? Ist es für jeden Menschen möglich, glücklich im Job zu sein?

Betz: Wir haben heute eine sehr negative Denkweise gegenüber der Arbeit. Dabei darf die Arbeit vor allem Freude machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Leute noch ganz anders motiviert, da gab es etwas wieder aufzubauen. Die meisten Menschen erkennen nicht, dass der Arbeitsplatz der wichtigste Bereich im Leben ist, um sich selber zu entdecken. Viele sagen, Arbeit ist ein notwendiges Übel, um Geld zu verdienen und nicht etwas, das ich gerne mache. Doch all die Kontakte mit dem Chef, den Kollegen und den Kunden dienen letztendlich dazu herauszufinden, wer ich selber bin. Man macht wichtige Erfahrungen für die Persönlichkeitsentwicklung. Wie verhalten ich mich dem Chef gegenüber, wie gliedere ich mich in ein Team ein, wie gehe ich mit Kritik um? Die Arbeitswelt ist für mich das Hauptfeld für Wachstum, Selbstentdecken und Reifung. Wenn wir den Arbeitsplatz von dieser Warte aus betrachten, dann bekommt er eine ganz andere Note. Es kommt insbesondere auf die Einstellung an, mit der ich einen Job mache, auf das „wie“ und oft weniger als auf das „was“.

Wie finde ich meine Berufung? Unser Herz möchte uns führen wie ein Navigator und es spricht zu uns über das Gefühl von Stimmigkeit und Nicht-Stimmigkeit. Berufung bedeutet, dem Ruf des Herzens zu folgen. Was macht mir Spaß, was hat mir früher Spaß gemacht, was kann ich mir vorstellen? Wir dürfen unsere Berufung nicht mit dem Kopf suchen, sondern müssen auf unser Herz hören. Unser Herz sagt uns, was zu uns passt und was nicht.

Worin sehen sind die häufigsten Hemmnisse in Partnerschaften und wie können diese überwunden werden?

Betz: Die meisten Beziehungen sind Partnerschaften der Bedürftigkeit. Das heißt, zwei Menschen kommen mit dem unbewussten Wunsch zusammen, der andere möge sie glücklich machen. Er möge ihnen etwas geben, was ihnen die Eltern nicht geben konnten: Geborgenheit, emotionale Sicherheit, Verständnis. Doch das ist ein Irrtum. Kein Mensch kann einen anderen glücklich machen, wenn er nicht selbst glücklich ist. Es ist die Aufgabe jedes Mannes, jeder Frau aus diesem Braucher-Bewusstsein herauszukommen. Viele sagen: „Ich brauche deine Liebe“. Wenn wir etwas brauchen, dann ist es die Liebe zu uns selbst – ansonsten kommen zwei Braucher zusammen, die eine „Verbrauchergemeinschaft“ gründen. Wenn ich sage „ich brauche“, dann ist das ein Gedanke des Mangels. Das heißt, „ich habe nicht genug“ – und das wird vom Leben beantwortet mit dem Satz: „So sei es!“ Das Leben schickt uns nicht Dinge, die wir brauchen, solange wir so denken.

Wir sind die Schöpfer unserer Gedanken und diese Schöpfergedanken werden bestätigt. „Nach deinem Glaube geschehe dir“. „Brauche weiter!“ Und diese Erwartung, der andere möge mir meinen Mangel, meine Bedürftigkeit befriedigen, führt zu diesen unseligen Beziehungen, in denen sich einer für den anderen aufopfert, aber innerlich einen Groll hat. Selbst wenn der Partner mich liebt, merke ich es nicht, wenn ich mich nicht selbst liebe, ich bin dann nicht empfangsbereit. Unsere Ehen ändern sich in diesen Jahren radikal. Viele gehen viel zu früh auseinander. Der Partner gibt mir nicht das, was ich haben will und dann gehe ich weg, vielleicht gibt es einen besseren. Und so springen die Menschen von Partnerschaft zu Partnerschaft und geben sich nicht die Zeit, sich gemeinsam zu entwickeln. Und dann wiederholt sich das Problem immer wieder. Die Wahrheit heißt meist „Ich liebe mich selbst noch nicht.“ Aber ich versuche das zu verdecken und zu verdrängen und hoffe, der andere möge mich lieben.

Ich kann die Partnerschaft nur dann glücklich gestalten, wenn ich anfange, meinen kleinen Jungen in mir zu sehen und das kleine Mädchen in der Frau. Dann kann ich viel besser verstehen, warum ich selbst und mein Partner so reagieren. Denn jeder kommt mit seiner Geschichte in die Partnerschaft. Da sind Ängste, Wut, Ärger, Selbstzweifel und das darf jeder haben. Nur wenn man das auf den anderen überträgt und ihn als Verursacher sieht, gibt es Ärger. Meine Freiheitsformel lautet: „Du darfst denken über mich und sagen was du willst, und ich zahle es dir nicht zurück. Ich erlaube dir, mich zu verurteilen. Wenn mich jemand verurteilt, ist das nur eine Aussage, die er über sich selbst macht, aber nicht über mich.“ Das ist eine entscheidende Änderung in meiner Kommunikation und meinem Verhalten, wenn ich ich bei mir bleibe, in meiner Selbstwertschätzung, wenn der andere mich angreift oder etwas macht, was mir nicht gefällt.

Sie selbst haben harte Zeiten durchgemacht. Als Vice President Marketing Europe eines amerikanischen Industrieunternehmens gerieten Sie im Alter von 42 Jahren in eine Sinnkrise, die Ihr Leben radikal verändert hat. Wie sind Sie damit umgegangen?

Betz: Bis ich 42 Jahre alt war, habe ich genauso unbewusst gelebt, wie die meisten Menschen. Leistung bringen, es erst dem Vater, dann dem Chef recht machen. Mein Job hat mir zwar Spaß gemacht, aber es gab die unbewussten Verstrickungen mit meinen Eltern und am Ende habe ich 80 Stunden pro Woche gearbeitet und bin auch sonntags noch einen halben Tag ins Büro gegangen. Dann haben mich Panikattacken aus der Bahn geworfen. Ich bin nachts klatschnass geschwitzt aufgewacht, fühlte mich ohnmächtig und hatte Angst, das alles nicht weiter schaffen zu können. Ich habe versucht, mir Hilfe bei bekannten Psychologen zu holen, doch die waren hilflos, bei ganz normalen psychischen Phänomenen wie Panikattacken oder Angst, weil sie nicht gelernt haben, dem Klienten hier wirklich zu helfen. Und so habe ich mich entschieden, einen Neuanfang zu machen, habe meinen Job und meine Ehe beendet und bin nach München gegangen, um mich erstmal mehr um mich selbst zu kümmern.

Welche entscheidenden Erkenntnisse haben Ihnen geholfen, ihr bisheriges Leben aufzugeben und einen Veränderungsprozess anzustoßen? Wie haben Sie es geschafft, ihren Lebenstraum zu verwirklichen?

Betz: Damals hatte ich kein Konzept, kein Ziel, sondern habe gesagt, „ich lasse mich jetzt mal führen“. Ich hatte in einer vierwöchigen Reinkarnationstherapie viel gelernt, von dem ich begeistert bin, und Lust dazu, das anderen zu vermitteln. So habe ich in einer psychologischen Fachbuchhandlung angefangen, Vorträge zu halten, zuerst vor 30, später vor 100 Leuten. Ich bin nach Lindau gezogen und habe dort auch angefangen, Vorträge im kleinsten Kreis zu halten – ich habe das gemacht, was mir Spaß macht. Selbst meine Flyer verteilt, Plakate geklebt, in den verschiedenen Städten Vorträge gehalten – das war meine Basis. Hin und wieder habe ich Klienten bekommen, mit der Zeit immer mehr, aber es stand nie das Geld im Vordergrund, sondern das, was mir Spaß macht. Hauptsache der Kühlschrank war voll und ich konnte die Miete bezahlen. Und diesen Weg bin ich beständig gegangen. Wenn man etwas findet, das Freude macht, dann muss man einfach beständig weitermachen. Schließlich wurden aus den 40 Zuschauern bei den Vorträgen 400, sodass nun auch genug Geld da war, das ich investieren konnte. Am Ende hatte ich eine Firma. Das hatte ich vorher nicht geplant, das ergab sich so. Weil ich meinen Weg Schritt für Schritt weitergegangen bin.

Wie schaffen Sie es, ihr enormes Arbeitspensum durchzuhalten, jedes Jahr bis zu 90 Vorträge zu halten, plus zahlreiche Seminare und Coachings durchzuführen, Bücher zu schreiben und ihr Unternehmen zu führen?

Betz: Ich bin gerade 63 Jahre alt geworden und ich finde das Leben immer aufregender, es wird immer schöner. Die Leute denken immer, was muss das für ein Stress sein. Aber es ist null Stress für mich, weil es mir Freude macht, Vorträge zu halten, im Studio Aufnahmen für meine CDs zu machen oder Bücher zu schreiben. Außerdem nehme ich mir jetzt auch viel Zeit für mich, für eine kurze Meditation, für einen Spaziergang, für einen guten Rhythmus und Takt in meinem Alltag, mit viel Zeit zum Ausatmen und mit mir sein. Ich spiele gerne Tischtennis und Boule, gehe in die Sauna und viel schwimmen. Das braucht Platz im Leben, nicht „um fit zu sein“, sondern weil uns das große Freude macht.

 

Robert Betz Entspannung

 

Welche weiteren Projekte stehen auf Ihrer Agenda?

Betz: Ich schreibe gerade an einem neuen Buch, das im September 2017 erscheinen wird. Es handelt von unseren Knöpfedrücker, Sündenböcken und unseren so genannten „Arschengeln“ – der Kopf nennt sie Arsch, das Herz nennt sie Engel. Das sind unsere schwierigen Mitmenschen im Privaten wie im Beruflichen und wie wir mit unseren Konflikten anders umgehen bzw. sie vermeiden können. Das ist mein nächstes Thema. Ansonsten lasse ich sich entwickeln was kommt.

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?

Betz: Der Sinn des Lebens ist, dass wir uns mehr und mehr entdecken in unseren Möglichkeiten, Talenten und in der Richtung, in die das Herz uns führen will. Wir gehen mit sehr begrenzten Gedanken des Müssens, Sollens und Nicht-Dürfens ins Leben. Ich bin Schöpfer und kann über berufliche und private Erfahrungen entdecken, was mein Ding, meine Herzensangelegenheit ist. Hinauswachsen aus alten Begrenzungen, aus den alten Schuhen, zu einem selbstbestimmten, selbstbewussten Menschen in der Liebe zu sich selbst und zu seinen Mitmenschen.

Was bin ich, wozu bin ich auf der Erde? Was will ich hier? Was ist der Sinn meines Lebens? Das sind die wichtigsten Fragen. Die meisten Menschen beantworten diese Fragen ihr Leben lang nicht, da herrscht oft großes Schweigen. Ich darf mich öffnen für die Wünsche meines Herzens. Ich entscheide mich für eine Arbeit, bei der mein Herz die größte Freude hat. Ich verpflichte mich der Stimme meines Herzens und höre auf, Unstimmiges zu machen. Und vertraue darauf. Wir kriegen Kraft aus der Erde, aus dem Kosmos und aus dem Herzen, das sind die drei großen Kraftquellen. Deswegen steht im Zentrum meiner Arbeit die Liebe. Wir sind von Haus aus Wesen der Liebe, des Herzens.

Wenn ich am Ende des Lebens darauf zurückschaue – was für eine Qualität von Leben möchte ich gelebt haben, damit ich zufrieden gehen kann? Und mein Herz sagt, da oben geht es weiter. Wir sind hier nur kurzfristiger Gast auf Erden, wir kamen alle her als Seele, um hier – aus Sicht unseres Seelenbewusstseins – äußerst wertvolle Erfahrungen in diesem Körper zu machen.

Herr Betz, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: robert-betz.com

Bilder: Robert Betz / Buchcover: Gräfe und Unzer Verlag

 

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