InterviewsSinn des Lebens

Interview mit Sebastian Fitzek: „Fische, die auf Bäume klettern: Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“

31. Juli 2020 0 comments
Interview mit Sebastian Fitzek: „Fische, die auf Bäume klettern: Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“

Sebastian Fitzek ist Deutschlands erfolgreichster Autor von Psychothrillern. Seit seinem Durchbruch 2006 („Die Therapie“) sind seine Romane ganz oben auf den Bestsellerlisten zu finden. Mit „Fische, die auf Bäume klettern: Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“ hat er 2019 das Genre gewechselt und ein Sachbuch über die existenziellen Fragen des Lebens veröffentlicht. Beim Schreiben hatte er stets seine Kinder vor Augen, denen er sein ideelles Vermächtnis hinterlassen wollte, falls ihm etwas zustößt. Im Mittelpunkt seiner spannenden persönlichen Einblicke stehen Fragen wie: Was zählt im Leben wirklich? Wie findet man sein Glück? Wie erkennen und überwinden wir die größten Hindernisse? Im Interview spricht er über seine Motivation hinter dem Buch und erklärt, was für ihn ein glückliches, sinnerfülltes Leben ausmacht und wie wir es erreichen können.

Herr Fitzek, Sie sind Deutschlands erfolgreichsten Autor von Psychothrillern. Was hat Sie dazu bewogen, mit Ihrem Buch „Fische, die auf Bäume klettern“ das Genre zu wechseln und ein Sachbuch über die existenziellen Fragen des Lebens zu schreiben?

Fitzek: Ich habe nie aus dem Antrieb heraus geschrieben, ein bestimmtes Genre zu bedienen. Die Grenzen zwischen den Genres sind ja auch fließend. Am Anfang jedes Buches steht eine Idee, die aus mir raus will und dann beginne ich zu schreiben. Dabei denke ich zuerst gar nicht darüber nach, wie diese Idee zu kategorisieren ist.

So ist es bei mir immer – egal ob es um einen Psychothriller geht oder um „Fische, die auf Bäume klettern“. Wichtig sind für mich die Fragen: Ist die Geschichte spannend? Fesselt sie auch mich selbst als Leser?

So war der Antrieb für dieses Buch auch nicht der Gedanke, ich muss jetzt mal ein Sachbuch für die Allgemeinheit schreiben. Der Impuls dafür wurde getriggert, als ich von nahestehenden Menschen gefragt wurde: „Du bist ja so oft unterwegs und hast noch nicht mal Dein Testament gemacht?“

Das gab mir zu denken. Viel schlimmer fände ich, wenn ich mein ideelles Testament nicht gemacht hätte und nach einem plötzlichen Tod nichts mehr an meine Kinder weitergeben könnte.

Was würde ich meinen Kindern heute sagen, wenn ich morgen nicht mehr die Gelegenheit dazu hätte? Ich dachte, das ist eine gute Fragestellung, auch für mich selbst und habe angefangen, meine Gedanken zu sortieren. Dieser Prozess hat über 4 Jahre gedauert und heraus kam dieses Buch.

Worum geht es grundsätzlich in Ihrem Buch, das eine Mischung aus Ratgeber und autobiografischen Elementen ist? Welche Zielgruppe sprechen Sie vor allem an?

Fitzek: In „Fische, die auf Bäume klettern“ geht es um meine sehr persönliche Sicht auf die existentiellen Fragen: Was zählt im Leben? Wie findet man sein Glück? Welche Lebensziele sind richtig?

Und alles wichtige, dass ich meinen Kindern mit auf den Weg geben möchte. Ein Kompass für das Leben, wie es auf dem Titel steht. Das bedeutet nicht, jemandem zu sagen, wo er hingehen soll. Sondern demjenigen, der weiß, wo er hin will, einen Kompass mit auf den Weg zu geben.

Beim Schreiben hatte ich ausschließlich meine drei kleinen Kinder vor Augen, die jetzt 7, 8 und 9 Jahre alt sind. Deswegen muss das Buch natürlich autobiografische Züge tragen, weil ich aus meiner Lebenserfahrung etwas ableiten will für ihr Leben.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist dabei – und das passt jetzt sehr gut zum Namen Ihres Portals SinndesLebens24 – sich mit der Sinnhaftigkeit seines Daseins zu beschäftigen. Der große Sinn des Lebens im Allgemeinen wird vielleicht immer verborgen bleiben. Aber jeder sollte sich persönlich doch fragen, was sein Leben eigentlich für einen Sinn ergeben soll und worin dieser besteht.

Dann habe ich die allgemein vorherrschenden Zielsetzungen zum Sinn des Lebens und den häufigsten Lebenszielen abgeklopft. Vor allem bei jungen Menschen stehen Geld, Erfolg und Ruhm ganz oben. Dagegen besteht für mich der Sinn meines Lebens darin, so viele Reisen wie möglich zu machen – im realen wie im übertragenen Sinne.

Eine Reise anzutreten bedeutet für mich, eine neue Erfahrung zu machen. Unser Leben besteht nicht aus einer einzigen Reise, sondern aus unendlich vielen, die ineinander übergehen. Das sind etwa die unterschiedlichen Lebensabschnitte, wie Kindheit, Jugend oder das Erwachsenenalter. Aber auch jeder Mensch, den man kennenlernt, jedes Buch, das man liest und letztendlich jede neue Erfahrung, die man macht, ist eine eigene Reise.

Irgendwann geht uns dann auf diesen vielen Reisen unseres Lebens die Puste aus und wir treten immer weniger neue Reisen an. Weil wir einfach Angst davor haben, unsere gewohnten Pfade zu verlassen. Das habe ich analysiert, um meinen Kindern eine Hilfestellung zu geben. Einerseits darf man nicht stehenbleiben, andererseits muss man auch nicht jede Reise machen. Der Kompass hilft dabei.

 

Sebastian Fitzek

 

Der Titel Ihres Buches „Fische die auf Bäume klettern“ ist einem Zitat von Albert Einstein entlehnt. Wofür steht es?

Fitzek: Das Original-Zitat von Einstein lautet: „Jeder ist ein Genie! Doch wenn Du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein ganzes Leben glauben, dass er dumm ist“. Ich habe ergänzt: Ja, das stimmt! Denn manchmal werden einfach die falschen Maßstäbe an einen angelegt.

Sehr oft bekommen vor allem junge Menschen sinngemäß zu hören: „Du bist ein Fisch, Du kannst gar nicht auf einen Baum klettern!“ Nach dem Motto: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Tritt diese Reise nicht an. Das hat jeder von uns schon einmal erlebt. Im Laufe des Lebens merkt man dann: Moment mal, nur weil die Autoritätsperson gesagt hat, dass ich ein Fisch bin, heißt das ja noch lange nicht, dass ich wirklich einer bin.

Vielleicht stelle ich sogar fest, dass ich der beste Baumkletterer der Welt bin! Oder vielleicht bin ich doch ein Fisch und kann trotzdem auf einen Baum klettern? Ich muss es einfach nur einmal probieren! Und das ist sozusagen verdichtet das, was ich meinen Kindern und mir selbst natürlich auch an die Hand geben möchte: Sei ein Fisch, der es zumindest versucht, auf den Baum zu klettern!

Was zeichnet Ihrer Meinung nach im Kern ein glückliches und sinnerfülltes Leben aus?

Fitzek: Jeder Mensch ist anders. Deswegen kann man ein glückliches und sinnerfülltes Leben zunächst einmal nur für sich selbst definieren. Ich kann nur sagen: Das ist mein Leben, das sind meine Prinzipien und meine Gradmesser, an denen du dich orientieren oder reiben kannst.

Für mich ganz persönlich besteht ein glückliches und sinnerfülltes Leben darin, so viele Erinnerungen wie möglich zu sammeln. Und das sind notwendigerweise nicht nur positive Erinnerungen.

Mit diesem Thema habe ich mich auch in meinem Psychothriller „Splitter“ auseinandergesetzt. Es geht um die Frage: Was wäre, wenn wir dazu in der Lage wären, einzelne negative Erinnerungen auszuradieren? Wenn wir den Liebeskummer, den wir gespürt haben, oder den Tod eines nahen Angehörigen nie mehr spüren würden?

Ich komme zu dem Ergebnis, dass wir die Summe unserer Erlebnisse sind. Und uns nicht nur auf die positiven Erinnerungen stützen können, denn beides formt uns gleichermaßen.

Deswegen bedeutet ein glückliches Leben für mich, so häufig wie möglich zu verreisen und dabei positive, aber auch negative Erfahrungen zu sammeln.

In unserer Leistungsgesellschaft werden wir nach unseren Erfolgen bemessen, nicht an unseren Misserfolgen. Das führt dazu, dass immer mehr Menschen nur noch die Spiele spielen und die Reisen antreten, auf denen sie Erfolg haben. Also machen wir jeden Tag immer und immer wieder das gleiche und verharren in denselben Ritualen.

Auf diese Weise berauben wir uns auch neuer wertvoller Erinnerungen – also Souvenirs, die wir von unseren Reisen mitnehmen können. Deswegen plädiere ich dafür, immer wieder die ausgetrampelten Pfade zu verlassen und neue Dinge auszuprobieren.

 

– Anzeige / Datenschutz – 

Sebastian Fitzek: „Fische, die auf Bäume klettern: Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“

 

Worin liegen die größten Widerstände auf den Reisen des Lebens?

Fitzek: Es gibt wahnsinnig viele Hindernisse. Wenn man wie Aristoteles eine Reise in drei Akte unterteilt – in den Aufbruch, die Reise an sich und die Rückkehr – dann zeigt sich, dass uns der Aufbruch die meisten Schwierigkeiten macht.

Wenn wir eine neue Reise erst mal angetreten sind, etwa einen neuen Job annehmen, in ein anderes Land fahren oder einen Kinofilm anschauen, obwohl wir das Genre gar nicht mögen, dann bleiben wir zunächst dabei. Wir bleiben im Kino sitzen, kehren nicht nach ein paar Kilometern wieder um oder kündigen den neuen Job nicht schon am nächsten Tag.

Zuerst einmal müssen wir uns aber dazu überwinden, uns überhaupt auf eine neue Reise zu begeben. Es braucht viel Kraft, um diese Aktivierungsenergie aufzubringen, weil uns im Leben sehr viele Schwellenhüter begegnen. Der Schwellenhüter, ein Begriff aus der Sagenmythologie, ist ein Torwächter, der uns nicht rein lässt oder ein Hindernis, das uns den Weg versperrt. Wir kommen einfach nicht weiter auf unserer Reise und brauchen eine neue Strategie.

Der größte Schwellenhüter ist aber nicht immer der Konkurrent, der Nebenbuhler, ein Naturereignis, eine Krankheit oder ein Unwetter. Der größte Schwellenhüter sind immer wir selbst. Weil in unserem Kopf immer die Vorstellung entsteht, dass wir der Meinung anderer Menschen entsprechen müssen – wie etwa, dass wir Erfolg haben müssen. Wir orientieren uns meistens an den Maßstäben von anderen.

Man will Erfolg haben, hat aber für sich selbst gar nicht definiert, was Erfolg für einen persönlich eigentlich ist, weil man einfach die Maßstäbe von anderen übernimmt. Da kommen wir wieder zur Sinnhaftigkeit zurück. Es ist wichtig, sich selbst zu hinterfragen, sich selbst zu erkennen. Was will ich eigentlich wirklich? Was ist mein Ziel, mein Motor auf dieser Reise? Und dann müssen wir auch dazu bereit sein, Risiken einzugehen.

Wenn ich gefragt werde: Wie gehen Sie mit den Reaktionen von Kritikern um, die nicht sehr positiv waren? Dann meint der Interviewer damit implizit: Warum ziehen Sie eigentlich Ihr eigenes Ding durch und richten Sie sich nicht nach den Maßstäben von anderen?

Das Beispiel zeigt, wie unglaublich schwer es ist, sich selbst treu zu sein. Meist liegt es gar nicht daran, dass einem jemand im Wege steht. Sondern daran, dass man von sich selbst ein Bild hat, dem man entsprechen will. Und gar nicht hinterfragt, warum man diesem Bild entsprechen will.

Sie sagen, die treibende Kraft hinter Ihrem Werk war nicht, einen Masterplan, eine Erfolgs- oder Glücksformel zu erstellen, sondern den Lesern einen Kompass mitzugeben, den sie auf den vielen Reisen ihres Lebens als Hilfestellung nutzen können. Was sind die wichtigsten Elemente dieses Kompasses?

Fitzek: Wenn ich möglichst viele Reisen haben will, dann gilt es zu differenzieren, welche ich antrete und welche nicht. Ich halte kein Plädoyer für Sprüche wie: Sprenge immer alle Ketten oder gehe ständig neue Wege. Es gibt ja manchmal einen guten Grund, warum Dinge seit Jahrhunderten so gemacht werden und nicht anders.

Die Krux, die wir erkennen müssen ist, dass wir Zwitterwesen sind. Auf der einen Seite sind wir Herdentiere und haben überlebt, weil wir Erkenntnisse und Rituale der Herde geteilt und damit Gefahren aus dem Weg gegangen sind.

Auf der anderen Seite sind wir Menschen aber auch Entdecker, die bis ins Weltall vorgedrungen sind. Und diese beiden Aspekte gilt es unter einen Hut zu bringen. Das Herdentier und den Entdecker in einem.

Da muss jeder erst einmal für sich selbst herausfinden, welche Anteile davon er in sich vereint. Ist er zu 80 % Entdecker, dann muss er zu 80 % neue Reisen antreten und zu 20 % Rituale pflegen. Oder umgekehrt.

Aber auch, wenn man ein Herdentier ist, sollte man sich darauf besinnen, zumindest zu 20 % neue Reisen anzutreten. Ein triviales Beispiel: Wenn ich viermal ins selbe Restaurant gegangen bin, weil es mir dort so schmeckt, dann gehe ich beim fünften Mal absichtlich in ein anderes, das völlig neu für mich ist, um eine neue Erfahrung zu bekommen. Oftmals sind die neuen Erfahrungen so viel nachhaltiger.

Deswegen empfehle ich folgenden Entscheidungswecker: Man muss jedes fünfte Mal bewusst etwas ganz anderes machen, gegen den Habitus, um sich aus der Lethargie zu reißen. Man braucht irgendwann so einen Entscheidungswecker. Wenn man ganz jung ist, dann macht man jeden Tag eine neue Erfahrung. Wenn man älter wird, sollte man sich regelmäßig folgende Frage stellen:

Wann hast Du zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan?

Es ist auch gut, wenn man Gewohnheiten pflegt, aber irgendwann muss man sich mal aus dieser Ritual-Falle befreien. Wenn ich selbst etwas Neues ausprobieren möchte oder mir das Neue von außen angetragen wird. Das kann auch zu ganz entscheidenden Veränderungen führen – sei es zu einem neuen Job oder zu einem neuen Lebenspartner. Doch wie Reinhold K. Sprenger sinngemäß sagt, wählen die Menschen meist lieber das sichere Elend als das unsichere Glück.

Genau dafür ist dieser Entscheidungswecker gedacht, um nicht auf der Stelle zu treten: Jetzt mache ich mal etwas ganz anders! Ich breche auf eine neue Reise auf!

Bevor ich diese Reise antrete, stelle ich mir 3 ganz essentielle Fragen:

  1. Ist die Gefahr groß, dass ich dadurch meine Freiheit verliere?
  2. Kann ich dadurch meine Gesundheit oder gar mein Leben verlieren?
  3. Könnte es sein, dass ich dadurch andere schädige oder verletze.

Und wenn Sie dreimal nein sagen, dann: GO FOR IT!

Viele Menschen haben Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen. Was raten Sie?

Fitzek: Was, wenn sich mein Traum nicht erfüllt? Was, wenn die anderen über mich lachen? Was, wenn es mit dem neuen Lebenspartner oder dem neuen Job doch nicht klappt? All diese Fragen verbieten sich aus einem Grund: Es gibt keine richtigen und falschen Entscheidungen! Das ist eine ganz wesentliche Erkenntnis.

Warum ist das so? Weil es kein Parallel-Universum gibt, in dem man die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten einfach mal parallel ablaufen lassen und dann sehen kann, was in welcher Variante passieren würde.

Ein Beispiel: Was ist, wenn man 6 richtige im Lotto hat? Was ist, wenn man vergessen hat, den Schein abzugeben? Welche Alternative wirkt sich richtig oder falsch auf unser Leben aus?

  • Alternative 1: Du hast vergessen den Schein abzugeben, keine 24 Mio. Euro gewonnen und Dein Leben geht so weiter wie bisher.
  • Alternative 2: Du hast 24 Mio. Euro gewonnen! Du denkst, wunderbar, jetzt kannst Du Dir alles leisten und bist glücklich. Aber vielleicht kommt jemand auf die Idee, Deine Kinder zu entführen.

All das könnte das Paralleluniversum zeigen. Aber da wir die Antwort nicht kennen, wissen wir gar nicht, ob unsere Entscheidung richtig oder falsch war. Deswegen sind die einzigen ganz harten Kriterien, die wir vor Antritt einer Reise prüfen sollten: Kommen wir ins Gefängnis, riskieren wir Krankheit und Tod dabei oder verletzten wir andere dadurch?

Und wenn alles nicht der Fall ist, dann mache es!

 

Sebastian Fitzek: „Fische, die auf Bäume klettern: Ein Kompass für das große Abenteuer namens Leben“

 

Wie kann man seine Leidenschaft, seinen wahren Lebenstraum finden und vor allem, was ist wichtig, um diesen zu realisieren?

Fitzek: Auch dafür müssen wir einen Spagat hinlegen, denn es setzt voraus, dass wir wahnsinnig viel ausprobieren. Es gibt im Leben unglaublich viele Wegweiser, meist in Form von gut gemeinten Sprüchen, die aber in total verschiedene Richtungen zeigen.

Einerseits heißt es: Schuster bleib bei deinen Leisten! Dann heißt es andererseits wieder: Wir sollen Neues entdecken und zu neuen Ufern aufbrechen!

Insofern führen uns diese Sprüche in ihrer Pauschalität immer in entgegengesetzte Richtungen. Gleichwohl muss man aber so viel ausprobieren, wie möglich. Da wir nicht unendlich viel Zeit haben, lautet die entscheidende Frage dann doch: Wo bleiben wir dran?

Denn aller Anfang ist schwer. Wenn ich nur nach dem Lustprinzip gehe, komme ich eben nicht sehr weit. Aber gerade als Kind hat man eine gute innere Stimme, die uns den richtigen Weg zeigen kann, wo wir unsere Leidenschaft finden oder unser Potenzial entfalten können.

Ein Beispiel: Einer meiner Söhne spielt gerne Playstation und ich habe ihn gefragt, ob er nicht mal seine eigenen Spiele entwickeln will. Da war er Feuer und Flamme und er wird bald einen entsprechenden Kurs besuchen. Es könnte sein, dass das seine Leidenschaft ist. Ich habe ihm klar gemacht: Zurzeit frönst du eher der Leidenschaft eines anderen, nämlich des Spieleentwicklers und du machst das passiv. Aber Leidenschaft ist immer etwas Aktives.

Ich hätte es schädlich gefunden, ihm zu sagen: Pass mal auf, Playstation ist doch blöd – jetzt fang doch mal an, Bücher zu lesen! Aber nein. Ich habe gesagt, wir nehmen jetzt mal die Basis dessen, was er gerne macht und versuchen ihn wieder eine neue Reise antreten zu lassen.

Ob er dann auf dieser Reise weitergehen wird, das vermag ich nicht zu sagen, vielleicht ist es auch was ganz anderes. Reisen heißt aktiv und nicht passiv zu sein sowie nicht den Traum eines anderen, sondern seinen eigenen Traum zu verwirklichen.

Warum ist Langeweile wichtig für die Selbsterkenntnis?

Fitzek: Um seine wahren Lebensträume zu erkennen, muss man sich Zeit nehmen und sich sehr lange mit sich selbst beschäftigen. Eine wichtige Voraussetzung für Selbsterkenntnis und neue Ideen ist Langweile! Wenn ich mich nicht langweile, komme ich gar nicht auf die Idee, mich selbst und meine eigenen Wünsche einmal zu hinterfragen.

Und Langeweile ist ja auch die Basis für Erholung. Früher habe ich mich wahnsinnig häufig gelangweilt in Urlauben. Dann habe ich eben nachgedacht und angefangen, mir Geschichten auszudenken, um mich selbst zu unterhalten und daraus wurde später schließlich mein Beruf als Schriftsteller.

Heute haben wir einen Langweile-Killer, das ist das Smartphone. Jede freie Minute, in der wir nur potenziell den Anflug von Langweile spüren könnten, greifen wir reflexartig sofort zum Handy. Wir machen dabei aber nichts Aktives, sondern lassen uns von Nachrichten, Videos, Unterhaltung und Emotionen berieseln, die uns von anderen präsentiert werden.

Statt selbst etwas aktiv zu machen. Das ist aktuell tatsächlich eine große Schwierigkeit in unserer Gesellschaft, die uns davon abhält, unseren eigenen Traum zu finden.

Sie sagen auch: „Ein Traum ist nicht das Ziel. Er ist der Treibstoff für die Reisen des Lebens.“ Was bedeutet das? Warum kommt es mehr darauf an, Träume zu haben, statt sie wirklich zu erreichen?

Fitzek: Wenn es um das Realisieren unserer Träume geht, stößt man wieder auf so einen einseitigen Wegweiser: Du musst wirklich nach den Sternen greifen! Stapel nicht zu tief, (weil) sonst wirst du das große Ziel nicht erreichen!

Aber Menschen, die nur nach den Sternen greifen, werden irgendwann depressiv – weil sie es einfach nicht hinkriegen. Sogar Michael Jackson ist mal nach einem perfekten Auftritt hinter der Bühne zusammengebrochen, weil er seine Messlatte noch höher gelegt hatte als bisher und sie diesmal gerissen hat.

Wenn wir wirklich ernsthaft danach streben, jeden Traum auch wirklich erfüllen zu müssen, dann werden wir auf dem Weg dorthin auch die ganzen Zwischenerfolge gar nicht mehr wertschätzen können. Wenn ich aber sage:

Mein Traum ist nicht mein Ziel, sondern das, was mich motiviert!

Dann sieht es völlig anders aus. Dann ist der Traum mein Treibstoff, mein Motivator. Wie dieses Bild vor meinem geistigen Auge, wie ich mich an meinem Schreibtisch am Meer sitzen sehe und gerade einen Roman schreibe, der dann hoffentlich von vielen Leuten gelesen wird.

Wenn mich dieses Bild – auch wenn ich dieses Ziel niemals erreichen werde – innerlich stets erneut dazu motiviert, den nächsten Schritt zu gehen, dann werde ich mich auch über erreichte Zwischenziele freuen. Und auch die Veröffentlichung einer Kurzgeschichte in einer Zeitschrift wertschätzen, selbst wenn es nicht zu einem Roman kommt.

Das hängt zusammen mit dem Maßstab, den andere Menschen an mich setzen. So war das übrigens, als Robbie Williams einmal nur 2 Mio. CDs verkaufte und nicht wie zuvor 20 Mio. Wenn jemand, der schon mal Erfolg hatte, so wenig verkauft, dann ist es auf einmal der Flop des Jahrhunderts. Für einen Newcomer dagegen hätten 2 Mio. verkaufte CDs den großen Durchbruch bedeutet.

Deswegen sollten wir uns nie an Maßstäben orientieren, die andere an uns legen, die sich zudem auch immer ändern können. Das kann es nie sein. Es wird immer jemanden geben, der mehr verdient, bekannter, berühmter ist, glücklicher scheint oder ein größeres Haus hat als ich.

Aber die wahren Parameter, auf die es eigentlich ankommt, die lassen sich gar nicht messen und vergleichen. Wer ist wirklich glücklicher? Wer hatte gestern den besseren Schlaf? Wer hat die schöneren Träume? Dafür gibt es keinen Gradmesser. Und weil man sich gerade in den wichtigen Dingen wie Glück gar nicht vergleichen kann, haben wir dafür Surrogate gewählt, wie beispielsweise Geld.

Wenn Menschen sagen, ich möchte Millionär werden, heißt es meist gar nicht, dass sie es wirklich werden wollen. Sondern sie wollen sich lediglich so fühlen, wie sie glauben, dass ein Millionär sich fühlt. In der Regel wollen sie meist nicht wie ein Wirtschaftsboss den ganzen Tag im Flieger sitzen oder in Meetings hängen und ihre Familie nur 2 Stunden in der Woche sehen.

Sie haben ein Bild von einem Millionär, sprich den Traum, und dieser Traum ist der Treibstoff für die wahren Erinnerungen, die sie auf den Reisen ihres Lebens sammeln.

Was ist für Sie der Sinn des Lebens?

Fitzek: Wie gesagt: Der Sinn meines Lebens ist es, so viele Erinnerungen wie möglich zu sammeln, also so viele Reisen und Erfahrungen wie möglich zu unternehmen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.sebastianfitzek.de
Bilder: Sebastian Fitzek

 

– Anzeige / Datenschutz – 

         

 

 

Das könnte Sie auch interessieren ...