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Interview mit Stefanie Stahl: Tipps für die Liebe in Corona-Zeiten

1. Mai 2020 0 comments
Interview mit Stefanie Stahl: Tipps für die Liebe in Corona-Zeiten

Die Corona-Krise hat auch einen großen Einfluss auf unser Liebesleben. Auf der einen Seite sind Paare und Familien dem Spannungsfeld aus Distanz zur Umwelt und einer intensiven Nähe in den eigenen vier Wänden ausgesetzt. Auf der anderen Seite ist bei vielen Singles gerade in dieser Zeit das Bedürfnis nach emotionaler Nähe gestiegen, doch Kontaktverbote und Abstandsregeln machen reale Dates schwieriger. Was also tun? Im Interview gibt Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl Tipps für die Liebe in Corona-Zeiten, erklärt das Nähe-Distanz-Problem und empfiehlt, die Zeit für Selbstreflexion und Beziehungsarbeit zu nutzen.

Frau Stahl, wie hat die Corona-Krise unser Liebesleben verändert? Welche Chancen und Risiken ergeben sich daraus?

Stahl: Natürlich haben die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus auch einen starken Einfluss auf unser Beziehungsleben. Paare, die bisher tagsüber durch das Arbeitsleben getrennt waren, finden sich nun rund um die Uhr in den eigenen Wänden wieder. Das heißt, sie verbringen nun wesentlich mehr Zeit als bisher miteinander. Gleichzeitig wurden durch Social Distancing, Ausgangsbeschränkungen und häusliche Isolation auch die persönlichen Kontakte zur Außenwelt reduziert.

Aber im Grunde glaube ich, dass die Corona-Krise nicht sehr viel verändert in unserem Liebesleben, sondern lediglich bereits vorhandene Muster verstärkt. Das heißt Paare, die sich vorher schon gut verstanden haben, werden das auch weiterhin tun. Sie können es sogar sehr genießen, jetzt mehr Zeit füreinander zu haben. Dagegen werden sich bei Partnern, die bereits vor der Krise eher schlecht miteinander ausgekommen sind, die Konflikte durch die Enge eher verschärfen.

Wie kann es gelingen, Stress und Streit durch das enge Zusammenleben zu vermeiden? Wie sollten wir derzeit am besten mit Konflikten umgehen?

Stahl: Grundsätzlich wird häufig empfohlen, das enge Zusammenleben in den eigenen vier Wänden besser zu organisieren, um etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. Dazu gehört, gemeinsam eine klare Tagesstruktur zu entwickeln. Mit festen Zeiten, die jeder für sich hat, etwa für die Arbeit im Home Office, für Sport oder Lesen und mit gemeinsamen Zeiten, wie etwa zu den Mahlzeiten oder Spaziergänge am Nachmittag. Das kann helfen, das Konfliktpotenzial zu entschärfen. Doch alle diese Dinge ändern natürlich nichts an den grundsätzlichen Problemen in einer Beziehung.

Denn wie gesagt, der Stresslevel steigt in der aktuellen Situation stärker bei den Paaren an, die schon vorher Spannungen hatten. Nach meiner Erfahrung liegen die psychologischen Ursachen dieser Konflikte selten darin, dass die Partner schlecht zueinander passen – denn Menschen mit grundverschiedenen Einstellungen und Werten sucht man sich normalerweise nicht als Partner aus.

Den größten Stress gibt es immer, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, von denen mindestens einer sehr unreflektiert ist. Das heißt wenn jemand stets seine eigenen Themen und Probleme, die aus der Kindheit stammen, auf den anderen projiziert. Dann kriegt man sich fürchterlich in die Wolle. Dabei spielt das Nähe-Distanz-Problem eine entscheidende Rolle.

Was steckt hinter dem Nähe-Distanz-Problem?

Stahl: Es bedeutet, dass in Beziehungen häufig ein Partner mehr Nähe bzw. mehr persönlichen Freiraum möchte als der andere. Bei den Freiheitsliebenden, die sich in der Partnerschaft sehr schnell eingeengt fühlen, steigt der Stresspegel in der aktuellen Situation stark an. Weil sie ihre üblichen Fluchtmöglichkeiten nicht mehr haben, wie Arbeit, aufwendige Hobbys oder Treffen mit Freunden. Als Reaktion darauf machen sie gegenüber dem Partner häufig die Schotten dicht und zeigen sich sehr emotionslos. Dieses Gefühl, aus der ganzen Situation nicht mehr herauszukommen und gefesselt zu sein, kann aber auch nach außen in den Streit gehen.

Die Ursachen dafür liegen in Kindheitsprägungen, die ständig als auf den Partner bezogene Projektionen ablaufen. Die Freiheitsliebenden sind im tiefsten Inneren überangepasst, weil sie in der Kindheit gelernt haben, sich anpassen zu müssen. In diesen läuft ein Programm nach folgendem Muster ab: Wenn ich will, dass du mich liebst, muss ich deine Erwartungen erfüllen. Und dagegen verspüren sie einen inneren Widerstand.

In der Partnerschaft läuft dieses Programm weiter und dann kommen schnell Gefühle auf, wie: Ich komme zu kurz, ich verliere mich selbst, der Andere engt mich ein und nimmt mir meine Freiheit. Schließlich deklarieren sie ihren Partner quasi zum Feind der eigenen Freiheit und erkennen gar nicht, dass das mit dem Partner gar nichts zu tun hat, sondern mit ihnen selbst. Mit ihrem Kindheitsprogramm und der Überanpassung sind sie es letztendlich selbst, die sich die Freiheit untergraben. Deswegen ist der erste große Schritt auf dem Weg zur Lösung die Selbsterkenntnis.

Auf der anderen Seite gibt es die Nähe-Suchenden, die sehr viel Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen. Sie sind überempfindlich, kompliziert und schon wegen Kleinigkeiten gekränkt. Aufgrund eines lädierten Selbstwertgefühls merken sie nicht, dass sie eigentlich zu viel von ihrem Partner verlangen. Keiner darf von seinem oder seiner Liebsten erwarten, dass man ihn oder sie ständig ganz vorsichtig behandelt und auf Zehenspitzen läuft. Diese Menschen müssen für sich selbst die Verantwortung für den Teil in ihnen übernehmen, der so leicht kränkbar ist und über die Maßen viel Aufmerksamkeit braucht. Deswegen ist auch hier die Selbsterkenntnis so wichtig.

 

Interview mit Stefanie Stahl: Tipps für die Liebe in Corona-Zeiten

 

Wäre jetzt nicht genau der richtige Zeitpunkt, um sich diesen Herausforderungen zu stellen?

Stahl: Ja, im Moment ist eine ideale Zeit, um an diesen Probleme und Themen, die man am Laufen hat, einfach mal zu arbeiten und diese zu lösen. Weil man mehr Zeit dafür hat. Weil das Leben jetzt viel weniger Ablenkung zu bieten hat als sonst und man kaum in die Außenwelt und diverse Zerstreuungen flüchten kann. Das würde im ersten Schritt bedeuten für sich selbst herauszufinden: Welche Anteile in mir selbst machen die Partnerschaft so schwierig?

In Paarkonflikten ist es häufig so, dass man fühlt und denkt, der Partner müsse sich ändern, dann käme man auch besser miteinander klar. Aber Fakt ist: Man kann den Partner nicht ändern. Deswegen ist es so wichtig, auf meinen eigenen Anteil zu schauen, der die Beziehung belastet. Da ist das Beste, was man tun kann. Wichtige Fragen für diese Selbstreflexion sind: Was hat mich in der Kindheit geprägt? Warum bin ich so drauf wie ich drauf bin?

Warum wiegen die Erfahrungen der Kindheit so schwer? Weil all diese inneren Prägungen, die wir alle mitbekommen haben, unser Gehirn „formatiert“ haben. Bei der Geburt waren nur 25 % des Gehirns programmiert, der Rest folgte später. So wurde eine Art Matrix geformt, die die Sicht auf uns selbst und auf die Realität darstellt. Wenn ich wissen will, wo meine Wahrnehmungsverzerrungen liegen, dann muss ich erst einmal erkennen, durch welche Brille ich in die Welt schaue und wodurch mein Blick verzerrt wird. Hier finden sich die Ursachen für die meisten Konflikte.

Wie steht es mit den Singles? Ist jetzt die richtige Zeit, auf Online-Partnerbörsen, in Ruhe nach Mr. oder Ms. Right zu suchen? Was empfehlen Sie Singles, um mit Ihrer Sehnsucht umzugehen?

Stahl: Meiner Meinung nach ist es gerade jetzt für Singles eine gute Zeit, um sich nach einem festen Partner umzusehen. Natürlich ist es im realen Leben schwieriger, jemanden kennenzulernen. Cafés und Restaurants sind geschlossen, Partys mit Freunden und Club-Besuche sind nicht mehr möglich. Aber Online-Dating-Börsen bieten eine sehr gute Möglichkeit, um gezielt nach Mr. oder Ms. Right zu suchen. Auch Online kann man sehr viel Nähe zueinander herstellen.

Zwar wird immer wieder behauptet, die Halbwertszeit der über Online-Dating-Plattformen zustande gekommenen Partnerschaften währte nicht lange. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Laut psychologischer Studien sind über das Internet angebahnte Beziehungen in der Regel wesentlich haltbarer und länger, als im wirklichen Leben.

Der große Vorteil an seriösen Online-Dating-Börsen ist ja, dass man sich hier viel besser kennenlernen kann, als im echten Leben. Denn die Menschen sind dort ja erst einmal anonym unterwegs und haben nichts zu verlieren. Das führt bei vielen auch zu einer erhöhten Ehrlichkeit und dass sie wirklich sagen, was ihnen wichtig ist. Zumindest bei den Plattformen, deren Ziel es ist langfristige Partnerschaft zu vermitteln.

Wenn man noch nicht verliebt ist, dann ist der Verstand noch mit im Boot. Das kann ein großer Vorteil sein. Wenn man sich mit klarem Kopf überlegt: Mit wem habe ich es da zu tun? Was hat er oder sie für Ansichten, Werte und Interessen? So kann man schon im Vorfeld ziemlich viel auschecken und feststellen, ob man ähnliche Meinungen und Werte teilt und grundsätzlich zueinander passt oder nicht. Man chattet zunächst, telefoniert und wenn sich dann beim Treffen im realen Leben verliebt, dann hat man schon die größtmögliche Basis für eine gute Beziehung geschaffen.

Beim Kennenlernen im realen Leben ist es eher umgekehrt: Da verliebt man sich zuerst und dann kommt die Basis. Wer Hals über Kopf verliebt ist, der zeigt sich immer von seiner besten Seite und verstellt sich, um zu gefallen. Und passt sich dabei auch vielleicht dem anderen etwas an. Beim Online-Dating ist das anders. Man ist bei der ersten Kontaktaufnahme noch nicht verliebt und hat keinen Grund, sich groß zu verstellen, wie im realen Leben.

Wie haben Sie selbst Ihr Leben in Zeiten der Corona-Krise organisiert? Hat sich bei Ihnen in der Beratung etwas geändert?

Stahl: An meiner Tagesstruktur hat sich grundsätzlich nicht sehr viel geändert. In meiner Praxis für Psychotherapie in Trier finden nach wie vor persönliche Beratungs-Termine mit Paaren und Einzelpersonen statt, natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln und sonstiger Vorschriften. Darüber hinaus führen meine beiden Diplom-Psychologinnen weiterhin Beratung via Telefon und Skype durch. Einen speziellen Beratungsbedarf über Liebe in Corona-Zeiten kann ich dabei nicht feststellen. Es geht um klassische Beziehungsthemen

Allerdings mussten Corona-bedingt viele meiner geplanten Veranstaltungen abgesagt werden. Deswegen und weil ich gerade an keinem Buchprojekt arbeite, habe ich nun mehr Zeit als sonst. Da mein Mann und ich ohnehin zusammenarbeiten, verbringen wir in etwa die gleiche Zeit zusammen wie vor der Pandemie. Alles in allem habe ich durch die aktuelle Krise weniger Stress und nutze die Zeit, um Kraft zu tanken. Was mir fehlt ist, das normale Stadtleben zu genießen, durch die Altstadt von Trier zu spazieren oder in Cafés und Restaurants zu gehen.

 

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Welche Angebote bieten Sie aktuell an, um interessierte Menschen bei der Liebes- und Beziehungspflege zu unterstützen?

Stahl: Neben der persönlichen Beratung in Trier sowie der Beratung per Telefon und Skype, meinen Büchern, Online-Kursen und einem Tagesseminar im Herbst biete ich auch zahlreiche kostenlose Tipps über verschiedene Kanäle an:

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.stefaniestahl.de

Bilder: Stefanie Stahl, Fotografin Roswitha Kaster

 

Lesen Sie hier ein weiteres Interview mit Stefanie Stahl zum Thema „Jeder ist beziehungsfähig“.

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