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Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

23. Juni 2017 0 comments
Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

„In jedem von uns schlummert ein Lebenskünstler, der nur darauf wartet, von uns geweckt und ins Leben gerufen zu werden“, schreibt Christa Spannbauer in ihrem im März 2017 veröffentlichten Buch „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“. Nur allzu oft nehmen wir nicht wahr, wie schön das Leben eigentlich ist, weil wir mit Scheuklappen durch die Welt laufen. Im Interview mit SinndesLebens24 erklärt die Berliner Autorin, Referentin und Meditationslehrerin Christa Spannbauer, wie wir zu einer inneren Haltung finden können, die Zuversicht und Zufriedenheit in unser Leben bringt und wie es gelingen kann, unsere inneren Kraftquellen für mehr Freude und Vitalität zu aktivieren.

Frau Spannbauer, was genau ist für Sie ein Lebenskünstler? Und warum ist es erstrebenswert, einer zu sein?

Spannbauer: Die amerikanische Schriftstellerin Pearl S. Buck hat dies wunderbar auf den Punkt gebracht:

„Die wahre Lebenskunst liegt darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu erblicken.“

Genau darum geht es mir in diesem kleinen Buch der Lebenskunst und genau dazu möchte ich die Menschen ermutigen: Sich auf das Schöne im Alltag zu besinnen. Offen zu sein für die wundervollen Momente des Menschseins. Sich wieder etwas von der kindlichen Begeisterungsfähigkeit zurückzuerobern. Das Leben nicht aufzuschieben, sondern jetzt das tun, was einem wichtig ist. Und auch mal was riskieren, um die Erfahrung machen zu können, dass das Leben trägt.

Das Leben selbst können wir nicht kontrollieren. Doch wir können uns dafür entscheiden, das Beste aus dem zu machen, wozu es uns herausfordert. Wir haben es in der Hand, mit welcher Haltung wir dem Leben begegnen wollen. Und wir können uns für ein erfülltes Leben entscheiden, indem wir uns auf das Positive ausrichten, die kleinen und großen Freuden in den Blick nehmen und auch die Schwierigkeiten als Chance begreifen, um als Mensch daran zu reifen.

 

nterview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

Sie sagen, „das Leben ist schön, aber wir können das oft nicht wahrnehmen“. Was hindert uns daran und warum laufen wir häufig mit Scheuklappen durchs Leben und lassen uns von den kleinen und großen Kümmernissen die Lebenslust rauben?

Spannbauer: Offenbar verfügen wir Menschen über eine Art „katastrophisches Gehirn“. Das legen Forschungsergebnisse aus der Neurowissenschaft nahe. Es reagiert auf negative Ereignisse wie ein Magnet und auf positive wie eine Teflonpfanne, erklärt der buddhistische Neuropsychologe Rick Hanson sehr anschaulich.

Das hängt wohl mit unserer evolutionären Entwicklung zusammen, in der unsere Vorfahren beständig nach Gefahren Ausschau halten mussten, um zu überleben. Unser Gehirn tut dies heute noch. Und lässt dabei viele schöne Dinge des Lebens unbeachtet an sich abperlen. Im Leben der meisten von uns nehmen negative Gedanken daher viel Raum ein. Wenn dann noch eine erbliche Disposition zum Pessimismus und negative Lebenserfahrungen hinzukommen, verschärft sich diese Tendenz.

Die Neurowissenschaft zeigt jedoch auch auf, dass dies nicht so bleiben muss. Denn aufgrund der so genannten Neuroplastizität, der Formbarkeit des Gehirns bis ins hohe Alter, können wir negativen Denkmustern bewusst positive an die Seite stellen und pessimistische Glaubenssätze durch optimistische ersetzen.

Rick Hanson rät dazu, ganz bewusst auf die schönen Dinge im Leben zu fokussieren, achtsam den Augenblick auszukosten, Dankbarkeit und Wertschätzung dem Leben gegenüber zu entwickeln und die Intensität angenehmer Gefühle bewusst zu verstärken. Denn genau dadurch, so der Neuropsychologe, können wir neue Glücksverschaltungen im Gehirn aktivieren und dauerhaft verankern. Auf die Art und Weise können auch Menschen, die zu Pessimismus und Schwermut neigen, besser mit bedrückenden Gefühlen klar zu kommen.

Fördert dies die Zuversicht und Zufriedenheit in unserem Leben?

Spannbauer: Ja, ganz sicher. Denn unsere Zufriedenheit hängt ja weniger davon ab, was in unserem Leben geschieht, sondern davon, mit welcher Perspektive wir auf das, was geschieht, blicken. Wenn ich immerzu auf die Dinge in meinem Leben starre, die nicht so gut laufen und wenn ich darauf fokussiere, was ich nicht habe, dann brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ich am Abend unzufrieden und unglücklich bin.

Gelingt es mir hingegen, meinen Blick immer wieder auf die Dinge und Menschen in meinem Leben zu richten, für die ich dankbar sein kann, dann fühle ich mich doch umgehend glücklicher und zufriedener.

Wir Kinder des Wohlstands nehmen ja so vieles als selbstverständlich hin. Die Achtsamkeit ist hier sehr hilfreich, erst einmal all das Schöne und Wunderbare wahrzunehmen, was um uns herum ist. Und dann auch Wertschätzung und Dankbarkeit dafür zu empfinden. Das erfordert mitunter durchaus etwas Übung. Ein gutes Leben wird uns nicht einfach so geschenkt. Wir müssen uns schon dafür entscheiden.

 

Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

Wie können Menschen, die eher zu Pessimismus und Schwermut neigen, ihre Gefühle besser in den Griff bekommen und zu mehr Zuversicht und Lebensfreude finden?

Spannbauer: Das erklärt für mich am besten die Anekdote von Martin Seligman und seiner 5-jährigen Tochter Jenny, die eines Tages ausrief: „Papa, sei doch nicht immer so ein Griesgram!“ Mit ihren Worten traf Jenny ihren Vater offenbar mitten ins Herz, denn dieser beschloss daraufhin, sich auf die Suche nach einer positiven Sicht auf das Leben zu machen.

Damit wurde ausgerechnet der Mann, der sich selbst als einen geborenen Pessimisten mit einem Hang zur Schwermut bezeichnet, zum Begründer der Positiven Psychologie. Auf einem US-weiten Kongress rief Seligman Ende der 1990er Jahre seine Kollegen dazu auf, die Stärken der Menschen zu fördern, anstatt sich immer nur mit deren Schwächen zu beschäftigen. Und freudvolle Erinnerungen zu stärken, anstatt nur in schmerzhaften zu wühlen.

Gleichzeitig ist Seligman sehr wohl aber auch klug genug um zu wissen, dass er mit seiner erblichen Disposition zur Schwermut leben muss. Denn ein Teil unseres Glückspotenzials – Wissenschaftler sprechen von 50 % – scheint tatsächlich vererbt zu sein. In manchen Menschen sind die Glückshormone wie Serotonin und Dopamin einfach eine gelungenere Allianz eingegangen als bei anderen. Die erste Gruppe tut sich von Haus aus leichter mit der Lebensfreude, die zweite muss sich dafür dann etwas mehr anstrengen und die anderen 50 % aktivieren und nutzen.

Die folgende kleine, doch sehr wirksame Übung empfiehlt Martin Seligman den Menschen, die sich oft bei negativen oder pessimistischen Gedanken ertappen:

Schreiben Sie eine Woche lang jeden Abend drei positive Erfahrungen auf. „Was war heute schön?“ Das müssen keine weltbewegenden Dinge sein. Oft sind es die kleinen Freuden des Alltags, die uns den Tag verschönern. Damit stärken wir ganz gezielt unsere Lebensfreude. Und stellen Sie sich dann zu jeder dieser positiven Erfahrungen die Frage: „Was haben ich oder andere dazu beigetragen?“ Diese Frage steigert die Wertschätzung für die eigenen Erfolge und stärkt die Verbundenheit mit anderen.

Das Leben ist geprägt von Veränderungen und befindet sich in einem stetigen Wandel. Es legt uns hin und wieder große Steine in den Weg und hat zahlreiche Herausforderungen für uns parat. Wie sollten wir am besten mit diesen negativen äußeren Umständen umgehen, die wir ja nicht kontrollieren können?

Spannbauer: So bedauerlich es auch ist, doch keine noch so gute Lebensstrategie kann uns vor Schicksalsschlägen bewahren. Denn das Schicksal liegt nun mal nicht in unseren Händen. Was jedoch sehr wohl in unseren Händen liegt ist die Entscheidung darüber, wie wir mit den Herausforderungen, die das Leben an uns stellt, umgehen wollen:

  • Lasse ich mich von diesen entmutigen oder gehe ich sie zuversichtlich an?
  • Kann ich mir auch in schwierigen und leidvollen Situationen den Glauben an das Leben bewahren?

Es geht dabei überhaupt nicht darum, schmerzhafte Gefühle aus dem Leben verbannen zu wollen. Unsere Gefühle sind wertvoll. Sie sind es, die unser Leben reich, intensiv und erfüllt machen. Und es sind ja häufig gerade die leidvollen Erfahrungen, die uns durchlässiger, weiser und menschlicher machen. Es ist daher durchaus angemessen, nach einem Verlust zu trauern, angesichts von Ungerechtigkeit wütend zu werden und auf bedrohliche Ereignisse mit Angst zu reagieren.

Was widerstandsfähige Menschen jedoch vor anderen auszeichnet, ist, dass sie sich von diesen Gefühlen nicht überwältigen und niederdrücken lassen, sondern dass sie ihren Sorgen und Kümmernissen positive Gefühle an die Seite stellen können. Genau darin liegt für die amerikanische Psychologin Barbara Frederickson das Geheimnis der seelischen Widerstandskraft.

Wem es gelingt, so belegte sie in umfangreichen Studien, dreimal häufiger positive als negative Gefühle zu erleben, kann Schicksalsschläge leichter bewältigen und verhindern, dass sein Leben in eine Abwärtsspirale gerät. Wenn ich also der Trauer um einen geliebten Menschen ein Gefühl der Dankbarkeit für das gemeinsam Erlebte, die Hoffnung auf eine gute Zukunft und die Selbstfürsorge für die Gegenwart an die Seite stelle, kann ich dafür Sorge leisten, dass meine Trauer nicht in Verzweiflung abstürzt oder in Depression versinkt.

 

Christa Spannbauer, Buch „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

Wie wichtig ist ein echter persönlicher Sinn im Leben als Grundlage für unser Glück?

Spannbauer: Aristoteles lehrte, dass uns das höchste Glück daraus erwächst, dass wir das Beste unseres Wesens zur Erfüllung bringen. Selbstverwirklichung nennen wir dies im modernen Jargon. In der Hingabe an eine Aufgabe, der Begeisterung für eine Sache, dem Engagement für andere Menschen erfahren wir uns als lebendig und verbunden.

Es erfüllt uns, wenn wir unsere Fertigkeiten und Talente in die Welt einbringen können und ganz in dem aufgehen, was wir tun. Ein glückliches Leben ist somit immer auch ein tätiges, ein engagiertes Leben. Und es führt in ein sinnerfülltes Leben. „Lebenssinn ist das Dringendste, was ein Mensch braucht“, erkannte der österreichische Psychoanalytiker Viktor Frankl. „Erst im Dienst an einer Sache oder in der Liebe zu einer Person wird der Mensch ganz Mensch und verwirklicht sich selbst.“

Ein sinnvolles Leben ist nicht unbedingt ein angenehmes Leben. Doch auch wenn es als anstrengend und entbehrungsreich erlebt wird, wird es der Betreffende doch als geglückt und damit als glücklich erleben.

Welche Bedeutung spielt es für ein gelingendes Leben, seine Potenziale zu erforschen und diese auszuschöpfen? Warum sollte man, wie Hirnforscher Gerald Hüther es formuliert, vom „Besitzstandswahrer“ zum „Potenzialentfalter“ werden? 

Spannbauer: Hierfür hat Gerald Hüther ja eigens seine „Akademie für Potenzialentfaltung“ gegründet, die junge Menschen darin unterstützen will, ihr Potenzial zu entwickeln und dieses der Welt zur Verfügung zu stellen. Ich selbst bin Mentorin der Akademie und unterstütze junge Menschen genau darin.

Potenzialentfalter zu werden heißt für mich nichts anderes als sich den vielfältigen Möglichkeiten des Lebens zu öffnen, kreativ und erfinderisch zu sein und gemeinsam mit anderen über sich selbst hinauswachsen. Nicht einfach nur in den ausgetretenen Spuren weiterstapfen, sondern sich mutig aufmachen zu neuen Ufern. Und dabei durchaus widerständig und eigensinnig zu sein.

Die Hirnforschung hat uns ja aufgezeigt, dass wir nur einen geringen Bruchteil unserer Gehirnkapazität nutzen. Wer also sind wir? Und wer könnten wir werden, wenn wir uns dafür entschieden, unser Potenzial zu nutzen und mehr davon auszuschöpfen? Wenn wir uns voller Wissensdrang, Neugier und Begeisterung auf den Weg machen würden?

Natürlich erfordert das Mut. Wer zu neuen Ufern aufbrechen will, braucht eine gesunde Portion Risikofreude und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und natürlich fallen uns jede Menge gute Gründe ein, dies nicht zu tun. „Dafür bin ich zu alt, ich habe keine Zeit, es fehlt mir an Geld …“, sagen wir und spüren insgeheim doch, dass wir uns damit nur vor Herausforderungen drücken wollen.

Worum es geht, ist die eigene Gestaltungskraft, Kreativität und Entdeckerfreude zu aktivieren, die alten neuronalen Autobahnen öfters mal zu verlassen und frische Pfade in die graue Masse unserer Gehirnwindungen zu graben. Damit öffnen wir uns neuen Denk- und Erfahrungshorizonten.

 

Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

Wie kann man seine wahre Bestimmung erkennen? Wie gelingt eine ehrliche Selbsterkenntnis und welche Rolle spielt die innere Stimme dabei?

Spannbauer: Wenn wir mit unserer inneren Stimme in Verbindung sind, kann uns diese wie ein Kompass durch das Leben führen. Wir spüren, was im jeweiligen Moment zu tun ist. Dies hat weniger mit Wollen oder Machen zu tun, sondern vielmehr mit Loslassen, innerer Gelassenheit und spielerischem Erspüren. Menschen, die Zugang zu ihrer inneren Stimme haben, sind offen wie spielende Kinder, die absichtslos und voller Hingabe im Augenblick leben und ganz mit ihrem Tun in Einklang sind.

Wie aber erhalten wir wieder Zugang zu unserer inneren Weisheit? Unsere Welt ist so laut und wir sind einem solchen Stimmengewirr ausgesetzt, dass es immer schwieriger wird, diese innere Stimme hören zu können. Am besten gelingt uns dies, wenn wir den Lärm und die Hektik des Alltags einige Zeit hinter uns lassen. Wenn es ruhig wird, um uns und in uns.

Hierfür gibt es bewährte Methoden. Meditation ist eine von ihnen: Still sitzen, sich nach innen wenden, bei sich selbst ankommen. Lange Spaziergänge in der Natur, Joggen, Fahrradfahren sind andere. Das stille Sitzen ebenso wie das Laufen in der Natur öffnen den inneren Raum der Weisheit, der uns unsere wahre Bestimmung erkennen lässt. Nehmen Sie sich daher Zeit für Auszeiten! Und achten Sie auf Ihre Träume! Wenn unser Bewusstsein ruht, kann unser Unbewusstes sich Gehör verschaffen.

Wie sollte man mit dem möglichen Zielkonflikt umgehen, der zwischen dem Ausleben seiner wahren Potenziale und der Verantwortung für die Familie, Kinder, Eltern, etc. gerecht zu werden, stehen könnte?

Spannbauer: Wir Menschen sehnen uns nach Geborgenheit und erhoffen uns zugleich ein Höchstmaß an Freiheit. Diese zwei Werte geraten leicht in Konflikt miteinander und wollen uns immer wieder in zwei verschiedene Richtungen führen. Sie in Harmonie zu bringen, ist eine der schwierigsten, zugleich aber auch wichtigsten Aufgaben unseres Lebens.

Es lohnt sich daher, daran zu arbeiten. An einem Leben also, das liebevolle und verantwortliche Beziehungen mit anderen Menschen ebenso beinhaltet wie die Sorge für sich selbst und die eigene Selbstverwirklichung. Wem es gelingt, diese beiden Faktoren in seinem Leben zu integrieren, ohne sich dabei zu verbiegen, erlebt dieses als reich und erfüllt.

Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

 

Wie wichtig ist es, auch einmal etwas zu riskieren? Wo können wir den Mut dazu hernehmen? Was können wir der Angst zu scheitern entgegensetzen, die uns oft lieber im Status quo verharren lässt?

Spannbauer: Ein erfülltes Leben wird einem nicht einfach so geschenkt, sondern wir müssen uns schon dafür entscheiden und beherzt danach greifen. Das erfordert mitunter durchaus, alt vertraute Sicherheiten und lieb gewordene Gewohnheiten hinter sich zu lassen und sich dem Neuen und Unbekannten zu öffnen.

Das Wort „Veränderung“ löst in vielen Menschen Angst aus, weil sie befürchten, sie müssten nun alles umgehend hinwerfen, ihren Partner verlassen, den Job kündigen und zu neuen Ufern aufbrechen. Doch so dramatisch sind Veränderungen meist gar nicht. Worum es geht, ist ein authentisches Leben zu führen, das in Einklang steht mit den eigenen Werten.

Das fordert durchaus ein, auch einmal ein Risiko einzugehen und etwas zu wagen. Letztendlich lohnt sich das fast immer, denn es liegt etwas zutiefst Belebendes darin, die eigenen Grenzen zu erweitern. „Spring und das Netz wird auftauchen“, versichert uns eine alte Lebensweisheit. Mit dem, was wir riskieren, zeigen wir, wer wir sind und was wir uns wert sind. Und je mehr wir uns von unseren althergebrachten Vorstellungen über uns selbst lösen, desto aufregender werden die Abenteuer, die das Leben für uns bereithält.

Warum ist die Hingabe an etwas Größeres wichtig für unser Glück?

Spannbauer: „Es gibt nicht nur einen Hunger nach Brot, sondern sehr wohl auch einen Hunger nach Sinn“, sagte der große Wiener Psychoanalytiker und Shoah-Überlebende Viktor Frankl. Er erblickte im „Willen zum Sinn“ das allermenschlichste der menschlichen Bedürfnisse. Denn jeder Mensch strebt danach, seinem Leben einen Sinn zu verleihen und solange unser Bedürfnis nach Sinn nicht gestillt ist, bleiben wir unglücklich. Wir Menschen sind nun einmal Sinnsucher. Und müssen, Viktor Frankl zufolge, etwas oder jemanden finden, für das oder den es sich zu leben lohnt. Denn erst im Dienst an einer Aufgabe oder in der Liebe zu anderen werden wir ganz Mensch.

Wir alle tragen diesen Wunsch in uns: Wir wollen uns als Mitgestalter dieser Welt erleben, wir möchten etwas bewirken und verändern. Menschsein weist immer über sich selbst hinaus, auf einen Sinn, den es zu erfüllen gilt, oder auf einen Menschen, dem man liebend zugetan ist. Selbsttranszendenz nannte dies Frankl.

Die Fähigkeit dazu macht es möglich, über sich selbst und seine Beschränkungen hinauszuwachsen und sich auf die Welt, auf andere Menschen oder auch auf das Göttliche auszurichten. Die Fähigkeit dazu verleiht uns letztlich auch die Kraft, schwere Zeiten und Krisen zu bewältigen.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche brachte es auf den Punkt: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Viktor Frankl zufolge gibt es dorthin drei Wege:

  • Der erste besteht in einer Tat, die wir vollbringen, oder einem Werk, das wir schaffen.
  • Der zweite darin, dass wir in der Liebe und Zuwendung zu anderen Menschen unseren Lebenssinn erfahren.
  • Der dritte Weg führt dahin, leidvollen Situationen, die wir nicht ändern, sondern nur ertragen können, einen Sinn abzuringen und in ihnen eine Chance zum Reifen und Wachsen zu erkennen

 

Interview mit Christa Spannbauer: „Entdecke den Lebenskünstler in dir!“

In vielen Weisheitstraditionen gilt die Achtsamkeit als wichtiger Ausgangspunkt für ein erfülltes Leben. Was genau bedeutet dieses heute vielgebrauchte Buzzword wirklich?

Spannbauer: Die Achtsamkeit vermag uns genau dahin zu führen, wo wir viel zu selten sind: In unser Leben, so wie es jetzt gerade ist. Nicht auf Autopilot zu leben, sondern ganz präsent zu sein mit allen Sinnen, das Leben zu sehen, hören, schmecken, riechen und zu ertasten, unseren Körper zu bewohnen, unsere Gefühle zu spüren und unsere Gedanken zu erkennen. So können wir die vielen Dinge und Ereignisse in unserem Alltag bewusst wahrnehmen, denen wir viel zu oft keine Aufmerksamkeit schenken.

Worum es geht, ist die Kostbarkeit des Augenblicks zu erkennen und auch zu nutzen. Das Leben nicht an sich vorüberziehen zu lassen, sondern mitten hinein zu springen. Genau deshalb ist die Achtsamkeitspraxis so entschieden darin, uns zuzurufen:

Lebe jetzt! Sei ganz präsent! Vergeude nicht dein eines, wildes, kostbares Leben!

 

Was ist für Sie persönlich der Sinn des Lebens?

Spannbauer: „Wenn durch einen Menschen mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt waren, hat sein Leben einen Sinn gehabt“. Diese Worte des Jesuiten und Widerstandskämpfers Alfred Delp bringen auch meine tiefste Überzeugung zum Ausdruck.

Welche Projekte stehen dieses Jahr auf Ihrer Agenda?

Spannbauer: Im Sommer stehen die Arbeiten für mein neues Buch „Glücksphilosophie für jeden Tag“ auf dem Plan. Ab Herbst werde ich dann wieder zahlreiche Seminare und Vorträge zur Lebenskunst geben. Für mich ist es eine sehr gelungene Mischung, das im Schreibprozess Erforschte anschließend in Vorträgen und Workshops mit den Menschen zu teilen. Ich liebe den persönlichen Kontakt mit meinen Leserinnen und Lesern und nutze daher jede gute Gelegenheit, meinen Schreibtisch mit dem Rednerpult einzutauschen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Christa Spannbauer, Portrait, Buch

Zur Person: Christa Spannbauer

Christa Spannbauer lebt als Autorin, Referentin und Meditationslehrerin in Berlin. In ihren Publikationen und Vorträgen beschäftigt sie sich mit den Fragen der Lebenskunst und zeigt die Alltagstauglichkeit der Weisheitswege aus Ost und West für den modernen Menschen auf. Ihre langjährige Zen-Praxis und ihre Ausbildung in achtsamkeitsbasiertem Mitgefühlstraining (MBCL) unterstützen sie darin.

Weitere Informationen zu Publikationen und Vorträgen: www.christa-spannbauer.de

Bilder: Christa Spannbauer / Pixabay / Unsplash

 

 

      

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