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Interview mit Lea Rieck: „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“

8. November 2019 0 comments
Interview mit Lea Rieck: „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“

Mit einem Solo-Trip auf zwei Rädern rund um den Globus hat sich Lea Rieck einen Lebenstraum erfüllt. 2016 kündigte die Münchener Journalistin ihren sicheren Job als Redakteurin und brach mit dem Motorrad im Alleingang zu einer Weltreise auf: Achtzehn Monate, fünfzig Länder, sechs Kontinente und neunzigtausend Kilometer. Ihr im März 2019 erschienenes Buch „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“ stand 10 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Im Interview erklärt Lea Rieck, wie sie den Mut zu diesem Abenteuer fand, wie die Reise ihr Leben verändert hat und warum es so wichtig ist, seinen wahren Lebensträumen zu folgen.

Frau Rieck, was hat Sie dazu bewogen Ihr sicheres Leben aufzugeben und sich auf dieses Abenteuer einzulassen? Was reizte Sie besonders daran?

Rieck: Da mir das Reisen schon immer Spaß gemacht hat, ist bei mir schon früh der vage Traum von einer Weltreise entstanden. Ich dachte, wie schön wäre es, sich einmal für längere Zeit große Strecken auf dem Landweg zu erarbeiten, statt mit dem Flugzeug in ferne Länder zu fliegen. Und sich dabei wirklich auf Land und Leute einzulassen.

Konkreter wurde der Gedanke aber erst durch ein Gespräch mit einem befreundeten Motorradfahrer, der mich gefragt hatte, was ich denn eigentlich aus meinem Leben machen will und was meine wahren Träume sind. Da habe ich eher aus Spaß heraus spontan geantwortet: Ich möchte eine Weltreise auf dem Motorrad machen! Aber nachdem ich das erst einmal ausgesprochen hatte, fesselte mich dieser Gedanke immer mehr. Ich habe mich intensiver damit beschäftigt und Pro- und Contra-Listen gemacht, konnte mich aber letztlich nicht dazu durchringen.

Schließlich kam die Entscheidung für dieses Abenteuer aus einer spontanen Reaktion heraus. Damals arbeitete ich als Redakteurin in einem Münchener Verlag und hatte bereits die Zusage für eine neue Stelle, die mein Traumjob gewesen wäre. Als ich in meinem Büro saß und meine Volontärin die traurige Büropflanze mit Mineralwasser gegossen hat, merkte ich plötzlich: Ich möchte in keinem Büro mehr sitzen! Ich werde jetzt meinen Traum wahrmachen!

 

Interview mit Lea Rieck: „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“ 2

 

Plötzlich habe ich ganz tief in mir gespürt, was ich wirklich möchte und was nicht. Das war ein Schlüssel-Moment, in dem sich alles richtig angefühlt hat. Der Entschluss zu diesem Abenteuer ist also aus einer Herzensentscheidung entstanden und nicht aus einem rationalen, wohldurchdachten Plan heraus.

Der richtige Zeitpunkt für eine große Veränderung ist nie, aber unsere Lebenszeit ist begrenzt. Ich dachte mir, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich habe noch keine Familie, gerade keinen Partner und dachte: Jetzt ist der Moment der Freiheit, um diese Dinge auszuprobieren. Außerdem habe ich mir immer die Hintertür offen gelassen, die Reise abzubrechen, wenn es mir nicht gefällt.

Ein wichtiger Punkt ist auch, dass man nicht zu einem großen Abenteuer aufbrechen sollte, um anderen etwas zu beweisen, sondern weil man es für sich selbst tun will. Und wenn man dabei merkt, dass es doch nichts für einen ist, dann hat man es wenigstens ausprobiert und ist um eine Erfahrung reicher. Dann kann man den Mut finden, das nächste auszuprobieren, das vielleicht besser funktioniert.

Lag Ihr Antrieb für die große Reise eher in Push- oder Pull-Faktoren?

Rieck: Ich wollte nicht vor etwas fliehen und bin auch nicht aus einer negativen Situation heraus aufgebrochen, nach dem Motto: Mein Job frustriert mich, mein Partner hat mich gerade verlassen und auch sonst finde ich mein Leben gerade furchtbar. Nein, bei mir war im Grunde alles in Ordnung.

Es war eher die Neugier, die mich angetrieben hat. Ich wollte wissen, was es da draußen in der Welt jenseits meines Büro-Alltags noch so alles zu erleben und zu entdecken gibt. Ich wollte raus, die Welt erkunden und sie so erfahren, wie sie wirklich ist.

Ich habe unterwegs einige Leute getroffen, bei denen der Antrieb für die Reise eher ein Weglaufen vor ungelösten Problemen war. Das halte ich für gefährlich, denn es funktioniert nicht. Bevor man etwas Neues macht, sollte man zuerst seine Schwierigkeiten in den Griff kriegen.

 

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Buchcover Lea Rieck: „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“

 

Was waren die größten Bedenken im Vorfeld?

Rieck: Natürlich hatte es jede Menge Bedenken aus meinem Umfeld gegeben. Ist das für eine Frau nicht viel zu gefährlich? Solltest Du nicht erst mehr Erfahrung auf dem Motorrad sammeln und Dich besser mit der Mechanik auskennen, bevor Du auf so eine Reise gehst?

Tatsächlich war ich damals gerade erst anderthalb Jahre im Besitz meines Führerscheins, noch relativ unerfahren und kannte mich mit Motoren und Technik so gut wie gar nicht aus. Die einzige Erfahrung war ein Motorradtrip nach Istanbul. Erst als ich zu meiner Weltreise aufgebrochen bin, saß ich das erste Mal auf einem vollbepackten Motorrad mit Seitenkoffern.

Da habe ich mich auch kurz gefragt: Stürze ich mich jetzt zu blauäugig in ein Abenteuer hinein, dem ich vielleicht gar nicht gewachsen bin? Aber ich dachte mir dann: die wichtigen Dinge werde ich unterwegs schon lernen. Und so ist es dann auch gekommen.

 

Lea Rieck auf dem Motorrag mit Helm

 

Dieses Abenteuer bedeutete für Sie ja auch, sich auf das Ungewisse einzulassen. Wie haben Sie die Angst vor dem Unbekannten in den Griff bekommen?

Rieck: Im Rückblick war der mutigste Teil dieses Abenteuers der Entschluss, das gute Leben in Deutschland hinter mir zu lassen und tatsächlich aufzubrechen. Diese Entscheidung hat am meisten Kraft erfordert. Während ich unterwegs war, hat sich dann alles wie von alleine ergeben. Da löst man einfach die Herausforderungen, mit denen man jeden Tag konfrontiert wird. Das ist im Grunde wie im Job. Man funktioniert einfach.

Natürlich ist es ein großes Wagnis, wenn man jeden Tag erneut ins Unbekannte aufbricht und auf abgelegenen Straßen fährt. Doch diese Herausforderung, sich täglich auf neue Situationen einzulassen, entwickelt sich im Laufe der Zeit schnell zu einer neuen Alltags-Routine. Sicher tauchen auch immer wieder kritische Momente auf, in denen alles schief läuft.

Dann rotiert man eben ein oder zwei Tage lang, um eine Lösung zu finden: Wenn geplante Routen plötzlich nicht mehr passierbar sind, gesetzliche Änderungen die Aufenthaltsdauer verkürzen, der Weg durch unsichere Gebiete schwieriger wird als gedacht, bürokratische Hürden beim Verschiffen des Motorrads auftauchen oder das Bike kaputt geht. Auch wenn mir viele Probleme im ersten Moment aussichtslos erschienen sind, so hat sich doch letztendlich immer irgendwie eine Lösung ergeben.

Eigentlich bin ich tief in mir drin ein Planer, aber ich habe mich bewusst auf das Unbekannte eingelassen. Dann ist es für mich ganz normal geworden, das Vertrauen zu entwickeln, dass sich unerwartete Hürden überwinden lassen.

 

Reiseroute Lea Rieck: „Sag dem Abenteuer, ich komme: Wie ich mit dem Motorrad die Welt umrundete und was ich von ihr lernte“

 

Was war die größte Planänderung auf Ihrer Reise?

Rieck: Die größte ungewollte Planänderung wartete in Thailand auf mich. Eigentlich wollte ich dort einige Monate verbringen, doch während meines Aufenthaltes haben sich plötzlich die Gesetze geändert und ich musste wieder ausreisen. Das war im ersten Moment für mich ein herber Rückschlag.

Schließlich habe ich mich dazu entschieden, stattdessen nach Australien zu reisen – ein Ziel, das ursprünglich nicht auf meiner Route lag. Im Nachhinein war das eine schöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Ähnliche Erlebnisse hatte ich dann öfter.

Eine Planänderung führte schließlich zu einer Alternative, die sich am Ende als positiv erwiesen hat und schöne Erlebnisse brachte, die ich ansonsten nicht erlebt hätte. Mit der Zeit habe ich dann Vertrauen entwickelt und habe es trotz meiner Charaktereigenschaft eines Planers geschafft, auf weitere Überraschungen immer gelassener zu reagieren.

 

Lea Rieck in Nepal vor Tempel

 

Welche Bedeutung hat der Spruch „Der Weg ist das Ziel“ für Sie?

Rieck: Es war für mich ein Schlüsselerlebnis zu erkennen, dass der Weg wirklich das Ziel ist. Es geht nicht um das Abhaken von Zielen, sondern um die Erlebnisse auf der Reise dorthin. Es gibt tausende verschiedener Wege, auf denen man um die Welt fahren könnte.

Doch auf jedem Weg, egal ob man ihn bewusst gewählt hat oder ob er einem durch die Umstände aufgezwungen wurde, erlebt man etwas anderes. Und diese Erlebnisse prägen einen, und machen einem zu dem Menschen, der man ist. Das gleiche gilt auch für das Leben selbst.

 

Lea Rieck in Peru

 

Wie wichtig ist es, bewusst im Hier und jetzt zu leben?

Rieck: Das bewusste Leben im Hier und Jetzt ist eine wichtige Sache, die im stressigen Arbeitsalltag oft untergeht. Auf Reisen ist diese Erfahrung einfacher zu machen. Schließlich stößt man immer wieder auf Hindernisse, die im Hier und jetzt gelöst werden müssen. Dabei hat man gar nicht die Kapazitäten, um tief über die eigene Vergangenheit oder die Zukunft nachzudenken.

Allerdings war es für mich nach meiner Rückkehr in Deutschland auch sehr schön, Zeit für die Reflexion und das Schreiben des Buches zu haben. Das hat mir geholfen, all die zahlreichen Erlebnisse zu verarbeiten. Ich denke beides ist wichtig. Wir brauchen Zeiten im Hier und Jetzt und auch Zeiten der Reflexion über das, was uns beeinflusst und geprägt hat.

Welche Rolle spielt es für Sie, sich unterwegs von Ihren Instinkten und Ihrer Intuition leiten zu lassen?

Rieck: Das war sehr wichtig für mich. Wenn man als Frau alleine auf dem Motorrad in exotischen Ländern unterwegs ist, ist das nicht ungefährlich. Ich habe so gut wie möglich auf mein Bauchgefühl gehört und das hat mich selten getäuscht. Als ich vorhatte, in bestimmten Städten zu übernachten, dann aber plötzlich ein ungutes Gefühl bekam, bin ich einfach bis zum nächsten Ort weitergefahren.

Es gibt keine Guideline dafür, wie man etwas am besten macht. Man muss diese Verkopftheit ausschalten und darauf verzichten, sich zu etwas zu zwingen. Wir sollten mehr in uns hinein hören, was der beste Weg für uns ist. Sich von seinen Instinkten leiten zu lassen, ist gerade auf Reisen von unschätzbarem Wert.

 

Lea Rieck auf dem Motorrad in den USA

 

Was bedeutet für Sie Freiheit und haben Sie dieses Gefühl auf Ihrer Reise gefunden?

Rieck: Der Begriff Freiheit ist für mich nicht leicht zu definieren, denn er hat auch verschiedene Aspekte. Einerseits war es auf der Reise eine große Freiheit für mich, in den Tag hineinleben zu können, einfach drauf los zufahren und zu sehen, was mir heute passiert.

Andererseits wurde mir bewusst, dass diese Freiheit auch ein großes Privileg ist. Ich habe einen deutschen Pass und kann weltweit den Großteil der Länder bereisen. Aber für die meisten Menschen auf dieser Welt ist das nicht möglich. Frauen, die in Systemen aufwachsen, in denen sie unterdrückt werden, haben von Anfang an weniger Entscheidungsmöglichkeiten. Man muss erkennen, dass diese Freiheiten alles andere als selbstverständlich sind.

 

Lea Rieck in Mexico, steht an einem Abgrund, Freiheit

 

Was waren für Sie die größten Herausforderungen? Wie ist es Ihnen gelungen, die zahlreichen Krisensituationen zu meistern und auch mental durchzustehen?

Rieck: Der größte Schrecken auf der Reise war mein erster schwerer Sturz, der mir relativ früh in Russland passiert ist. Als ich auf einer sehr schlechten Sandstraße unterwegs war, bin ich plötzlich in hohem Bogen über das Motorrad gestürzt, auf den Kopf gefallen und war sofort ohnmächtig.

Nachdem ich aufgewacht bin, habe ich gesehen, dass das komplette Cockpit schrottreif war. Zum Glück haben mir zwei Autofahrer geholfen, mein Gefährt aus dem Sand herauszuziehen und ich habe es noch geschafft, in die nächste Stadt zu fahren. Dort haben mir dann ein russischer Motorradfahrer und ein Kasache geholfen, mein Bike zu reparieren.

Das war eine wichtige Erfahrung für mich, denn ich fühlte mich schwach und völlig hilflos. Mir war klar, dass ich ohne die Hilfe von anderen nicht mehr weiterkam. Zuhause war ich vollkommen selbständig und hatte niemals jemanden um Hilfe bitten müssen.

Eine wichtige „lesson learned“ der gesamten Reise war, dass es auch eine große Stärke ist, seine Schwächen zuzugeben und vor allem auch die Hilfe von anderen Menschen anzunehmen. Dann wird man viel stärker, als man es jemals alleine sein könnte.

 

Lea Rieck Pamir Highway, Tajikistan

 

Was waren für Sie die positivsten Erlebnisse?

Rieck: Die schönsten Erfahrungen auf der Reise hatten immer mit Menschen zu tun, denen ich begegnet bin. Die mir völlig vorbehaltlos die Türen geöffnet und mich aufgenommen haben. Und das, obwohl ich mit der bunten Schutzkleidung auf dem Motorrad fast aussah wie ein Außerirdischer. Ich war positiv überrascht von der großen Offenheit und der weit verbreiteten Hilfsbereitschaft der Menschen.

Sehr beeindruckt hat mich eine Frau in Nepal, die ich infolge eines kleinen Missgeschicks kennenlernte. Als ich Ausnahmsweise einmal ohne Sicherheitsbekleidung Motorrad gefahren bin, ist mein Kleid in die Speichen gekommen und hat sich um den Hinterreifen gewickelt. Plötzlich stand ich halbnackt im nepalesischen Dschungel und zwei Männer mit Macheten kamen auf mich zu. Sie haben mir geholfen haben, das Kleid aus dem Rad zu befreien und mich zu einer Frau gebracht, die es wieder zusammenflicken konnte.

Sie wohnte in einem einfachen Bretterverschlag, ohne Strom und fließend Wasser. Sie sprach etwas englisch, wir haben uns unterhalten und ich habe ihr Bilder von meiner Reise gezeigt. Als ich sie beim Aufbruch für das Nähen des Kleides bezahlen wollte, hat sie mein Geld ausgeschlagen. Und mir im Gegenzug Geld in die Hand gedrückt. Ich war total überrascht, dass mir eine Frau die fast nichts besitzt, Geld gibt. Sie sagte, ich solle mir davon in Australien eine Cola kaufen und an sie denken. Denn für sie selbst wäre so eine Reise gar nicht möglich.

Das hat mich sehr berührt. Sie ist Buddhistin und hat mir die zwei Prinzipien der Mitfreude und des Mitgefühls mit auf den Weg gegeben. Das bedeutet, sich für die Freude anderer Menschen mitzufreuen, solange diese nicht auf dem Leid anderer Menschen beruht. Das fand ich sehr schön. Denn im Vergleich zu dieser Frau sind bei uns in Deutschland die meisten materiell sehr gut ausgestattet.

Trotzdem blicken wir häufig voller Neid auf unsere Nachbarn: Er fährt das dickere Auto, sie hat den besseren Job, das schönere Haus, es geht ihm in vielerlei Hinsicht besser als mir. Obwohl wir selbst auch alles haben, was wir zum Leben brauchen. Ich fand es sehr beeindruckend, dass diese Frau mir mein Glück nicht missgönnt hat, sondern sich für mich gefreut hat, dass ich diese Reise machen kann.

 

Lea Rieck in Indien, Durga Puja Festival

 

Wie hat die Reise Ihre Sicht auf das Leben verändert? Haben Sie sich selbst gefunden?

Rieck: Ich bin nicht zu einer Weltreise aufgebrochen, um mich selbst zu finden. Wer das tut, wird am Ende enttäuscht sein. Warum? Weil man unterwegs kaum die Zeit findet, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ich glaube, das ist der falsche Ansatz. Man sollte sich nicht auf so ein Abenteuer einlassen, wenn es einem nicht so gut geht. Es gibt unterwegs genügend Herausforderungen, denen man sich zu stellen hat und man muss viele neue Eindrücke, die auf einen einströmen, verarbeiten.

Am Ende haben mich all diese Erfahrungen sehr viel toleranter und empathischer gemacht. Schließlich gibt es zwei Möglichkeiten, wie man so ein Abenteuer empfinden kann. Entweder man lässt sich auf alle positiven und negativen Dinge ein, die man erlebt, dann berühren sie einen natürlich. Oder man schließt sie gefühlsmäßig aus und fährt einfach innerlich distanziert an ihnen vorbei, wie wenn man sich einen Film anschauen würde.

Am Anfang hatte ich das Bild von mir, als starke Amazone und Einzelkämpferin mit dem Motorrad durch exotische Länder zu reisen – ich allein gegen die Welt. Doch dann habe ich versucht, mich voll darauf einzulassen und das hat mich viel sensibler und weicher gemacht. Ich habe während dieser Zeit auch viel geweint, weil mir die Umweltzerstörung sowie vor allem das Leid, die Lebensumstände und Schicksale vieler Menschen sehr nahegegangen sind.

 

Lea Rieck auf dem Karakorum Highway in China

 

Inwiefern hat sich durch das Abenteuer auch Ihre Einstellung zum Glück gewandelt?

Rieck: In der Tat habe ich auch eine neue Relation zum Glück bekommen. Wir denken ja meist: Ich werde dann richtig glücklich sein, wenn ich das und jenes besitze, wenn ich dieses Ziel erreicht habe oder an einem bestimmten Punkt in meinem Leben angekommen bin. Doch dem ist nicht so. Niemand kann permanent glücklich sein, das Glück findet immer nur in bestimmten kurzen Momenten statt. Zudem gibt es ein länger anhaltendes Gefühl der Zufriedenheit, wenn man mit sich und dem Leben im Einklang ist.

Auf der Reise habe ich jeden Tag das gemacht, was ich gerne tun wollte und trotzdem hatte ich nicht jeden Tag gute Laune. Man kann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und trotzdem muss man nicht ununterbrochen glücklich sein. Das Glück oder Unglück liegt nicht nur an den äußeren Umständen, denen wir im Alltag ja oft die Schuld dafür geben. Glück kann nur aus uns selbst heraus kommen und nicht aus Sachen, von denen wir denken, sie könnten uns glücklich machen.

Daraus ergibt sich auch die Frage: Was bedeutet Luxus für mich? Besteht Luxus darin, sich eine teure Designer Tasche leisten zu können? Oder geht es eher darum, Zeit zu haben, um Menschen zu treffen, die man gerne hat? Das ist eine ganz andere Definition von Luxus. Das sind nicht in erster Linie materielle Sachen. Zeit zu haben für Dinge, die einem wichtig sind, ist der größte Luxus. Das wurde mir auf der Reise besonders bewusst. Auch dass wir im Leben nicht endlos Zeit haben, wenn wir wichtige Dinge immer weiter auf später verschieben.

Diese Sichtweise hilft mir auch, meine Prioritäten richtig zu setzen. Telefonate mit guten Freunden oder den Eltern zu führen ist eine besser investierte Zeit, als den nächsten Netflix-Serien-Marathon zu starten. Man hat immer eine Möglichkeit, die Dinge „umzupriorisieren“ und sich Zeit zu nehmen, egal wie stressig der Alltag ist.

 

Lea Rieck auf einem Pferd in Kirgistan

 

Wie ist Ihnen nach Ihrer Rückkehr der Schritt in das alte Leben in Deutschland gelungen? Was haben Sie verändert?

Rieck: Es war keine Rückkehr in mein altes Leben. Sondern ein sehr schönes Ankommen in meiner Heimatstadt München, wo die Menschen leben, die mir am Herzen liegen und die ich 18 Monate lang nicht gesehen habe. Da wurde mir auch erst wirklich bewusst, wie schön es eigentlich hier in Europa ist, mit seinen unterschiedlichen Kulturen, uralten Kirchen und Bauwerken und traumhaften Landschaften. Es gibt auch direkt vor der Haustür Vieles zu entdecken.

Viele Traveller haben mir gesagt: Das Schlimmste an der Reise ist das Nachhause kommen, weil man nicht mehr jeden Tag so viel erlebt. Für mich war das gar nicht so. Ich habe mich sehr gefreut, meine Familie und Freunde wiederzusehen. Und es hat mir viel Freude gemacht, das Buch zu schreiben und die Reise reflektieren zu können. Ich habe auch wieder das „normale“ Leben genossen, bei dem ich nicht jeden Tag an einem anderen Ort schlafen muss, sondern einen Fixpunkt und Stabilität habe.

Was sich stark verändert hat, ist mein Berufsalltag. Ich bin nicht mehr fest angestellt, sondern selbständig und arbeite als freie Autorin, Speaker und mache digitale Projektarbeit für Unternehmen. Das gibt mir natürlich auch die Freiheit, das zu tun, was mir wirklich wichtig ist.

 

Lea Rieck in White Sands, USA

 

Im März 2019 ist Ihr Buch, „Sag dem Abenteuer, ich komme“ erschienen und stand 10 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste. Warum sehnen sich heute so viele Menschen nach Abenteuern wie diesem?

Rieck: Meiner Ansicht nach steht bei den meisten Lesern das Interesse für die Welt und die Neugier am Abenteuer im Vordergrund. Bei den Vorträgen merke ich, dass bei weitem nicht jeder selbst so eine Weltreise machen möchte. Ich höre oft: Das hätte ich mich nicht getraut. Ich bin also eher stellvertretend für sie unterwegs und sie möchten mich auf diesem Weg begleiten, weil sie es spannend finden.

Jeder Mensch hat andere Träume. Aber viele interessiert sehr stark, wie man den Mut dazu aufbringen kann, seine Träume zu verwirklichen. Meine Überzeugung ist, dass jeder versuchen sollte, sich seinen Träumen zu nähern und sie einfach in kleinen Schritten ausprobieren. Dazu muss man nicht unbedingt sein Leben radikal verändern und von heute auf morgen seinen Job kündigen.

Das heißt, es muss nicht immer der große Knall sein, sondern man kann sich seinen Träumen auch schrittweise nähern und gewisse Dinge einfach mal ausprobieren. Ich glaube, das Reisen steht auch stellvertretend für einen Ausbruch aus dem Alltag und dafür, radikal etwas Neues zu machen.

 

Lea Rieck

 

Was sind die nächsten großen Ziele auf Ihrer Agenda?

Rieck: Als nächstes Reiseziel möchte ich gerne Afrika mit dem Motorrad umrunden, die Westküste bis nach Südafrika und dann die Ostküste entlang. Allerdings werde ich die Tour diesmal nicht mehr an einem Stück zurücklegen, sondern in einzelnen Etappen von ein bis zwei Monaten. Denn ich möchte nicht mehr so lange von Zuhause fort sein.

Die erste Strecke bin ich schon im Sommer gefahren, bis in die Westsahara. Ende November werde ich die Fahrt fortsetzen, voraussichtlich bis nach Nigeria. 2020 werde ich auch meine 2019 gestartete Lesertournee fortsetzen und als Speaker mit einer Multimedia-Show bei Festivals, auf Kulturveranstaltungen und bei Unternehmen auftreten. Die Termine finden sich auch auf meiner Website.

 

Lea Rieck auf Welreise mit dem Motorrad

Was ist Ihr persönlicher Sinn des Lebens?

Rieck: Das ist eine schwierige Frage. Mir fällt es wahnsinnig schwer, einen tieferen Sinn des Lebens zu finden, weil man diesen ja auf so unterschiedliche Weise erfahren kann. Ich glaube für mich persönlich liegt er darin, meine eigene Zufriedenheit zu finden und zu versuchen, ein einiger Maßen guter Mensch zu sein.

Jemand, der keine Angst vor den Gefahren neuer Erfahrungen hat und der mit den Herausforderungen, die das Leben so bereit hält, gut umgehen kann. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, andere Menschen zu inspirieren, ihre eigenen wahren Träume zu leben oder es zumindest einmal auszuprobieren.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.learieck.de
Fotos: Lea Rieck

 

 

 

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