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Interview mit Martin Wehrle: „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch – Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“

31. Oktober 2018 0 comments
Interview mit Martin Wehrle: „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch – Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“

Der Journalist, Coach und Sachbuchautor Martin Wehrle ist laut „Focus“ „Deutschlands bekanntester Karriereberater“. Er hat über 25 Coaching- und Karrierebücher geschrieben, darunter ein halbes Dutzend Spiegel-Bestseller, die entscheidende Debatten über die Arbeitskultur in Deutschland angeregt haben. Was ihn antreibt ist sein Engagement für eine menschenfreundliche Arbeitswelt. „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch – Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“ ist der Titel seines aktuellen Buches. Im Interview spricht Martin Wehrle über das Spannungsverhältnis der Arbeitswelt 4.0 zwischen Wunsch und Wirklichkeit, was Mitarbeiter dem irrationalen Verhalten ihrer Vorgesetzten entgegensetzen können und welche Rolle der Sinn im Beruf spielt.

Herr Wehrle, sie sagen: „In vielen Firmen herrscht das Diktat der Unvernunft. Mitarbeiter müssen tun, was ihnen gesagt wird, weil es ihnen gesagt wird – auch wenn es der letzte Unsinn ist. Regeln ersetzen den gesunden Menschenverstand. Das Betriebsklima orientiert sich vor allem an der Laune der Chefs.“ Was sind die häufigsten Dinge, mit denen Führungskräfte ihre Mitarbeiter in den Wahnsinn treiben?

Wehrle: Zum Beispiel: unrealistische Vorgaben. Vor über 2.300 Tagen sollte der Flughafen Berlin-Brandenburg eröffnet werden. Doch bis heute hat nur eines abgehoben: die Selbstüberschätzung der Bauleiter. Oder: Immer mehr Teams werden massiv gekürzt, während die Arbeit zunimmt.

Und wenn sieben Leute einen Job machen sollen, den früher zehn gemacht haben, dann geht das über die Kräfte hinaus. Darum ärgert es mich so, dass Unternehmen Mitarbeiter, die dann zusammenklappen, oft als „Burn-out-Persönlichkeiten“ bezeichnen – nicht die Menschen sind zu weich, die moderne Arbeit ist zu hart.

Vor neun Jahren haben Sie einen Bestseller („Ich arbeite in einem Irrenhaus“) zum gleichen Thema geschrieben. Was hat sich seitdem geändert? Ist das Prinzip des „Wahnsinns“ gleich geblieben oder haben sich nur die Themen geändert?

Wehrle: Es ist nicht nur das gleiche Prinzip geblieben – es ist leider noch schlimmer geworden. Ich hatte in meinem „Irrenhaus-Buch“ mehr Ehrlichkeit in den Unternehmen gefordert, herausgekommen ist: Diesel-Gate. Ich hatte mehr Personal gefordert, herausgekommen ist Mainz, wo die Bahn durch Kürzungen ein totales Chaos verursachte.

Ich hatte gerechtere Löhne gefordert, herausgekommen ist ein Mindestlohn, der mit tausend Tricks umgangen wird. Und ich hatte den Führerschein für Führungskräfte gefordert. Ans Licht gekommen sind mittlerweile Chefs, denen nicht mal der größte Serienmord der deutschen Geschichte aufgefallen war, obwohl dieser am Arbeitsplatz verübt wurde – ich spreche vom Krankenpfleger Nils Högel.

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen für diesen weitverbreiteten „Wahnsinn“ in Unternehmen und das „irrationale“ Verhalten vieler Manager?

Wehrle: Mein Buch endet mit dem Kapitel: „Tschüss, Kapitalismus“. Ich glaube, die soziale Marktwirtschaft ist auf der Strecke geblieben, viele Firmen sind nur noch auf gute Quartalszahlen und schnelle Gewinne aus. Die Führungskräfte geben diesen Druck an ihre Mitarbeiter weiter.

Eigentum verpflichtet offenbar zu gar nichts mehr, außer es blitzschnell zu mehren. Aber wer immer nur wachsen und seine Gewinne über Nacht verdoppeln will, der beutet fast zwangsläufig die Natur und dann auch seine Mitarbeiter aus. Was gesund wächst, wächst langsam und organisch. Nur Krebsgeschwüre wachsen unbegrenzt.

 

INTERVIEW MIT MARTIN WEHRLE: „NOCH SO EIN ARBEITSTAG, UND ICH DREH DURCH – WAS MITARBEITER IN DEN WAHNSINN TREIBT“

 

Können Sie in dieser Hinsicht einen Unterschied im Führungsverhalten von Konzernen und Mittelstand feststellen?

Wehrle: Absolut. Viele mittelständische Unternehmen werden noch von Generation zu Generation geführt, mit langem Atem. Zum Beispiel schildere ich in meinem Buch den Fall eines Mitarbeiters, dessen Kind nach der Geburt zwischen Leben und Tod schwebt. Sofort sagt der Chef des mittelständischen Unternehmens: „Kommen Sie nur noch zur Arbeit, wenn es wirklich geht – kümmern Sie sich erst mal um Ihr Kind.“

Nach einiger Zeit geht es dem Kind wieder gut – und der Mitarbeiter ist seither von keinem Headhunter aus dieser Firma zu locken. Gute Führung stellt sich gerade hinter die Menschen, wenn es ihnen nicht so gut geht oder sie Fehler gemacht haben. In Konzernen dagegen gelten Mitarbeiter oft nur noch als Ballast, den es über Bord zu werfen gilt, damit der Börsenkurs wieder abhebt.

Ein wichtiger Trend der Arbeitswelt 4.0 ist eine ausgewogene Work-Life-Balance, mit der zahlreiche Firmen in Ihren Stellenanzeigen werben. Gleichzeitig steigt die Zahl der Burnout-Fälle und psychischen Erkrankungen bei Arbeitnehmern immer mehr an. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Realität aus?

Wehrle: Wann wird am meisten vom Frieden geredet? In Kriegszeiten. So verhält es sich auch mit der Work-Life-Balance: 70 Prozent der Deutschen geben an, auch nach Feierabend für ihren Chef erreichbar zu sein. In meinem Buch schildere ich, dass die Arbeit sich wie ein Trojanisches Pferd in unser Privatleben geschlichen hat.

Durch die modernen Medien sind wir für unsere Firmen sogar im Schlafzimmer oder am Urlaubsstrand greifbar. Und wer zwei Wochen in Urlaub fahren will, muss oft eine Woche zusätzliche Vorarbeit und eine Woche zusätzliche Nacharbeit leisten – sodass es den Urlaub nur noch an einem Ort gibt: auf dem Papier. In den USA lassen die Leute schon die Hälfte ihres Jahresurlaubs verfallen.

Ein Kapitel Ihres Buches trägt den Titel „Sklavenfron statt Mindestlohn“. Wie ist es um die oft titulierte leistungsgerechte Bezahlung in deutschen Unternehmen bestellt?

Wehrle: Die Gehaltsstrukturen in Deutschland sind schief wie der Turm von Pisa. Als Gehaltscoach wundere ich mich oft, dass zwei Leute, die Schreibtisch an Schreibtisch sitzen, für dieselbe Arbeit völlig unterschiedlich bezahlt werden. Und 2,7 Millionen Menschen in Deutschland wird der Mindestlohn verweigert.

In meinem Buch beschreibe ich die faulen Tricks: Zum Beispiel bekommen Mitarbeiter von Solarien einen Haufen Gutscheine zur Nutzung der Sonnenbank, die ihnen dann auf den Lohn gerechnet werden.

 

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Wie sollte man sich als Mitarbeiter Ihrer Meinung nach am besten verhalten im Spannungsfeld zwischen Konflikt und Kooperation?

Wehrle: Ich wünsche mir mehr Solidarität unter den Mitarbeitern: dass die Alten aufstehen, wenn junge nur noch befristete Verträge bekommen; dass die Jungen aufstehen, wenn alte raus gedrängt werden; und auch, dass die Männer aufstehen, wenn über Kolleginnen sexistische Sprüche geklopft werden.

In meinem Buch schildere ich den Fall einer Frau, die hinter ihrem Rücken als „C-Mitarbeiterin“ bezeichnet wurde. Sie dachte schon, das hätte mit ihrer Arbeitsqualität zu tun, fand aber heraus: Es handelte sich um Spekulationen über ihre Körbchengröße. Wer bei so etwas mitmacht, macht sich schuldig.

Ein weiterer Bestseller von Ihnen trägt den Titel „Der Klügere denkt nach: Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein“. Welche Möglichkeiten haben introvertierte Menschen, in dieser Arbeitswelt zu überleben?

Wehrle: Mein wichtigster Ratschlag: Imitieren Sie nicht einfach die Lauten! Vielmehr sollten Introvertierte ihre eigenen Stärken ausspielen: Tiefgang, Ausdauer und intellektuelles Vermögen. Aber es ist auch nötig, die eigenen Qualitäten ins rechte Licht zu rücken.

Zum Beispiel: Bereiten Sie Meetings gründlich vor, dann fällt Ihnen das Reden deutlich leichter. Und es hilft auch, ein Schriftstück mit dem eigenen Namenszug auszuteilen, zum Beispiel ein pfiffiges Strategiepapier.

Das Thema Sinn in Arbeit und Beruf spielt Umfragen zufolge eine zunehmend wichtige Rolle. Wie stellt sich die Realität dar? Was raten Sie Unternehmen und Mitarbeitern?

Wehrle: Die Realität ist: Die meisten Firmen definieren ihre Aufgabe darin, immer mehr Gewinn zu erwirtschaften. Aber ein Unternehmen hat der Gesellschaft zu dienen. Das zeichnet sinngetriebene Firmen aus: dass sie alles tun, um besser zu werden und den Nutzen des Kunden zu steigern – statt nur auf die Zahlen zu starren. In solchen Firmen können die Mitarbeiter noch Zufriedenheit finden, weil der Rahmen stimmt, um einen guten Job zu erledigen.

Was kann Ihrer Meinung nach die Arbeitswelt überhaupt noch retten?

Wehrle: Ich glaube, wir müssen die soziale Marktwirtschaft wieder einführen. Der Staat muss Firmen zwingen, dass sie anständig mit ihren Mitarbeitern umgehen und sich der Gesellschaft verpflichtet fühlen. Unter anderem schlage ich einen Führerschein für Führungskräfte vor.

Denn wie kann es sein, dass jeder Mofafahrer einen Führerschein braucht, aber wer tausend Mitarbeiter führen will, braucht nur tausend Mitarbeiter? Ebenso bin ich für ein „Verzeichnis der miesen Arbeitgeber“, in dem gehäufte Burnout- und Mobbingfälle, die von Ärzten zu melden sind, öffentlich aufgeführt werden. Dann sammeln sich die besten Mitarbeiter bei den menschlichsten Firmen. Und die anderen sind gezwungen, ihre Strukturen menschlicher zu gestalten.

Seit 2007 geben Sie in der Karriereberater-Akademie Ihre Erfahrungen an andere Coaches weiter. Was steckt genau dahinter?

Wehrle: Als Karriereberater war ich recht schnell erfolgreich. Und immer mehr Kollegen wollten von mir wissen: „Wie machst du das eigentlich?“ Auf diese Frage antworte ich in meinen Coaching-Fachbüchern, unter anderem „Karriereberatung“ und „Die 100 besten Coaching-Übungen“. Und ich zeige es in meiner Ausbildung, bei der wir sogar mit realen Klienten arbeiten.

Als einziger Coaching-Ausbilder in Deutschland schreiben wir Gratis-Coachings zusammen mit großen Medien aus und am Ende des Kurses kann jeder Teilnehmer sein Wissen dann in der Praxis anwenden. Mir ist ganz wichtig, dass Karriereberater verantwortungsvoll und kompetent agieren. Deshalb legt die Ausbildung so großen Wert auf Übungen und einen hohen Praxisanteil. Der Kurs muss Spaß machen.

Welches Seminar- und Coaching-Angebot bieten Sie an (für „Nicht-Coaches“)?

Wehrle: Ich coache täglich Menschen in Karrierefragen, bin allerdings meist auf lange Frist ausgebucht. Und oft trete ich für Firmen und Institutionen als Redner auf, unter anderem zu den Themen Führungskultur, Gleichstellung und den Geheimnissen einer gelungenen Kommunikation. Ich liebe es sehr, meine Gedanken und Erfahrungen mit einem Publikum zu teilen.

Sie selbst haben eine Karriere in der Wirtschaft gestartet, bis Sie sich Anfang der 2000er Jahre als Karriereberater selbstständig gemacht haben. Wie kam es zu dem Wechsel?

Wehrle: Ich wollte Menschen möglichst unabhängig beraten. Als Führungskraft musste ich zwei Göttern dienen: der Geschäftsleitung und meinen Mitarbeitern. Das war oft schwer unter einen Hut zu bringen. Als Karriereberater jedoch bin ich völlig unabhängig und kann mein Wissen aus der Führungsetage nutzen.

Das fand ich sehr reizvoll. Außerdem wollte ich immer schon Bücher schreiben, und damals erschien dann mein erstes, mit dem Titel „Geheime Tricks für mehr Gehalt“.

Was treibt Sie persönlich an?

Wehrle: Der Wunsch, die Welt ein klitzekleines Stückchen zu verbessern: die Führungskultur, die Arbeitswelt und das Miteinander. Ich kämpfe dafür, dass es in der Arbeitswelt gerecht zugeht, dass Menschen im Job ihre Würde bewahren – und dass nicht nur Menschen der Arbeit dienen, sondern vor allem umgekehrt.

Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens?

Wehrle: Jene Tage, an denen ich mir diese Frage nicht stellen muss – weil sie sich erfüllt anfühlen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.karriereberater-akademie.de und www.wehrle-redner.de
Bilder: André Heeger / Cover: Mosaik Verlag

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