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Interview mit Rudolf Schenker, Scorpions: „Rock your Life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

9. Oktober 2020 0 comments
Interview mit Rudolf Schenker, Scorpions: „Rock your Life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

Rudolf Schenker ist Gründer und Gitarrist der Scorpions, einer der erfolgreichsten internationalen Rockbands, die seit mehr als 50 Jahren besteht. Wie er aus einem kleinen Kaff in Niedersachen gegen alle Widerstände die Welt eroberte, hat er 2009 in seinem Buch „Rock your life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“ beschrieben, das bis heute nichts an Motivations-Kraft eingebüßt hat. Damit möchte er vor allem Menschen Mut machen, über ihr eigenes Leben nachzudenken und selbst ihre wahren Lebensträume zu verwirklichen. Er ist davon überzeugt: Jeder kann es schaffen! Im Interview erklärt Rudolf Schenker, warum es so wichtig ist, seinem wahren Traum zu folgen, was es braucht um ihn zu realisieren und wie man es schafft, die größten Hürden zu überwinden. Außerdem spricht er über seinen Bezug zu Yoga und Meditation, was ihn mit 72 Jahren immer noch antreibt und über seinen persönlichen Sinn des Lebens.

Rudolf, was hat Dich damals dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben? Was wolltest Du damit bewirken?

Rudolf: Ich wollte den Leuten zeigen, dass es für jeden möglich ist, etwas ganz besonderes aus seinem Leben zu machen und seinen Traum zu verwirklichen. Gegen alle Widerstände, egal woher sie kommen. Und die Menschen dazu ermutigen, über ihr Leben nachzudenken. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür.

Meine Startbedingungen waren äußerst ungünstig. Ich bin in Saarstedt aufgewachsen, ein Ort, der damals die Pestbeule Niedersachsens genannt wurde, mit vielen Ganoven. Ein kleines Kaff, das nicht das Tor zur Welt war, sondern eher ein Tor zum Abgrund. Als ich in den 1960er Jahren eine Band gründete, die englische Rockmusik spielte, wurde ich von allen nur belächelt.

1970 habe ich in einem Interview gesagt, dass die Scorpions einmal zu den 30 größten Rockbands der Welt gehören werden. Die Leute lächelten darauf mitleidig und sagten: „Rudolf, das schaffst Du nie!“ Und heute spielen wir längst in dieser Liga und zählen zu einer Handvoll Bands auf der Welt mit über 50jähriger Bandgeschichte. Mein Geheimnis? Ich habe Spaß an dem, was ich tue, jeden Tag!

Der Glaube daran ist der entscheidende Punkt für den Erfolg gewesen. Und der Drang, die Vision umzusetzen, gegen alle Widerstände. Das wollte ich den Lesern meines Buches vermitteln. Glaube an Dich, egal was du machst! Ob Du als Rock ’n‘ Roll Star oder sonst ein glücklicher Mensch werden willst, wenn Du das in Deiner Matrize einprägst, dann wird das wahr!

Ich möchte Menschen ermutigen, die immer jemand anders sein wollen, aber nicht sie selbst. Und ihnen die dahinterstehende Kraft und Freude aus dem, was ich erreicht habe, vermitteln. Orientiere dich nicht nach jemand anderem, sondern sei Du selbst! Schau nicht andere Filme an, sondern mach Deinen eigenen Film!

Genau diese Inspiration will ich den Menschen als ehemaliger kleiner Junge aus Saarstedt, der seinen Erfolg geschafft hat, mit auf den Weg geben. Die vielleicht auch wie ich aus einem kleinen Nest kommen und denken, das geht ja sowieso nicht. Ich will zeigen, dass alles möglich ist!

 

Hier das Interview mit Rudolf Schenker als Podcast hören (oder auf iTunes oder Spotify / SinndesLebens24):

Du zitierst in Deinem Buch auch den brasilianischen Bestseller-Autor Paulo Coelho mit den Worten: „Erst die Möglichkeit, einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.“ Warum ist das so wichtig?

Rudolf: Träume sind absolut wichtig! Ein Traum ist das Verlangen nach etwas, wonach Du Sehnsucht hast. Wenn Du dieser Sehnsucht, diesem Weg nicht folgst, wohin sollst du dann gehen? Wem willst Du dann folgen? Das ist doch der entscheidende Punkt! Bob Dylan hat mal gesagt, Du musst nicht das machen, was andere sagen, sondern was Du selbst für richtig empfindest.

Genau so ist es. Auch wenn die Leute zu Dir sagen: „Sei doch nicht verrückt, hör auf zu spinnen!“ Das habe ich früher auch immer gehört. Ich dachte mir nur, lass die mal reden, die werden dann schon sehen. Aus dieser Situation heraus habe ich eine ganz besondere Festigkeit entwickelt.

Das ist das Geheimnis, das ich in dem Buch „Rock your life“ zeigen wollte. Dass man keine Angst haben darf, sondern seinen Traum verwirklichen muss, mit Spaß und Freude daran. Und wenn Du diesen Traum immer verfolgst, dann wirst Du etwas Großartiges erreichen!

Du hast auch viele persönliche Erlebnisse, bei denen Du Menschen in Deinem Umfeld dazu inspiriert hast, ihren Traum zu leben. Kannst Du dafür ein Beispiel geben?

Rudolf: Mit der Band bin ich viel um die Welt gereist und habe mich oft nach den Auftritten oder an freien Tagen in Clubs oder sonst wo mit den Leuten unterhalten, wenn sie nette Typen waren. Die Gespräche kamen oft zu dem Punkt, dass sie über Ihre wahren Lebensträume gesprochen haben und ich habe dann immer versucht, sie zu motivieren. Irgendwann Jahre später traf ich manche wieder, die dann plötzlich Erfolg hatten.

So kam bei einem Konzert der Rolling Stones, zu dem ich eingeladen war, plötzlich der Stage Manager auf mich zu: „Mensch Rudolf, das gibt’s doch gar nicht! Kannst Du Dich noch an unser Gespräch im Rainbow erinnern? Ich hab Dir doch damals erzählt, dass ich Musiker werden will.

Da hast Du gesagt: Nicht reden, sondern machen, machen, machen! Das hat mich so inspiriert, dass ich mir sofort eine Gitarre gekauft und losgelegt habe. Ich bin zwar kein Gitarrist geworden, habe mich aber trotzdem in der Musikbranche durchgesetzt und bin jetzt bei den Rolling Stones. Das war eine Anregung von Dir“.

Das ist mir nicht nur einmal, sondern vielfach passiert. Und das war auch ein Grund für mich, dieses Buch zu schreiben, um noch mehr Menschen zu erreichen.

 

Interview mit Rudolf Schenker, Scorpions: „Rock your Life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

 

Was ist Deiner Meinung nach der Hauptgrund dafür, dass sich die wenigsten Menschen daran machen, ihre wahren Lebensträume zu verwirklichen? 

Rudolf: Das ist die Sicherheit! Viele arbeiten doch ihr Leben lang nur auf die Rente hin. Sie machen einen Job, der sie nicht erfüllt und sagen, das mache ich, da verdiene ich viel Geld und damit ist alles klar. Und wenn sie doch anfangen, zaghaft an ihrem Traum zu arbeiten und die Leute sagen, hör doch auf zu spinnen, geben sie schnell wieder auf.

Dann kommt die richtige oder falsche Frau, das Kind, die Heirat und schon sind sie gefangen. Und dann haben sie ihren Hobbykeller, in dem sie das machen, was sie eigentlich erfüllt. Das heißt, viele Menschen machen das, was sie gerne machen, nur als Hobby. Und ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.

Was ich jetzt immer ganz gerne sage, mit meinen 72 Jahren ist: Ich bin an der Gesellschaftsregelung vorbeigegangen und habe mich ihr nicht unterwerfen müssen. Ich habe immer an der Grenze der herkömmlichen Gesellschaftsform gelebt und habe dadurch ein Leben führen können, bei dem ich auf der einen Seite Beobachter bin und auf der anderen Seite Macher. Indem ich Musik mache und mit der Musik Brücken bilde und einfach Menschen verbinde.

Wie hast Du denn in Deiner frühen Zeit die Leidenschaft für die Musik entdeckt?

Rudolf: Als Teenager liefen bei mir schon früh nicht die deutschen Radio-Sender, sondern ich habe bei Radio Luxemburg oder Radio Monte Carlo in die Welt hineingeblickt und dieser packenden Rockmusik zugehört. Angefangen bei Little Richard und Chuck Berry bis hin zu Elvis Presley, die haben mich so fasziniert.

Ich hatte dann eine Gitarre bekommen, wollte aber eine Band haben. Weil ich auch Fußball gespielt habe und im Team arbeiten wollte. Als die Beatles und Rolling Stones kamen, hat mich das auf einmal richtig gepackt. Ich habe mich dann von Tag zu Tag mehr diesem Traum hingegeben.

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Trotzdem hast Du ja zunächst eine klassische Ausbildung gemacht. Wie wichtig war das für Dich als stabile Basis?

Rudolf: Als meine Mutter gehört hatte, dass ich Musiker werden will, sagte sie zu mir: „Hör mal zu, Du lernst mir erst mal einen vernünftigen Beruf und danach kannst Du machen, was Du willst!“ Dann habe ich eine Lehre als Starkstromtechniker gemacht, was ja nicht schlecht war. Ich konnte das in der Anfangsphase der Band sehr gut verbinden und kaputte Lautsprecher und anderes selbst wieder reparieren.

Vor allem war die Lehre auch deswegen nicht schlecht, weil ich meine gesamte Persönlichkeit damit stabilisieren konnte. Denn wenn Du aus der Schule kommst und gleich als Rockmusiker anfangen willst, dann kannst du schnell unter die Räder kommen. Das ist nicht wenigen auch so passiert. So konnte ich mich gut über Wasser halten. Nebenbei habe ich trotzdem Musik gemacht, das war kein Problem. Ich konnte meiner Mutter den Gefallen tun, eine Ausbildung zu machen und trotzdem nebenbei meinen Traum leben.

In der frühen Phase hast Du ja zwei Leidenschaften verfolgt: Fußball spielen und die Musik. Wie kam es zur Entscheidung, Dich 100-prozentig auf die Musik zu konzentrieren?

Rudolf: Ich bin früher gerne Fußballer gewesen, dieses Mannschaftsspiel hat mir unheimlich viel Spaß gemacht. Als mich dann mehr und mehr mit der Musik verband, wurde es schwierig, beides unter einen Hut zu bringen. Am Wochenende waren die Auftritte und die Fußballspiele. Wir waren mit der Band am Samstag bis drei Uhr früh unterwegs und Sonntag morgens war das Fußballspiel.

Das konnte nicht länger so funktionieren. Die Entscheidung für die Musik hatte ein Arbeitsunfall herbeigeführt. Ich war damals Starkstromelektriker im Freileitungsbau und habe mir den Mittelfußknochen gebrochen. Das war das Aus für den Fußball.

Daraufhin habe ich mich voll in die Musik reingekniet und von da an war auch alles klar. Das heißt also, das Schicksal hat bei mir auch mitgespielt. Ich habe vorher meine Zeit vergeudet, indem ich beides zusammenbringen wollte, statt mich auf eine Sache zu konzentrieren. Das war wahrscheinlich der Sinn dahinter. Ich sehe es als eine Orientierung, einen Wink von oben.

Warum ist es so wichtig, sich nicht zu verzetteln und den Fokus auf eine Sache zu legen?

Rudolf: Wenn man seinen Traum verwirklichen will, darf man das nicht auf kleine Jungen Art tun und sagen: Ich werde es mal ein ganz kleines bisschen versuchen. Nein! Wenn Du überzeugt bist von etwas, dann musst Du da voll reingehen! Dann macht das auch noch Spaß!

Ein bisschen rumstochern macht doch keinen Spaß, da stocherst Du überall nur rum. Du musst Dich voll in die Sache einbringen, mit Deinem ganzen Dasein. Nur so kannst Du Dich selbst und Deine Umgebung inspirieren und auch mit Erfolg rechnen.

 

Interview mit Rudolf Schenker, Scorpions: „Rock your Life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

 

Wie wichtig ist für Dich die Freundschaft innerhalb der Band?

Rudolf: Die Freundschaft ist von Anfang an bis heute die wichtigste Grundlage der Band – wir wollten nicht nur eine Arbeitsgemeinschaft, sondern auch ein Freundeskreis sein. Als die Beatles und die Rolling Stones aufkamen, haben sie mich sofort begeistert. Das waren für mich naiv gesehen vier oder fünf gute Freunde, die zusammen Musik machen und um die Welt reisen.

Das war auch der rote Faden bei den Scorpions. Gute Musiker ja, aber kein Mittel zum Zweck, sondern vor allem Menschen, mit denen man eine gute Freundschaft aufbauen kann.

Franz Beckenbauer zum Beispiel hatte im Fußball ein sehr gutes Gefühl für die richtige Chemie im Team. Deswegen ist er mit seiner Mannschaft auch Weltmeister geworden. Denn er wusste ganz genau, welche Leute aufgrund ihrer Chemie zusammengehören. Was passt zusammen, damit es auf lange Zeit funktioniert. Das ist ein wichtiger Faktor.

Deswegen existieren die Scorpions noch heute nach über 50 Jahren Bandgeschichte und bei den Rolling Stones ist es das gleiche. Bei den Beatles dagegen ist es etwas anders gelaufen, sie sind früh verbrannt. Weil sie so eine ungeheure Kreativität entwickelten und dabei die Egos züchteten.

Durch diese Ego-Züchterei ist dann etwas passiert, was natürlich nicht passieren darf: Dass der Mensch nicht mehr dazu in der Lage ist, in der Gemeinschaft zu arbeiten. Die Rolling Stones oder die Scorpions haben sich eher als Gruppe gesehen. Und dieses Gruppen-Denken, diese Gang-Form etwas gemeinsam zu schaffen und zusammen durch dick und dünn zu gehen ist ganz entscheidend.

Du praktizierst ja seit Deinem 18. Lebensjahr Yoga und Meditation – was man auf den ersten Blick ja nicht von jedem Rockmusiker erwarte würde. Wie wichtig sind diese Aspekte in Deinem Leben?

Rudolf: Yoga und Meditation haben für mich schon sehr früh eine zentrale Rolle gespielt und mir sehr geholfen. Mein Vater hat mich dazu inspiriert. Ich habe mich auch mit den dahinterstehenden Schriften aus dem Buddhismus und dem Hinduismus auseinandergesetzt, das hat mich begeistert.

Meditation und Yoga sind nicht nur wichtig, um sich zu entspannen, zu konzentrieren und vor allem eine echte tiefe Beziehung zu sich selbst zu entwickeln, sondern fördern auch die Kreativität und Selbstvertrauen und helfen dabei, die eigenen Visionen zu verwirklichen. Zudem ist mir dadurch der Erfolg auch nicht zu Kopf gestiegen und ich bin immer auf dem Boden geblieben.

Früher ging bei mir der Tag so los, dass ich morgens nach dem Aufwachen zuerst meditiert habe. Dann bin ich gleich von der Meditation zum Komponieren übergegangen und habe Gitarre gespielt. So habe ich es erreicht, dass ich in eine gewisse Frequenz hineingekommen bin, die es mir ermöglicht hat, mich mit sehr kreativen Ideen als Komponist auszuleben.

Ein Beispiel: Als ich vor kurzem mal wieder Jimmy Page von Led Zeppelin getroffen hatte, kamen wir auf das Thema Inspiration und ich sagte ihm „Als ich Deinen grandiosen Song „Stairways to Heaven“ zum ersten mal gehört habe, habe ich zu mir gesagt, sowas will ich auch mal schreiben. Und dann ist Jahre später „Still loving you“ dabei herausgekommen.“ Ich hatte also die Vision, einen ähnlich tiefgehenden und erfolgreichen Song in dieser Art zu schreiben und die Meditation hat mir dabei geholfen, diese Vision zu realisieren.

Wenn man sich in diese Welt hineinversetzt, kann man das schaffen – und zwar jeder, nicht nur ich! Die meisten Menschen leben in der Oberflächlichkeit und gehen nicht in die Tiefe. Wenn Du in die Tiefe gehst – und dabei hilft die Meditation extrem –, dann wirst Du Deinen Traum verwirklichen können.

Das ist nicht nur meine Meinung, sondern da gibt es Menschen wie Paulo Coelho oder Eckhart Tolle – sehr gute Freunde von mir –, die das genauso sehen und es in ihrem Leben auch so erfahren haben. Diese Menschen um mich zu haben und über das Leben und die Welt zu diskutieren, macht extrem Spaß und inspiriert.

Als jedoch der große Erfolg kam, bin ich mit Ende Zwanzig grob fahrlässig mit dieser Philosophie umgegangen und habe lieber auf Partys gefeiert, als zu meditieren. Als ich dann von Tourneen zurückgekommen bin, wurde mir bewusst: Mensch irgendwas fehlt dir, irgendwas ist mit dir nicht in Ordnung!

Und dann fiel mir ein, Du meditierst ja gar nicht mehr. Wenn Du nicht meditierst und Dich nicht mit dir auseinandersetzt, gehen Dein Geist und Körper verschiedene Wege. Durch die Meditation habe ich immer wieder zurück zur Mitte gefunden und kam in die tiefe Verbindung zu mir selbst. Das hat mich davor bewahrt, abzurutschen, wie es eben Jimi Hendrix und anderen Leuten passiert ist.

Meditation stärkt auch die Selbstliebe – eine Liebe, die das behüten des Lebens bedeutet. Das heißt: Du bist geschaffen worden, nicht um Dein Leben wegzuschmeißen, sondern es in seiner besten Form, die man zur Verfügung hat, darstellen zu können.

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Der Weg zum Erfolg – egal um was es geht – ist ja unweigerlich mit Phasen des Scheiterns gepflastert. Paulo Coelho schreibt in seinem Vorwort zu Deinem Buch folgendes dazu: „Die Geschichten von Rudolf sind ein wenig wie die Geschichten von Menschen, die an ihre Träume glauben und trotz der Hammerschläge des göttlichen Schmieds den Mut haben, weiterzumachen.“ Was ist dein Rezept dafür, mit Rückschlägen umzugehen und nicht aufzugeben?

Rudolf: Der Sänger Bono von U2 hat in einem Interview gesagt: „Wenn etwas ganz schwer auf uns zu kam, dann haben wir eben Judo gemacht!“ Genau das habe ich auch immer getan. Was bedeutet das? Du musst in der Lage sein, die negative Energie in positive umzudrehen. Das heißt, der Feind kommt auf Dich zu, Du greifst den Arm, wirfst den anderen über die Schulter und legst ihn aufs Kreuz. Und genau so kannst Du das auch mit negativer Energie tun.

Entweder verbindest Du Dich mit ihr, gräbst Dich ein und machst Dich fertig. Oder Du nimmst die negative Energie und polst sie sofort ins Positive um – ohne wenn und aber! Dadurch hast Du die gesamte Kraft des Negativen genutzt und bist sofort wieder einen Schritt weiter.

Gibt es da ein markantes Beispiel, dass das deutlich macht?

Rudolf: Natürlich, die Stimmproblematik von Klaus! Wir standen 1982 gerade vor dem großen weltweiten Durchbruch und waren bei der Produktion unseres Albums „Blackout“. Da wurde die Stimme von Klaus plötzlich immer problematischer. Wir mussten die Aufnahme unterbrechen, Klaus hat sich untersuchen lassen und man hat Knötchen an den Stimmbändern entdeckt.

Der Arzt sagte zu ihm, er solle sich nach einem anderen Job umsehen, denn mit dem Singen ist es vorbei. Da kam Klaus zu mir und sagte: „Ich möchte Euch nicht weiter aufhalten in Eurer Entwicklung. Ich höre auf, das hat keinen Zweck mehr.“ Ich antwortete ihm: „Klaus, quatsch! Hau rein, mach alles, was Du kannst, um wieder fit zu sein!“

Daraufhin hat Klaus angefangen, alles Mögliche zu unternehmen, um seine Stimme wieder herzustellen und wurde auch an den Stimmbändern operiert. Wegen der Unterbrechung bin ich in den Urlaub auf die Philippinen geflogen und habe die Zeit genutzt, um noch zwei weitere Songs für das Album zu schreiben: „Dynamite“ und „China White“.

Das heißt, ich habe mich nicht abturnen lassen, sondern war voll Inspiration und Vertrauen. Und dieses Vertrauen hat dann wiederum in Bewegung gesetzt, dass Klaus alles getan hat, um sich wieder in Bewegung zu setzen.

Wir hatten noch genug Zeit, um das Album „Blackout“ wirklich hammermäßig zu machen. Bei den Aufnahmen hat uns Don Dokken geholfen und die Songs eingesungen, sodass wir auf dieser Basis schon mal die Arrangements mit den Instrumenten machen konnten. Und dann kam Klaus wieder zurück, mit voller Stimme, mit voller Freude.

Was ist passiert? „Blackout“ ist weltweit in die Top Ten der Album-Charts geklettert und wurde von einer riesen Tour begleitet! Das war der Oberhammer! Die Single „Rock you like a Hurricane“ war plötzlich der Nummer Eins Rock-Song in Amerika – von einer deutschen Band gespielt!

Das ist ein gutes Beispiel dafür. Dass wir nicht gejammert und gesagt haben, wir suchen uns gleich einen anderen Sänger. Nein! Man glaubt an das, was man hat! Und gibt dem, dem man den Glauben schenkt auch die Kraft und den Rückhalt! Dieses gegenseitige Vertrauen gibt unglaubliche Kraft und bringt ungeheure Energien mit sich. Wir haben gezeigt, dass die Freundschaft wirklich bestand hat und die negative Energie sofort in positive Energie umgewandelt.

Was sagst Du zum Thema Geld in diesem Kontext, wenn es um die Realisierung eines Lebenstraumes, einer Berufung geht? Vor allem in der Zeit vor dem großen Durchbruch?

Rudolf: Ich muss ganz ehrlich sagen, Geld hat für mich nie wirklich eine Rolle gespielt. Am Anfang war es einfach so, dass ich alles, was ich an Geld hatte, in die Band reingesteckt habe, um einfach den nächsten Schritt zu erleben. Ich habe alles vorgeschossen und zunächst nichts rausbekommen. Das hätte ja auch in die Hose gehen können. Aber das hat keine Rolle gespielt.

Ich hatte alles unter den Traum gestellt. Das heißt, es war ganz wichtig, dass die Chemie und die Vision stimmen und dass wir vorankommen. Und nicht nur das zu machen, was Kohle bringt, nein, sondern auch, was wichtig ist, um Menschen zu verbinden und Brücken zu bauen, wie zum Beispiel bei unseren ersten Auftritten in Russland.

Die Scorpions sind ja auch als eine der ersten westlichen Rockbands 1988 in Russland aufgetreten. Wie kam es dazu? Welche Motivation stand dahinter?

Rudolf: Mir ging es immer darum, nicht nur das zu machen, was Kohle bringt, sondern auch Brücken zu bauen und Menschen zu verbinden. Mitte der 1980er Jahre habe ich gesagt, Jungs, wir müssen auch in Russland spielen. Die haben sich totgelacht: „Was sollen wir denn da machen?“ Ich sagte: „Wir müssen den Russen zeigen, dass aus Deutschland eine neue Generation herauskommt. Die nicht mit Panzern zum Krieg kommt, sondern mit Gitarren und Love, Peace and Rock ‚n‘ Roll bringt!“

Und so sind wir 1988 als eine der ersten westlichen Rockbands nach Russland gegangen. Wir haben 10 Tage lang in Leningrad gespielt, die geplanten Konzerte in Moskau wurden aus politischen Gründen gestrichen. Ich hatte mich durchgesetzt, dass wir 500 000 DM in dieses Projekt investieren und gleich im großen Stil auftreten.

Da haben natürlich alle gesagt: „Du bist du verrückt geworden, das kriegen wir doch nie wieder rein!“ Doch ich sagte: „Aber die Message ist doch wichtig! Und wenn wir schon in Russland spielen, dann auch vernünftig und nicht auf Halbmast.“

Schließlich hatten wir einen Riesen Erfolg. Die Leute sind ausgeflippt, waren aus ganz Russland angereist und jeden Tag hatten wir 11.000 Besucher. Ein Jahr später, im Sommer des Wendejahres 1989, sind wir wiedergekommen und beim Moscow Music Peace Festival aufgetreten, bei dem zahlreiche Bands dabei waren, wie etwa Ozzy Osbourne, Bon Jovi oder Mötley Crüe.

Obwohl wir die bekannteste Rockband in Russland waren, hatte der Manager Doc McGhee beschlossen, dass nicht wir sondern Bon Jovi als Headliner auftreten sollte. Bon Jovi war gerade sehr erfolgreich in den USA mit „Living on a Prayer“ und „You give Love a bad Name“, aber in Russland eher unbekannt.

Wir haben uns damit abgefunden. Für uns war wichtig, dass wir da spielen können und haben unglaublich abgeräumt. Als nach unserem Auftritt Bon Jovi auf die Bühne kam, sind die russischen Zuschauer in Strömen abgehauen, weil sie ihn nicht kannten. Bon Jovi sagte hinterher, nach den Scorpions trete ich nie wieder auf, die kamen wie ein Panzer auf die Bühne gerollt.

Außerdem haben wir gespürt, was sich seit 1988 innerhalb eines Jahres in Russland verändert hatte und dass da ein Wandel stattfinden wird. Klaus hat diese Vibes aufgeschnappt und davon inspiriert den Song „Wind of Change“ geschrieben – bis heute unsere erfolgreichste Single und Hymne dieser bedeutenden politischen Wende.

Was ich damit sagen will: Auch wenn es ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang war, haben wir immer auf voll gesetzt und nicht auf halblang. Letztendlich hat sich dieser Einsatz dann auch mehr als ausgezahlt.

 

Interview mit Rudolf Schenker, Scorpions: „Rock your Life: Mit Spaß zu Glück und Erfolg“

 

Die Corona-Krise hat ja auch die Unterhaltungsindustrie quasi über Nacht auf null zurückgefahren. Was hat sich für Dich besonders geändert und wie bist Du damit umgegangen?

Rudolf: Da wir keine großen Tourneen angesetzt hatten, brauchten wir auch nichts groß absagen. Wir hatten für dieses Jahr lediglich geplant, neun Konzerte in Las Vegas zu spielen. Das haben wir verschoben auf Mai 2021, im November werden wir erfahren, ob das Corona-bedingt auch wirklich stattfindet.

Derzeit arbeiten wir im Studio in Deutschland gerade an einem neuen Album. Es soll Anfang nächsten Jahres in Amerika produziert werden, vielleicht auch in Deutschland, das müssen wir sehen. Aktuell kann weder unser amerikanischer Produzent nach Deutschland, noch wir in die USA.

Aber wir stehen über Zoom in Verbindung. Wir nutzen die Zeit, indem wir uns aufs Komponieren konzentrieren und im Studio an der Demo-Phase arbeiten. Wir machen einfach das Beste daraus und sehen zu, dass es ein Hammer-Album wird.

Corona trifft jetzt vor allem junge Künstler, die ja gerade nicht mehr wie wir damals jedes Wochenende irgendwo auftreten können. Die Krise richtet hier leider einen großen Schaden an, dass Menschen nicht mehr in dieser Zusammengehörigkeit Musik erleben können. Ich hoffe, dass das bald vorbei ist und die Musik wieder ihren freien Lauf bekommt.

Nach der großen Farewell-Tour 2010 haben die Scorpions dann doch nicht aufgehört. Wie lange willst Du weitermachen? Was treibt dich noch an, nach all den großen Erfolgen, die Du in Deinem Leben erreicht hast?

Rudolf: Als wir bereits in den frühen 1990er Jahren immer wieder gefragt wurden, wie lange wollt ihr das noch machen, hat Matthias Jabs einen schönen Spruch gesagt: „Solange die Stones das machen können, können wir das auch!“ Und so halten wir es immer noch. Mich treibt an, dass die Chemie innerhalb der Band immer noch top ist und dass es weiterhin Spaß macht, Musik zu machen.

Ja, 2010 haben wir unsere Farewell-Tour gehabt und offiziell unseren Abschied von der Bühne gefeiert, das hat sich zu dem Zeitpunkt als richtig angefühlt. Aber dann hat sich alles geändert, weil wir auf der Tour sahen, wie viele ganz junge Fans wir hatten. Weil sich die unter 20-jährigen über YouTube und Facebook mit unserer Musik beschäftigten. Im Nu hatten wir bei Facebook sieben Millionen Follower. Plötzlich wurde unser Publikum immer jünger und bestand nicht mehr nur aus Leuten, die mit uns aufgewachsen sind. Das gab uns den Impuls weiterzumachen.

Das hat uns auch dazu bewegt, fünf Jahre nach der Farewell-Tour unser 50-jähriges Band-Jubiläum zu feiern. Es gibt weltweit nur drei weitere Bands, die das auch geschafft haben: Die Rolling Stones, The Who und die Beach Boys. So hat uns das Leben weiterhin in neue Situation reingezogen.

Es macht mir Spaß, dass wir heute noch als alte Hasen die Rockmusik an die jüngere Generation weitergeben können. Und junge Leute dazu inspirieren, nicht als DJ alleine aufzutreten, sondern als Band auf die Bühne zu gehen und eine Brücke zu schaffen, die Menschen verbindet.

Was ist Dein persönlicher Sinn des Lebens?

Rudolf: Wenn wir davon ausgehen, dass wir nicht nur ein Leben haben – weil Materie vergeht, der Geist aber nicht – wie es in verschiedenen Religionen dargestellt wird, dann ist das eine ganz einfache Sache. Der Sinn des Lebens besteht darin, aus unseren Erlebnissen zu lernen, uns weiterzuentwickeln und wieder zu unserem Ursprung zurückzukommen, nämlich zu endlosem Geist. Dass wir Erlebnisreisen abschließen und in Geist übergehen, bis der Kreislauf eines Tages wieder neu anfängt.

So ist das nun mal im Leben. Wenn wir das Beste daraus machen, dann haben wir eine schöne Reise durch das Leben. Und wenn nicht, dann müssen wir uns durch das Leben schlagen. Aber es muss nicht sein, dass alles nur aus Leid, Belastungen und Weinen besteht.

Der Sinn des Lebens ist es eben auch, das Beste daraus zu machen und Freude zu bringen. Du bist geschaffen worden, nicht um Dein Leben wegzuwerfen, sondern es in seiner besten Form, die Du zur Verfügung hast, erleben zu können. Also: „Rock your life!“

Das Interview führte Markus Hofelich.

Weitere Informationen unter: www.the-scorpions.com/member/rodulf-schenker/
Bilder: Scorpions / Fotografen:  Jovan Nenadic und Ralph Arvesen

 

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