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Mythos Heldenreise: Joseph Campbell’s „Der Heros in tausend Gestalten“

14. Juli 2017 0 comments
Mythos Heldenreise: Joseph Campbell, „Der Heros in tausend Gestalten“

Der Heros in tausend Gestalten“ von Joseph Campbell ist ein bahnbrechender Klassiker der Mythenforschung und Standardlektüre erfolgreicher Filmemacher. Joseph Campbell hat in Sagen, Märchen und Religionen universelle Muster und Grundtypen von Helden entdeckt, die sich weltweit in allen Kulturen wiederfinden. In seinem sogenannten „Monomythos“ hat er die Quintessenz herausdestilliert, die einheitliche Grundstruktur aller Heldenreisen: Ruf zum Abenteuer, Aufbruch, Begegnung mit einem Mentor, Gefährten finden, erste Prüfung, Entscheidungsschlacht, Rückkehr. Zentrale Themen sind Initiation, Selbstverwirklichung und Reifeprozesse. Campbells Werk hat nicht nur Filmemacher wie George Lucas („Star Wars“) stark beeinflusst, sondern liefert jedem Menschen auch Inspiration für die eigene Sinnfindung: seine Aufgabe im Leben erkennen, sich Herausforderungen stellen und daran wachsen, und schließlich sein eigenes Potenzial entfalten.

Der Monomythos: Quintessenz aller Mythen, Märchen und Sagen

Was haben Odysseus, Budda, Odin, Jesus von Nazareth und König Artus gemeinsam? Die Helden aus Religion, Mythologie und Sagen stammen zwar aus höchst unterschiedlichen Kulturkreisen und Epochen, folgen jedoch alle im Kern einem gleichen Muster. Sie alle lassen sich auf den einen Heros zurückführen, den Ursprung aller Mythen, schreibt Joseph Campbell in seinem 1949 erstmals erschienenen Buch „Der Heros in tausend Gestalten“.

Von Beginn der Menschheitsgeschichte an bis heute folgen alle erfolgreichen Geschichten und Heldensagen bewusst oder unbewusst einer großen Mythen-Schablone. Immer geht es um eine zentrale Hauptfigur, die eine wechselvolle Entwicklung durchläuft, Rückschläge einstecken muss, Enttäuschungen erlebt, Schwächen zeigt, aber an ihren Aufgaben wächst. Am Ende gelingt es ihr schließlich, ihr Potenzial zu entfalten und zum Helden zu werden.

Heldenreise

Psychologische Relevanz: Parallelen zum eigenen Leben

Campbells Erkenntnisse sind auch von bedeutender psychologischer Relevanz. Denn die Heldenreise spiegelt sich nicht nur in epischen Erzählungen wieder, sondern auch im Leben jedes einzelnen Menschen. Schließlich sind wir alle „Helden“ unseres eigenen Lebens. Dieser Zusammenhang beruht auf der Allgemeingültigkeit bestimmter psychologischer Grundsituationen.

Zwischen Geburt und Tod durchläuft jeder Mensch verschiedene Phasen, in denen er mit bestimmten Herausforderungen konfrontiert wird, die er entweder bewältigt, oder an denen er scheitert. Für den jungen Menschen gilt es leben, für den alten sterben zu lernen, so Joseph Campbell. Vor diesem Hintergrund geben Mythen dem Menschen eine lebenswichtige Orientierungshilfe zur Sinnfindung und Ausrichtung des eigenen Lebens.

Außerdem hat jede Mythologie auch die Aufgabe, das soziale Gefüge eines Stammes, einer Stadt oder eines Staates zu regeln und ein harmonisches Miteinander zu sichern. Auch hier steht im Kern der universelle Monomythos, der dann jeweils mit den lokalen Besonderheiten angereichert wird: Geographie, Kultur, Sitten und Gebräuche. Diese lokalen Besonderheiten haben eine wichtige identifikationsstiftende Funktion und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Heldenreise

 

Der Heros in tausend Gestalten: Die Stationen der Heldenreise

Die Heldenreise hat eine archetypische Grundstruktur und ist durch typische Situationsabfolgen und Figuren gekennzeichnet. Auslöser der Heldenfahrt, die den Heros aus seiner gewohnten Umgebung treibt, ist meist ein Mangel oder ein Zusammenbruch vertrauter Lebensbedingungen.

Der Heros bricht auf, um das Problem zu lösen, oder wie Campbell formuliert, das Lebenselixier zu finden, mit dem das gestörte Gleichgewicht wiederhergestellt werden kann. Damit einher geht meist ein psychologisches Ziel, eine Erkenntnis oder ein Reifeprozess, der den Heros von einem abhängigen Geschöpf zu einem „selbstverantwortlichen Schöpfer seines Lebens“ macht.

Hier die einzelnen Stationen der Heldenreise (nicht alle davon finden sich in jeder mythologisch relevanten Story wieder), wie sie Joseph Campbell in seinem Klassiekr „Der Heros in tausend Gestalten“ beschrieben hat.

Heldenreise

Die Stationen der Heldenreise nach Campbell

  1. Der Ruf des Abenteuers (Berufung): ein Mangel oder das plötzliche Erscheinen einer Aufgabe tritt auf.
  2. Weigerung: der Held zögert zunächst, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil er nicht bereit ist, Sicherheiten aufzugeben.
  3. Übernatürliche Hilfe: der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren, die ihm bei seiner Aufgabe helfen.
  4. Das Überschreiten der ersten Schwelle: der Held überwindet schließlich sein anfängliches Zögern und macht sich auf die Reise.
  5. Der Bauch des Walfischs: es treten große Probleme auf, die den Helden zu überwältigen drohen. Nun wird ihm zum ersten Mal das volle Ausmaß seiner Aufgabe bewusst.
  6. Der Weg der Prüfungen: es treten weitere Probleme auf, die als Prüfungen interpretiert werden können. Auseinandersetzungen, die sich als Kämpfe gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen können.
  7. Die Begegnung mit der Göttin: dem Helden wird die gegengeschlechtliche Macht offenbar.
  8. Die Frau als Versucherin: die Alternative zum Weg des Helden kann sich auch als vermeintlich sehr angenehme Zeit an der Seite einer verführerischen Frau offenbaren.
  9. Versöhnung mit dem Vater: der Held steht vor der Erkenntnis, dass er Teil einer genealogischen Kette ist. Er trägt das Erbe seiner Vorfahren in sich. Es kann auch sein, dass sein Gegner in Wahrheit er selbst ist.
  10. Apotheose: In der Verwirklichung der Reise des Helden wird ihm offenbar, dass er göttliches Potenzial in sich trägt.
  11. Die endgültige Segnung: Der Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann auch aus einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen Gegenstand (z.B. Ring) symbolisiert wird.
  12. Verweigerung der Rückkehr: der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
  13. Die magische Flucht: der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
  14. Rettung von außen: eine Tat oder ein Gedanke des Helden auf dem Hinweg wird nun zu seiner Rettung auf dem Rückweg. Oftmals handelt es sich um eine empathische Tat einem vermeintlich „niederen Wesen“ gegenüber, die sich nun auszahlt.
  15. Rückkehr über die Schwelle: der Held überschreitet wieder die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen ist. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren.
  16. Herr der zwei Welten: Der Held vereint das Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen und verbindet damit die Welt seines Inneren mit den äußeren Anforderungen.
  17. Freiheit zum Leben: das Elixier des Helden hat die „normale Welt“ verändert. Indem er die Welt an seinen Erfahrungen teilhaben lässt, hat er sie zu einer neuen Freiheit des Lebens geführt.

 

Heldenreise im Kino: Star Wars, Herr der Ringe und Harry Potter

Die Ideen im Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ kann man nicht nur verwenden, um alte Geschichten zu verstehen, sondern auch dafür, neue zu schaffen. So gilt der Mythen-Klassiker inzwischen längst als Standardlektüre und entscheidender Erfolgsfaktor von Drehbuchautoren und Filmemachern in Hollywood.

Einen großen Einfluss hatte Campbell auf George Lucas, der die Original-Trilogie der Star-Wars-Filme eng an den Motiven der Heldenreise ausrichtete. Besonders die zentralen Charaktere Luke Skywalker und Darth Vader basieren auf Figuren des Buchs. Als George Lucas Mitte der 1970er Jahre an den ersten Drehbüchern schrieb, suchte er auch den persönlichen Kontakt zu Campbell, der ein wichtiger Mentor und Freund für ihn wurde.

Zahlreiche weitere erfolgreiche Filmemacher wie Stanley Kubrick oder Steven Spielberg berufen sich ebenfalls auf Campbells Buch. Auch epische Blockbuster wie Harry Potter oder Der Herr der Ringe setzen auf die Theorie der Heldenreise.

Blockbuster-Filme basieren häufig auf der Theorie der Heldenreise: Das Video zu „May it be“ von Enya aus dem Soundtrack zum Film „Der Herr der Ringe“: 

Carl Gustav Jungs Archetypen

Bei den universellen Erfahrungsmustern, die sich in allen Mythologien dieser Erde nachweisen lassen und unabhängig voneinander entstanden sind, griff Campbell auf den Psychologen Carl Gustav Jung zurück. Nach Jung sind Archetypen universell vorhandene Strukturen in der Seele aller Menschen. Sie zeigen sich im einzelnen Menschen und in Gesellschaften unterschiedlich – je nach Kultur, Geschichte und Erfahrung – als archetypische Bilder und Symbole.

„Tatsache ist, dass gewisse Ideen fast überall und zu allen Zeiten vorkommen und sich sogar spontan von selber bilden können, gänzlich unabhängig von Migration und Tradition. Sie werden nicht vom Individuum gemacht, sondern sie passieren ihm, ja sie drängen sich dem individuellen Bewusstsein geradezu auf“, so Jung. Zu den Archetypen zählen die Grundformen des Weiblichen und Männlichen, etwa der Archetyp des Helden, des Vaters, der großen Mutter, des alten Weisen, des göttlichen Kindes.

Was bedeuten sie für den einzelnen Menschen? Jung beobachtete „… typische Formen, die spontan und mehr oder weniger universal, in Mythen, Märchen, Phantasien, Träumen, Visionen und Wahngebilden auftreten“. Die Archetypen zielen meist darauf ab, die Gesamtpersönlichkeit wieder ins Lot zu bringen, indem sie archetypische, von einem starken Gefühlston begleitete Symbole als Leitbilder ins Bewusstsein aufsteigen lassen. Diese Bilder und die Auseinandersetzung des Menschen mit ihnen haben die Aufgabe, der Persönlichkeit eine fundamentale Balance zurückzugeben, Sinn und Ordnung zu fördern.

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Über Mythenforscher Joseph Campbell

Joseph Campbell kam am 26. März 1904 in White Plains, im US-Bundesstaat New York zur Welt. Er wurde als Sohn irischer Einwanderer römisch-katholisch erzogen und zeigte schon im Kindesalter Interesse an den Mythen der amerikanischen Ureinwohner. Campbell studierte Englisch, Literaturwissenschaft und Sprachen an der Columbia University und an der Sorbonne in Paris.

Beeinflusst wurde er vor allem durch C.G. Jung, Heinrich Zimmer, Nietzsche und Schopenhauer, aber auch von Autoren wie James Joyce und Thomas Mann, in deren Werken er den „Geist des Mythos“ auf zeitgemäße Weise vergegenwärtigt sah. Campbell arbeitete rund vierzig Jahre als College-Lehrer am Sarah Lawrence College in Bronxville im Bundesstaat New York.

1949 veröffentlichte Joseph Campbell sein Werk „Der Heros in tausend Gestalten“ – in deutscher Sprache im Insel Verlag erhältlich –  das das Motiv der Heldenreise behandelt. Es gelangte erst nach einigen Jahrzehnten zu einer größeren Bekanntheit und beeinflusst bis heute zahlreiche erfolgreiche Filmemacher, Drehbuchautoren und Regisseure.

Eine wichtige Rolle dabei spielte auch die Beziehung zu George Lucas, der 1975 im Vorfeld der Star Wars Filme Campells Kontakt suchte. Einem Massenpublikum wurde Campbell in den USA durch die Fernsehserie „Joseph Campbell and the Power of Myth“ bekannt – eine sechsteilige Interview-Reihe mit dem TV-Journalisten Bill Moyers, die teilweise auf George Lucas Skywalker Ranch gedreht wurde.

Die Reihe erreichte unmittelbar nach Campbells Tod ein Millionenpublikum. Er starb am 30. Oktober 1987 in Honolulu auf Hawaii. Weitere Informationen gibt es bei der Joseph Campbell Foundation.

Bilder: Unsplash, Pixabay Video: Youtube

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