PhilosophieSinn des Lebens

Dr. Michael Conradt: Der Sinn des Lebens

2. Dezember 2018 0 comments
Philosoph Dr. Michael Conradt

Vom Star-Manager zum Philosophen: Dr. Michael Conradt war Philosoph aus Leidenschaft und hat zwischen 2003 und 2014 von München bis zu den Alpen mehr als 460 philosophische Veranstaltungen durchgeführt. Noch heute sendet Bayern 2 Radiowissen regelmäßig Beiträge von Michael Conradt. Doch die „Liebe zur Weisheit“ entdeckte er erst im Alter von 40 Jahren. Davor arbeitete er als Redakteur bei der Rheinzeitung, später als Pressesprecher beim Plattenlabel Ariola und schließlich managte er namhafte Künstler wie Peter Maffay und Joan Baez. Eine Lebenskrise brachte Conradt dazu, sich mit grundlegenden Fragen zu beschäftigen und er entschloss sich zu einem 10-jährigen Philosophie-Studium mit Promotion. Im Frühjahr 2015 starb er im Alter von 66 Jahren an Krebs. Der folgende Gastbeitrag von Michael Conradt mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ liefert einen pointierten, philosophisch fundierten und lebensnahen Zugang zu dieser Frage.

Einführung: Die alltägliche Sinngewissheit

 

Bayerische Alpen

 

Die Frage nach dem Sinn des Lebens beschäftigt vermutlich jeden Menschen. Allerdings nicht immer und in der Regel sogar sehr selten, nämlich nur in ganz besonderen Situationen seines Lebens. In der Routine des Alltags machen wir uns normalerweise keine Gedanken darüber. Da kümmern wir uns um das, was anliegt: Beruf, Familie, Freunde, Ehrenamt, Freizeit, Philosophiekurse und manches mehr.

All dies erscheint uns auch, ohne dass wir groß darüber nachdenken, als sinnvoll. Sonst würden wir es vermutlich nicht tun. Das ist also der Normalzustand: so etwas wie eine alltägliche, unbewusste Sinngewissheit, in der sich die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht stellt.

Auslöser der Frage nach dem Sinn: Gravierende existentielle Negativ-Erlebnisse

Nun gibt es aber Situationen, in denen dieser gewohnte Sinnzusammenhang zerreißt und das eigene Leben fragwürdig wird. Die Auslöser für einen solchen Umbruch können sehr verschieden sein. Meist ist es ein gravierendes existentielles Negativerlebnis. Dies kann ein persönliches Scheitern sein, etwa in der Ehe, also eine Scheidung, oder auch im Beruf, etwa Arbeitslosigkeit oder Insolvenz oder auch eine verweigerte Beförderung. Es kann auch ein großer unerwarteter Verlust in der Familie sein, etwa der plötzliche Tod eines nahen Verwandten.

Das sind Ereignisse, welche nicht nur die äußeren Lebensumstände verändern, sondern auch unsere innere Beziehung zu uns selber, zu unserem Leben und zur Welt überhaupt. Eben noch hatten wir alles im Griff, es war alles im Lot, und die Welt erschien uns vertraut und freundlich, überwiegend zumindest. Und plötzlich entgleitet sie uns, wird gleichgültig oder abweisend. Man fühlt sich ausgeschlossen, unbehaust und fremd und kann gar nicht so recht begreifen, was da geschehen ist und warum.

Dies sind Situationen, in denen viele Menschen beginnen, Fragen zu stellen: Was soll das eigentlich alles? Wozu das Ganze? Wozu bin ich eigentlich auf der Welt? Was soll ich hier? Das heißt, in solchen Momenten wird die Frage nach dem Sinn des Lebens ausdrücklich gestellt. Manchmal mündet sie in die Suche nach einem Ersatz für das, was man gerade verloren hat, also einem neuen Lebenspartner oder einem neuen Job.

 

Negative Erlebnisse

 

Oft aber zielt sie auf mehr. Gesucht ist ein Halt, der beim nächsten Fehlschlag nicht ins Wanken gerät, also ein Sinn, der auch ein Leben wertvoll macht, das nach den gängigen Maßstäben, die bis dahin auch die eigenen waren, gescheitert ist. Solche gravierenden existentiellen Negativerlebnisse sind also die häufigsten Auslöser für die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Das ist möglicherweise auch das, was Sigmund Freud meinte mit seinem viel zitierten Ausspruch: „Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist krank.” Das klingt zunächst so, als würde Freud diese Frage hier als abwegig und deshalb krankhaft bezeichnen, im Sinne von: Wenn jemand ein solche Frage stellt, muss er krank sein. Vielleicht meinte Freud das auch tatsächlich.

Man kann die Aussage aber auch anders interpretieren, nämlich als eine andere Formulierung dessen, was wir gerade gehört haben. Wer diese Frage stellt, durchlebt gerade eine schwere Krise, ist also nicht in bester Verfassung und in gewisser Weise tatsächlich krank. Dann wäre der Gedankengang nicht: Wenn jemand diese Frage stellt, ist er krank, sondern umgekehrt: Wenn jemand krank ist, dann stellt er sich diese Frage.

Viktor Frankl übrigens, ebenfalls ein berühmter Psychologe, sagte im Hinblick auf diese Äußerung Freuds: „Wer nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, wird krank.” Hier ist, denke ich, ziemlich klar, was gemeint ist: Die Frage und damit die Suche nach dem Sinn des Lebens hilft, aus solchen Krisen herauszukommen.

Wer sie sich nicht stellt, ist eher in Gefahr, in Resignation oder Verzweiflung zu versinken und buchstäblich krank zu werden. Die Frage nach dem Sinn des Lebens vermittelt Hoffnung, nämlich die Hoffnung, einen solchen neuen und nach Möglichkeit festeren Halt auch zu finden. So viel zu dem häufigsten Auslöser der Frage nach dem Sinn, nämlich gravierenden existentiellen Fehlschlägen und Negativerlebnissen.

Übersättigung und Überdruss

 

Überdruss und Langeweile

 

Bemerkenswerterweise hat das genaue Gegenteil einen ähnlichen Effekt. Permanente positive Erlebnisse führen nämlich ebenfalls häufig zur Sinnfrage, und zwar, weil ununterbrochener Erfolg schnell Übersättigung und Überdruss hervorruft. Das, worum man zunächst mit aller Kraft kämpfte, wird nun selbstverständlich und langweilig.

Auch dann stellen sich Fragen nach dem Sinn, diesmal meist in der Form: Soll das schon alles gewesen sein? Gibt es nicht noch etwas anderes, Besseres, wofür es sich tatsächlich zu leben lohnt? Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird also auch durch permanente positive Erlebnisse ausgelöst.

Bevorzugter Lebensabschnitt für solche Krisen, sowohl der ersten als auch der zweiten Art, ist die Lebensmitte, also das, was man gemeinhin folgerichtig als „Midlife Crisis” bezeichnet. Dies ist die Lebensphase, in der die Frage nach dem Sinn vermutlich am häufigsten gestellt wird.

Glücklicherweise erleben wir solche existentiellen Krisen nicht jeden Tag, und sie treffen den einen Menschen mehr, den anderen weniger. Aber gänzlich verschont bleibt wohl niemand. Solche Krisen gehören zum Menschsein und damit auch die Frage nach dem Sinn des Lebens. Deshalb ist sie auch von jeher ein Thema der Philosophie.

Antworten der abendländischen Geistesgeschichte

 

Athen, Akropolis

 

Wir wollen uns nun anschauen, was denn die Philosophie bisher zu diesem Thema herausgefunden hat. Es geht also jetzt um mögliche Antworten auf die Sinnfrage. Wir machen zuerst eine kleine Stoffsammlung und analysieren dann das, was wir gefunden haben.

In der abendländischen Geistesgeschichte lassen sich drei große positive Antworten herausfiltern, also Überlegungen, was denn der Sinn des Lebens ist oder sein könnte; außerdem auch die negative Antwort, also die Auffassung, dass die Welt gar keinen Sinn hat und unser Leben auch nicht. Mit den positiven Antworten fangen wir an.

Die gängige Antwort: Glückseligkeit

Die frühesten Äußerungen der abendländischen Geistesgeschichte zu diesem Thema beinhalten das, was vermutlich nach wie vor, also auch heute, von vielen Menschen als gewissermaßen selbstverständlicher Sinn des Lebens betrachtet wird, nämlich glücklich zu sein. Man bezeichnet dies in der Regel als den eudaimonistischen Sinn des Lebens. Eudaimonie ist das griechische Wort für Glück.

Drei Beispiele für diese Auffassung:

  1. Die früheste überlieferte Aussage stammt von dem vorsokratischen Philosophen Demokrit, der von ca. 460 bis 370 v. Chr. lebte. Demokrit gibt darin dem Menschen den Ratschlag, sich so viel wie möglich zu freuen und sich so wenig wie möglich zu betrüben. Darin sieht Demokrit den Sinn des Lebens.
  2. Ganz ähnlich eine Passage im Alten Testament, im Buch Der Prediger Salomo. Dort heißt es: „Da merkte ich, dass es nichts Besseres … gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben (Vers 12). Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (13).
  3. Aristoteles bringt dann das, was hier so anschaulich beschrieben ist, erstmals auf den Begriff. In seiner Nikomachischen Ethik heißt es: „Geben wir nun an, welches im Gebiete des Handelns das höchste Gut ist. Im Namen stimmen hier wohl die meisten überein: Glückseligkeit nennen es die Menge und die feineren Köpfe.“

 

Glückseligkeit

 

Das höchste Gut und Ziel des Handelns, wie Aristoteles an anderer Stelle sagt, ist also Glückseligkeit. Darin stimmten tatsächlich alle antiken Philosophen überein und ebenso „die Menge“, wie Aristoteles schreibt, und zwar bis heute, auch wenn wir nicht mehr von Glückseligkeit sprechen, sondern nur von Glück oder – noch etwas dezenter – davon, das Leben gerne zu leben.

Worin dieses Glück nun konkret besteht, darüber gingen und gehen die Meinungen dann allerdings auseinander. Darauf müssen wir jetzt nicht weiter eingehen. Letztlich gibt es da wahrscheinlich so viele verschiedene Vorstellungen, wie es Menschen gibt. Ich möchte aber einen Aspekt doch kurz ansprechen. Aristoteles schreibt, wieder in der Nikomachischen Ethik, über das Glück des Menschen:„Immer wird eine seiner eigentümlichen Tugend gemäße Tätigkeit die vollendete Glückseligkeit sein.“

Der Mensch erreicht das Ziel seines Lebens, die vollendete Glückseligkeit, also am ehesten, wenn er seine besonderen Fähigkeiten zur Entfaltung bringt, also das Gute, das in ihm liegt, verwirklicht. Modern ausgedrückt: wenn er sich selbst verwirklicht. Das heißt, so könnte man schlussfolgern, in der Selbstverwirklichung liegt auch der Sinn des Lebens. Es geht darum, das eigene Potential voll auszuschöpfen und, um mit Friedrich Nietzsche zu sprechen, der zu werden, der man ist. Soweit diese früheste und häufigste Antwort: Der Sinn des Lebens ist das Glück.

Gottesdienst: Die Antwort des Christentums

Es gab und gibt aber auch andere Vorstellungen, etwas die des Christentums. Ihr Kern ist im Katholischen Katechismus der Bistümer Deutschlands so zusammengefasst: „Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen, ihn zu lieben und einst ewig bei ihm zu leben.“

Der zweite Teil dieser christlichen Sinnstiftung, die Verheißung des ewigen Lebens bei Gott, enthält ebenfalls den Aspekt der Glückseligkeit, allerdings verschoben in ein jenseitiges Leben nach dem Tod. Wichtiger aber, zumindest für uns hier und heute, ist der erste Teil, der das Diesseits betrifft, also: „Wir sind auf Erden, um Gott zu dienen und ihn zu lieben.“

 

Gottesdienst

 

Darin liegt nach christlicher Auffassung, katholisch wie evangelisch, der Sinn unseres individuellen Lebens und auch des Daseins der Menschen überhaupt. Dieser Teil der christlichen Sinnbotschaft schließt jede Selbstsucht aus: Nicht unser persönliches Glück soll unser Ziel und Zweck sein, sondern die Verehrung und Verherrlichung Gottes. Das gilt nicht nur für Mönche oder Priester, sondern für alle Menschen. Dazu sind wir Menschen da.

Moralität: Die Antwort Kants

Ähnlich selbstlos, aber ohne religiösen Hintergrund, ist der Sinn des Lebens, den Immanuel Kant aufzeigte, nämlich die Moral. Und: Anders als Antike und Christentum, begründet er dies auch. Kants Gedankengang ist folgender:

Das einzig unbedingt Gute in der Welt ist die Moral. Ihr Wert ist nicht von irgendetwas anderem abhängig, ist also nicht für etwas anderes gut, sondern Moral ist per se gut. Sie trägt ihren Sinn in sich. Es ist unbedingt gut, dass es Moral gibt, besser, als wenn es sie nicht gäbe. Das ist der Ausgangspunkt.

Moral kann aber nur in der Welt sein, wenn es Wesen gibt, die moralisch handeln. Dies wiederum kann nur der Mensch, weil moralisches Handeln einen freien Willen erfordert, über den, soweit wir wissen, nur der Mensch verfügt. Die anderen Lebewesen folgen zwangsläufig ihren Trieben. Nur der Mensch hat die Freiheit, sich auch gegen seine Triebe und für ein Handeln um der Moral willen zu entscheiden.

 

Mann blickt nachdenklich auf das Meer

 

Es ist deshalb der Mensch, der in seinem moralischen Handeln dieses absolut Gute schafft, das es ohne ihn nicht gäbe. Moral ist nur durch den Menschen möglich. Deshalb ist es gut, dass es uns Menschen gibt. Somit ist es die Moral, die dem menschlichen Leben Sinn verleiht. Um der Moral willen ist es gut, dass der Mensch da ist, besser als wenn er nicht da wäre.

Aus diesem allgemeinen Sinn erwächst dann eine Pflicht für den Einzelnen, sein Leben entsprechend sinnvoll zu führen, nämlich tatsächlich moralisch zu handeln, also Gutes zu tun. Dazu sind wir – nach Kant – auf der Welt. Wenn wir das nicht tun, ist unser Leben sinnlos.

Kants Lehre von der Moral ist die dritte große Antwort der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die erste war die Glückseligkeit, wie sie die antike Philosophie propagierte, die zweite die Ehre und Verherrlichung Gottes und das ewige Leben, wie das Christentum es verkündet. Nun ist es die Moral, die dem menschlichen Dasein Sinn gibt.

Gegenthese: Die Welt hat keinen Sinn

Wir kommen zur Gegenthese, also: Das Leben hat gar keinen Sinn. Diese These wird in unterschiedlichen Nuancierungen vorgetragen: mal radikal, mal behutsamer.

Drei Beispiele:

1. Der französische Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) gibt in seinem Hauptwerk L’homme Machine, deutsch: Maschine Mensch, Folgendes zu bedenken: „Wer weiß, ob der Sinn der Existenz des Menschen nicht in seiner Existenz selber liegt? Vielleicht ist der Mensch aufs Geradewohl auf einen Punkt der Erdoberfläche geworfen worden, ohne dass man wissen kann, wie und warum; sondern nur, dass er leben und sterben muss, jenen Pilzen ähnlich, die von einem Tag zum andern erscheinen, oder jenen Blumen, die die Gräber begrenzen und das Gemäuer bedecken.“ La Mettrie behauptet also noch nicht, dass das Leben völlig sinnlos wäre. Aber er weist darauf hin, dass die Existenz des Menschen möglicherweise keinen besonderen Sinn hat, der über dieses bloße Existieren, also das bloße Dasein, hinausginge, wie bei allen anderen Lebewesen auch. Der Sinn des Lebens ist das Leben.

 

Cafe in Paris bei Nacht

 

Darin wird auch eine Skepsis gegenüber einer angeblichen Vorrangstellung des Menschen vor anderen Lebewesen erkennbar. Der Mensch ist für La Mettrie letztlich nicht mehr als die Pilze oder die Blumen in der Natur. Er kann deshalb nicht beanspruchen, dass sein Dasein einen besonderen Sinn hat. Wobei man sich fragen kann, ob nicht auch die Pilze oder Blumen einen Sinn haben, der über ihr bloßes Existieren als solches hinausgeht und der möglicherweise sogar deutlicher zu erkennen ist als der Sinn des menschlichen Lebens – wenn auch nicht für die Pilze oder Blumen.

2. Erheblich krasser als bei La Mettrie kommt die Sinnlosigkeit des Lebens bei Arthur Schopenhauer zum Ausdruck. Er schreibt: „Das Leben ist ein Geschäft, dessen Ertrag bei weitem nicht die Kosten deckt“, und: „Für den Menschen wäre es das beste, nicht geboren zu sein.“ Also: Das Leben hat keinen Wert und damit auch keinen Sinn. Dazu meinte der österreichische Schriftsteller Alfred Polgar ironisch: Es mag schon stimmen, dass es für den Menschen das Beste wäre, nicht geboren zu sein, aber wem passiert das schon?

3. Inhaltlich am radikalsten war die Auffassung des französischen Existentialismus, der nicht nur dem menschlichen Leben jeglichen Sinn absprach, sondern der ganzen Welt. Die Welt ist sogar nicht nur sinnlos, sondern sinnwidrig, nämlich absurd. So die These des französischen Dichters und Philosophen Albert Camus (1913-1960). Die französischen Existentialisten hatten ihre große Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als eine solche These dem Lebensgefühl vieler Menschen entsprach – verständlicherweise.

Die zeitgenössische Position

Auch die zeitgenössische deutsche Philosophie geht, soweit man dies verallgemeinern kann, davon aus, dass die Welt als Ganzes keinen Sinn hat. Aber sie ist der Auffassung, dass das Leben des einzelnen Menschen dennoch sinnvoll sein kann. Wichtig ist jedoch Bescheidenheit in der Sinnerwartung. Die Sinnsuche wird wieder auf das subjektive Glücksstreben reduziert. Und auch da sollte nicht das vollkommene „Sonntagsglück“ das Ziel sein, sondern es genügen die kleinen Glückserlebnisse des Alltags.

Die Antwort auf die Frage nach dem Lebenssinn hängt, dem zeitgenössischen Philosophen Odo Marquard zufolge, mehr an den nächsten Dingen als an den letzten. Marquard plädiert für einen Abschied vom, wie er schreibt, „spruchband- und theaterdonnerfähigen Supersinn“, also Abschied von dem ganz großen Sinn und für eine Hinwendung zum unsensationellen, bescheidenen alltäglichen Sinn. Die Frage nach dem Sinn des Lebens wird nicht prinzipiell entschieden, sondern durch die Besorgung und Erledigung der Details.

Marquard schreibt: „Die Menschen verzweifeln nicht, solange sie immer gerade noch etwas zu erledigen haben: die Milch am Überkochen zu hindern, den Zug in den nächsten Bahnhof zu fahren, das Baby zu füttern, zu Ende zu operieren … und so fort.“

 

Nachdenkliche Frau

 

Wichtig ist nur, dass man den Sinngehalt der jeweiligen Aufgabe und die Glücksmomente, die der Alltag bietet, auch wahrnimmt. „Das ist“, so Marquards Fazit, „der normale Sinn, den unsere Gewohnheiten und Verrichtungen unserem Leben geben: Dieser kleine Sinn reicht aus, um ein Leben zu führen. Die großen Sonntagsgefühle – die Ekstase, die Hochgestimmtheit und Erfüllungsverzückung – sind allenfalls Zugaben. Man nehme sie dankbar in Kauf, wenn sie nicht allzu sehr stören, aber es geht auch ohne sie.“

Sie haben vermutlich schon gemerkt: Das ist ein sehr nüchternes Plädoyer für die alltägliche Sinngewissheit, die wir am Anfang kurz erwähnt haben, nur dass sie bewusster als solche wahrgenommen werden soll. Das hat etwas für sich. Aber es erscheint doch fraglich, ob mit solch kleiner Münze die ewige Sehnsucht nach dem Sinn des Daseins tatsächlich zu stillen ist. Otfried Höffe, ebenfalls deutscher Gegenwartsphilosoph und selbst auch ein Verfechter des kleinen Werktagssinns, meint denn auch kritisch: „Die Routine hilft uns ein wenig über die Durststrecken der Sinnsuche. Sie löscht aber nicht den Durst.“

Spätestens in Lebenskrisen zeigt sich, dass die Besorgung des Alltags nicht die Antwort, sondern meistens erst der Ausgangspunkt der Sinnfrage ist, nämlich dann, wenn die alltägliche Routine nicht mehr funktioniert – wie wir am Anfang gehört haben. Dann suchen wir nach Lösungen, und zwar meist solchen, die höher greifen und tiefer schürfen. Antworten, wie sie die abendländische Geistesgeschichte angeboten hat oder vielleicht auch neue, andere Lösungen.

Dimensionen und Strukturen der Sinnfrage

Soweit dieser Überblick über die wichtigsten Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, die alltägliche Antwort und die Modelle der Geistesgeschichte. Diese Antworten sind nicht nur inhaltlich verschieden, sondern auch in Bezug auf die Dimension von Sinn, die sie ansprechen und in Bezug auf die jeweilige Sinnstruktur. Damit wollen wir uns nun befassen. Wir beginnen mit den Dimensionen.

In den Antworten, die wir kennen gelernt haben, lassen sich zwei verschiedene Dimensionen ausmachen, von denen die zweite noch einmal zweigeteilt ist. Die erste könnte man als egozentrische Sinndimension bezeichnen. Egozentrisch heißt: Im Zentrum steht die eigene Person.

 

Mann, schwarz-weiss, denkt nach

 

Die egozentrische Sinndimension

Diese Dimension ist enthalten in der eudaimonistischen Antwort, also derjenigen, die das Glück als Sinn des Lebens propagiert, ebenso in der alltäglichen Sinngewissheit, wie wir sie in der Regel empfinden und in dem kleinen „Werktagssinn“, wie ihn die zeitgenössische Philosophie empfiehlt. In all diesen Sinnvarianten geht es um das persönliche Wohlbefinden des jeweiligen Menschen.

Die Sinnfrage lautet hier demnach: Wie kann ich mein Dasein so gestalten, dass es sich lohnt? Ich bin nun mal auf der Welt, meine Lebenssituation ist so und so beschaffen, und jetzt geht es darum, das Beste daraus zu machen. Die Frage setzt also im Hier und Jetzt an.

Der egozentrische Lebenssinn ist ein Sinn, den wir selber uns setzen und dessen konkreter Inhalt veränderbar ist. Wir können unser Glück mal in diesem sehen und mal in jenem. Ziel ist, wie gehört, das eigene Glück, sei es ein großes oder kleines. Das ist die erste, die auf sich selbst bezogene, egozentrische Dimension. Es ist die Dimension, in der die meisten Menschen den Sinn ihres Lebens suchen.

Die allgemeine Form der altruistischen Sinndimension

Die zweite könnte man als altruistische Dimension bezeichnen. Hier wird der Sinn des Lebens nicht im Wohlergehen der eigenen Person gesehen, sondern im Dienst an anderen Menschen oder im Engagement für eine Sache, die höher und größer oder zumindest wichtiger ist als man selber. Dieser Dienst kann dann auch persönliche Erfüllung und Glück bescheren, aber das ist nicht das primäre Ziel. Diese altruistische Sinndimension lässt sich noch einmal unterteilen in eine allgemeine Form und eine persönliche.

Die allgemeine Form ist sicherlich die anspruchsvollste von allen Sinndimensionen. Es handelt sich hier um eine Sinnvorgabe, die nach Auffassung der Protagonisten nicht nur für den Einzelnen gilt, sondern für alle Menschen, deshalb: allgemeine Form. Das Leben jedes Menschen wird nur dann als sinnvoll angesehen, wenn er dieser Sinnvorgabe folgt. Diese allgemeine Form der altruistischen Sinndimension ist diejenige, die vom Christentum erschlossen wurde und die auch in dem moralischen Modell Kants enthalten ist.

Die Sinnfrage lautet hier nicht: Wie kann ich das Beste aus meinem individuellen Leben machen, sondern: Warum ist es gut, dass es überhaupt Menschen gibt, dass das Dasein der Menschheit also besser ist als ihr Nichtsein? Die Frage setzt somit auch nicht im Hier und Jetzt an, sondern sozusagen schon vor unserer Geburt. Es geht ihr nicht um die Erfüllung unseres Daseins, jedenfalls nicht vorrangig, sondern um dessen Legitimation. Wozu und mit welcher Berechtigung sind wir eigentlich da?

Ein solcher Sinn des menschlichen Lebens kann nicht von uns selber gesetzt werden, denn er muss schon da sein, bevor wir da sind. Er soll ja unser Dasein erst legitimieren. Das heißt, er muss von einer höheren Instanz vorgegeben sein. Dies bedeutet auch, dass er nicht durch uns veränderbar ist.

Dies ist die allgemeine Form des altruistischen Lebenssinns, die das Dasein der Menschheit überhaupt betrifft. Es gibt diesen altruistischen Lebenssinn aber auch in einer persönlichen, individuellen Form. In dieser Form haben wir ihn in den Beispielen, die wir bisher gehört haben, noch nicht kennen gelernt. Das macht aber nichts.

 

Grüne Lndschaft von oben, Wege

 

Die persönliche, individuelle Form der altruistischen Sinndimension

Auch hier ist es so, dass man den Sinn seines Lebens nicht im eigenen Glück sieht, sondern darin, sich in den Dienst von anderen Menschen oder einer Sache zu stellen, die man als größer, höher oder wichtiger als sich selber ansieht. Aber dieser Dienst wird nicht als sinngebende Verpflichtung für alle Menschen angesehen, sondern nur für sich selber. Das ist der Unterschied zur allgemeinen Form dieser altruistischen Sinndimension.

Die Sinnfrage lautet hier also: Warum ist es gut, dass es mich gibt, nicht die Menschen überhaupt, sondern mich – besser, als wenn es mich nicht gäbe? Die Antwort darauf kann so vielfältig sein wie das Wesen der Menschen. Der Sinn des eigenen Lebens kann im Engagement für die Familie gesehen werden, für die Firma, aber auch für den örtlichen Fußballverein, für einen oder mehrere kranke oder sonst hilfsbedürftige Menschen oder für die Kirche.

Er kann auch im Schaffen von Kunstwerken oder anderen herausragenden Gegenständen bestehen. All dies können Antworten sein auf die Frage: Warum ist es gut, dass es mich gibt, besser, als wenn es mich nicht gäbe? Meinen Kindern ginge es schlechter bzw. sie wären gar nicht da. Die Firma wäre längst pleite ohne mich, der Fußballverein hätte niemanden, der die Jugendmannschaften trainiert, oder dieses Gemälde wäre nie entstanden. Deshalb ist es gut, dass ich da bin. Mein Leben hat Sinn.

 

Ein feld von Sonnenblumen im Sonnenlicht

 

Manche dieser konkreten altruistischen Sinngehalte können denen der egozentrischen Sinndimension ähnlich oder gleich sein, etwa das Sorgen für die Kinder, das Fußballtraining oder das Malen. Dann kommt es auf die jeweilige Motivation an: Macht man es, um selber glücklich zu sein, also das eigene Wohlbefinden zu steigern oder den persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen, oder betrachtet man es als Aufgabe, Verpflichtung oder auch Berufung?

Halten wir noch die Merkmale dieser Dimension fest: Der Sinn ist hier selbst gesetzt. Er betrifft das Hier und Jetzt und ist veränderbar. Ich kann mich als 25jähriger für die Firma engagieren, als 40jähriger für die Familie und als 60jähriger für ein Ehrenamt und dies dann jeweils als Sinn meines Lebens und Legitimation meines persönlichen Daseins.

Ich denke, die Suche nach einem Sinn in dieser altruistischen Dimension, sei es in der ersten oder der zweiten Form, ist das, was uns in den Krisen unseres Lebens umtreibt, nämlich dann, wenn die Glückssuche misslungen ist oder nicht ausreicht und wir einen anderen, tieferen, festeren Halt brauchen. Das ist es, was wir eigentlich suchen.

Die Strukturen der Sinnfrage: Der Sinn innerhalb und außerhalb der Person

In den unterschiedlichen Dimensionen sind auch unterschiedliche Strukturen der Sinnfrage erkennbar. Das ist jetzt vergleichsweise einfach auszumachen. In der egozentrischen Sinndimension ist der Sinn innerhalb der jeweiligen Person angesiedelt, als dessen zentraler Inhalt, also das, was den größten Raum einnimmt oder am wichtigsten ist oder beides.

Anders verhält es sich bei der altruistischen Sinndimension. Da liegt der Sinn außerhalb der eigenen Person. Das eigene Leben wird etwas anderem gewidmet, sei es die Ehre Gottes, die Moral, das Wohlergehen anderer Menschen oder eine andere Sache, die wir als höher, größer oder wichtiger betrachten als unser eigenes Leben. Der Sinn ist hier also ein Zweck, dem das eigene Leben dient. Auch dieser Zweck beeinflusst oder bestimmt sogar das Leben. Aber das, was diesen Sinn stiftet, ist außerhalb der jeweiligen Person angesiedelt. Das ist der Unterschied.

Soweit diese kleine Tour d’horizon zum Thema „Sinn des Lebens“. Die eine, definitive Antwort, die für alle Menschen gleichermaßen gilt und feststeht, war nicht dabei. Die hat die Philosophie noch nicht gefunden, wird sie vermutlich auch nie finden. Aber es hat sich doch ein recht umfangreiches Feld von Anhaltspunkten und Sinnmöglichkeiten aufgezeigt, innerhalb dessen nun jeder von uns den Sinn seines Lebens suchen und hoffentlich auch finden kann. Ich wünsche gutes Gelingen.

Zum Autor: Dr. Michael Conradt

 

Philosoph Dr. Michael Conradt in der Natur

 

Michael Conradt startete seine beruflich Laufbahn als Redakteur bei der Rheinzeitung, bevor er als Pressesprecher zu Ariola wechselte, lange Zeit eines der erfolgreichsten deutschen Plattenlabel. Später übernahm er das Management renommierter Musiker wie Peter Maffay, Joan Baez, Trio oder Mireille Mathieu.

Eine Lebenskrise brachte Conradt im Alter von 40 Jahren dazu, sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Nach Ausflügen in die Spiritualität und Esoterik studierte er schließlich zehn Jahre lang Philosophie und promovierte im Alter von 50 Jahren 1999 bei dem namhaften Professor Otfried Höffe an der Universität Tübingen.

Aus der Philosophie hat Conradt Grundorientierungen für das Leben abgeleitet und in Vorträgen im oberbayerischen Raum südlich von München zahlreichen interessierten Menschen zugänglich gemacht. 2002 rief er in seiner Wahlheimat Icking das Institut für angewandte Philosophie ins Leben, hielt Vorträge über Grundfragen des Menschseins und über philosophische Klassiker und gründete 2010 das Zentrum Philosophie.

Außerdem bot er zusätzlich Online-Kurse an. Und in der Sendung Radiowissen, die im Bayerischen Rundfunk auf Bayern 2 zu hören ist, brachte Conradt in regelmäßigen Beiträgen philosophische Themen und Denker einem breiten Publikum nahe. Diese Beiträge werden von Zeit zu Zeit wiederholt und können auf der Website von RadioWissen als Podcast kostenlos heruntergeladen werden.

Im Mai 2015 ist Michael Conradt nach einer Krebserkrankung im Alter von 66 Jahren gestorben. Nach seinem Tod wurde das Zentrum für Philosophie geschlossen. Heute verwaltet seine Witwe Dr. Sandra Conradt sein geistiges Erbe. Aufgrund der anhaltenden Nachfrage nach den Manuskripten der Online-Kurse hat Sandra Conradt mit „Online Philosophie“ eine Website eingerichtet, auf der Interessierte die Texte gegen eine kleine Gebühr als PDF herunterladen können. Dieser Gastbeitrag mit dem Titel „Der Sinn des Lebens“ basiert auf einem Manuskript seiner Online-Kurse.

Weitere Informationen unter: www.online-philosophie.de

 

Bilder: Michael Condradt: Sandra Conradt / Weitere: Pixabay, Unsplash

 

 

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