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Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

14. Mai 2021 0 comments
Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

Das Phänomen unseres Bewusstseins zählt zu den ungelösten Rätseln der Wissenschaft. Das kürzlich erschienene Buch „Ich denke, aber wer ist ich?“ liefert neue Erkenntnisse und gibt Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Während die Neurowissenschaften unser „Ich“ zu einer nützlichen Illusion erklären und uns mitteilen „Du bist Dein Gehirn“, schlagen die Autoren Anne Hashagen Riccardo Manzotti einen neuen Weg ein. Im Kern steht die Spread-Mind-Theorie, die die Trennung von Ich und Welt aufhebt. Demnach sind wir die Welt, die wir erfahren. Im Interview erklärt Autorin und Bankerin Anne Hashagen die Spread-Mind-Theorie und spricht über irrige Vorstellungen über das Glück, wie wir Sinn finden können sowie ihre Leidenschaft fürs Schreiben.

Frau Hashagen, was hat Sie dazu bewogen, das Buch „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“ zu schreiben? Worum geht es im Kern?

Hashagen: Ich bin katholisch aufgewachsen und erinnere mich, dass ich mir schon als Kind zur Zeit der Erstkommunion die Frage nach dem „Sinn“ gestellt habe. Die Religion stellt ja mit ihrem Heilsversprechen – wir sind unsterbliche Seelen, auf die ein ewiges Dasein im Himmel wartet – ein großes, für viele Menschen attraktives Sinnangebot zur Verfügung. Bezüglich der Existenz unsterblicher Seelen war ich allerdings schon als Kind sehr skeptisch.

Insofern bin ich wohl bis heute eine Sinnsucherin geblieben. Das Buch ist dementsprechend für alle Leserinnen und Leser gedacht, die sich ganz grundsätzlich für die große Frage nach dem Sinn des Lebens interessieren, und die – wie ich – gegenüber religiösen und esoterischen Ansätzen skeptisch sind.

 

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Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

 

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach für die Menschen, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen? Hat das Interesse an diesem Thema in den Zeiten der Corona-Pandemie zugenommen?

Hashagen: Die Planung für das Buch fiel in die Phase vor der Corona-Pandemie, die Zeit des Schreibens jedoch mitten in die Krise. Ich empfand die Zeit als seltsam bedrückend: Viele schöne Dinge des Lebens sind weggefallen: Kultur, Musik, Menschen und Freunde treffen.

Alles Dinge, die unser Leben bunt und abwechslungsreich machen, und uns davon abhalten, uns zu sehr mit uns selbst zu beschäftigen. In Krisenzeiten fangen viele Menschen an, sich die Sinnfrage ganz neu zu stellen. Insofern ist das Buch thematisch sehr aktuell denke ich.

Sie haben das Buch zusammen mit Riccardo Manzotti, der unter anderem als Professor für Philosophie an der IULM Universität in Mailand lehrt, geschrieben. Wie kam es zur Zusammenarbeit? Wie sieht die Arbeitsteilung aus?

Hashagen: Riccardo Manzotti ist Professor für theoretische Philosophie und Robotiker. Wir haben uns vor einigen Jahren durch eine Interviewreihe zwischen ihm und dem Schriftsteller Tim Parks über das Bewusstsein kennengelernt. Ich las die Artikel und fand sie so spannend, dass ich Riccardo kontaktiert habe. Seitdem sind wir befreundet, er interessiert sich auch für Literatur und hat zum Beispiel meine englischen Drehbücher korrekturgelesen.

Riccardo Manzotti forscht und schreibt seit Jahren zur Frage unseres Bewusstseins. Diese ist bis heute nicht geklärt, weder von der Philosophie noch der Wissenschaft. Die meisten Neurowissenschaftler vermuten, dass unser Bewusstsein – unser Gefühl, ein „Ich“ in der Welt zu sein – durch die neuronalen Verschaltungen in unseren Gehirnen hervorgebracht wird. Man spricht von einer Art mentalem Bildschirm in unserem Kopf.

Doch bislang wurde nichts dergleichen in unseren Gehirnen gefunden. Fachleute nennen es das sogenannte „hard problem“, das trotz großer Fortschritte durch bildgebende Verfahren bei der Erforschung unseres Gehirns weiterhin ungelöst ist. Vielfach liest man, unser „Ich“ sei schlicht eine Illusion, eine Art nützliche Halluzination erzeugt von unseren Gehirnen. Der Philosoph Thomas Metzinger nannte eins seiner Bücher „Being No One“ – was bedeutet, dass das „Ich“ gewissermaßen nicht existiert.

Aus existenzieller Sicht kann dies für Laien sehr niederschmetternd sein, zumal wir von dem alten christlichen Versprechen kommen, wir seien unsterbliche Seelen. Die Frage, „was“ wir sind ist mit Blick auf die Frage nach dem Sinn unseres Lebens fundamental entscheidend: Wenn wir wissen, „was“ wir sind, beantwortet uns dies auch die Frage nach dem Sinn unserer Existenz.

Unser Buch basiert auf Riccardo Manzottis neuer Theorie unseres Bewusstseins („Spread-Mind-Theorie“), die existenziell ermutigend und auch für Laien verständlich ist. Es geht im Buch um unser „Ich“, den Sinn unseres Lebens und die Frage des Glücks.

Was sind weitverbreitete irrige Vorstellungen über das Glück? Was bedeutet Ihrer Meinung nach Glück und wie können wir es finden? Wie hängen Glück und Sinn zusammen?

Hashagen: Die „Spread-Mind-Theorie“ postuliert, dass Glück in der Welt liegt. Es ist ein existenzieller Zustand, der daraus resultiert, dass wir verstehen, wer wir sind und was wir wollen in Einheit mit der Welt.

Der sogenannte „Glücksindustrie“ sehen wir sehr skeptisch. Diese propagiert, dass wir unser Glück vor allem in uns selbst finden können. Nämlich durch eifrige Innenschau und eine Änderung unserer Einstellung – angepriesen werden zum Beispiel „Resilienz“ und „Authentizität“. Glück ist in der Welt zu finden, nicht in unseren Köpfen.

Der Sinn des Lebens ist eine Lebensform. Sinn ist genauso wie unser „Ich“ keine mentale Konstruktion, sondern Sinn sind reale Dinge, die wir in der Welt hervorbringen. Glück ist ein Zustand freudvoller Harmonie mit und in der realen Welt. Glück ist in diesem Sinne nicht subjektiv, es ist relativ und gleichzeitig real. Durch einen „Kult“ ums „Ich“ – wie er heute im Netz stattfindet – werden wir kein Glück finden.

 

Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

 

Der Buchtitel „Ich denke, aber wer ist Ich? deutet an, dass es hier auch um die Frage nach dem Bewusstsein geht. Hier stoßen zwei weit verbreitete Weltbilder aneinander. Auf der einen Seite stehen die Religionen, die eine unsterbliche Seele, ein Leben nach dem Tod und einen durch Gott gegebenen Sinn im Dasein des Menschen propagieren. Auf der anderen Seite gibt es die Naturwissenschaften, die das Bewusstsein als materiellen Bestandteil des Gehirns sehen, wobei das „Ich“ lediglich das nützliche Ergebnis neuronaler Prozesse ist. Welches Fazit ziehen Sie zum Thema Bewusstsein?

Hashagen: Während die Neurowissenschaftler uns mitteilen, unser Bewusstsein sei etwas, das sich in unserem Gehirn versteckt und dort durch neuronale Schaltungen „ersonnen“ wird, sagt die „Spread-Mind-Theorie“: Es gibt keine Trennung – unser „Ich“ steckt nicht in unserem Gehirn – unser „Ich“ liegt in der Welt.

Während die Wissenschaft die Seele abgeschafft hat zugunsten der Ersatz-Seele Gehirn sagen wir: Du bist nicht Dein Gehirn. Dein „Ich“ liegt in der Welt, Du „bist“ die Welt, die Dein Gehirn/Körper möglich macht.

Damit hebt die Spread-Mind-Theorie die Trennung von Subjekt und Objekt – Ich und Welt – auf und kommt zu einer dem Buddhismus vergleichbaren Kernaussage: Wir sind „eins“ mit der Welt. Tatsächlich kann man die Spread-Mind-Theorie daher als „Buddhismus 2.0“ bezeichnen – eine Art Buddhismus ohne „Geist“ und Transzendenz.

Was meinen Sie genau mit „wir sind die Welt“? Wie unterscheidet sich diese These von der gängigen Vorstellung, dass wir Teil der Welt sind, also Individuen, die in der Welt leben?

Hashagen: Wenn ich zum Beispiel einen Apfel anschaue, sagt die Bewusstseinstheorie der meisten Neurowissenschaftler, dass es eine Art innere Repräsentation, ein inneres Bild dieses Apfels in meinem Gehirn gibt. Dergleichen ist jedoch nie gefunden worden. Wir sagen – nein: es gibt kein mentales Bild dieses Apfels in deinem Gehirn. In dem Moment, in dem der Apfel Teil deiner Erfahrung wird, „bist“ du dieser Apfel.

Wir „sind“ die Welt, die wir erfahren und die relativ zu unserem Körper/unseren Sinnesorgangen existiert. Unser „Ich“ ist keine Illusion – unser „Ich“ ist real und besteht aus den realen Objekten unserer Erfahrung. Wir „sind“ die Welt – kein ominöser „Geist“ in unserem Kopf, den die meisten Neurowissenschaftler im Grunde immer noch suchen.

Die philosophische Strömung des Existenzialismus geht davon aus, dass es keinen Gott, keine unsterbliche Seele und damit auch kein Leben nach dem Tod gibt. Demnach ist es jedem Menschen aufgegeben, frei zu wählen und zu entscheiden, was er mit seinem Leben tun will und er allein trägt dafür die volle Verantwortung. Existieren heißt, sein eigenes Leben zu schaffen und eine authentische oder echte Existenz zu führen. Was hat die Spread-Mind-Theorie mit dem Existenzialismus gemeinsam und was unterscheidet beide Ansätze?

 

Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

 

Hashagen: Unser Ansatz nennt sich „Neo-Existenzialismus“. Wir postulieren eine vollständige Identität zwischen Existenz und Erfahrung. Zwischen der Welt mit ihren Objekten und unserem Bewusstsein.

Zwischen unserem täglichen Leben und Sinn. Unser Ansatz ist damit deutlich optimistischer als der traditionelle, französische Existentialismus. Wir sind nicht in die Welt „geworfen“ – wir sind die Welt.

Lassen sich daraus ein paar praktische Empfehlungen für die Fragen ableiten, die viele Menschen in diesem Kontext beschäftigen: Was ist ein sinnvolles Leben und wo finden wir Sinn?

Hashagen: In unserem Buch geben wir vielfältige Tipps, wie wir Sinn und Glück in der Welt finden können. Ganz wichtig: Sinn und Glück entfalten sich im Zusammenspiel mit anderen, Gemeinschaft ist eine zentrale Grundlage unseres Glücks.

Unsere Existenz selbst ist sinnerfüllt – wir schaffen Sinn, indem wir neue Realität in der Welt hervorbringen. Sinn ist keine Fiktion, was wir tun und erschaffen in der Welt hat Sinn und Wert.

Sie arbeiten im Hauptberuf in einer Frankfurter Großbank. Was reizt Sie an Ihrem Job? Wie haben Sie die Leidenschaft fürs Schreiben entdeckt? Wie ergänzen sich für Sie die beiden unterschiedlichen Lebensaufgaben?

Hashagen: Ich bin BWLerin und schreibe seit Jahren in meiner Freizeit Bücher und Drehbücher. Wenn ich zurückdenke hatte ich schon immer eine Leidenschaft für Geschichten in mir. Die Kombination aus meinem sachlichen, zahlenbasierten Job und dem Schreiben finde ich grundsätzlich sehr angenehm.

Vollberuflich „Künstler“ zu sein, ist nicht nur sehr riskant – die wenigsten Autoren können vom Schreiben leben – sondern man macht sich damit auch abhängig von Faktoren, die völlig außerhalb der eigenen Reichweite liegen.

Welche Bücher zu Bestsellern werden, welche Drehbücher verfilmt werden, ist abhängig von Zufällen, Glücksfällen, Trends, Mainstream-Geschmäckern, Prominenz und Hypes, die höchstens sekundär mit Inhalt und Qualität zu tun haben.

Bisher haben Sie Bücher zu unterschiedlichsten Themen geschrieben: Von Fantasieromanen à la Harry Potter über einen historischen Thriller bis hin zu einem Beziehungsratgeber. Woran liegt es, dass es Sie die Genres so extrem wechseln haben?

Hashagen: Ich habe immer nur Bücher geschrieben, die mich zum Zeitpunkt des Schreibens thematisch sehr interessiert haben bzw. die ich selbst gerne gelesen hätte. Genauso geht es mir mit meinen Drehbüchern. Ich schreibe genau die, die ich selbst gerne als Film im Kino sehen würde.

Mainstream interessiert mich wenig. Ich glaube, dass mein Beruf mir in gewisser Weise maximale künstlerische Freiheit gibt – ich schaue nie darauf, was sich gerade gut verkaufen könnte.

 

Interview mit Anne Hashagen: „Ich denke, aber wer ist Ich? – Neue Antworten auf die alte Frage nach dem Sinn des Lebens“

Was sind die nächsten Ziele auf Ihrer Agenda?

Hashagen: Erstmal reisen und das Leben genießen, sobald Corona hoffentlich bald vorbei ist.

Was ist abschließend Ihr wichtigster Rat, um Sinn und Glück zu finden?

Hashagen: Das ermutigende Fazit unseres Buches: unser Leben hat Sinn. Sinn ist weder eine Fiktion noch eine Illusion. Die Welt hält ein unbegrenztes Reservoir an Sinn für uns bereit – wir müssen nur danach greifen.

Was ist Ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens? Wie geben Sie Ihrem Leben Sinn?

Hashagen: Ich versuche genau diesen Rat zu befolgen und mir wertvoll erscheinende Dinge in der Welt hervorzubringen. Wir sollten uns bemühen, jeden Tag die Schönheit und den Sinn unserer Existenz zu erkennen und wertzuschätzen.

Das Interview führte Markus Hofelich.

Bilder: Anne Hashagen

 

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