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Interview mit Ulrike Scheuermann: Psychologie-Tipps für den richtigen Umgang mit der Corona-Krise

22. Mai 2020 0 comments
Interview mit Ulrike Scheuermann: Psychologie-Tipps für den richtigen Umgang mit der Corona-Krise

Die Corona-Krise stellt für viele Menschen eine große psychische Herausforderung dar. Ulrike Scheuermann hat in den letzten Monaten als gefragte Expertin vielfach Tipps für den richtigen Umgang mit der Pandemie gegeben, sei es in ihrer Kolumne auf T-Online, im NDR oder in Fernsehsendungen wie „hart aber fair“. Die Diplom-Psychologin und Bestsellerautorin kombiniert moderne Konzepte aus Medizin und Psychologie zu einem neuartigen Lebensstil und unterstützt seit rund 25 Jahren Menschen bei der Suche nach Selbstwert und Erfüllung. Im Interview gibt Ulrike Scheuermann psychologisch fundierte Tipps zum Umgang mit der Corona-Krise und erklärt, wie wir die negativen Auswirkungen am besten in den Griff kriegen können. Zudem spricht Sie über Ihr aktuelles Buch „SELF CARE – Du bist wertvoll: Das Selbstfürsorge-Programm“.

Frau Scheuermann, welche psychologischen Auswirkungen hat die Corona-Krise bisher bei den meisten Menschen gezeigt?

Scheuermann: Nach dem, was ich beobachte und in meiner Arbeit erlebe, nehmen Depressionen zu. Vor allem macht die Ungewissheit den Menschen zu schaffen und die Aussicht darauf, dass die Kontaktbeschränkungen uns noch länger begleiten könnten und dass vielleicht sogar noch weitere Wellen folgen.

Zudem ist die wirtschaftliche Lage eine Belastung, zum Beispiel für Selbständige, deren Business zum Teil nicht mehr existiert. Das eigene Geschäft ist nie einfach nur ein Job, sondern in der Regel mit viel Arbeit, Herzblut und Sinn gefüllt. Das ist nun von einem auf den anderen Tag weg.

Gerade ist in Österreich die meines Wissens erste Studie bekannt geworden, die sich wissenschaftlich mit den momentan entstehenden Schäden an der menschlichen Psyche befasst und vermutlich direkt auf Deutschland übertragbar ist. Die Donau-Universität Krems hat die Daten einer repräsentativen Umfrage analysiert: Die Studie ist für Österreich repräsentativ mit einer Stichprobe von 1.009 Menschen.

Hier sind depressive Symptome von etwa 4 Prozent auf über 20 Prozent angestiegen. Eine ähnlich große Zunahme findet man bei Angstsymptomen, die sich von fünf auf 19 Prozent erhöhten. Zudem leiden aktuell rund 16 Prozent der Österreicher unter einer Schlafstörung.

Interessant finde ich hier auch, dass gerade junge Erwachsene besonders unter der gegenwärtigen Situation leiden. In allen untersuchten Skalen zur psychischen Gesundheit schneidet diese Altersgruppe am problematischsten ab. Außerdem sind Frauen, Singles und Menschen ohne Arbeit besonders belastet.

In Großbritannien, einem der schwersten betroffenen Länder in Europa, leiden sogar 40 Prozent der Befragten unter einer depressiven Symptomatik.

Wie können wir die Angst vor dem Virus am besten in den Griff bekommen?

Scheuermann: Eines der größten Probleme, das Angst hervorbringt, ist eine dauerhaft bestehende Unsicherheit. Und hier geht es aus psychologischer Sicht darum, zu lernen diese auszuhalten.

Wir sollten unseren Fokus darauf richten, damit leben zu lernen, dass jetzt vieles oder alles anders ist, und uns nicht darauf konzentrieren, das „wegmachen“ zu wollen. Wie beispielsweise diejenigen, die verharmlosen oder meckern oder Schuld zuweisen.

Hilfreiche Tipps für den Umgang mit der Corona-Krise:

  • Sich in Geduld üben: Bei komplexen Problemen ist Geduld einem schnellen Schluss überlegen. So kann man diese nach und nach überlegt lösen.
  • Sich die Folgen seines Handelns vorstellen: „Wie schaue ich in einem Jahr in den Spiegel? Muss ich mir etwas vorwerfen? Hätte ich mich im Rückblick anders verhalten sollen? Habe ich trotz eigener Sorgen gut für mich und andere Menschen gesorgt?“
  • Positiv in die Zukunft blicken: Es gibt vieles, was weiter Bestand hat, zum Beispiel – und besonders wichtig – unsere Beziehungen: Wir können sie pflegen, vertiefen und weiterentwickeln. Und wirtschaftlich? Die Regierung unseres wohlhabenden Landes sichert gerade viel ab.
  • Das Grübeln stoppen: Wenn die Gedanken immer um dasselbe kreisen, wirkt das wie ein Strudel. Ein inneres oder laut gesagtes „Stopp“ kann helfen. Zudem sollte man jemanden anrufen, aktiv werden, rausgehen, Musik hören und andere unterstützen.
  • Flow erleben: Den Flow-Zustand erzeugt man, indem man etwas tut, was man mag und was einen herausfordert, ohne zu sich überfordern oder zu langweilen.
  • Meditation und Achtsamkeitsübungen: Auch hier zeigt sich in vielen Studien, wie dies hilft, in der Gegenwart zu sein. Negative Gefühle nehmen ab, man ist weniger gestresst und auch körperlich gesünder.
  • Tagebuch schreiben: Schreiben ist eine sehr gute Möglichkeit, sich von Sorgen zu entlasten oder sie zu verarbeiten. Auch das ist wissenschaftlich umfassend nachgewiesen. Schreibt man ungefiltert alles auf, was im Moment unsicher ist und Sorge bereitet, so entlastet das von sorgenvollen und kreisenden Gedanken. Ängste und andere schwierige Emotionen klingen ab.
  • Mit Logosynthese arbeiten: Ich arbeite für mich selbst und mit meinen Teilnehmenden und Klienten fast immer mit Logosynthese, einer hochwirksamen Methode, die in der Lage ist, die Auslöser für alle möglichen emotionalen Reaktionen wie Angst und Sorgen zu neutralisieren. Ich bin froh und dankbar, die Logosynthese in der aktuellen Situation nutzen zu können und Interessierte darin auszubilden.

Was sind weitere wichtige Tipps gegen Lagerkoller und die negativen Auswirkungen von Isolation und Quarantäne?

Scheuermann: Viel Kontakt mit wichtigen Menschen: Telefonieren, Videomeetings, Freunde und Familie treffen, soweit dies im Rahmen der Kontaktbeschränkungen geht, da ist ja inzwischen deutlich mehr möglich. Einen weiteren Haushalt treffen zu können, macht sehr viel aus. Dabei geht es immer darum, Beziehungen zu vertiefen und nicht nur zu plaudern, obwohl das sicher auch dazu gehört.

Beziehungen vertieft man zum Beispiel, indem man die Beziehung selbst thematisiert: „Mensch, so lange kennen wir uns schon“. Wichtig dafür ist es auch, sich gemeinsame Erinnerungen zu erzählen, zu fragen und zu helfen – Helfen hilft!

Zudem: Rausgehen! In die Natur. In den nächsten Park. Auf eine Bank setzen, wenn kein Park in der Nähe ist. Der Aufenthalt in der Natur stärkt nachweislich die psychische Befindlichkeit, macht gelassener und ruhiger. Probleme rücken weiter weg.

Ich empfehle außerdem immer das Tagebuchschreiben. Wer sich einsam fühlt, hat damit sozusagen ein Gegenüber, das Tagebuch, und man kann in einen Dialog eintreten. Auch diese Form des privaten Schreibens ist wissenschaftlich sehr gut nachgewiesen. Sie wirkt entlastend, klärend und emotional beruhigend.

Inwiefern bietet die Corona-Isolation auch Zeit für Reflexion und Selbstfindung?

Scheuermann: Wir erleben kollektiv eine Phase der Entschleunigung. Und das ist einerseits merkwürdig, weil wir dazu gezwungen werden – denn wir haben uns ja nicht selbstbestimmt dazu entschieden. Andererseits empfinden es auch viele als positiven Effekt. Und zu dieser Sichtweise würde ich auch raten: Es ist wichtig, immer etwas Gutes zu finden, egal wie schwierig es gerade ist.

Im Moment ist es nun mal so, wie es ist. Wir können es nicht ändern. Das kann man beklagen, man kann schimpfen oder hadern. Das bringt aber nichts. Also lassen wir es besser.

Wenn das funktioniert, kann man tatsächlich etwas lernen. Werde ich vielleicht sogar kreativer, wenn ich mich langweile? Oder was passiert mit meinen Beziehungen? Bei mir ist es etwa so, dass ich sehr lustige Nachmittage mit meinem sechzehnjährigen Sohn verbringe, weil er keine Lust mehr auf Filmegucken hat und auch seine Freunde nicht wie sonst treffen kann.

Wir kaufen zusammen ein, kochen sehr viel. Und plötzlich bin ich die „Schnibblerin“, er der Küchen-Chef und nicht mehr umgekehrt. Das ist eine wirklich schöne Entwicklung, die aber auch nur deshalb so viel Spaß macht, weil wir in guter Stimmung sind.

Viele Menschen lernen jetzt, sich mehr auf sich zu besinnen und sich auch ihren schwierigen Themen zu stellen, die sonst immer mit Aktivität, Konsum und Ablenkungen überdeckt sind.

In Krisenzeiten hat Ratgeber-Literatur Hochkonjunktur. Ihr aktuelles Buch trägt den Titel „SELF CARE – Du bist wertvoll“. Worum geht es und wen sprechen Sie vor allem an?

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Ulrike Scheuermann Portrait und Buchcover Selfcare

 

Scheuermann: In dem Buch geht es um Selbstfürsorge, ohne dabei andere Menschen außen vor zu lassen. Viele Menschen sorgen ja gut für das Wohlergehen anderer, aber sie selbst bleiben dabei auf der Strecke. Dann bemerken sie, dass sie nicht mehr können. Ich beschreibe 7 Lebensbereiche, in denen Menschen liebevoll mit sich umgehen, sich selbst nähren und sich Auszeiten für Körper, Geist und Seele nehmen können.

Basierend auf modernster Forschung und rund 25 Jahren Erfahrung als Diplom-Psychologin habe ich ein Selbstfürsorge-Programm entwickelt, mit vielen Übungen, mit denen jede oder jeder eine von Grund auf neue Selbstfürsorge lernen kann, die nachhaltig wirkt und aufblühen lässt.

Mit dem Buch, Hörbuch und dem begleitenden Self Care Journal zum Hineinschreiben spreche ich alle an, die merken, dass sie den Kontakt zu sich selbst verloren haben und nur noch funktionieren. Oder grundsätzlich merken, dass bei ihnen etwas nicht mehr im Lot ist, sei es in ihren Beziehungen, dass sie zu viel arbeiten oder sich in einem Zustand ständiger Erschöpfung befinden.

Dabei spreche ich auch das Thema Lebenssinn an. Das ist ein wichtiges, aber oft an den Rand gedrängtes Thema, was nicht so recht in den Alltag zu passen scheint. Im Buch ist es das 7. und letzte Kapitel mit dem Titel „Deine Seele entfalten“.

Wie haben Sie selbst Ihr Leben in Zeiten der Corona-Krise und Isolation organisiert?

Scheuermann: Ich laufe jeden Morgen im Park und bin überhaupt so oft wie möglich in der Natur. Ich versuche wegen der vielen Online-Arbeit auch kleinere Pausen in den Arbeitsalltag einzubauen. Ich telefoniere unglaublich viel und habe das große Glück, dass ich mit meiner Familie zusammen sein kann: mit meinem Mann und unserem Sohn. Diese Zeit genießen wir sehr, alle drei, was wirklich ein Geschenk und Glück ist.

Welche Angebote bieten Sie aktuell an, um interessierte Menschen psychologisch zu unterstützen?

Scheuermann: Ich betreibe einen eigenen YouTube-Kanal mit hilfreichen Videos und schreibe wöchentlich Beiträge für meine Kolumne „Die Psychologin – Hilft.“ auf t-online.de, einem der größten Nachrichtenportale in Deutschland. Zudem veröffentliche ich kostenlose Denkanstöße für meine Newsletter-Abonnenten – man kann sich auf meiner Website dafür anmelden. Auf meiner Website gibt es auch mehrere kostenlose PDF-Hilfen zum Download.

Wer tiefer gehen will, kann mein „Self Care Programm“ zurzeit immer noch zum halben Preis buchen. Man lernt dort unter anderem Logosynthese und Schreibdenken, zwei hochwirksame Ansätze, nicht nur für Krisen. Und ich biete nach wie vor meine persönlichen Coachings an, die sind natürlich am wirkungsvollsten.

Weitere Informationen unter: www.ulrike-scheuermann.de  
Bilder: Ulrike Scheuermann, Birgit Probst, Christian Hesselmann

 

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