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Interview mit Christoph Quarch: „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“

7. August 2019 0 comments
Interview mit Christoph Quarch: „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“

Dr. Christoph Quarch gibt in seinem Buch „Das große Ja“ einen philosophischen Wegweiser zum Sinn des Lebens. Die kostbarste Ressource der Menschheit ist nicht Gold, Kohle, Uran oder Daten – es ist der Sinn, sagt der Philosoph, Bestsellerautor und Veranstalter von Philosophiereisen. Doch der Sinn scheint in unserer Epoche zur Neige zu gehen. Im Interview erklärt er, wie sich Sinn mithilfe der Philosophie finden lässt und spricht über die Neugründung einer Platonischen Akademie.

Herr Dr. Quarch, worum geht es im Kern Ihres Buches „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“?

Quarch: Es geht um das, was auf dem Titel steht: den Sinn des Lebens. In guter Philosophenmanier ergehe ich mich aber nicht in wohlfeilen Ratschlägen, wie man den Sinn des Lebens finden oder gar machen kann. Sondern ich frage zunächst einmal danach, was „Sinn“ überhaupt bedeutet und was genau geschieht, wenn Menschen Sinnerfahrungen machen.

Davon ausgehend entwickle ich eine – wie ich glaube – belastbare Theorie vom Sinn des Lebens, deren großer Vorteil darin besteht, einen jedermann gangbaren Weg zu beschreiben, der unsere tiefe Sehnsucht nach Sinn stillt.

Sie sagen, die kostbarste Ressource der Menschheit ist nicht Gold, Kohle, Uran oder Daten, sondern der Sinn. Warum ist es so wertvoll, einen echten Sinn im Leben zu haben?

Quarch: Vielleicht kommt es gar nicht so sehr darauf an, einen echten Sinn im Leben zu haben, sondern auf rechte Weise nach dem Sinn zu suchen. Der Wiener Psychologe und Psychiater Viktor Frankl hat einmal gesagt: „Der Wille zum Sinn bestimmt unser Leben.“ Ich glaube er hat Recht. In der Tiefe unserer Seele sehnen wir uns alle danach, Sinn zu erfahren.

Und das ist immer dann der Fall, wenn wir „Ja“ sagen können: „Ja“ zu uns selbst, aber auch „Ja“ zur Welt. Sinnsuche bedeutet dann, eine Konversation – ein Gespräch – mit der Welt, den Menschen, den Dingen, der Natur, dem Heiligen zu beginnen, in deren Folge uns dieses tiefe, existenzielle „Ja“ möglich wird. Ein „Ja“, das wir nicht allein sprechen, sondern auch fühlen.

 

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Buch Cover, Christoph Quarch: „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“

 

Ihrer Meinung nach leben wir heute in einer von Sinnfinsternis geprägten Welt. Woran zeigt sich das vor allem und was sind die Gründe dafür?

Quarch: Verschiedene Symptome stechen ins Auge. Evident ist, dass in unserer Gesellschaft, vor allem in der Arbeitswelt, psychische Erkrankungen seit etwa 20 Jahren linear zunehmen. Latente Unzufriedenheit und Suchtproblematiken kommen hinzu. Aber auch wo Menschen dem Anschein nach gesund sind, ist ein geistiges Vakuum sichtbar.

Das zeigt sich etwa daran, dass wir in einer kulturell extrem armen und unproduktiven Zeit leben. Die menschliche Kreativität scheint sich in die technische Rationalität zurückgezogen zu haben, Begeisterung, Sinnstiftung und kulturelles Wachstum sind zur Seltenheit geworden.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Das geistige Vakuum hat unzweifelhaft mit dem zu tun, was Friedrich Nietzsche als Tod Gottes diagnostizierte: den Verlust einer umfassenden, sinnstiftenden und orientierenden Dimension des Lebens. Die Stagnation der Kultur führe ich darauf zurück, dass diejenige Kraft, die in das vom Tod Gottes zurückgelassene Vakuum vorgedrungen ist, keine andere ist, als der ökonomische Liberalismus.

Dieser konnte wohl eine Zeit lang den Wohlstand der Menschheit mehren, hat inzwischen aber zu einer beispiellosen Zerstörung des Planeten und zur Zerrüttung der Gesellschaften geführt.

Wie können wir diese Sinnleere heute überwinden, als Gesellschaft und als Individuum?

Quarch: Martin Heidegger sagte schon in den 1960er Jahren: Nur ein Gott kann uns noch retten. In der Sache stimme ich ihm zu, würde nur den Begriff „Gott“ durch das noch schwierige Wort „Religion“ ersetzen. Was ich damit meine, lässt sich durch ein Wort des englischen Romanciers D.H. Lawrence verständlich machen. Er sagte in „Lady Chatterley’s Lover“: „Vitally the human race is dying” – das ist die Situation der Sinnleere. „We are like a big uprooted tree with it’s roots in the air” – Entwurzelung, Verlust der Anbindung und Rückbindung (lateinisch: religio) ans Sein dieser Welt.

Und deshalb: „We must plant ourselves again in the universe”. Das wäre die neue Religion: Eine Rückbindung an des natürlich Sein dieser Welt – an die physis, wie die Griechen es nannten. Es geht also um eine Diesseits-Religion. Genauer um eine existenzielle Konversation, die uns nicht nur wieder in Beziehung zur geschundenen Erde und unserer eigenen Leiblichkeit bringt, sondern vor allem damit die Grundlage schafft, dem Sein gegenüber das große „Ja“ zu sprechen.

Sie unterscheiden in Ihrem Buch vier Hauptdeutungen des Begriffs Sinn. Könnten Sie diese kurz erläutern?

Quarch: 

  1. Bedeutung: Eine traditionelle, stark religiös gefärbte Sichtweise identifiziert Sinn mit Bedeutung: Vereinfachend gesprochen lenkt diese Deutung die menschliche Sinnsuche in eine Richtung, die nach einer Art Plan oder Blaupause, Berufung oder auch Karma der eigenen Identität fragt. Da sie sich die Sinnerfahrung davon verspricht, gelebtes Leben und Bestimmung zur Deckung zu bringen. Ganz nach dem Motto: Ich muss mich finden.
  2. Zweck: Seit dem 18. Jahrhundert und dem Siegeszug dessen, was Max Weber Zweckrationalität nannte, wird Sinn nicht mehr so sehr mit Bedeutung, sondern mit Zweck identifiziert. Wir glauben seither, sinnvoll sei dasjenige, was nützlich oder zweckmäßig ist und interpretieren den Sinn unseres Lebens als dessen Nutzwert. Eine verhängnisvolle Sichtweise, die ein verlässlicher Weg in die Depression ist.
  3. Moral: Eine andere, ebenfalls religiös konnotierte Sicht, verbindet Sinn mit Moral. Wenn Sinnerfahrung bedeutet, etwas (oder sich selbst) gutheißen zu können, so wird dieses Werturteil hier ausschließlich moralisch gedacht. Sinnvoll ist das Leben dann in dem Maße, in dem es einem moralischen Kodex genügt und – mit Kant gedacht – dem kategorischen Imperativ.
  4. Menschliche Sinnstiftung: Die vierte und heute geläufigste Interpretation deutet den Sinn als Produkt menschlicher Sinnstiftung. Von Wilhelm Schmidts philosophischer Lebenskunst bis zu küchenpsychologischen Glückstheorien finden Sie heute Konzepte, die Ihnen weißmachen, Sie selbst könnten Ihrem Leben Sinn verleihen: indem Sie Ihr Leben so gestalten, dass es von Ihnen bejaht werden kann. Diese Theorie ist in meinen Augen für eine authentische und tragfähige Sinnerfahrung absolut kontraproduktiv. Weil sie verkennt, dass Sinn immer nur in der Begegnung mit der Welt gefunden, niemals aber von uns selbst erzwungen werden kann.

Interview mit Christoph Quarch: „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“

 

Der Sinn des Lebens hat einen objektiven und subjektiven Aspekt. Welche Antworten haben die griechischen Denker der Antike auf die Basis-Frage nach dem objektiven Sinn des Lebens?

Quarch: Für die griechischen Philosophien stellt sich diese Frage nicht. Sie erleben die Welt als sinnvoll, was Sie allein daran erkennen können, dass sie ihr den Namen Kosmos gaben, was so viel bedeutet wie: Schöne Ordnung. Oder daran, dass ein Thales am Anfang der abendländischen Philosophie sagen konnte: „pánta plerē theōn“, Alles ist voller Götter. Die Griechen wussten sich von dieser Welt angesprochen. Aus allem sprach zu ihnen das Heilige Sein dieser Welt – auch aus den vermeintlichen Schattenseiten des Lebens.

So kommt es, dass sie zu den wirklichen Champions des „Ja“-Sagens wurden – etwa in Gestalt ihrer ureigensten Kulturform, der Tragödie. Oder denken Sie an Homer. Nicht ein einziges Mal in der Ilias finden sie eine Reflexion darüber, ob dieses ganze Gemetzel und Gemorde vor Troja die Sinnhaftigkeit dieser Welt in Frage stellen würde. Im Gegenteil: Auch im Krieg sind Götter.

Beim subjektiven Aspekt der Sinnfrage geht es darum, wie der einzelne Mensch für sich seinen persönlichen, individuellen Sinn des Lebens finden kann. Wie kann die griechische Philosophie den Menschen als Wegweiser dabei helfen, ihren persönlichen Lebenssinn zu finden?

Quarch: Noch einmal: Das wichtigste ist zu wissen, wonach wir eigentlich fragen, wenn wir nach dem Sinn fragen. Und da sage ich: Wir fragen nach einer Erfahrung, die es uns erlaubt, „Ja“ zum Leben zu sagen. Vielleicht auch „trotzdem Ja zum Leben“ sagen, wie Viktor Frankl es eindrucksvoll aus seiner Zeit im Konzentrationslager beschreibt. Seine Erfahrung ist deshalb wichtig, weil sie präzis bestätigt, was schon Platon und Sokrates als Weg zum großen Ja erkannten.

Dasjenige, was sie Eros nannten – die leidenschaftliche, hingebungsvolle und begeisterte Liebe zum Leben, das bedingungslose Sich-Einlassen auf die Konversation mit dem Leben in allen Aspekten: von ekstatischer Freude bis hin zu bitterstem Schmerz.

Sie sagen, der Sinn erschließt sich nicht durch Geisteskraft, sondern vielmehr durch Gefühl und Liebe. Was heißt das genau?

Quarch: Die leidenschaftliche Liebe des Eros wächst nicht im Kopf, sondern im Herzen des Menschen. Sie wächst nicht aus intellektueller „Geisteskraft“, sondern aus der Begeisterung, die Menschen angesichts dessen erleben, was sie anspricht: durch seine Schönheit, seine Eindringlichkeit, seine Prägnanz.

Das kann der oder die Geliebte sein, es kann ein Freund sein, ein Kunstwerk, ein Gedanke, die Natur oder ein Gott. Was immer uns existenziell berührt, nährt den Eros in uns und stärkt die innere Kraft, der Welt mit dem großen Ja zu begegnen.

Der Buchtitel signalisiert bereits, dass der Schlüssel für Sinn, Glück und Zufriedenheit darin liegt, das Leben zu bejahen. Wie kann das auch in schwierigen Zeiten und bei Schicksalsschlägen gelingen?

Quarch: Indem wir der Welt mit der Kraft des Eros begegnen. Wo sich in unsere Seele die Bejahbarkeit des Lebens im Ganzen eingebrannt hat, werden uns die Beleidigungen, Rückschläge, Enttäuschungen und Schmerzen unseres Egos nicht erschüttern. Solange die Rückbindung ans Sein der Welt besteht und wir offen und empfänglich für den An- und Zuspruch bleiben, der an uns ergeht, wachsen uns Hoffnung, Mut und Schöpferkraft zu.

Schlimm steht es um uns erst dann, wenn wir nur noch danach fragen, was unserem Ego zuträglich ist. Und glauben, uns das Leben nach seiner Maßgabe zurechtzimmern zu müssen. Dann nämlich werden wir unempfänglich für die anderen und verlieren die Rückbindung ans Sein. Dann werden wir kein großes „Ja“ mehr sprechen können und werden anfällig für die armen kleinen „Jas“, die man uns in folge von materiellem oder auch spirituellem Konsum in Aussicht stellt.

 

Interview mit Christoph Quarch: „Das große Ja: Ein philosophischer Wegweiser zum Sinn des Lebens“

 

Vor kurzem haben Sie ein neues Projekt gestartet: Die Neu-Gründung einer Platonischen Akademie. Was treibt Sie an und welche Strategie steckt dahinter?

Quarch: Auftrag der Akademie ist es, gemeinsam nach Ausdrucks- und Sprachformen zu fahnden, die es dem Menschen im digitalen Zeitalter ermöglichen, sich neuerlich ans Heilige Sein dieser Welt zurückzubinden. Und die Konversation mit dem Leben so zu führen, dass ihnen das große Ja zuwachsen kann.

Eine neue platonische Akademie ist das deshalb, weil das eigentliche Anliegen von Platons Akademie des 4. Jahrhunderts v. Chr. ein ähnliches war. Es ging ihm darum, am Übergang vom mythischen zum logischen Zeitalter ein geistiges Paradigma zu entwerfen, das den guten Geist der Lebendigkeit zur Sprache bringen und im Gespräch halten kann.

Für den Fortbestand des Menschlichen in dieser Welt wird es entscheidend darauf ankommen, dass uns an der Schwelle vom analogen zum digitalen Zeitalter dasselbe gelingt.

Das Interview führte Markus Hofelich.

 

Weitere Informationen unter: christophquarch.de

 

Bilder: Christoph Quarch

 

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