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Interview mit Kathrin Sohst: „Warum Sensibilität eine verborgene Kraft ist und wie sie uns die Welt eröffnet“

3. Juni 2020 0 comments
Interview mit Kathrin Sohst: „Warum Sensibilität eine verborgene Kraft ist und wie sie uns die Welt eröffnet“

Sensible Menschen werden häufig als Mimose, wenig belastbar und mit einem zu dünnen Nervenkostüm ausgestattet gesehen. Sie nehmen Sinnesreize besonders differenziert wahr, verarbeiten sie besonders tief und reagieren stark darauf. Doch die vermeintliche Schwäche ist in Wahrheit eine Stärke, erklärt Autorin und Coach Kathrin Sohst. In Ihrem neuen Buch „Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben: Warum Sensibilität eine verborgene Kraft ist und wie sie uns die Welt eröffnet“ zeigt sie, wie wir sensibel und selbstbewusst agieren, unsere Emotionen in konstruktive Handlungsenergie verwandeln und so die Sensibilität als wertvolle Ressource nutzen können. Im Interview beschreibt Kathrin Sohst die Stärken und Schwächen sensibler Menschen, wie wir diese wertvolle Ressource am besten nutzen und warum Sensibilität in der heutigen Welt wichtiger denn je ist.

Frau Sohst, Sie haben bereits zwei Ratgeber über das Thema Hochsensibilität geschrieben. Welchen neuen Fokus legen Sie in Ihrem Buch „Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben: Warum Sensibilität eine verborgene Kraft ist und wie sie uns die Welt eröffnet“? Sprechen Sie hier einen erweiterten Leserkreis an über die Hochsensiblen hinaus?

Sohst: Ja! Anders als meine ersten beiden Bücher, richtet sich das neue an eine breitere Leserschaft und fokussiert die Themen Sensibilität, Emotionen und Gefühle. Mir ist während der letzten Jahre immer wieder aufgefallen, dass es in vielen Gesprächen gar nicht deshalb schwierig war, über Hochsensibilität zu sprechen, weil das Wörtchen „hoch“ vorkommt.

Vielmehr wurde mir mit jedem Gespräch klarer, dass es für viele grundsätzlich schwierig ist menschliche Sensibilität, Gefühle und Emotionen zu thematisieren. Oft bin ich auf die Annahme gestoßen, dass es da zum einen die hochsensiblen Menschen gibt und zum anderen die taffen, die mit Sensibilität überhaupt nichts am Hut haben. Dass aber Sensibilität unterschiedlich ausgeprägt ist und alle Menschen mehr oder weniger sensible Wesen sind, wird oft ausgeblendet. Dabei liegt es auf der Hand, dass wir alle über unsere Wahrnehmungsfähigkeit mit uns selbst, unseren Empfindungen, mit unseren Mitmenschen und mit unserem Lebensraum in Kontakt sind – ganz gleich ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Ab und an ist es mir sogar begegnet, dass Menschen sich angegriffen fühlten, wenn ich über das Thema Sensibilität aufgeklärt habe. Nach und nach wurde mir klar warum: Ich habe damit ein Bedürfnis berührt, das in allen Menschen steckt und das schon seit langem viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Pausen, Stille und emotionale Reflektion finden sich im Leben vieler Menschen viel zu selten wieder. Dabei braucht jeder Mensch Raum für seine sanften Seiten und seine Gefühle – ganz gleich wie seine Sensibilität ausgeprägt ist. Es ist höchste Zeit, um das in der Breite der Gesellschaft zu thematisieren!

Was verstehen Sie unter Sensibilität und wie kann man erkennen, wie sensibel man ist?

Sohst: Unter Sensibilität verstehe ich die Fähigkeit, Empfindungen, die durch äußere und innere Umgebungsreize ausgelöst werden, zu verarbeiten. Das gilt sowohl für alles, was unser „System“ unbewusst als relevant einstuft und abspeichert, als auch für die Informationen, die wir bewusst verarbeiten.

Neue Metastudien weisen darauf hin, dass der Anteil hochsensibler Menschen an der Gesamt-Bevölkerung höher als bisher angenommen ist. So sind etwa 30 Prozent der Menschen weniger sensibel, 40 Prozent durchschnittlich sensibel und 30 Prozent höher sensibel. Der Übergang zwischen den Gruppen ist nicht trennscharf, sondern fließend und auch innerhalb dieser Gruppen besteht eine Variabilität.

Anhaltspunkte dafür, wie sensibel jemand ist, geben zum Beispiel die Ergebnisse aus Fragebögen wie in meinem neuen Buch.

Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich der eigenen Sensibilität ganz anderes zu nähern – zum Beispiel mit einer Metapher. Ich mag das Bild der Lichtempfindlichkeit eines analogen Films: Bei wenig Sensibilität wird das Bild des Lebens anders ausgeleuchtet als bei hoher Sensibilität. Ist die Sensibilität gering, offenbart das Bild nicht so viele Details und ist dunkler. Je sensibler der Film wird, desto mehr Licht fällt auf das Bild und umso mehr Details lassen sich erkennen.

Auch die schönen Seiten des Lebens. Ist der Film zu lichtempfindlich, können wir auf dem Bild nichts mehr erkennen. Zwischen den Extremen von ganz dunkel bis komplett hell, gibt es eine große Vielfalt von Lichtverhältnissen. Oder im übertragenen Sinn viele verschiedene Ausprägungen von Sensibilität beim Menschen. Wir mögen zwar alle „gleich würdig“ sein, aber eben nicht gleich. Und auch nicht gleich sensibel.

Mit welchen Herausforderungen sind höher sensible Menschen häufig in ihrem Alltag konfrontiert?

Sohst: Wer intensiver verarbeitet, was er wahrnimmt, ist bei hoher Reizintensität schneller überstimuliert – etwa in lauten Umgebungen mit vielen Menschen, durch lange Phasen hochkonzentrierter Arbeit mit Zeitdruck, wenn die Stimmung in einer Familie oder im Kollegenkreis gereizt und emotional sehr angespannt ist oder auch durch zunehmende Umweltverschmutzung.

Hält dieser Zustand über einen längeren Zeitraum an, kann negativer Stress entstehen. Und der ist für niemanden gesund – ganz gleich ob hochsensibel oder nicht. Der Atem wird flacher, die Konzentration leidet, der Raum für die emotionale Verarbeitung fehlt, Stresshormone machen sich im Körper breit, dass Immunsystem wird geschwächt und die Ernährung leidet.

Wichtig: Hochsensible Menschen sind nicht grundsätzlich überstimuliert. Im Gegenteil: Erstens sind Menschen mit feinen Antennen gewohnt, viele Reize und Details zu verarbeiten und zu integrieren. Sie gehen damit täglich um. Das ist eine starke Leistung! Und: Wer gut für sich sorgt und sich seiner hohen Sensibilität bewusst ist, kann viel für seine natürliche Balance tun.

Schwieriger ist es für Menschen, die sich ihrer hohen Sensibilität nicht bewusst sind, sie verdrängen oder sogar bekämpfen. Sie leben oft in einer permanenten Reizüberflutung und werden sich eher als Lastenträger und ihre „Empfindlichkeit“ als Fluch empfinden. Sich diesen Unterschied bewusst zu machen ist wichtig. Denn wer davon überzeugt ist, dass hohe Sensibilität grundsätzlich eine „Schwäche“ ist, hat es schwerer positiv und wertschätzend mit sich selbst umzugehen.

 

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Buchcover Kathrin Sohst „Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben: Warum Sensibilität eine verborgene Kraft ist und wie sie uns die Welt eröffnet“

 

 

Welche Stärken liegen in einer höheren Sensibilität? Wie können wir diese als wertvolle Ressource nutzen

Sohst: Höher sensible Menschen sind sich umweltbezogener Feinheiten in höherem Maße bewusst. Sie haben also ein gutes Gespür dafür, was gerade in ihrem Umfeld los ist. Ist alles sicher oder droht Gefahr? Können wir uns entspannten oder müssen wir schnell auf etwas reagieren?

Bewusstsein für Feinheiten bedeutet aber auch, dass uns die angenehmen Seiten und Reize des Lebens wie Naturerfahrungen, Musik, Berührungen, gute Beziehungen, Geborgenheit, gute Nahrung und Kunst bewusster sind. Dieses Gespür für die kleinen, feinen Dinge des Lebens, die uns „Sekundenglück“ bescheren können, hat etwas damit zu tun, wie empfänglich wir für Reize sind.

Darüber hinaus haben empfängliche Menschen eine höhere emotionale Reaktivität und Empathie. Das bedeutet auch, dass sie sich ihrer Emotionen eher bewusstwerden als weniger sensible Menschen – und zwar sowohl ihrer eigenen als auch der anderer Menschen. Der Umgang mit dieser Fähigkeit will geübt sein – gerade bei hoher Sensibilität. Wer das aber auf konstruktive Art und Weise tut, der entwickelt eine hohe emotionale Kompetenz und starke empathische Fähigkeiten.

Was raten Sie zum richtigen Umgang mit der eigenen (Hoch)Sensibilität? Wie können wir eine bessere Basis für Selbstfürsorge schaffen?

Sohst: Raus aus dem Kampf gegen sich selbst, raus aus der Verdrängung, rein in die Selbstannahme und -wertschätzung. Wenn man aufhört, gegen sich selbst zu kämpfen und vermeintliche Schwächen annimmt, wird eine ganze Menge Energie frei.

Dann verwandeln sich „Schwächen“ plötzlich in wichtige Wegweiser oder zeigen uns auf, wo wir ansetzen können, um unseren Situation zu verbessern: Erschöpfung ist dann kein Versagen mehr, sondern weist uns auf unseren eigenen Rhythmus und unsere Bedürfnisse hin. Wenn die Konzentration nachlässt, ist das keine mangelnde Leistungsfähigkeit, sondern ein Zeichen dafür, dass wir eine Pause brauchen. Und aus „zu vielen Gefühlen“ wird die Fähigkeit zu spüren, was wirklich wichtig ist im Leben. Verändern wir also den Fokus!

Die Erkenntnis, dass Sensibilität von Natur aus vielfältig angelegt ist, tut richtig gut, stärkt und ist der erste Schritt, um sich mit sich selbst und dem eigenen – vielleicht etwas „krummen“ – Lebensweg auszusöhnen. Das gilt übrigens grundsätzlich. Auch wenn jemand weniger spürt als andere, ist es wichtig zu wissen, dass Menschen unterschiedlich sensibel sind und das nicht nur in Ordnung, sondern natürlich ist.

Im nächsten Schritt gilt es die Entscheidung zu treffen, einen positiven, konstruktiven Umgang zu finden. Und dann kann der Wandel beginnen – Schritt für Schritt in einen verantwortungsvollen Umgang mit uns selbst, mit anderen und mit unserem Lebensraum – ein Dreiklang, der mit jedem Tag mehr an Bedeutung gewinnt! Für uns selbst sind kurze Pausen zwischendurch genauso wichtig wie längere Ruhephasen am Wochenende oder im Urlaub.

Zusätzlich können wir tiefer atmen, uns genug bewegen, Mittagspausen an der frischen Luft machen, meditieren, Yoga ausüben, Achtsamkeit praktizieren, Neues lernen, lesen, musizieren oder schöne Musik hören. Genauso wichtig ist die Pflege unserer Beziehungen mit der Partnerin oder dem Partner, mit unseren Kindern, mit Familie und Freunden.

Gute Gespräche, Berührungen, Umarmungen und gemeinsame Erlebnisse nähren unsere Seele. Auch unser Körper braucht gesunde Nahrung, ausreichend Wasser und Nährstoffe sowie Naturerfahrungen. Wenn wir nachhaltig für uns sorgen wollen, gilt es auch Verantwortung für unser Handeln in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Umweltschutz zu übernehmen.

Warum ist es trotzdem wichtig, sich nicht zurückzuziehen, sondern von Zeit zu Zeit die eigenen Grenzen zu sprengen und die eigene Komfortzone zu verlassen?

Sohst: Wichtig ist, dass wir lernen zu unterscheiden: Wann brauche ich eine Pause und Regeneration? Und wann ist es Zeit, um zu wachsen und die eigene Komfortzone zu erweitern?

Es gibt Phasen, in denen wir uns zurückziehen, wo wir uns um unseren Körper und unsere Seele kümmern, für unsere Familie oder Freunde da sind oder unsere Gewohnheiten umstellen, um etwas für unseren Lebensraum zu tun. Und dann kommen Phasen, in denen es darum geht, stärker nach außen zu gehen, Brücken zu bauen, neue Menschen kennenzulernen, etwas Neues zu lernen, standfest seine Meinung zu vertreten, widerstandsfähiger zu werden und zu spüren, dass Abgrenzung gelingen kann, wenn wir für eine natürliche Balance sorgen.

Pausen brauchen wir aber auch in den Zeiten, in denen wir „brennen“. Sonst brennen wir bekanntlich aus. Das Leben verläuft in Zyklen und nicht immer gleich. Entwickeln wir wieder ein Gespür für diese Zyklen und nähern wir uns wieder einer natürlichen Balance. Wir brauchen Ruhe und Wachstum, um blühen zu können.

In unserer Leistungsgesellschaft wurde bisher wenig Rücksicht auf hochsensible Menschen genommen. Häufig werden diese als wenig belastbar und stressresistent sowie als überempfindlich wahrgenommen. Können Sie hier ein Umdenken feststellen?

Sohst: Zunächst mal nehme ich immer mehr hochsensible Menschen wahr, die Verantwortung für sich selbst übernehmen und eine starke Kompetenz entwickeln, mit ihrer hohen Sensibilität umzugehen und sie für sich und die Gesellschaft positiv zu nutzen. Ob es gesellschaftlich betrachtet schon ein bewusstes Umdenken gibt, bezweifle ich.

Aber das Wissen über die sensible Vielfalt wird immer bekannter und wird durch immer mehr Menschen in die Systeme getragen. Und noch etwas macht mir Hoffnung: Diversität ist ein Thema in Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft. Da können wir mit dem Thema Sensibilität andocken.

Vor allem, weil es immer mehr Menschen gibt, die in unserem System nicht mehr „funktionieren“ und krank werden. Und das sind nicht nur die höher sensiblen Menschen. Menschen sind keine Maschinen, die jeden Tag auf die gleich Art und Weise funktionieren. Menschen sind soziale und ja – auch sensible – Wesen.

Was sind die höchsten Hürden (für Hochsensible) im Berufsleben und wie kann man sie überwinden?

Sohst: Die größte Hürde ist meines Erachtens die allgemeine Unwissenheit in Sachen Sensibilität und Prävention – sowohl bei denen, die in einem Unternehmen arbeiten als auch bei denen, die ein Unternehmen führen. Insofern ist Aufklärung auf allen Seiten notwendig. In Großraumbüros können zum Beispiel nicht alle Menschen ihr Potenzial gut nutzen. Und nicht jeder kann gut damit umgehen, wenn Kritik unangemessen und ohne Wertschätzung geäußert wird.

Meist sind es die Angestellten, die auf das Thema aufmerksam werden. Ob angestellt, selbständig oder Unternehmer: Grundsätzlich ist es wichtig, sich bedürfnisorientierte, nährende Gewohnheiten zuzulegen und regelmäßig kleine Pausen zu machen. Vor allem in einer Überlastungssituation empfehle ich erst einmal eine „Reizdiät“, um wieder in die Kraft zu kommen. Machen sie mehr kleine Pausen zwischendurch und in der entspannten Mittagspause einen Spaziergang.

Besorgen Sie sich Gehörschutz oder nehmen Sie sich einen Tag Urlaub. Geht nicht? Dann nutzen Sie einen leeren Meetingraum vorübergehend als Büro, damit sie sich wieder besser konzentrieren und den Abgabetermin halten können. Auch nach Feierabend gibt es Möglichkeiten. Wenn Sie sich nach Ruhe sehen, schaffen Sie sich Ruhe.

Verschieben Sie Termine, holen Sie sich Unterstützung von Ihren Mitmenschen, sorgen Sie nach Feierabend für sanfte Bewegung im Park, im Wald oder am Wasser und schlafen Sie mehr. Auch wenn diese Beispiele nicht auf Ihre Situation passen.

Prüfen Sie bitte auch, ob Ihr Körper gesund ist oder Unterstützung braucht – ob etwa Nährstoffmängel ausgeglichen werden können oder eine Entgiftung auf körperlicher Ebene helfen kann. Es gibt immer Möglichkeiten, etwas zu verändern. Wichtig ist es, den ersten Schritt zu machen. Denn: Wenn Sie Ihre Bedürfnisse nicht ernst nehmen, tun es die anderen auch nicht.

Ein Tipp für Mitarbeitergespräche: Machen Sie sich vor dem Termin ihre Stärken bewusst und sprechen Sie vor allem darüber, wie das Unternehmen davon profitiert und was Sie dafür brauchen, um Fähigkeiten wie etwa hohes Qualitätsbewusstsein, Kreativität, Lösungsorientierung, Weitsicht, emotionale Kompetenz und die Fähigkeit zur Vernetzung von unterschiedlichen Fakten für das Unternehmen optimal und nachhaltig gesund einsetzen zu können.

Das zeigt Einsatz, Loyalität, Bewusstsein und Selbstverantwortung. Noch ein Tipp: Wenn Sie das Gefühl haben, dass es nicht angebracht ist, muss das Wort „Hochsensibilität“ auch nicht fallen. Es gibt viele Möglichkeiten, um den Sachverhalt ressourcen- und stärkenorientiert zu formulieren – zum Beispiel so: „Ich kann meine PS für das Unternehmen am besten auf die Straße bringen, wenn ich eine ruhige Arbeitsatmosphäre habe und regelmäßig lüften kann. Was halten Sie davon, wenn ich den ungenutzten Meetingraum mit den großen Fenstern nutze? Zusätzlich möchte ich einen Tag in der Woche im Home-Office arbeiten. So kann ich meine Aufgaben schneller und produktiver erledigen.“

Warum sollten Arbeitgeber begrüßen, dass ihre Mitarbeiter unterschiedlich sensibel sind? In welchen Bereichen können diese den größten Mehrwert für Unternehmen liefern?

Sohst: Das ist ein Mehrwert, der bereits bekannt ist: Diverse Teams sind besonders kreativ und produktiv! Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Voraussetzungen beleuchten eine Aufgabe aus vielen verschiedenen Blickwinkeln und können zu ganzheitlicheren Lösungen kommen. Und dazu leisten selbstverständlich auch höher sensible Menschen.

Sie steigern etwa sowohl das Wohlbefinden als auch die Kooperationsbereitschaft ganzer Gruppen. Begründet ist das darin, dass hochsensitive Menschen über ein ausgeprägtes Bewusstsein für Feinheiten in ihrer Umwelt verfügen, Informationen schneller verarbeiten können und einen guten Sinn für Empathie und Gerechtigkeit mitbringen. Umso wichtiger, dass man die Sensibilität als Ressource erkennt und nutzt.

Sensibilität ist auch mit dem Wahrnehmen von Gefühlen verbunden. Wie können wir lernen, besser mit unseren Gefühlen umzugehen, starke Emotionen zu unserem Vorteil zu nutzen und diese in eine positive Handlungsenergie verwandeln?

Sohst: Weg mit der Angst vor Gefühlen! Begrüßen wir unsere emotionale Welt und lernen wir sie kennen. Emotionen und Gefühle sind menschlich, kraftvoll und immer da. Wir können sie nicht abschalten. Im Gegenteil. Was lange verdrängt und abgespalten wird, radikalisiert sich und fällt irgendwann völlig destruktiv und ungesteuert auf uns zurück.

Solange wir uns nicht mit unseren Emotionen und Gefühlen beschäftigen, lernen wir nicht, mit ihnen umzugehen. Ich beschreibe im Buch die Basisemotionen nach Ekman und ein System, das Menschen einen Pfad aufzeigt, wie Sie ihre Emotionen benennen, bewusst fühlen, sich mit ihnen vertraut machen und sie bewusst für sich nutzen können.

Das ist wichtig. Denn nach den Erkenntnissen der Emodiversity-Forschung sind und leben Menschen, die sehr divers und bewusst fühlen, gesünder als solche, die Emotionen nur sehr einseitig spüren und reflektieren.

Wichtig zu wissen: Emotionen sind schneller als Gedanken. Die Idee, uns rein über unsere Gedanken zu steuern ist also schwierig. Und es stellt sich ja auch die Frage: Was ist zuerst da? Der Gedanke oder die Emotion? Und woher kommen eigentlich unsere Gedanken?

Jeder, der schon einmal versucht hat, sich ein Mindset zuzulegen, dass zu seiner emotionalen Welt nicht passt, weiß, dass das so einseitig nicht funktioniert, wenn wir nicht bereit sind, das auch zu fühlen oder die emotionalen Blockaden zu beseitigen, damit wir das neue Mindset ins Herz sacken lassen können. Wir können unsere Emotionen und Gefühle nicht wegdenken, aber wir können sie integrieren und Verstand und Gefühle zu einem starken Team machen.

Spätestens in Krisenzeiten wie jetzt im Frühjahr 2020 spürt jeder Mensch, dass er sensibel ist und Gefühle hat. Gut damit umgehen können nur wenige. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich. Denn diesen Aspekt haben wir in unserem Bildungssystem bisher schlichtweg vergessen. Machen wir uns also ans Werk und holen wir das nach! Dann brauchen wir auch keine Angst mehr vor unseren Gefühlen zu haben, sondern können sie sogar bewusst für uns nutzen

Sie sagen, in unserer Gesellschaft mangelt es an allen Ecken und Enden an Sensibilität. Warum braucht die Welt mehr Feinfühligkeit?

Sohst: Weil wir schon seit Jahren um die Probleme wissen, die unser stark rationaler Fokus geschaffen hat, aber nichts verändern. Es geht um nicht weniger als Umweltverschmutzung, Ressourcenverschwendung, Klimawandel, Armut, Krankheit, Hunger, Massentierhaltung, die Überlastung der landwirtschaftlichen Nutzflächen, die Abholzung von Wäldern oder das große Artensterben, um nur ein einige zu nennen.

Wir WISSEN das alles, aber wir wollen es nicht FÜHLEN. Weil es erst einmal weh tut. Doch FÜHLEN ist die Voraussetzung dafür, etwas zu ERFAHREN. Solange wir das nicht wagen, wird sich nichts nachhaltig verändern. Und deswegen muss das Kollektiv wieder lernen zu fühlen. Emotionen und Verstand müssen zu einem starken Team werden. Es ist unsere Pflicht, Emotionen und Ratio zusammenzubringen.

Wir müssen wieder spüren, wer wir sind und wo wir herkommen. Wir brauchen ein Bewusstsein für natürliche Zyklen. Wir MÜSSEN uns wieder bewusstwerden, dass wir Teil eines Ökosystems sind, in dem wir leben und das uns nährt. Wir haben die Verhältnismäßigkeit verloren, weil wir verlernt haben hinzuspüren. Das Spüren und die emotionale Transformation sind aber die Voraussetzung für echten Wandel.

Starke Emotionen bringen eine massive Handlungsenergie mit sich. Die vielen Veränderungen, die durch die Angst während der Pandemie in kürzester Zeit möglich waren, sind das beste Beispiel dafür. Unsere Angst war und ist zum Teil immer noch so groß, dass wir ganze Systeme ad hoc komplett auf den Kopf stellen bzw. wichtige Schritte zurück in eine neue Realität viel zu lange herauszögern.

Jeder, der sein Herz öffnet und in die Themen dieser Zeit hineinfühlt – und damit meine ich vor allem all das, was vor Corona schon dringend war –, erfährt sofort, wie sehr das schmerzt. Das will keiner fühlen. Weil wir nicht geübt darin sind, Gefühle zu durchleben und zu transformieren. Doch genau das müssen lernen, damit sich etwas ändern kann. Nachhaltig. Gesund. Ganzheitlich.

Dann kann Heilung geschehen. Und zwar weit über die Auswirkungen des Virus hinaus. Bei dieser Pandemie beschäftigen wir uns (wieder nur) damit, wie es uns Menschen geht, aber wenig damit, wie es um das Ökosystem steht, in dem wir leben. Und das ist immer noch unsere Lebensgrundlage! Wir brauchen nicht nur Respekt vor dem menschlichen Leben, sondern vor allem auch vor dem System, das dieses menschliche Leben überhaupt möglich macht. Zeit für eine Sensibilisierung der Massen!

Neben Ihrem Beruf als Autorin sind Sie auch als Coach und Kursleiterin für Waldbaden und Achtsamkeit tätig. Welche Zielgruppen sprechen Sie an und welche Themen stehen dabei im Vordergrund?

Sohst: Meine Expertise liegt ganz klar in den Bereichen Sensibilität, Emotionen, Achtsamkeit und Naturverbundenheit. Ich arbeite mit Menschen, die ihre Gefühle und Gedanken in Einklang mit ihrer Natur als Mensch bringen wollen. Ich arbeite in Einzelcoachings und gebe Kurse für Waldbaden und Achtsamkeit. Demnächst wird es interaktive Online-Formate für Menschen geben, die ihre Sensibilität positiv integrieren und die Kraft ihrer emotionalen Welt bewusst für sich nutzen wollen.

Zu mir kommen Frauen und Männer, die sich mit ihrer Sensibilität, ihren Emotionen und ihren Bedürfnissen konstruktiv auseinandersetzen möchten und ihr Leben – beruflich und privat – so gestalten möchten, dass es zu ihnen passt. Die meisten meiner Klientinnen und Klienten sind hochsensibel.

Vor einiger Zeit ist der Wald als Coachingpartner dazugekommen. Nachdem ich viel über den Wald und seine wissenschaftlich erwiesene positive Wirkung auf Seele und Körper gelesen habe, habe ich das für mich immer intensiver genutzt. Das Ergebnis: Mein Immunsystem ist gefestigt, seit ich regelmäßig draußen bin. Wenn ich schlechte Laune habe oder nicht weiß, was der nächste Schritt ist, schenkt mir der Wald gute Laune, Klarheit, starke intuitive Impulse und Mut. Und wenn ich mal jemanden zum Anlehnen brauche, ohne zu reden oder mich erklären zu wollen, lasse ich mir von einem Baum den Rücken stärken.

Für höher sensible Menschen ist der Wald auch deshalb so angenehm, weil es dort stiller ist. Viele Reize, die im Alltag auf uns einprasselnd, gibt es im Wald nicht. Stattdessen viele faszinierende Details, viel Grün – selbst im Winter – viel Schönheit, Ruhe, gute Luft und Bewegung.

Welche Projekte stehen demnächst auf Ihrer Agenda?

Sohst: Im Moment kümmere ich mich um die Vermarktung von „Wer stärker fühlt, hat mehr vom Leben“ – in diesen Zeiten auch auf ganz neuen Wegen, als es sonst üblich war. Parallel plane ich ein Gruppen-Coaching-Format zum Buch und arbeite an der Digitalisierung meines Geschäftes.

Ideen für Bücher – auch für einen Roman und ein Kinderbuch – gibt es viele. Aktuell nehmen Homeschooling, Digitalisierung und Co. gerade viel Raum ein. Ich freue mich schon darauf, wieder mehr Zeit im Wald zu verbringen, Kurse für Waldbaden und Achtsamkeit zu organisieren und das nächste Buch zu schreiben. Das klopft übrigens seit ein paar Tagen laut an meine Schreibtür.

Was ist ihr ganz persönlicher Sinn des Lebens?

Sohst: Ich habe mir diese Frage als Jugendliche und junge Frau sehr oft gestellt. Bis ich irgendwann zu dem Schluss kam, dass meine Antwort relativ einfach ist. Der Sinn des Lebens ist für mich das Leben selbst mit so viel Liebe wie möglich zu leben und auf meinem Weg zu bleiben – gemeinsam mit anderen. Dazu gehört auch, die Polarität des Lebens annehmen zu können: Nacht und Tag, Dunkelheit und Licht, Sonne und Regen, Pause und Wachstum, Angst und Liebe. Es geht nicht um Perfektion, sondern um menschliche Erfahrungen und natürliche Zyklen.

Weitere Informationen unter: kathrinsohst.de und sensibel.jetzt
Bilder: Kathrin Sohst / Das Lichtbild Studio

 

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